Was keiner sieht · Kapitel 51

Kein Kreis

Der Obermagier starb im Februar.

In den letzten Wochen sass ein Vogel mit vier Flügeln auf seiner Fensterbank. Niemand wusste, woher er kam oder was er wollte; er war damals mit den anderen über das Feld gekommen, aus keinem Grund ausser dem einen — weil ein silberner Falke gerufen hatte und weil man kommt, wenn ein Freund ruft. Er sass da, jeden Tag. Und der alte Mann sah ihn an.

Er hatte sechzig Jahre lang gerechnet.

In diesen letzten Wochen rechnete er nichts mehr. Er schaute nur noch. Auf einen Vogel mit vier Flügeln, für den es in keinem seiner Bücher ein Wort gab.

„Ich habe es nicht gesehen“, sagte er einmal.

„Was?“

„Das alles.“ Er hob die Hand, ein paar Zentimeter, und liess sie wieder sinken. „Sechzig Jahre. Ich habe gerechnet, ob es aufgeht. Ich habe nie gefragt, ob es schön ist.“

Er starb im Schlaf, auf seinem Karren, den sie irgendwann in das Turmzimmer geschoben und nie wieder herausgeholt hatten. Agatha sass bei ihm. Der Vogel sass auf der Fensterbank.

Das Letzte, was er sagte, sagte er nicht zu ihr.

Er sagte es zu dem Vogel, ganz leise, ohne die Augen zu öffnen:

„Danke.“

Der Vogel blieb noch drei Tage. Dann war er fort und kam nie wieder.

Sie fanden in seinem Nachlass sieben Umschläge mit Papier.

Es waren die herausgeschnittenen Seiten.

Er hatte sie sechsundvierzig Jahre lang aufbewahrt.

Agatha las sie an einem Abend im März und sagte danach kein Wort darüber, und im April liess sie sie in die Bände zurückbinden, sauber, mit dünnem Leinen, und stellte die sieben Bücher wieder ins Regal.

Sie stellte sie nicht nach hinten.

Die Auswahl war Ende April.

Und es war kein Fest.

Das war das Erste, was Daan auffiel, als er auf die Lichtung kam: Es gab keine Fahnen. Es gab keine Trompeten und keine Stufen und keinen Obersten Magier in einem sauberen Umhang.

Es gab einen Waldrand und ungefähr vierhundert Kinder.

Sie kamen aus vier Königreichen. Sie sprachen drei Sprachen. Ein paar von ihnen waren zu Fuss gekommen, wochenlang, mit einem Bündel auf dem Rücken, weil ihre Eltern kein Pferd hatten. Es waren Bauernkinder und Königskinder und ein Junge, der zwei Wochen lang auf einem Kohlenkahn gefahren war, und niemand hatte sie angemeldet, und niemand hatte sie gezählt.

Aus dem Westen waren sie mit den Kornfuhrwerken gekommen, weil im Westen alles mit den Kornfuhrwerken kommt. Aus dem Osten hatte man sie geschickt, in Begleitung eines Mannes, der eine Liste führte. Aus dem Süden kamen sie mit Reitern, die nicht abstiegen.

Und es gab keinen Kreis.

Daan stand auf einem umgedrehten Karren und sah auf sie hinunter, und ihm war so schlecht, dass er kaum stehen konnte.

„Sag es ihnen“, hatte Agatha am Morgen gesagt.

„Warum ich?“

„Weil ich es einmal nicht gesagt habe“, hatte Agatha geantwortet. „Und weil du es einmal nicht gesagt hast. Und weil von uns beiden du derjenige bist, der noch sechzig Jahre Zeit hat, es besser zu machen.“

Also sagte Daan es ihnen.

Er sagte es ganz.

Er stand auf einem Karren am Rand eines Waldes und erzählte vierhundert Kindern die Wahrheit, in einfachen Worten, ohne Polster, so wie er es gelernt hatte.

Er sagte ihnen, dass der Wald eine Wand ist.

Er sagte ihnen, dass die Wesen von drüben kommen, aus einer Welt, die tausend Jahre lang ausgeblutet worden ist, weil Leute wie sie hier standen und jubelten.

Er sagte ihnen, dass eine Bindung eine Naht ist. Dass am nächsten Frühling jeder, der gewählt wurde, an ein schwarzes Wasser gehen und die Hand öffnen wird, und dass er dabei alles verlieren wird, was ihn besonders macht.

Er sagte ihnen, dass es wehtut.

„Es hört nicht auf wehzutun“, sagte er. „Falls euch jemand etwas anderes erzählt, ist er ein Lügner.“

Und dann sagte er ihnen, dass sie vielleicht wiederkommen.

Vielleicht.

„Ich kann euch nicht versprechen, dass eures wiederkommt“, sagte er. „Ich kann euch überhaupt nichts versprechen. Ich weiss nur, dass sie es tun, wenn man sie fragt — und dass sie es nicht tun, wenn man sie hält.“

Er sah auf vierhundert Gesichter hinunter.

„Wer das nicht will, geht jetzt nach Hause. Es ist keine Schande. Es sagt euch keiner etwas nach, und es steht nirgends aufgeschrieben.“

Er trat vom Karren.

Achtzig Kinder gingen nach Hause.

Sie gingen einzeln und in Gruppen, und ein paar von ihnen weinten, und Richard stand am Weg und gab jedem von ihnen die Hand, weil er darauf bestanden hatte, dass jemand ihnen die Hand gibt.

Die anderen gingen in den Wald.

Daan sass auf dem Karren und wartete, und neben ihm sass Liv, und irgendwann kam Levin und setzte sich ins Gras, und keiner von ihnen sagte viel.

„Wie viele, glaubst du?“, sagte Liv.

„Keine Ahnung.“

„Rate.“

„Vierzig?“

Es wurden hundertneun.

Hundertneun Kinder kamen aus dem Wald, und neben ihnen gingen hundertneun leuchtende Wesen, und der Himmel über der Lichtung war voll, und es war so hell, dass niemand die Sonne bemerkte, als sie unterging.

Und die Kinder leuchteten mit. Jedes in der Farbe dessen, was neben ihm ging.

Für ein paar Monate würde diese Lichtung der hellste Ort der Welt sein.

Vierundzwanzig davon waren aus Elins Reich.

Es war nicht das grösste Jahr, das je verzeichnet worden war.

Es war das grösste um das Vierfache.

Und die zweihundert Kinder, die nicht gewählt worden waren, standen am Rand.

Sie standen dort, wo Daan drei Jahre lang gestanden hatte, in einem grösseren, stilleren Ring, und sahen zu, und lernten, das Gesicht ruhig zu halten.

Daan sah sie an.

Und dann rutschte er vom Karren und ging zu ihnen hinüber.

Er ging mitten hinein, in die zweihundert, unter die Enttäuschten, und ein Mädchen mit einem Kohlenstaubgesicht sah zu ihm auf, und er erkannte den Blick sofort, weil er ihn tausendmal im Wasser gesehen hatte.

Ich habe es gewusst. Es war klar. Mich wählt keiner.

„Wie heisst du?“, sagte Daan.

„Ruth.“

„Ruth.“ Er setzte sich neben sie ins Gras, mitten zwischen zweihundert Kinder, die nichts geworden waren. „Ich erzähle dir etwas, und du musst mir nicht glauben.“

Er zeigte auf seine Schulter.

Da sass, klein und schwarz und vollkommen unscheinbar, ein Käfer.

„Vor einem Jahr“, sagte Daan, „stand ich genau da, wo du stehst.“

Und dann sass er den ganzen Abend im Gras zwischen den Übersehenen und erzählte ihnen von einem Glühwürmchen und einer Direktorin und einer sehr grossen Frechheit, und irgendwann lachten sie, und die zweihundert, die nichts geworden waren, gingen an diesem Abend als Letzte nach Hause.

Spät in der Nacht, als das Feuer heruntergebrannt war, sass Daan mit Liv am Waldrand.

Die neuen Erwählten schliefen. Ihre Wesen leuchteten zwischen den Bäumen wie ein zweiter, tieferer Sternenhimmel.

„In einem Jahr“, sagte Liv, „müssen sie alle da durch.“

„Ja.“

„Hundertneun Kinder an einem schwarzen Wasser.“

„Ja.“

Liv zog die Knie an.

„Wir müssen dabei sein“, sagte sie. „Alle drei. Jedes Jahr. Wir müssen daneben stehen und nichts sagen.“

„Ich weiss.“

Sie schwiegen eine Weile.

„Daan.“

„Hm.“

„Ich habe dir nie verziehen“, sagte Liv.

Er sah nicht auf.

„Ich weiss.“

„Und ich werde es wahrscheinlich auch nie tun. Nicht ganz.“ Sie sah ins Feuer. „Neun Wochen, Daan. Du hast mir neun Wochen gestohlen, und ich hätte sie gebraucht, und ich kriege sie nicht wieder.“

„Ich weiss.“

„Gut.“

Und Daan sass da und sah in die Glut und dachte an eine Lichtung voller zertretenem Laub, und an ein blaues Pferd, das über diese Lichtung ging, an Liv vorbei, zu ihm — und an einen Wimpernschlag auf ihrem Gesicht, der weniger als eine Sekunde gedauert hatte.

Er hätte fragen können.

Sind es wirklich die neun Wochen, Liv?

Er fragte nicht.

Er würde nie fragen. Nicht heute Abend, nicht in einem Jahr, nicht in vierzig. Es gibt Dinge, die man einem Menschen lassen muss, weil sie ihm sonst nichts mehr lassen.

Und Liv sass neben ihm und sagte auch nichts, und wahrscheinlich wusste sie genau, woran er dachte, denn sie war nie dumm gewesen, keinen einzigen Tag.

Und dann, nach einer sehr langen Zeit, lehnte sie sich zur Seite, bis ihre Schulter an seiner lag, und blieb so.

„Aber ich bin trotzdem hier“, sagte sie.

Und Daan, der sein Leben lang Dinge gesehen hatte, die andere nicht sahen, sass am Rand eines Waldes voller Licht, neben einem Mädchen, das ihm nicht verzieh und trotzdem geblieben war, und begriff, dass das das Beste war, was ein Mensch bekommen kann.