Am Nachmittag des Erntefests begann der Hof sich zu verändern, und Brann sah zu, wie er es tat, so wie man zusieht, wenn jemand ein Zimmer umräumt, in dem man schon eine Weile wohnt: Man erkennt jedes Stück wieder und weiß trotzdem nicht mehr genau, wo man sich hinsetzen soll.
Die langen Arbeitstische standen nicht mehr unter dem Vordach, sondern quer über den Hof, mit Brettern auf Böcken verlängert, sodass man vom Haus bis fast zur Scheune an einem einzigen Tisch hätte sitzen können.
Darauf lagen Brote, Käse, Schüsseln mit eingelegtem Gemüse und die ersten Krüge, über die Hannes Mutter Tücher gebreitet hatte, gegen die Wespen, die trotzdem kamen. Zwischen Scheune und Haus hatte jemand zwei Reihen Laternen gespannt, die noch nicht brannten und im Wind leise gegeneinanderstießen.
Aus dem Dorf kamen die Leute in kleinen Gruppen herauf, die Kinder zuerst, dann die Alten, die langsam gingen und trotzdem früher da waren als alle anderen, und später die Musiker mit einer Geige, einer Flöte und einer kleinen Trommel, die der Trommler unter dem Arm trug wie ein Brot.
Matti lief zwischen ihnen herum, als hätte man ihn zum Festmeister ernannt, zeigte jedem den Weg, den jeder kannte, und Elsa folgte ihm mit dem Gesicht eines Menschen, der für Ordnung zuständig war und wusste, dass es nicht reichen würde.
Nerek kam kurz vor Sonnenuntergang. Sein Wagen stand unten am Weg, diesmal fast leer, die Plane locker über den Rippen, und das Pferd hatte den Kopf schon im Gras am Wegrand.
Er begrüßte Joren mit einem Handschlag, ließ sich einen Becher geben und sagte etwas, das im Lärm unterging, und als er sich umdrehte, um den Hof zu überblicken, blieb sein Blick bei Brann stehen.
Er hob den Becher, kein Winken und keine Frage, nur so weit, dass man es sehen konnte, wenn man hinsah. Brann hob die Hand, halb, als wollte er den Gruß erwidern, und steckte sie dann in die Tasche.
Hanne kam aus dem Haus. Sie trug ein dunkelgrünes Kleid, das Brann noch nie an ihr gesehen hatte, und ihr Haar war nicht hochgesteckt wie bei der Arbeit, sondern fiel über eine Schulter. Als sie ihn entdeckte, blieb sie für einen Moment auf der Schwelle stehen, eine Hand am Türrahmen, und kam dann über den Hof zu ihm, zwischen zwei Kindern hindurch, die einen Hund jagten.
„Du bist da.“
Hinter ihr begann jemand, die Laternen anzuzünden, eine nach der anderen, mit einem Span an einer langen Stange. Er sah sie an, das Kleid, das Haar über der Schulter, und sein Blick blieb einen Moment zu lange daran hängen; er bemerkte es selbst und sah ihr ins Gesicht. „Ich hab’s versprochen“, sagte er, ohne Lächeln, und es klang nicht nach einer Ausrede.
Hinter Hanne flammte die nächste Laterne auf. Für einen Moment fiel ihr Licht über den Hof bis zum Brunnen, wo Liva auf der niedrigen Mauer saß, allein, in demselben Kleid wie an gewöhnlichen Sonntagen, und Matti stand vor ihr und beschrieb mit beiden Händen etwas sehr Großes, und sie hörte ihm zu, als wäre es wirklich so groß.
Brann sah einmal hinüber, und dann bot er Hanne den Arm an.
Hanne sah auf seinen Arm und dann zu ihm, und etwas in ihrem Gesicht wurde weich. Sie hakte sich ein und sagte „Gut“, und mehr machte sie nicht daraus.
Die Musiker stimmten ihre Instrumente, erst die Geige, die zweimal neu ansetzen musste, dann die Flöte, schließlich ein dumpfer Schlag auf die Trommel, der durch die Bretter der Tische ging und die Becher darauf zittern ließ.
Auf dem Hof rückten die Leute zusammen, wie Leute es tun, wenn Musik anfängt und noch keiner der Erste sein will. Matti hatte Liva verlassen und war zu Elsa gerannt, und Liva nahm ihren Becher vom Brunnenrand und ging zu dem langen Tisch, wo Hannes Mutter Brot nachlegte.
„Komm.“ Hanne zog ihn ein Stück näher zu den anderen. Die ersten Paare gingen auf die freie Fläche zwischen Scheune und Tischen, und sie sah ihn von der Seite an. „Du kannst doch tanzen, oder?“
Das Lächeln kam zurück, nicht das halbe der letzten Tage, sondern das ganze, das er am ersten Tag über den Hof geschickt hatte, als hätte er es die ganze Zeit in einer Tasche gehabt.
„Am Hafen tanzt man, bevor man laufen kann“, sagte er und führte sie auf die freie Fläche.
Die Geige setzte ein, die Trommel fiel dazu. Brann legte die verbundene Hand auf ihren Rücken und nahm Hannes Hand mit der linken, und beim ersten Schritt spürte er, wie sie aufhörte, selbst führen zu wollen, und ihm folgte.
Er tanzte, wie er Säcke trug, wenn jemand zusah: leicht, ohne Anlauf, als koste es nichts.
Er drehte Hanne einmal unter seinem Arm hindurch, dann noch einmal, schneller, und ihr grünes Kleid schwang weit aus und streifte die Knie der Leute am Rand. Die Ersten blieben stehen, um zuzusehen, jemand klatschte den Takt mit, und Matti stieg auf eine Bank, um besser zu sehen, und wurde von Elsa nicht heruntergeholt.
Hanne lachte, mit zurückgelegtem Kopf.
In der nächsten Drehung kam der lange Tisch in seinen Blick, die Laternen darüber, Hannes Mutter mit dem Brotkorb, und Liva, die mit ihrem Becher daneben stand und nicht zur Tanzfläche sah. Sie sah auf nichts Bestimmtes. Sie sah nur nicht her.
Dann war die Drehung vorbei, und vor ihm war wieder Hanne, außer Atem und mit einem Grinsen, das sie nicht mehr kleiner bekam. „Noch mal.“
Die Geige wechselte in einen schnelleren Lauf. Zwei weitere Paare kamen auf die Fläche, dann ein drittes, das Klatschen wurde lauter, die Schritte unordentlicher, der Hof enger, und irgendwo trat jemand in eine Pfütze von verschüttetem Most und fluchte lachend.
Hanne hielt seine Hand fester. Über ihre Schulter hinweg sah er Nerek, der mit dem Rücken am Wagen lehnte, den Becher vor der Brust, und über den Rand hinweg zusah, ohne zu klatschen, so wie man einem Pferd zusieht, das man kaufen will oder nicht.
Als das Stück endete, brach Applaus los. Hanne blieb vor ihm stehen, die Wangen rot, und musste erst nach Luft suchen, bevor sie sagen konnte, er habe gelogen. „So tanzt niemand, bevor er laufen kann.“
Brann lachte. „Ich hab nie gesagt, dass ich gut laufen konnte.“
Sie schlug ihm leicht gegen den Arm. Die Musiker setzten schon zum nächsten Stück an, und er sah zu ihnen und dann zu ihr und sagte, er hole ihnen etwas zu trinken. Er ließ ihre Hand los, ganz leicht, und ging zwischen den Paaren hindurch zum langen Tisch, nicht schneller als sonst und nicht langsamer.
Am nahen Ende, wo die Krüge standen, blieb er stehen und stützte die linke Hand auf die Bretter, den Rücken zur Tanzfläche. Er atmete, einmal tief, dann noch einmal, und das Holz unter seiner Hand war klebrig von Most und warm vom Tag.
Unter dem Verband pochte es im Takt der Trommel, oder die Trommel schlug im Takt der Hand, er hätte es nicht sagen können. Er goss zwei Becher voll, langsam, damit nichts danebenging, und sah dem Most zu, wie er stieg.
Vom anderen Ende des Tisches kamen Bruchstücke einer Geschichte zu ihm herüber, eine alte Stimme, die von einem Winter erzählte, in dem der Fluss bis zu den Ställen gestiegen war, und dann von einem anderen, der noch schlimmer gewesen sein musste, denn die Stimme wurde dabei zufriedener.
Liva stand dort mit dem Rücken halb zum Tisch, eine Hand um ihren Becher, und hörte zu.
Als er den zweiten Becher füllte, spürte er ihren Blick, nicht auf seinem Gesicht, sondern auf der verbundenen Hand. Als er aufsah, war sie wieder bei der alten Frau und dem Fluss.
Nerek stellte seinen Becher auf den Wagenrand, kam herüber und blieb neben ihm stehen, nah genug, dass Brann den Geruch von Pferd und kaltem Rauch an ihm roch.
„Vor Sonnenaufgang“, sagte er, leise genug, dass es zwischen Musik und Stimmen verschwand, und griff nach einem Stück Brot, als hätte er nur deswegen den Weg gemacht.
Brann stellte den Krug ab. „Ich weiß“, sagte er, genauso leise, und sah Nerek dabei nicht an, sondern auf die beiden vollen Becher vor sich, auf deren Oberfläche die Laternen schwammen. Nerek brach ein Stück vom Brot ab und kaute.
Brann nahm die Becher, in jeder Hand einen. Den in der rechten hielt er nur mit den Fingerspitzen, damit der Verband nicht nass wurde, und er ging am Tisch entlang zurück, in die Richtung, die von Liva wegführte, und sah nicht zurück.
Hanne stand am Rand der Fläche mit Matti, der mit ernster Miene versuchte, dieselbe Drehung nachzumachen, und nur bis zur Hälfte kam, bevor er beinahe gegen eine Bank fiel. Hanne fing ihn am Ärmel, nahm Brann ihren Becher ab und sagte „Danke“, und Matti sah zu ihm hoch, mit dem ganzen Gesicht eine Frage. „Zeigst du’s mir?“
Die Musiker begannen ein ruhigeres Stück. Am Rand seines Blicks sah Brann, wie Liva allein am Tisch stand, ihren Becher nahm und an der Tanzfläche vorbei zur niedrigen Mauer beim Brunnen ging, nicht versteckt, nur etwas weiter weg vom Lärm, dorthin, wo das Laternenlicht dünner wurde.
Brann gab Hanne seinen Becher zum Halten. Dann ging er vor Matti ein Stück in die Knie, bis seine Hand auf Mattis Höhe war, und hielt ihm die linke hin.
„Nicht wie ich“, sagte er. „Langsam.“
Matti griff zu. „Eins“, sagte Brann und machte einen Schritt zur Seite, und Matti machte ihn nach, mit der Zungenspitze zwischen den Zähnen. „Zwei. Und jetzt unten durch.“ Er hob den Arm, und Matti duckte sich viel zu tief darunter hindurch und kam auf der anderen Seite wieder hoch, verwirrt, aber auf den Füßen. Beim dritten Mal kam er ohne Ducken hindurch und strahlte, als hätte er den Leuchtturm bestiegen, und rannte zu Elsa, um es ihr zu zeigen, bevor er es wieder vergaß.
Brann richtete sich auf, langsam, in zwei Teilen, und hielt die Hand einen Moment an den Rücken. Hanne stand mit den beiden Bechern daneben und sah ihn an. Sie lächelte, aber anders als beim Tanzen, und reichte ihm seinen Becher zurück.
„Das war besser.“
Eine Weile sagte sie nichts und sah zur Tanzfläche, wo sich die Paare jetzt langsam bewegten, und dann fragte sie, ob er noch einen tanze. Am Brunnen saß Liva mit dem Becher zwischen den Händen und sah nicht herüber.
Brann trank seinen Becher halb leer und stellte ihn auf die Bank. „Eins“, sagte er.
Er nahm Hannes Hand und ging mit ihr auf die Fläche, zwischen die anderen Paare, nicht in die Mitte diesmal, sondern an den Rand, wo das Licht der Laternen nicht ganz hinreichte und die Gesichter nur noch halb zu sehen waren. Die Geige spielte langsam.
Er drehte Hanne nicht, er führte kaum; sie bewegten sich nur ein wenig hin und her, so wie die anderen, und niemand blieb stehen, um zuzusehen.
Das war das Gute an langsamen Stücken: Wer schlecht tanzte, sah dabei aus wie jemand, der es sich leisten konnte.
Hanne war ihm jetzt näher als beim ersten Tanz. Er spürte ihren Atem an seiner Schulter, noch etwas schneller als sonst, und den Stoff des grünen Kleides an seinem Arm, und er merkte, wie müde er war, in den Beinen, im Rücken, in der Hand unter dem Verband.
Er versuchte nicht, es zu verbergen; dafür war nichts mehr übrig. Hanne sagte nichts. Sie legte nur die Hand, die auf seiner Schulter lag, ein wenig fester hin, und eine Weile war nicht mehr klar, wer von beiden sich an wem hielt.
Über ihre Schulter hinweg sah er den Brunnen. Liva hatte den Blick gehoben, nicht sofort zu ihm, zuerst zu Hanne, dann zu ihm, und sie sah eine Weile hin, auf die zwei, die sich kaum noch bewegten, und er ließ sie hinsehen und richtete sich nicht auf. Dann trank sie aus ihrem Becher.
Als das Stück endete, klatschte niemand besonders laut. Die Paare blieben noch einen Moment stehen, bevor sie sich lösten, und Hanne trat einen halben Schritt zurück.
„Setz dich.“
Sie nahm seinen Becher von der Bank, drückte ihn ihm in die Hand und ging zum Tisch, und über die Schulter sagte sie, sie hole ihm etwas zu essen.
Die Bänke waren voll, mit Alten, mit Kindern, die auf den Knien von Alten schliefen, mit Mänteln, die jemand dort liegen gelassen hatte. Die nächste freie Stelle war die Mauer am Brunnen. Brann ging hinüber und setzte sich an ihr anderes Ende, den Becher in der linken Hand, und die Steine waren noch warm vom Tag.
Eine Weile saß er nur da und atmete. Die Musiker legten eine Pause ein und ließen sich Krüge reichen, jemand lachte am Tisch, sehr laut, über etwas, das vermutlich nur beim ersten Mal lustig gewesen war, und Matti zeigte Elsa zum zehnten Mal seine Drehung. Brann trank einen Schluck.
„Keine Karten heute?“, fragte er.
Er sah dabei nicht zu ihr, sondern auf die Laternen, die über dem Hof hingen und um die sich die Motten drängten, als gäbe es dort etwas zu holen. Liva zog ein Bein auf die Mauer und legte den Arm darum.
„Elsa hat keine mitgebracht.“ Sie sah zu Matti, der beinahe wieder gegen dieselbe Bank lief. „Und Tilos Schwester ist dieses Jahr bei ihrer Tante.“
Sie nahm einen Schluck und behielt den Becher dann in beiden Händen, die Finger eng nebeneinander, so wie am ersten Abend die Schüssel. Auf ihren Unterarmen stand Gänsehaut; der Abend war kühl geworden, und sie hatte keine Jacke dabei. Die Frage, woher er von den Karten wusste, hätte jetzt kommen können; sie kam nicht.
„Also muss ich wohl bleiben.“
Brann antwortete nicht gleich. Er beugte sich vor, sammelte mit der linken Hand ein paar kleine Steine vom Boden neben dem Brunnen und legte sie auf die Mauer, in die Mitte zwischen sich und Liva, fünf, und dann noch einen, damit es sechs waren.
Der Eimer stand unten auf dem Pflaster, wo er immer stand, ein Stück blasses Blech im Halbdunkel. Brann nahm einen Stein und warf, und der Stein prallte am Rand ab und sprang über das Pflaster davon, unter eine Bank.
„Drei für jeden“, sagte er und schob die übrigen ein Stück zu ihr hin.
Liva sah auf die Steine und dann auf den Eimer. Sie stellte ihren Becher neben sich auf die Mauer und nahm einen. Der erste landete zu kurz. Der zweite traf den Rand und fiel hinein, und sie sah ihm nach, bis er unten im Eimer liegen blieb. Dann nahm sie den dritten, sagte „Einer“ und warf, und er ging daneben.
Sie schob die übrigen Steine wieder in die Mitte. „Du bist dran.“
Brann nahm einen der beiden und warf, ohne lange zu zielen, und der Stein fiel in den Eimer, mit einem hellen Laut auf dem Blech, den man selbst durch das Reden am Tisch hörte.
„Einer“, sagte er.
Dann nahm er den letzten. Er wog ihn in der Hand, ein kleiner, glatter Stein, grau, mit einer helleren Ader, die quer über ihn lief, und sah auf den Eimer und dann wieder auf den Stein.
Er warf ihn nicht. Er steckte ihn in die Tasche.
Er spürte, dass Liva ihn ansah, und sah auf die Tanzfläche, wo die Musiker gerade wieder ihre Instrumente aufnahmen. Sie sah noch einen Moment auf seine Tasche, dann nahm sie ihren Becher wieder.
„Unentschieden also.“
Die Geige setzte ein. Am Tisch kam Hanne mit einem Teller zurück und suchte über die Köpfe hinweg nach ihm, und Liva sah sie zuerst und stand auf. „Da kommt dein Essen.“ Dann ging sie nicht zum Tisch und nicht zur Tanzfläche, sondern ein paar Schritte weiter zum Brunnenrand, wo Matti seinen Becher hatte stehen lassen.
Hanne brachte den Teller über den Hof, Brot, ein Stück Käse, ein paar von den eingelegten Zwetschgen, und er nahm ihn ihr ab und sagte „Danke“. Sie setzte sich neben ihn auf die Mauer, dorthin, wo eben noch Liva gesessen hatte, zog die Füße unter das grüne Kleid und lehnte sich zurück, bis ihre Schulter fast an seiner lag.
Brann aß, langsam. Die Zwetschgen schmeckten nach Zimt und nach etwas Bitterem darunter, das erst kam, wenn man sie schon geschluckt hatte. Über ihnen brannten die Laternen, und eine davon flackerte, weil ihr das Öl ausging, und warf den Schatten des Brunnens einmal groß über das Pflaster und wieder zurück.
Am Brunnenrand nahm Liva Mattis vergessenen Becher und trug ihn zum Tisch zurück.
Brann hatte die linke Hand in der Tasche, um den kleinen Stein.