Was keiner sieht · Kapitel 52

Der Junge, der sieht

Im Sommer ging er noch einmal allein zum Teich.

Er ging nicht, weil etwas passiert war. Es war nichts passiert. Das war das Ungewohnte an diesem Sommer: Es passierte nichts. Richard stritt sich mit einem Bäcker in Ellenbrück über Kuchen und verlor. Liv lernte reiten — richtig reiten, auf einem gewöhnlichen Pferd, und fluchte dabei wie ein Fuhrmann. Agatha unterrichtete wieder, und sie war noch strenger als früher, und die Kinder liebten sie dafür auf eine Art, die Daan nicht verstand.

Levin baute eine Hütte.

Er baute sie am Waldrand, in der Nähe der Schule, mit seinen eigenen Händen, und er baute sie schlecht, weil er vierzehn Jahre lang nichts gelernt hatte ausser Töten und Warten. Er war ein sehniger, gewöhnlicher Mann mit einem Bogen, den er nicht mehr spannen konnte, und er brauchte den ganzen Sommer für ein Dach.

An manchen Abenden kam ein silberner Falke und setzte sich auf den First und sah ihm zu.

Er blieb nie lange.

Er kam immer wieder.

Der schwarze Teich lag zwischen den alten Bäumen, und die Sterne einer anderen Welt lagen darin, und sie zitterten nicht.

Daan setzte sich ans Ufer.

Er hob den Käfer von seiner Schulter und liess ihn auf seine Handfläche krabbeln, und dann sassen sie beide da und sahen aufs Wasser, so wie sie es vor einem Jahr getan hatten, als Daan geschrien und geweint hatte und nichts begriff.

„Also“, sagte er.

Der Käfer sass da.

„Hundertneun Kinder gehen im Frühjahr an dieses Wasser“, sagte Daan. „Und sie werden es tun, und die meisten von ihnen werden zusammenbrechen, und ich werde daneben stehen und nichts sagen und mir vorkommen wie ein Ungeheuer.“

Er drehte die Hand ein wenig, damit der Käfer nicht herunterfiel.

„Und irgendwann in den nächsten sechzig Jahren“, sagte er, „wirst du auch nach Hause wollen.“

Der Käfer rührte sich nicht.

Er rührte sich nie. Er hatte sich in einem ganzen Jahr nicht ein einziges Mal nach Norden gedreht, und Daan hatte aufgehört, darauf zu warten, so wie man aufhört, auf einen Brief zu warten, von dem man weiss, dass er nicht kommt.

„Ich habe nicht mehr vor, dich zu fragen“, sagte Daan. „Das ist es, was ich dir sagen wollte. Ich habe ein Jahr lang gewartet, dass du dich umdrehst, und ich habe es aufgegeben. Wenn du gehen willst, geh. Meine Hand ist offen, sie war es immer, du sitzt einfach nicht auf.“

Er sah aufs schwarze Wasser.

„Und wenn du bleibst, dann bleibst du eben.“

Der Käfer krabbelte über seinen Daumen und blieb dort sitzen.

„Ja“, sagte Daan. „Dachte ich mir.“

Er setzte ihn zurück auf seine Schulter, dorthin, wo er hingehörte, und wo er in zehn Jahren immer noch sitzen würde, und in zwanzig, und in vierzig, und wo er eines Tages in einem sehr hohen Alter einfach nicht mehr sitzen würde, und Daan würde es merken, und es würde ihm das Herz brechen, und er würde weiterleben.

Das war in Ordnung.

Das war vollkommen in Ordnung.

Dann beugte er sich über das Wasser.

Und die Welt wurde still.

Er sah den anderen Himmel, und darunter das Land, und den Wald, der derselbe Wald war — dieselben Bäume, dieselbe Krümmung des Hügels im Süden, alles so vertraut, dass es weh tat.

Und es war nicht mehr dunkel.

Nicht hell. Es war nicht hell, nicht annähernd, es war eine Welt, die tausend Jahre lang ausgeblutet worden war, und tausend Jahre bekommt man nicht in einem Sommer zurück.

Aber zwischen den Bäumen hing etwas.

Ein Schimmer. Ein Anflug von Goldstaub, dünn wie Atem auf Glas. Und weit hinten, am Rand des Landes, bewegten sich Lichter — nicht sechs. Nicht sieben.

Viele.

Sie zogen durch die Dämmerung, langsam, in alle Richtungen, und Daan konnte sie nicht zählen, und er versuchte es gar nicht erst.

Und dann spürte er es.

Es kam nicht durch die Ohren. Es kam durch die Brust, wie beim ersten Mal — ein Ziehen, warm und tief und namenlos, das an der dünnen Stelle entlangtastete, dorthin, wo er sass.

Es fand ihn.

Und Daan hielt still.

Er hielt ganz still, mit den Händen im Gras, und er lief nicht weg, und er machte die Augen nicht zu, weil er der Junge war, der sah, und weil er beschlossen hatte, dass er nie wieder wegsehen würde, egal, was ihn ansah.

Und es war nicht wütend.

Es war auch nicht mehr froh.

Vor einem Jahr hatte es ihn für ein heimkehrendes Kind gehalten. Es hatte an der Wand entlanggetastet und ihn gefunden und sich gefreut, weil es glaubte, endlich sei eines der Seinen zurückgekommen.

Jetzt nicht mehr.

Jetzt wusste es, wer er war.

Es kannte ihn — es kannte seinen Geruch, seine Hände, das kleine schwarze Ding auf seiner Schulter, um das drüben niemand weinte —, und es tastete ihn ab, ruhig und sehr gründlich, so wie jemand ein Gesicht abtastet, an das er sich erinnern will.

Und Daan spürte, ganz deutlich, dass etwas in dieser dunklen, langsam wiedererwachenden Welt zufrieden war.

Und noch etwas.

Etwas, das er nicht benennen konnte und das ihm die Haare am Arm aufstellte, und er sass am Ufer und suchte ein Wort dafür, und das einzige, das er fand, war ein sehr einfaches.

Neugier.

Dann liess es ihn los.

Die Welt kam zurück, warm und laut, und es war Sommer, und über dem Teich standen Mücken in der Abendsonne, und irgendwo im Wald rief jemand nach seinem Hund.

Daan sass noch eine Weile am Wasser.

Dann stand er auf, klopfte sich das Gras von der Hose und ging nach Hause, dorthin, wo eine strenge Frau unterrichtete und ein magerer Mann ein schiefes Dach baute und ein Mädchen fluchend reiten lernte und sein bester Freund vermutlich gerade Kuchen stahl.

Und hinter ihm, unter dem schwarzen Wasser, wurde eine Welt langsam wieder hell.

Und sie hatte gerade zum ersten Mal seit tausend Jahren jemanden gesehen, den sie kennen wollte.