Cover: Drei Schritte — Eine Novelle vom Hof

Drei Schritte

Eine Novelle vom Hof

Die ganze Novelle auf einer Seite. Rund hundertfünfzig Seiten.

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Alle 16 Kapitel ↓

Kapitel 1

Die Säcke

Der Regen hatte kurz nach Mittag aufgehört, doch unter dem Vordach der Scheune tropfte es noch von den Balken. Der Hof roch nach nassem Stroh und nach der dunklen Erde zwischen den Pflastersteinen, die so viel Wasser aufgenommen hatte, dass bei jedem Schritt Feuchtigkeit aus den Fugen trat. Zwei Wagen standen vor der Scheune. Einer war leer, auf dem anderen lagen noch ein gutes Dutzend Säcke, schwer und dunkel vom Regen, die längst im Schuppen hätten sein sollen.

Brann lehnte am Pfosten des Vordachs und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Der Pfosten war ein guter Platz. Man stand im Trockenen und sah trotzdem beschäftigt aus.

Drüben, hinter dem Zaun zum Nachbarhof, nahm Hanne die Wäsche von der Leine. Auch sie war zu spät gekommen. Die Laken hingen schwer zwischen ihren Händen, und wenn sie eines ausschüttelte, spritzten kleine Tropfen ins Gras; sie legte es zusammen, beugte sich über den Korb und griff nach dem nächsten.

Auf der Ladefläche des Wagens zog Liva einen Sack zur Kante und bekam ihn erst beim zweiten Versuch darüber. Er fiel mit einem dumpfen Schlag auf das Pflaster, kippte zur Seite, und aus der Jute rann Wasser zwischen die Steine. Liva richtete sich auf und sah zu Brann hinüber.

„Wenn du gerade so beschäftigt bist, wie du aussiehst, könnte ich Hilfe brauchen.“

Sie wartete nicht auf eine Antwort, sondern griff bereits nach dem nächsten Sack. Brann blieb am Pfosten, und sein Blick ging am Wagen vorbei zum Zaun, wo Hanne den Kopf über ihren Korb gebeugt hatte. Er wartete, bis sie das nächste Laken hineingelegt, sich aufgerichtet und zum Himmel gesehen hatte.

Erst da stieß er sich vom Pfosten ab.

Ohne Eile ging er zum Wagen und bückte sich nach dem Sack, den Liva hatte fallen lassen. Die nasse Jute war kalt unter seinen Fingern. Er fasste tiefer, richtete sich auf und brachte den Sack mit einer Hand auf die Schulter, als wäre er kaum schwerer als ein Bündel Stroh.

„Wohin damit?“

Er lächelte dabei, nicht zu Liva. Als er doch zu ihr hinaufsah, stand sie noch auf dem Wagen, und ihr Blick ging von ihm zum Zaun und wieder zurück.

„Hinten in den Schuppen. Links neben die Kartoffeln.“ Sie sprang herunter. „Nicht auf die Kartoffeln.“

Brann sah eine Spur zu lange auf sie hinunter, und das Lächeln blieb.

„Und bevor du fragst“, sagte Liva, „ja. Das musste ich dazusagen.“

Er antwortete nicht. Auf dem Weg zum Schuppen hielt er sich dicht am Zaun, wo Hanne den Korb inzwischen auf die Hüfte gesetzt hatte und herübersah, und gerade bevor er an ihr vorbeikam, verlagerte er den Sack von einer Schulter auf die andere. Die erste hätte noch gereicht.

Im Schuppen war es dunkel und kühl, und es roch nach Erde, altem Holz und Kartoffeln. Brann ließ den Sack von der Schulter gleiten; er kippte zur Seite und blieb schräg an dem Kartoffelhaufen liegen. Einen Augenblick betrachtete er ihn, dann wischte er sich die Hände an der Hose ab und ging hinaus.

Liva hatte bereits den nächsten Sack an den Rand gezogen. Als Brann aus der Dunkelheit trat, sah sie an ihm vorbei in den Schuppen.

„Nicht auf die Kartoffeln“, sagte sie noch einmal.

Am Zaun lachte Hanne leise, und Brann blieb stehen. Das Lächeln verschwand so kurz, dass er selbst es beinahe nicht bemerkt hätte. Als er sich wieder zum Wagen wandte, war es zurück und ein wenig breiter als vorher.

„War das zu kompliziert?“, fragte Liva.

Er nahm den Sack, den sie bereitgelegt hatte, und gleich noch den dahinter, brachte den einen auf die Schulter und klemmte den anderen unter den Arm. Hanne lachte nicht mehr. Brann nickte ihr zu, als hätte sie ihn gerufen, und ging zurück zum Schuppen, wo er beide Säcke ordentlich links neben die Kartoffeln stellte. Auch den ersten zog er gerade, mit einem Ruck.

Auf dem Rückweg über den Hof ließ er sich Zeit. Liva hatte inzwischen einen weiteren Sack bis zur Wagenkante gezogen und hielt ihn dort fest, während er näher kam.

„Der ist leichter“, sagte sie. „Falls du dich erholen musst.“

Brann sah erst auf den Sack, dann zum Zaun. Hanne schüttelte gerade eines der Laken aus, doch ihr Gesicht war zur Wiese gewandt, und sie legte es zusammen, ohne herüberzusehen. Brann wartete noch ein wenig.

Dann ging er nicht zum Sack.

Er setzte sich auf die Kante des leeren Wagens, streckte die Beine aus und lehnte sich zurück, bis die Bretter unter ihm knarrten, und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Über dem Wald brach die Wolkendecke auf. Ein schmaler Streifen Sonne fiel quer über den Hof und ließ die nassen Steine aufleuchten.

„Es wird noch einmal regnen“, sagte Brann. „Heute Abend.“

Er schloss die Augen und wandte das Gesicht der Sonne zu. Liva ließ den Sack, den sie gehalten hatte, gegen das Wagenrad sinken.

„Dann werden die hier vielleicht von selbst trocken.“

Brann lächelte mit geschlossenen Augen. Er hörte sie am Wagen hantieren, Holz auf Holz, das Scharren eines Sacks über die Ladefläche, und vom Zaun kam wieder das Rascheln eines Lakens. Dann sagte Liva, lauter als zuvor:

„Oder du wartest einfach, bis jemand anders sie trägt.“

Das Rascheln am Zaun hatte aufgehört.

Brann öffnete die Augen nicht. Für einen Moment lag er vollkommen still; er spürte die Hände hinter seinem Kopf, den rauen Ärmel an der Wange, die Sonne auf den Lidern, und in seinem Kiefer spannte sich etwas an. Dann lächelte er.

„Die Sonne kommt“, sagte er. „Vielleicht trocknen sie wirklich von selbst.“

Er hörte, wie Hanne ihren Korb aufnahm. Sie blieb noch einen Moment am Zaun stehen, dann gingen ihre Schritte über den Hof nebenan, und eine Tür öffnete sich und fiel wieder zu.

Branns rechte Hand schloss sich hinter seinem Kopf zur Faust.

Liva sagte nichts mehr. Als er irgendwann die Augen öffnete, war sie auf dem Weg zum Schuppen, einen Sack gegen die Hüfte gedrückt, unbeholfener als er, aber ohne stehen zu bleiben. Auf dem Rückweg ging sie an ihm vorbei zum Wagen und nahm den nächsten, und erst als sie wieder an ihm vorbeikam, sagte sie:

„Du musst nicht so tun.“

Ihre Stimme war weder laut noch scharf.

Brann sah ihr nach, bis sie im Schuppen verschwunden war, und antwortete nicht.

Über dem Wald schloss sich die Lücke in den Wolken. Das Licht auf dem Hof wurde blasser und verschwand schließlich ganz, und mit einem Mal war es kühler, als hätte jemand eine Tür geöffnet. Der erste Tropfen traf Brann auf die Stirn, ein zweiter landete auf seinem Ärmel, dann noch einer, und auf den Säcken am Wagen erschienen dunkle Punkte, die rasch größer wurden.

Brann setzte sich auf.

Der Sack am Rad lag noch dort, wo Liva ihn hatte stehen lassen. Er ging hinüber und hob ihn diesmal mit beiden Händen auf die Schulter, und zum Zaun sah er nicht. In der Tür des Schuppens kam ihm Liva entgegen; Brann trat zur Seite, damit sie vorbeikam, und für einen Augenblick blieb sie vor ihm stehen und ging dann weiter.

Der Regen wurde dichter. Bald klopfte er gleichmäßig auf das Schuppendach und die Ladefläche des Wagens, und Wasser lief Brann aus den Haaren über den Nacken und unter den Hemdkragen. Sie trugen die Säcke hinein, einer nach dem anderen. Wenn sie sich begegneten, wich einer dem anderen in der schmalen Tür aus, und keiner sprach.

Bei einem der letzten Säcke spürte Brann schon beim Anheben, dass die Kraft nicht mehr sauber in die Arme ging. Er brachte ihn trotzdem mit einer Hand auf die Schulter.

Im Schuppen stellte er ihn zu den anderen. Ordentlich.

Dann blieb er im Dunkeln stehen, wo man ihn von der Tür aus nicht sehen konnte, lehnte den Rücken gegen die Bretterwand und hielt die Hände vor sich.

Die Finger zitterten.

Draußen klopfte der Regen auf das Dach.

Er wartete, bis es aufhörte.

Das Zittern, nicht der Regen.

Dann ging er wieder hinaus.

Kapitel 2

Der Löffel

Die Küche war zu warm. Nach dem Regen hatten sie die Fenster geschlossen, an den Scheiben lief der Dampf vom Eintopf in schmalen Bahnen herunter, und von den nassen Jacken auf den Stuhllehnen tropfte es auf die Dielen, wo sich unter jeder Lehne ein kleiner dunkler Fleck gebildet hatte. Es roch nach Zwiebeln, nach Rauch aus dem Herd und nach Wolle, die zu lange draußen gewesen war.

Zur Erntezeit aß der Nachbarhof mit, Hanne und ihre Mutter, die Jorens Schwester war, und am Tisch war fast jeder Platz besetzt. Am Ende der Bank hatte jemand eine Lücke gelassen, und Brann sah sie sofort, als er hereinkam.

Mit ihm kam ein Schwall kalter Luft herein, der nach nassem Holz und nach dem Regen roch, der draußen noch von der Dachrinne tropfte. Hannes Mutter hob den Kopf. „Tür.“

Brann schob sie mit der Schulter zu. „Schon dabei.“

Sein Haar war noch nass, eine Strähne klebte an seiner Stirn, und unter dem Hemd fühlte er die Kühle des Schuppens, als hätte er sie mitgenommen. Auf dem Weg zu seinem Platz lächelte er Hanne zu, die zwei Plätze weiter neben ihrer Mutter saß und gerade von den Laken erzählte, die sie am Nachmittag zum zweiten Mal hatte aufhängen müssen. Sie verlor für einen halben Satz den Faden und fand ihn etwas lauter wieder.

Brann setzte sich auf das Ende der Bank, das noch kalt war, und ließ die Hände unter dem Tisch auf den Oberschenkeln liegen, wo die Wärme des Raums sie langsam erreichte. Jemand schob ihm die Schüssel hin. Der Eintopf war dick, auf der Oberfläche schwammen Möhrenstücke und etwas, das einmal eine Zwiebel gewesen sein musste, und über allem lag ein dünner, glänzender Film Fett, in dem sich das Licht der Lampe fing. Neben der Schüssel lag ein Löffel.

Brann griff nach dem Brot.

Er brach ein großes Stück vom Laib, nahm aus dem Salzfass in der Mitte des Tisches eine Prise und dann noch eine, mehr, als die anderen genommen hatten, und strich das Salz mit dem Daumen in die Krume, bevor er das Brot so tief in den Eintopf tunkte, dass es gerade noch zusammenhielt. Hannes Mutter runzelte die Stirn.

„Das Brot war eigentlich fürs Brot gedacht.“

„Dann hat es heute mehr erlebt als sonst.“

Hanne lachte, während ihre Mutter nur den Mund verzog, so knapp, dass man es auch für einen Zug am Löffel halten konnte.

Auf der anderen Seite des Tisches, unter dem Fenster, durch dessen Ritzen es zog, hatte Liva, die seit gut einem Jahr auf dem Hof arbeitete, die Ärmel bis zu den Ellenbogen hochgeschoben und aß langsam, den Blick meistens auf ihrer Schüssel. Jetzt sah sie auf den unberührten Löffel neben seiner und dann auf das Brot in seiner Hand. „Praktisch“, sagte sie. „Spart Abwasch.“

Brann kaute weiter und ließ sich Zeit damit.

„Oder ist der heute nur zur Dekoration da?“

Hanne sah nun ebenfalls hin, und mit ihr ein Nachbar, der bis dahin nur auf seinen Teller gesehen hatte. Brann schluckte, nahm die rechte Hand unter dem Tisch hervor und schob den Löffel mit dem Handrücken über die Tischplatte, an einer Brotkruste und einem Wasserring vorbei, bis er neben Livas Schüssel lag.

„Nimm du ihn. Du hast heute mehr getragen als ich.“

Er sagte es zu Liva und sah dabei zu Hanne, und Hanne lachte sofort. Ihre Mutter schüttelte den Kopf, aber diesmal zuckte es tatsächlich um ihren Mund.

Liva betrachtete den Löffel eine Weile und sagte dann: „Stimmt. Dann hab ich ihn mir wohl verdient.“

Brann brach sich noch ein Stück Brot ab. Damit war die Sache am Tisch erledigt. Das war das Angenehme an vollen Tischen: Man musste nur einen Satz abwarten, dann redete jemand anderes.

Hanne war inzwischen bei der Kuh des Müllers angekommen, die angeblich gelernt hatte, das Gartentor mit der Schnauze zu öffnen. Joren, dem der Hof gehörte, widersprach, ohne aufzusehen, und Hannes Mutter erklärte, das Tier sei klüger als der Müller, was niemand bestritt.

Die Löffel klapperten in den Schüsseln, im Herd fiel ein Scheit zusammen, und draußen tropfte die Rinne in einem Takt, der langsamer wurde, je länger der Abend dauerte.

Nach einer Weile sah Brann wieder zu Liva. Sie hatte den Löffel abgelegt und beide Hände um ihre Schüssel gelegt, die Finger eng am Ton nebeneinander, und die Knöchel waren hell. Die Schüssel dampfte noch, es konnte die Wärme sein, die sie suchte.

Er sah einen Moment länger hin, als er vorgehabt hatte. Dann griff er nach dem Brotlaib, brach ein Stück ab und legte die Hälfte davon neben ihre Schüssel, ohne aufzusehen und ohne etwas dazu zu sagen.

Liva sah erst auf das Brot, dann zu ihm, und ihr „Danke“ war so leise, dass es beinahe zwischen Hannes Kuh und dem Klappern der Löffel verschwand. Sie brach das Stück in zwei Hälften und legte eine davon zurück neben seine Schüssel.

„Ich hab heute schon genug getragen.“

Diesmal lag kein Spott darin. Brann nahm das Brot und aß es, langsam und ohne Salz, und er tunkte es nicht in den Eintopf.

Am anderen Ende des Tisches wurde die Kuh währenddessen größer, klüger und vermutlich gefährlicher, und Joren gab es auf, ihr zu widersprechen.

„Brann.“

Hanne hatte sich über den Tisch vorgebeugt, die Ellbogen auf der Platte, bis ihre Mutter ihr gegen den Arm tippte und sie sie herunternahm, ohne den Blick von ihm zu lösen.

„Stimmt es, dass du aus dem Süden kommst? Der Müller sagt das.“

Die Küche wurde nicht stiller. Joren aß weiter, jemand schob einen Teller über den Tisch, Hannes Mutter nahm sich vom Brot. Nur Branns Lächeln war schon da, bevor Hanne ausgesprochen hatte.

„Der Müller sagt auch, seine Kuh kann zählen.“

Hanne lachte, und am Tisch lachten noch zwei andere. Brann griff nach dem Krug und goss sich Wasser ein; ein paar Tropfen liefen daneben, und er wischte sie mit dem Ärmel weg, bevor jemand hinsah.

Kapitel 3

Fast

Der Hof war schon wach, als Brann es noch nicht war. Durch die Ritzen der Läden fiel ein Licht, das zu hell war für die Stunde, die er sich vorgenommen hatte, und es lag in drei schmalen Streifen über der Decke.

Im Stall schlugen Eimer gegen Holz, und hinter dem Haus klapperten die Kannen, wie jeden Morgen, nur dass er es diesmal von unten hörte, aus dem Liegen, und nicht schon draußen dabei war.

Er wusste, dass er aufstehen musste, und er wusste es seit einer ganzen Weile. Die Arme lagen neben ihm auf dem Strohsack, schwer wie die Säcke von gestern, und als er versuchte, die Finger zur Faust zu schließen, kamen sie nur bis zur Hälfte.

Er ließ sie liegen und sah an die Decke, wo in einem der Lichtstreifen ein Spinnennetz hing und sich bewegte, obwohl kein Luftzug ging.

Dann klopfte es dreimal gegen die Tür, und Livas Stimme sagte seinen Namen, nicht laut, eher so, wie man ein Wort auf eine Liste schreibt. Er antwortete nicht.

Eine Zeit lang geschah nichts, und durch die Wand hörte er, wie Joren vom oberen Feld her etwas rief, schon weit weg. Dann klopfte es noch einmal, fester.

„Wenn du tot bist, sag kurz Bescheid.“

„Fast“, sagte er, und es klang gedämpft, auch für ihn selbst, als läge zwischen ihm und dem Holz noch ein ganzes Zimmer.

Das Aufsetzen ging, wenn man es in zwei Teilen tat, erst die Beine über den Rand, dann den Rest. Die Dielen knarrten unter seinen Füßen. Als er nach dem Stiefel griff, rutschte er ihm aus der Hand und fiel polternd zu Boden, und er ließ ihn liegen, zog den anderen an, dann doch den ersten, und knöpfte das Hemd im Gehen zu, einen Knopf zu tief.

Als er die Tür aufzog, stach ihm das Licht in die Augen. Liva stand nicht mehr vor der Schwelle, sondern zwei Schritte weiter, den Apfelkorb an der Hüfte.

Sein Blick ging an ihr vorbei über den Hof zum Brunnen und zu der niedrigen Mauer daneben, auf der Hanne saß, zwei Becher neben sich.

Er war wach.

Er spürte es zuerst im Gesicht, wie etwas, das sich von innen gerade zog: die Mundwinkel, die Brauen, die Art, wie man den Kopf hält. Er trat an Liva vorbei, ohne sie anzusehen, und ging über den Hof, etwas zu aufrecht, wie jemand, der beschlossen hat, dass ihm nichts wehtut.

Das Pflaster war noch feucht von der Nacht, in den Fugen stand das Wasser in kleinen Spiegeln, in denen der Himmel lag.

An der Mauer nahm er den Becher, der näher bei ihm stand, roch daran und trank. Milch, noch warm von der Kuh oder vom Herd, er konnte es nicht sagen, und es war ihm gleich.

„Hanne“, sagte er. „Du rettest mir das Leben.“

Hanne grinste und zog den zweiten Becher zu sich heran. „Dann schuldest du mir was.“

Hinter ihm kam Liva über den Hof, und er hörte an ihren Schritten, dass sie nicht langsamer wurden, als sie an der Mauer vorbeikam. „Joren ist schon oben“, sagte sie im Vorbeigehen, und Hanne fügte hinzu, er habe gesagt, Brann solle nachkommen.

Liva ging weiter zum Tisch unter dem Vordach, stellte den Korb ab und begann, die angeschlagenen Äpfel auszusortieren, den Rücken halb zu ihnen gedreht.

Hanne sah ihn eine Weile über den Rand ihres Bechers an. „Du siehst schrecklich aus.“

Bevor er etwas sagen konnte, kam es vom Vordach, ohne dass Liva den Kopf drehte: „Das sagt man Leuten nicht, wenn man ihnen gerade das Leben gerettet hat.“

Brann stellte den Becher zurück auf die Mauer, genau dorthin, wo er gestanden hatte, in den feuchten Ring, den er hinterlassen hatte. „Heute Abend“, sagte er zu Hanne. „Ich zahle in Geschichten.“ Hanne verdrehte die Augen, aber sie grinste noch, und das reichte für den Weg bis zum Tor.

Am Vordach griff er in den Korb, ohne stehen zu bleiben, nahm einen Apfel von der Seite, wo die guten lagen, und biss hinein. Liva sortierte weiter und hob nicht einmal die Hand.

Dann ging er den Feldweg hinauf, mit langen, lockeren Schritten, so wie man geht, wenn einem jemand nachsieht.

Die Hecke stand dicht und nass am Weg. Hinter ihr, wo man ihn vom Hof aus nicht mehr sah, blieb er stehen und stützte eine Hand auf den Zaunpfosten.

Das Holz war rau und kalt und gab nicht nach, und er stand da, den Kopf gesenkt, bis die Luft wieder bis ganz hinunter ging. Unter ihm im Gras glänzte eine Schnecke, die es nicht eilig hatte.

Von oben rief Joren seinen Namen, und Brann aß den Apfel zu Ende, langsam, Bissen für Bissen, bis nur das Gehäuse übrig war, warf es in die Hecke und ging weiter.

Der Tag auf dem oberen Feld war lang und hatte keine Zuschauer. Sie lasen Steine aus der Erde, die der Pflug im Frühjahr heraufgeholt hatte, und warfen sie auf den Rain, wo sie zu einer Mauer wuchsen, die niemand bestellt hatte.

Wenn Joren einen Brocken nicht allein hochbekam, war Brann sofort da, und der Brocken lag auf dem Rain, bevor Joren sich aufgerichtet hatte. Dazwischen wurden die Pausen länger, und gegen Mittag saß Brann im einzigen Schatten, den das Feld hergab, unter einem Holunder am Rand, und sah Joren zu, der weiterlas, ohne etwas zu sagen.

Am Abend standen die Türen der Küche offen, und die Wärme des Tages hing noch zwischen den Gebäuden. Im Hof selbst war es schon kühl genug, dass Matti, Hannes kleiner Bruder, seine Jacke angezogen hatte. Er saß auf einem umgedrehten Eimer vor der Hauswand, Elsa, die Tochter der Magd, hatte sich auf die niedrige Mauer gesetzt und ließ die Beine baumeln, und Hanne stand daneben und schälte eine Birne mit einem kleinen Messer, in einem einzigen Band, das immer länger wurde.

„Du hast es versprochen“, sagte Matti.

Joren kam gerade vom Brunnen herüber, einen leeren Eimer in der Hand, und blieb stehen, um zu fragen, was versprochen worden sei. Als er „Eine Geschichte“ hörte, sah er zu Brann. „Dann hoff ich, sie ist kürzer als sein Vormittag.“

Hanne lachte, Joren ging weiter zur Scheune, und Brann lächelte ihm nach, weil es das Einfachste war. Er lehnte an der Hauswand neben Mattis Eimer.

Elsa beugte sich vor und verlangte eine echte Geschichte. Matti wollte sofort Räuber, Elsa keine Räuber, Matti dann Wölfe, und Elsa fand Wölfe langweilig, und am Ende sahen die beiden gleichzeitig zu ihm hoch, mit demselben Gesicht.

Hanne biss in ihre Birne. „Du hast bezahlt“, sagte sie. „Jetzt musst du liefern.“

Ein paar Schritte entfernt saß Liva auf der Schwelle des Schuppens, einen Korb Bohnen zwischen den Füßen, und zog die Fäden aus den Schoten. Das Geräusch war ein kurzes Reißen, dann das Klopfen der fertigen Schote im Korb, und sie sah nicht auf.

Brann sah die Kinder an, erst Matti, dann Elsa, die die Arme schon verschränkt hatte, bevor er überhaupt angefangen hatte. „Eine echte“, sagte er. „Gut. Ohne Räuber, ohne Wölfe.“ Er ließ sich an der Wand hinuntergleiten, bis er auf dem Boden saß, auf gleicher Höhe mit Matti.

Die Knie taten ihm dabei weh, und er streckte die Beine aus, damit es aussah, als hätte er es so gewollt.

„Es gibt eine Stadt am Meer, da sind alle Häuser weiß. Und in dieser Stadt war ich der berühmteste Dieb, den es je gegeben hat.“

Matti fragte, ob er wirklich ein Dieb gewesen sei, und Brann sagte, der beste, er habe dem Bürgermeister die Schuhe gestohlen, während der noch drinstand. Elsa erklärte, das sei nicht echt. „Ganz echt“, sagte Brann. „Aber dann haben sie mich erwischt, und ich musste weglaufen. Über die Dächer, von einem weißen Haus zum nächsten.“

Er zeigte mit der Hand, wie er sprang, einmal, zweimal, und Matti folgte der Hand mit den Augen, als könnte sie jeden Moment wirklich abheben.

„In einem Haus stand das Fenster offen. Eine Frau saß dahinter und nähte. Ich hab ihren Namen gerufen.“

Er machte eine Pause, die etwas zu kurz war.

„Sie hat nicht hochgesehen.“

Dann sprach er schnell weiter, lauter, und erzählte, wie er ausgerutscht und vom Dach gefallen war, mitten hinein in ein Fass, bis obenhin voll mit Heringen, mit dem Kopf zuerst. Matti kreischte vor Lachen, und Elsa presste die Lippen zusammen und schaffte es trotzdem nicht, ernst zu bleiben.

„Die Wachen haben mich gesucht, den ganzen Tag, und ich saß im Fass und hab nach Fisch gerochen. Drei Wochen lang. Kein Hund wollte mehr neben mir gehen.“

„Und dann?“, rief Matti.

Brann zuckte mit den Schultern. „Dann bin ich hierhergekommen. Hier riecht es nach Kühen, das ist besser.“

Matti lachte noch, als er sagte, Brann sei nie ein Dieb gewesen, und Hanne behauptete, doch, man sehe es ihm an. Elsa wollte wissen, woran. Hanne brauchte einen Moment und sagte dann: „An den Haaren.“

Matti lachte wieder, obwohl niemand wusste, warum, und Brann fuhr sich mit der Hand durchs Haar, als müsste er nachsehen.

Vom Schuppen her kam kein Reißen mehr. Als er hinsah, hielt Liva eine Bohne zwischen den Fingern, halb abgezogen, und dann legte sie sie in den Korb und nahm die nächste, und das Geräusch war wieder da.

„Und die Frau?“, fragte Elsa. Hanne sah zu ihr, und Elsa zeigte auf Brann. „Die am Fenster.“

Jetzt war es stiller, wenn auch nicht ganz still: Aus der Küche klapperte Geschirr, und vom Schuppen kam das kurze Reißen der nächsten Bohne, gleichmäßig wie vorher. Brann sah Elsa an. Das Lächeln war nicht da, und er griff auch nicht danach.

„Sie hat weitergenäht“, sagte er.

Elsa wartete, ob noch etwas kam, aber es kam nichts. Dann streckte Brann die Hand aus und zerzauste Matti die Haare, bis der sich wegduckte. „Morgen erzähl ich, wie ich den Fischgeruch wieder losgeworden bin.“ Jetzt lächelte er wieder. „Dafür braucht man eine Ziege und sehr viel Mut.“

„Eine Ziege?“, rief Matti, und Brann sagte, eine sehr große. Elsa sah ihn noch einen Moment an, dann ließ sie die Beine wieder baumeln.

Brann stand auf, langsam, eine Hand an der Wand. Der Putz war rau unter den Fingern und noch warm, und er drückte sich daran hoch, bis er stand. Am Schuppen hatte das Reißen wieder aufgehört.

„Wenn die Ziege größer ist als das Fass“, sagte Elsa, „glaub ich dir gar nichts mehr.“ Matti schlug sofort vor, dann solle sie eben kleiner werden, und Hanne lachte, während Liva den Korb mit dem Fuß ein Stück zur Seite schob.

„Matti.“ Sie hielt ihm eine Handvoll Bohnen hin. „Wenn du noch so viel Kraft zum Lachen hast, kannst du die hier in die Küche bringen.“

Matti stöhnte, nahm sie aber, und als er an Brann vorbeikam, blieb er stehen und sah zu ihm hoch. „Morgen wirklich?“

Brann ging vor ihm in die Hocke. Es dauerte einen Moment länger, als es hätte dauern sollen, und auf halbem Weg hielt er inne, bevor er weitermachte.

„Wirklich“, sagte er, ohne Lächeln, so wie man etwas sagt, das man nicht zurücknehmen kann.

Matti nickte ernst und rannte mit den Bohnen in die Küche. Unterwegs fielen ihm zwei aus der Hand und blieben auf dem Pflaster liegen, hell gegen die dunklen Steine.

Brann sah ihm nach. Dann hob er die beiden Bohnen auf, ging zum Schuppen hinüber und legte sie in Livas Korb, ohne etwas zu sagen.

Kapitel 4

Der Obstgarten

Am nächsten Tag schickte Joren sie nach dem Mittagessen zum Obstgarten am Waldrand, mit einer Leiter, vier Körben und dem Satz, dass er die roten bis zum Abend im Keller haben wolle.

Er sagte es zum Tisch hin, zwischen zwei Bissen, und niemand fragte nach, weil Joren Sätze dieser Art nur einmal sagte.

Die Leiter war länger, als sie aussah, und schlecht ausbalanciert, sodass das hintere Ende bei jedem Schritt ein wenig nach unten zog. Liva trug sie vorn, Brann hinten, und weil sie den Takt vorgab, musste er sich nach ihr richten, nach ihren Schritten, die nicht lang waren, aber nie ausblieben.

Die leeren Körbe hingen an ihren Armen und stießen bei jedem zweiten Schritt gegeneinander, ein hohles, hölzernes Geräusch.

Hinter den letzten Häusern wurde der Weg schmaler und das Gras in der Mitte höher. Niemand stand an einem Zaun, niemand sah aus einem Fenster, und das einzige Gesicht, das ihnen begegnete, gehörte einer Kuh, die über eine Weidemauer blickte und dann weiterkaute, als hätte sie Besseres gesehen.

Der Obstgarten lag auf einem flachen Hang zwischen den Feldern und dem Wald.

Alte Apfelbäume standen in unregelmäßigen Reihen, manche schief, manche so niedrig, dass die Äste fast den Boden berührten, und unter ihnen lag schon Fallobst im Gras, aus dem es süß und ein wenig faulig roch. Wespen gingen darüber hin und her, schwer und ohne Plan, wie Leute auf einem Markt, die nichts kaufen wollen.

Liva stellte ihr Ende der Leiter ab, und er spürte es am Gewicht, bevor er es sah: Die Leiter kippte in seinen Händen nach vorn, und er ließ sie ins Gras sinken.

Sie sah über die Bäume hin, nahm dann einen der Körbe und ging zum ersten Stamm.

„Die roten zuerst.“ Sie griff nach einem Apfel, drehte ihn einmal und legte ihn in den Korb. „Die mit Druckstellen getrennt.“ Noch ein Apfel. „Und wenn du einen Ast abbrichst, erklärst du es Joren.“

Sie sagte es sachlich, ohne ihn anzusehen, und arbeitete weiter, und eine Weile hörte man nur das Rascheln der Blätter und das dumpfe Geräusch, mit dem die Äpfel in den Korb fielen, einer nach dem anderen, in Abständen, die man hätte abzählen können.

Brann antwortete nicht. Er sah sich die Bäume an, einen nach dem anderen, wie man sich Pferde ansieht, die man nicht kaufen will.

Dann hob er die Leiter allein vom Boden, stellte sie aufrecht, ließ sie gegen den höchsten Baum am Hang fallen und rückte sie mit einem Ruck zurecht, bis die Füße fest im Gras standen. Er rüttelte einmal daran, und sie hielt, und damit war seine Arbeit für den Augenblick getan.

Er setzte sich unter den Nachbarbaum, den Rücken an den Stamm, und streckte die Beine aus.

Die Rinde drückte ihm durch das Hemd in die Schulterblätter, an zwei Stellen, die er mit etwas Rutschen nicht loswurde und deshalb behielt.

Er pflückte einen Apfel von einem tief hängenden Ast, rieb ihn am Hemd ab, bis er glänzte, und biss hinein. Er war sauer und kalt.

Vom Wald her kam ein Wind, der die Blätter über ihm umdrehte, sodass sie für einen Augenblick silbern wurden, und Brann hob den Kopf und drehte das Gesicht hinein, die Augen halb geschlossen, als käme er von weiter her als vom Wald.

Der Wind roch nach Harz und nach feuchtem Laub und nach nichts sonst, und Brann ließ den Kopf wieder sinken. Über ihm summte eine Wespe, die sich für seinen Apfel interessierte, und er sah Liva zu.

Sie arbeitete sich um den Baum herum, Ast für Ast, ohne Eile und ohne Pause, und jeder Griff war gleich: drehen, abnehmen, ablegen. Wenn ein Ast zu hoch hing, zog sie ihn mit der einen Hand herunter und pflückte mit der anderen, und wenn er zurückschnellte und die Blätter hinter ihr zusammenschlugen, war sie schon beim nächsten.

Er aß seinen Apfel und sah ihr zu, eine lange Zeit, und wartete darauf, dass sich etwas änderte: dass sie schneller wurde, als der Korb sich füllte, weil das Ende in Sicht kam, oder langsamer, als ihre Arme müde werden mussten.

Denn sie mussten müde werden. Er wusste, wie schwer die Arme nach einer Stunde über dem Kopf wurden, er hatte es an diesem Tag schon beim Heben der Leiter gemerkt, und am Morgen davor beim Anziehen.

Es änderte sich nichts, und irgendwann hörte er auf zu kauen.

Sie pflückte noch zwei Äpfel, legte beide in den Korb und richtete sich erst dann auf, und er konnte nicht sagen, ob sie seinen Blick eben erst bemerkt hatte oder schon die ganze Zeit.

„Was?“ Kein Spott diesmal, nur die Frage. Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn und sah zu ihm hinüber, der volle Korb zu ihren Füßen, und hinter ihr warteten noch sieben Bäume.

Brann sah sie noch einen Moment an und dann den Apfel in seiner Hand, von dem nur noch das Gehäuse übrig war, an den Rändern schon braun.

„Du wirst nie schneller“, sagte er.

Es kam nicht als Vorwurf heraus und nicht als Lob, sondern in dem Ton, in dem man feststellt, dass es draußen regnet, wenn man schon eine Weile am Fenster steht. Er warf das Gehäuse in hohem Bogen über die Wiese, und dann lehnte er den Kopf zurück an den Stamm und sah in die Äste hinauf, als hätte er nichts gesagt.

Sie sah dorthin, wo das Gehäuse verschwunden war, und dann wieder zu ihm. „Nein.“

Sie bückte sich nach dem Korb, trug ihn zum nächsten Baum, stellte ihn ab und zog den ersten Ast ein Stück herunter.

Nach einer Weile sagte sie, zu den Blättern mehr als zu ihm: „Wenn ich schneller werde, bin ich früher müde.“ Sie drehte einen Apfel vom Zweig. „Und dann muss ich trotzdem weitermachen.“ Noch einen. „Also bleib ich so.“

Sie arbeitete weiter, ohne nachzusehen, ob er noch hinsah, und Brann blieb sitzen, lange genug, dass die Wespe zurückkam, sich auf seinem Knie niederließ, an einem Tropfen Apfelsaft herumtastete und wieder verschwand, ohne ihm etwas zu tun.

Dann stand er auf, ging zu dem Baum mit der Leiter und stieg hinauf, Sprosse für Sprosse, ohne Eile. Oben setzte er sich rittlings auf einen dicken Ast, den Rücken gegen den Stamm, und von hier aus sah man über die Hecke bis zum Weg und weiter zu den ersten Dächern.

Er pflückte einen Apfel, wog ihn in der Hand und sah hinunter zu Livas Korb, der zwei Bäume weiter im Gras stand. Dann warf er.

Der Apfel flog in einem flachen Bogen über die Wiese und landete im Korb, mit einem dumpfen Laut zwischen den anderen, und der nächste traf auch. Der dritte prallte vom Rand ab und rollte ins Gras, und Brann sah ihm nach. „Druckstelle“, sagte er. „Getrennt.“ Dann pflückte er den vierten.

Unten war Liva stehen geblieben. Sie ging zu ihrem Korb hinüber, nahm einen der Äpfel heraus und drehte ihn in der Hand, und dann sah sie nach oben.

„Brann.“ Sie hielt den Apfel hoch. „Komm runter.“

Er kam hinunter, langsamer, als er hinaufgestiegen war, und erst als er unten stand, drückte sie ihm den Apfel in die Hand und zeigte mit dem Finger auf die Stelle, wo er auf einen anderen gefallen war. Dort zeichnete sich eine helle Druckstelle ab, ein runder Fleck.

„Die waren vorher gut.“ Sie deutete auf den Korb. „Meine auch.“

Er sah in den Korb. Ihre Äpfel lagen da, Stück für Stück abgedreht und abgelegt, eine Stunde lang, und zwischen ihnen lagen seine, und er konnte nicht mehr sagen, welche welche waren, und auf mehr als einem sah er jetzt den hellen Fleck.

„Wenn du werfen willst, nimm die, die sowieso zum Most kommen.“

Brann drehte den Apfel in der Hand und sah sich die Stelle an, die unter seinem Daumen weich war wie eine Fingerkuppe. Dann biss er hinein, genau dort, und kaute, sah in Livas Korb, sah auf den Apfel und sagte nichts.

Mit dem Apfel zwischen den Zähnen hängte er einen leeren Korb an die oberste Sprosse der Leiter.

Den Mostkorb trug er an den Rand der Wiese, ein ganzes Stück weiter als nötig, zählte die Schritte nicht und stellte ihn ins Gras, wo er schief stand, bis er ihn mit dem Stiefel geraderückte. Dann stieg er wieder hinauf.

Die guten Äpfel legte er in den Korb an der Leiter, einen nach dem anderen, ohne Eile. Den ersten mit einem Wurmloch wog er lange in der Hand und maß mit den Augen den Abstand, die Wiese, den kleinen Korb am Rand, und dann warf er ihn, in hohem Bogen, quer über das Gras.

Er landete im Mostkorb.

Unten sah Liva dem Apfel nach, blieb noch einen Moment stehen und ging dann zurück zu ihrem Baum, und danach kamen keine Äpfel mehr in ihren Korb. Sein eigener an der Leiter füllte sich langsam mit guten Früchten, und dazwischen flog einer der schlechten über die Wiese, nicht jeder traf, und wenn einer danebenging, stieg er hinunter, holte ihn aus dem Gras, stieg wieder hinauf und versuchte es beim nächsten Mal erneut, was auf die Dauer mehr Sprossen kostete als Äpfel.

Nach einer Weile wurden die Abstände zwischen seinen Würfen länger.

Die guten Äpfel legte er inzwischen in einem gleichmäßigen Takt ab, drehen, abnehmen, ablegen, und von unten, zwei Bäume weiter, kam das dumpfe Geräusch der Äpfel in ihrem Korb, mal vor seinem, mal danach, mal fast zugleich.

Die Arme wurden schwer und dann nicht schwerer. Die Wespen waren ins Fallobst zurückgekehrt, und vom Dorf her schlug es einmal, ohne dass er mitzählte, welche Stunde es war.

Die Sonne stand schon tief über dem Wald, und das Licht kam flach durch die Stämme und machte die Äpfel röter, als sie waren. Brann fiel auf, dass er seit einer Weile nicht mehr zum Weg hinübergesehen hatte.

Kapitel 5

Die Ziege

Am Abend saß Matti schon vor der Küche, bevor Brann vom Waschen zurückkam. Er hatte sich diesmal keinen Eimer genommen, sondern einen richtigen Schemel aus der Stube, und er saß darauf so gerade, als hätte er für den Platz bezahlt und wollte nun auch etwas dafür haben.

Elsa hockte auf der Mauer daneben, eine halb gegessene Pflaume in der Hand, und Hanne lehnte in der offenen Küchentür, einen Teller vor der Brust, den sie seit einer Weile abtrocknete, ohne dass er trockener wurde. Über den Scheunendächern hatte der Himmel die Farbe von dünner Milch.

Ein Stück weiter unter dem Vordach saß Liva und flickte den Henkel eines kleinen Korbs, einen schmalen Lederriemen über dem Knie, und neben ihr warteten zwei weitere Körbe, die es nötig hatten.

„Er kommt“, sagte Matti, obwohl niemand gefragt hatte.

Brann kam über den Hof, das Haar noch nass vom Brunnen. Matti sprang auf, bevor er die Mauer erreicht hatte. „Die Ziege.“

„Nicht mal guten Abend“, sagte Hanne, und Matti setzte sich wieder hin. „Guten Abend. Die Ziege.“

Brann ließ sich auf die Kante der Mauer sinken, neben Elsa, und nahm ihr, ohne zu fragen, die Pflaume aus der Hand. Er betrachtete sie von allen Seiten, als prüfte er, ob sie echt sei, und gab sie ihr zurück. „Sie war nicht groß“, sagte er, und Elsa sagte zu Matti: „Siehst du.“ – „Sie war hungrig“, sagte Brann. „Das ist schlimmer.“

Er erzählte es so, wie man eine Sache erzählt, die man schon oft erzählt hat, mit den Pausen an den richtigen Stellen: dass kein Mensch neben ihm stehen wollte, nach drei Wochen im Fass, dass eine Ziege aber nichts riecht, sondern nur frisst, und dass er sich deshalb neben sie gestellt und gewartet habe. Zuerst habe sie das Hemd gefressen, dann die Hose, dann einen Stiefel. „Den anderen wollte sie nicht. Der war ihr zu salzig.“

„Geruch kann man nicht fressen“, sagte Elsa, aber ihre Stimme hatte schon nachgegeben, und sie biss schnell in ihre Pflaume.

„Ich bin durch die ganze weiße Stadt nach Hause gelaufen, mit einem Stiefel und sonst nichts. Alle Fenster gingen auf.“

Hanne lachte so laut, dass der Teller in ihrer Hand wackelte, und Matti rutschte so weit nach vorn, dass der Schemel kippte und er sich an Branns Knie festhalten musste. Brann zupfte an seinem einzigen Hemd, dessen Ellbogen schon heller waren als der Rest. „Seitdem hab ich nur noch das hier. Und ich halte mich von Ziegen fern.“

„Dann hat die Ziege doch gewonnen“, sagte Elsa und hielt ihm die Pflaume wieder hin.

Unter dem Vordach zog Liva den Riemen fest, prüfte den Henkel mit einem kräftigen Ruck, und er hielt. Sie stellte den Korb neben sich und sah herüber.

„Und der Bürgermeister?“

Matti wurde auf einen Schlag still und sagte dann: „Ja. Der mit den Schuhen.“ Und Hanne meinte vom Türrahmen her, jetzt müsse er aber erklären, warum ein Bürgermeister drei Wochen lang einem halbnackten Fischdieb hinterherlaufe.

Brann nahm die Pflaume, die Elsa ihm noch immer hinhielt, und diesmal biss er hinein. Sie war weich und warm vom Tag, und der Saft lief ihm übers Kinn. „Die Ziege gewinnt immer“, sagte er kauend.

Liva hatte den nächsten beschädigten Korb auf die Knie genommen. Ihre Finger fanden die Stelle im Geflecht, ohne dass sie hinsah. Sie sah zu ihm, und er hielt ihren Blick einen Moment, länger als den von Hanne, bis Matti auf dem Schemel zu zappeln anfing und ihm einen Grund gab, sich wegzudrehen.

„Der Bürgermeister“, sagte er zu Matti und senkte die Stimme, „läuft immer noch.“

Matti hielt die Luft an.

„Er sucht jeden Ort ab, an dem es nach Fisch riecht.“ Brann schnupperte an seinem Ärmel. „Darum bin ich hierher. Hier riecht es nach Kühen. Hier findet er mich nie.“

Elsa fragte, und wenn doch, und er zuckte mit den Schultern und gab ihr den Rest der Pflaume zurück, den Kern mitten im Fleisch. „Dann sagt ihr ihm, ich bin in die andere Richtung gelaufen.“

Matti wollte sofort sagen, er sei zum Wald, aber Elsa schüttelte den Kopf, dann schaue er doch dort, und Matti dachte mit gerunzelter Stirn nach, bis ihm der Müller einfiel. Das sei gemein, sagte Hanne und lachte.

„Der Müller würde ihn wahrscheinlich behalten“, sagte Liva, über den Korb gebeugt. Matti fragte, wen, und sie hob den Blick. „Den Bürgermeister.“

Elsa prustete los, und für einen Moment redeten alle durcheinander, Matti am lautesten, und im Stall stieß eine Kuh gegen die Bretter, als wollte sie mitreden. Brann lachte mit.

Als es ruhiger wurde, fragte Elsa: „War die Stadt wirklich weiß?“

Sie hatte die Arme dabei nicht verschränkt wie gestern, und sie zog auch die Brauen nicht hoch. Sie saß nur da, die klebrigen Finger auf den Knien, und wartete.

Brann sah sie an und dann über den Hof, über das Scheunendach, dorthin, wo hinter dem Wald der Himmel noch ein wenig hell war und eine einzelne Krähe heimflog, ohne Eile, als wüsste sie, dass man ihr den Platz freihielt.

„Am Mittag kann man nicht hinsehen“, sagte er. „So hell ist sie. Die Leute gehen mit halb geschlossenen Augen durch die Straßen. Und abends, wenn die Sonne ins Meer geht, wird sie rosa. Für eine Viertelstunde. Dann ist sie blau.“

Er hatte leiser gesprochen als vorher, und es hatte niemand etwas gesagt, das ihn dazu gebracht hätte. In der Küche zischte etwas in der Pfanne und wurde still.

Elsa wartete noch. „Und dann?“

„Dann ist es Nacht.“ Er lächelte, aber nicht so wie vorhin. „Dann ist sie wie jede andere Stadt.“

Kapitel 6

Der freie Tag

Am Sonntag war der Hof still. Die anderen waren nach dem Frühstück ins Dorf gegangen, Hanne mit ihrer Mutter, die Kinder vorneweg, und Joren war schon vor Sonnenaufgang zu seinem Bruder ins Tal aufgebrochen, mit einem Brot unter dem Arm und dem Gesicht eines Mannes, der einen Besuch erledigt.

Selbst die Hühner schienen leiser zu scharren, als wüssten sie, dass niemand da war, der sie verscheuchen würde.

Brann saß auf der Mauer am Brunnen und warf kleine Steine in den Eimer, der unten auf dem Pflaster stand. Einer traf, drei nicht, und er hörte auf zu zählen und sammelte die Steine nicht wieder ein.

Eine Weile lag er auf der Mauer, die Arme hinter dem Kopf, und sah einer einzelnen Wolke zu, die über die Scheune zog. Sie brauchte sehr lange, und er hatte nichts, womit er sie hätte antreiben können.

Vom Dorf her schlug die Glocke, dünn und weit weg, und hörte wieder auf, und danach war es die Art von Stille, in der man den eigenen Atem hört und ihn lieber nicht hören möchte.

Als er sich aufsetzte, sah er Liva. Sie war schon fast am Tor, ohne Korb und ohne Werkzeug, nur ein kleines Bündel unter dem Arm, und sie ging nicht zum Dorf hinunter, sondern bog nach links ab, auf den Pfad, der am Feld entlang zum Wald führte, und sah sich nicht um.

Brann blieb noch eine Weile sitzen und warf den letzten Stein, der danebenging. Dann stand er auf und ging auch hinaus, weil es auf dem Hof nichts mehr zu tun gab, und das war, an einem Sonntag, ein so guter Grund wie jeder andere.

Am Feldrand teilte sich der Weg, rechts hinauf zum oberen Feld, wo er mit Joren die Steine gelesen hatte, links zum Wald. Er stand schon ein paar Schritte auf dem linken Pfad, als ihm auffiel, dass er nicht überlegt hatte.

Der Pfad wurde schmaler, je näher er dem Wald kam, und zwischen den Bäumen war es auf einmal kühl. An manchen Stellen musste er über Wurzeln steigen, die quer über den Weg liefen wie Seile, die jemand vergessen hatte.

Das Licht kam nur in Flecken herunter und lag auf dem Moos, als hätte man es dort abgestellt und später holen wollen.

Nach einer Weile hörte er Wasser, keinen Bach, eher das gleichmäßige Tropfen eines kleinen Rinnsals über Steine, und dann sah er Liva. Sie saß auf einem flachen Felsen ein Stück unterhalb des Pfades, die Schuhe neben sich, die Füße im Wasser, und das Bündel lag offen auf dem Stein: ein Stück Brot, zwei Äpfel und etwas Eingewickeltes, das er vom Weg aus nicht erkannte.

In der einen Hand hielt sie einen dünnen Holzspan, in der anderen ein kleines Messer, und sie schnitzte, nicht besonders geschickt.

Neben ihr lagen schon drei misslungene Stücke. Eines war in der Mitte gebrochen, das zweite war kaum mehr als ein abgeschälter Zweig, und beim dritten hatte sie offenbar versucht, etwas Rundes daraus zu machen, und es war eckig geblieben.

Dann fluchte sie.

Es war kein trockenes Wort, keins von denen, die sie über den Hof warf, ohne aufzusehen, sondern ein richtiges, ärgerliches Fluchen, halb durch die Zähne, und es klang nach jemandem, den er nicht kannte. Sie warf das Stück ins Gras, nahm einen neuen Zweig und begann von vorn.

Brann blieb, wo er war, zwischen zwei Stämmen am Rand des Pfades, eine Hand an der Rinde. Sie hob den Kopf nicht.

Er sah zu, wie sie den Zweig drehte, eine Kerbe ansetzte und das Messer zu tief führte, sodass ein Splitter absprang und irgendwo ins Wasser fiel. Sie presste die Lippen zusammen und schnitzte weiter, langsamer jetzt, mit vorgeschobenem Kinn.

Sie hielt das Holz falsch. Er sah es sofort, ohne darüber nachzudenken: Sie arbeitete gegen die Faser, und jedes Mal, wenn die Klinge Halt fand, riss sie das Holz auf, statt es zu schälen.

Er sagte nichts. Das Wasser tropfte über die Steine, irgendwo oben in den Bäumen klopfte ein Specht, hörte auf und klopfte wieder, und Liva hob das Holz vor die Augen und betrachtete es lange. Dann legte sie es nicht weg, sondern machte weiter.

Brann trat einen Schritt zurück auf den Pfad, vorsichtig, dorthin, wo der Boden weich war und keine Zweige lagen, und ging den Weg zurück, den er gekommen war, über dieselben Wurzeln, die ihm jetzt niedriger vorkamen.

Am Waldrand blieb er stehen und sah über das Feld zum Hof hinunter, wo immer noch niemand war. Die Wolke war fort. Er setzte sich ins Gras und wartete auf nichts, und das ging leichter, als es klang, wenn man den ganzen Vormittag dafür hatte.

Die Sonne wanderte über den Hang, und eine Ameise lief ihm über das Handgelenk und wieder hinunter, ohne sich zu entscheiden.

Es dauerte lange, bis Liva aus dem Wald kam. Er hörte sie, bevor er sie sah, Schritte auf dem trockenen Rand des Pfades, langsam und ohne Eile, und dann trat sie zwischen den Bäumen hervor, die Schuhe wieder an den Füßen, das Bündel unter dem Arm, kleiner zusammengerollt als vorher.

Als sie ihn im Gras sah, blieb sie stehen, nicht erschrocken, nur überrascht, und ihr Blick ging über ihn hinweg zum Hof und wieder zurück.

„Du bist weit gekommen.“

Sie zog einen Apfel aus dem Bündel und biss hinein, und das andere darin ließ sie eingewickelt. Brann blinzelte zu ihr hinauf, gegen das Licht.

„Bis hierher“, sagte er. „Dann wurde es zu anstrengend.“

Er lächelte dabei, aber nur halb, als lohne sich die andere Hälfte nicht ohne Zuschauer.

Sein Blick fiel auf ihre Hand. Am Daumen, gleich unter dem Nagel, war ein frischer Schnitt, ein dünner roter Strich, der noch nicht ganz trocken war, und er sah wieder zum Hof hinunter, als gäbe es dort etwas, das er noch nicht gesehen hatte.

Dann stand er auf, klopfte sich das Gras von der Hose und ging los, den Pfad hinab, nicht voraus und nicht hinterher. Er wartete nicht, ob sie mitkam, aber er ging so langsam, dass sie ihn nicht überholen musste.

Eine Weile hörte er nur ihre Schritte und das Knacken, wenn sie in den Apfel biss. Sie ging neben ihm, nicht ganz auf gleicher Höhe, mal einen halben Schritt dahinter, mal einen davor, wo der Weg breiter wurde, und die Sonne warf ihre beiden Schatten nach rechts ins Feld, wo sie über die Stoppeln liefen und sich manchmal überlagerten.

Den Apfel aß sie bis zum Gehäuse ab. Sie warf es nicht ins Feld, sondern trug es in der Hand, bis sie an einer Hecke vorbeikamen, und legte es darunter ins Gras, als gehöre es dorthin. Erst danach sagte sie, geradeaus: „Ich kann nicht schnitzen.“

Sie erklärte es nicht, und nach ein paar Schritten fügte sie hinzu: „Falls du dich gefragt hast, warum ich so lange gebraucht habe.“

Brann ging weiter, ohne zu antworten. Am Feldrand flog eine Lerche auf, stieg hoch und hing singend über ihnen, und er sah ihr nicht nach.

„Gegen die Faser“, sagte er.

Er sah dabei nicht zu Liva, sondern auf den Weg vor sich, auf die Spuren, die ein Wagen in die nasse Erde gedrückt hatte, und mehr sagte er nicht. Neben ihm hörten die Schritte auf. Er ging noch einen Schritt und dann einen zweiten und spürte ihren Blick zwischen den Schulterblättern, wie man an einem kalten Morgen die offene Tür hinter sich spürt.

„Du warst da.“

Der Wind strich durch das hohe Gras am Feldrand, es legte sich in einer Welle zum Hof hin und richtete sich wieder auf, und Brann blieb nicht stehen, aber er ging langsamer. Dann waren ihre Schritte wieder da, ein Stück hinter ihm, und holten auf.

„Und du hast nichts gesagt.“

Es klang nicht vorwurfsvoll.

Kapitel 7

Drei Stiche

Ein paar Tage später war vom stillen Sonntag nichts mehr übrig. Auf dem großen Feld standen die Leute in zwei langen Reihen, und über allem lag der Geruch von aufgerissener Erde, ein Geruch, der noch am Abend in den Ärmeln steckte und beim Ausziehen des Hemdes ein zweites Mal aufstieg.

Joren arbeitete vorn mit der Grabegabel, hinter ihm knieten Hanne und ihre Mutter im aufgewühlten Boden und sammelten die Kartoffeln in flache Körbe. Zwei Nachbarn vom unteren Hof waren gekommen, dazu deren ältester Sohn, der beim Bücken jedes Mal ächzte, als wäre er sechzig, und sich beim Aufrichten so lange Zeit ließ, dass die anderen schon wieder unten waren.

Matti und Elsa hatten die kleinen Kartoffeln aufzusammeln, die zwischen den Erdklumpen liegen blieben, und sie nahmen die Aufgabe sehr ernst, zumindest solange jemand hinsah. Als Matti nach einer griff, die kaum größer war als eine Walnuss, und sie für sich beanspruchte, war Elsa schneller und erklärte ihm, Sehen sei nicht Sammeln.

Joren richtete sich auf. „Wenn ihr beide so viel redet, könnt ihr auch die Reihe dort hinten übernehmen.“ Sofort waren sie still, ungefähr so lange, wie man braucht, um bis zehn zu zählen, und dann flüsterten sie weiter, was bei Kindern als Gehorsam gilt.

Liva kniete ein Stück weiter unten, die Ärmel hochgeschoben, und sortierte die Kartoffeln nach Größe in zwei Körbe. Als Brann die Reihe heraufkam, hob sie kurz den Kopf, dann zog sie eine Kartoffel aus der Erde, rieb den gröbsten Dreck mit dem Daumen ab und legte sie in den größeren Korb.

Der Schnitt unter ihrem Nagel war verschorft, eine dunkle Linie, die er von weiter weg für Erde gehalten hätte.

„Brann!“ Hanne hielt von der anderen Seite eine unförmige Kartoffel hoch, aus der drei kleine Auswüchse ragten. „Die sieht aus wie Joren.“

„Ich hör dich“, sagte Joren, ohne aufzusehen, und Brann lachte, laut genug, dass Hanne es drüben hören musste. „Die ist freundlicher.“

Neben Liva war noch Platz in der Reihe, ein Streifen unberührter Erde, über dem das Kraut schon gelb und umgesunken lag.

Joren richtete sich auf, langsam, eine Hand im Kreuz, und Brann blieb neben ihm stehen und streckte die Hand nach der Grabegabel aus.

Joren sah ihn an, dann die Hand, dann die Reihen, die noch vor ihnen lagen. Es waren viele, und sie liefen bis hinunter an den Graben, wo die Weiden standen.

„Bis Mittag?“, fragte er.

Brann lächelte nur, und Joren gab ihm die Gabel und ging zu den Körben hinüber.

Brann wog sie einmal in der Hand. Der Stiel war glatt gegriffen und an zwei Stellen dunkel, wo Jorens Hände seit Jahren lagen, und er passte nicht in Branns Hände, nicht gleich, so wenig wie ein fremder Stiefel, der schon die Form eines anderen Fußes hat.

Er ging an Hannes Reihe vorbei, wo die Erde schon offen lag, bis zum Anfang der Reihe, in der Liva kniete. Dort setzte er die Gabel an, trat sie mit dem Stiefel tief in den Boden und hob die Erde mit einem Ruck, und die Kartoffeln rollten hell aus dem Dunkel, direkt vor Livas Knie.

Er sah nicht zu ihr hinunter, sondern ging einen Schritt weiter und setzte die Gabel wieder an. Am anderen Ende des Feldes sah Hanne ihm zu, eine Hand über den Augen, obwohl die Sonne noch hinter ihr stand.

Liva zog die ersten Kartoffeln aus der gelockerten Erde, eine große, zwei kleine, eine mit einer angefaulten Stelle, die sie zur Seite warf, und sortierte sie, ohne aufzusehen. Beim nächsten Stich rollten sie wieder genau vor sie, und beim übernächsten auch, als hätte die Gabel nur diese eine Richtung gelernt.

„Ein bisschen weiter links.“ Sie zeigte mit zwei Fingern auf den Boden. „Sonst stichst du mir irgendwann in den Korb.“ Es klang nicht spitz, eher wie etwas, das man über ein Werkzeug sagt, das noch nicht richtig eingestellt ist.

Joren kam mit zwei vollen Körben vorbei, auf dem Weg zum Wagen, und sagte, ohne stehen zu bleiben: „Nicht am Anfang schon alles verbrauchen.“

Brann hatte die Gabel bereits wieder im Boden. Neben ihm hielten Livas Hände einen Augenblick über der Erde still, dann nahmen sie die nächste Kartoffel.

Er setzte die Gabel eine Handbreit weiter links an und sagte nichts dazu, und auf Jorens Satz antwortete er auch nicht.

Solange Hanne herübersah, ging es schnell: Gabel in die Erde, Tritt, Ruck, und die Kartoffeln sprangen fast aus dem Boden. Dann beugte Hanne sich über ihren Korb, und die Abstände wurden länger, die Gabel ging ruhiger in die Erde, und er atmete zwischen den Stichen.

Als sie sich aufrichtete, um sich eine Strähne aus dem Gesicht zu streichen, kam der nächste Stich wieder schneller, und so ging es eine Weile, schnell, langsam, schnell.

Die Sonne stieg über das Feld und nahm den Tau von den Furchen. Eine Krähe landete hinter ihnen in der umgegrabenen Reihe und pickte nach etwas, das nur sie sah, und der Schweiß lief Brann in die Augen, sodass er ihn mit dem Ärmel wegwischen musste.

Matti und Elsa hatten aufgehört zu streiten und saßen im Schatten des Wagens, wo sie aus kleinen Kartoffeln etwas bauten, das eine Mauer oder ein Schwein sein konnte. Die Reihe hinter Brann wurde länger, die vor ihm kürzer, aber nicht so schnell, wie es hätte sein sollen.

Als Hanne zum dritten Mal länger nicht herübersah, blieb er stehen, beide Hände auf dem Stiel, und sah über das Feld. Bis zum Ende der Reihe war es noch weit. Seine Unterarme waren schwer, und in den Handflächen brannte es an den Stellen, an denen Jorens Gabel nicht zu ihm passte.

Neben ihm schob Liva den vollen Korb hinter sich und zog den leeren heran. Sie sah nicht zu Hanne und auch nicht zu ihm, sondern auf die Erde vor ihren Knien.

„Noch drei Schritte“, sagte sie und deutete auf den Boden. „Dann kann ich den Korb wechseln, ohne dass du warten musst.“

Dann arbeitete sie weiter, als hätte sie über das Wetter gesprochen.

Brann stand da, die Hände auf dem Stiel. Er hatte das Feld angesehen, die ganze lange Reihe bis hinunter zu den Weiden, und nun sah er auf das Stück Erde vor ihren Knien, das man mit drei Schritten abmessen konnte und auf dem ein Regenwurm sich gerade wieder in die Krume schraubte.

Joren kam vom Wagen zurück, nahm Matti am Hemdkragen und stellte ihn wortlos auf die Füße. „Kleine Kartoffeln.“ Matti seufzte, als hätte man ihm einen Sack Steine aufgeladen, und Elsa stand auch auf und klopfte sich die Erde vom Rock, gründlicher als nötig.

Drüben lachte Hanne über etwas, das ihre Mutter gesagt hatte.

Liva zog eine Kartoffel aus einem Erdklumpen, klopfte die Erde ab und legte sie in den Korb. Erst beim nächsten Stich hob sie den Kopf.

„Links ist gut.“

Dann beugte sie sich wieder hinunter. Drei Schritte, dachte er, und setzte die Gabel an.

Einer. Zwei. Drei.

Dann blieb er stehen, die Hände auf dem Stiel, und wartete, während Liva den vollen Korb nach hinten schob. Er sah dabei nicht über das Feld, sondern auf ihre Hände, die den leeren Korb heranzogen, und auf die Erde, und sein Atem wurde ruhig, ohne dass er etwas dafür tat.

Als sie wieder kniete, setzte er die Gabel an. Drei Stiche, eine Pause, drei Stiche, und dazwischen das Rascheln, mit dem die Körbe über die Erde gezogen wurden, und das dumpfe Aufschlagen der Kartoffeln im Weidengeflecht.

Hanne sah ein paar Mal herüber, einmal mit erhobener Hand, als wollte sie winken. Er wurde nicht schneller.

Die Gabel lag jetzt anders in den Händen, und er merkte erst nach einer Weile, dass er sie nicht mehr dort hielt, wo Jorens Hände das Holz dunkel gemacht hatten, sondern ein Stück darunter.

Die Kartoffeln fielen eine Handbreit links von Livas Korb, jedes Mal, und die Krähe war ihnen die ganze Reihe hinunter gefolgt, in dem Abstand, den Krähen für höflich halten.

Als vom Hof die Glocke zum Mittagessen herüberklang, war die Reihe zu Ende. Brann ging zu Joren, der am Wagen stand, und hielt ihm die Gabel hin.

„Mittag“, sagte er.

Joren nahm sie. Er sah auf Branns Hände, dann auf die Reihe, dann zu Liva, die gerade den letzten Korb füllte.

Er sagte nichts. Aber er nickte.

Kapitel 8

Die Richtige

Zum Mittagessen setzten sie sich hinter die Scheune, wo der Schatten bis an die Mauer reichte. Wer sich hinsetzte, merkte erst im Sitzen, wie lange er gekniet hatte, und dass die Knie eine eigene Meinung darüber hatten.

Die Körbe standen noch auf dem Wagen. Erde klebte an Händen, Hosen und Stiefeln. Hannes Mutter hatte Brot gebracht, einen Laib Käse und einen Topf mit kalten Bohnen, der zwischen den Leuten im Gras stand und von Hand zu Hand wanderte, bis er wieder bei ihr ankam. Sie sagte, wenn sie in dem Tempo weiterkämen, wären die Kartoffeln wenigstens vor dem Erntefest aus der Erde, und niemand widersprach, weil alle kauten.

Matti saß auf dem Boden und versuchte, eine Kartoffel mit einem Stock aufzuspießen, obwohl man ihm dreimal gesagt hatte, dass sie roh war, und Joren lehnte am Wagenrad und aß schweigend, die Augen halb geschlossen.

Brann saß mit dem Rücken an der Mauer. Die Steine waren kühl, und er spürte sie durch das Hemd an jeder Stelle, an der der Stoff am Rücken klebte.

Seine Hände lagen auf den Knien, und er ließ sie dort liegen, weil sie im Liegen nichts taten und man ihnen dabei nicht zusehen konnte.

Einer der Nachbarn, ein breitschultriger Mann namens Tilo, sah über den Rand seines Bechers zu ihm herüber. „War gar nicht schlecht heute.“

„Bis Mittag sogar“, sagte Hanne und grinste.

Tilo lachte, ein kurzes, zufriedenes Lachen, und dann nickte er in Livas Richtung. „Man muss ihn offenbar nur neben die Richtige setzen.“

Joren hob den Blick. Liva hatte gerade ein Stück Käse abgeschnitten, und das Messer blieb über dem Brot stehen, nicht lange, aber Brann sah es, obwohl er auf Tilo sah. Hanne sah erst Tilo an und dann ihn.

Brann lachte. Es kam sofort, ein bisschen zu laut, wie etwas, das schon bereitgelegen hatte.

„Ich hatte eine Wette mit Joren“, sagte er. „Bis Mittag. Das ist alles.“

Er sah dabei Tilo an. Den Platz, an dem Liva saß, ließ er aus, so wie man beim Gehen einer Pfütze ausweicht, ohne den Kopf zu senken.

Joren kaute weiter. Er sah Brann lange an, mit diesem Blick, der nichts verlangte und genau deshalb schwer auszuhalten war, und sagte nichts, und das Schweigen dauerte gerade so lange, dass eine Biene zweimal um den Bohnentopf kreisen und wieder abziehen konnte.

Brann griff nach dem Brot, brach sich ein Stück ab und wandte sich zu Hanne, und das Lächeln war schon da, bevor er sich ganz umgedreht hatte. „Heute Nachmittag grab ich deine Reihe“, sagte er. „Dann sehen wir, wer die Richtige ist.“

Hanne wurde rot und lachte, und Tilo schlug sich auf den Schenkel, dass der Becher in seiner anderen Hand überschwappte und ein dunkler Fleck auf seiner Hose erschien, den er mit derselben Hand gleich wieder verrieb. Brann lehnte sich gegen die Mauer zurück, das Brot in der Hand, und lächelte so breit wie am ersten Tag.

Auf der anderen Seite schnitt Liva ihr Stück Käse fertig ab und legte das Messer neben sich ins Gras. Sie strich mit dem Daumen über die Käsekante, als wäre dort etwas hängen geblieben, und biss hinein.

Hanne redete weiter mit Tilo, irgendetwas über die Nachbarskuh, die nachts über den Zaun stieg und morgens so tat, als wäre sie nie fort gewesen. Nach einer Weile stand Liva auf, nahm ihren Becher und ging zum Wasserfass an der Scheunenecke.

Brann sah ihr nach. Er sah, wie sie den Becher langsam füllte, länger, als ein Becher brauchte, und wie sie mit ihm zurückkam, und er sah, wie sie an ihrem alten Platz vorbeiging, als wäre er nie ihrer gewesen, und sich neben Joren setzte.

Joren rückte nicht und sah sie nicht einmal an. Er schob nur den Topf mit den Bohnen ein Stück zu ihr hin.

Hanne erzählte gerade, wie Matti im letzten Jahr in den Mostbottich gefallen war, und Matti protestierte mit vollem Mund, und Brann lachte an der richtigen Stelle. Er hörte sich selbst dabei zu, und es klang wie immer.

Bei solchen Geschichten wusste man wenigstens vorher, wo gelacht wurde. Man musste nur pünktlich sein.

Dann warf er das letzte Stück Brot einem Huhn zu, das sich zwischen die Körbe verirrt hatte, und stand auf, bevor irgendjemand sonst Anstalten machte. „Wer gräbt, muss früher anfangen.“

Die Gabel lehnte am Wagen, wo Joren sie abgestellt hatte, gleich neben der Stelle, an der Liva jetzt saß. Brann griff danach, ohne hinzusehen, so nah an ihrer Schulter vorbei, dass er die Wärme ihres Ärmels hätte spüren können, und ging über das Feld davon.

Hinter ihm war die Mittagspause noch nicht vorbei. Er hörte die Stimmen leiser werden, Hannes Lachen, ein Wort von Joren, das er nicht verstand, und dann nur noch das Gras unter seinen Stiefeln und die Lerchen, die über dem Feld in der Luft standen, als hinge jede an einem eigenen Faden.

Hannes Reihe lag in der vollen Sonne. Er setzte die Gabel an, trat sie in den Boden und hob, und die Erde brach dunkel auf und roch nach Keller.

Tritt. Ruck.

Er machte keine Pausen. Es gab niemanden, für den er sie hätte machen können, und niemanden, für den er sie hätte lassen müssen, und so grub er einfach, so schnell, wie die Gabel ging, und die Kartoffeln blieben hinter ihm in der offenen Erde liegen.

Die Mittagspause dauerte länger, als er gedacht hatte. Einmal sah er zur Scheune hinüber, und die anderen saßen noch alle im Schatten, und Hanne stand halb auf und setzte sich wieder hin, als hätte jemand etwas zu ihr gesagt. Er grub weiter.

Irgendwann hielt er an, weil ihm der Atem ausging, beide Hände auf dem Stiel, und in seiner rechten Handfläche brannte etwas, das vorher nicht da gewesen war. Er wischte sie an der Hose ab und setzte die Gabel wieder an, schneller als vorher.

Als die anderen endlich aufs Feld zurückkamen, verteilten sie sich auf ihre Reihen, langsam, mit vollen Bäuchen und dem Gang von Leuten, die den Nachmittag noch vor sich haben. Liva ging zu ihrer eigenen, weiter unten, und kniete sich hin.

Ob sie herübersah, wusste er nicht, denn er sah nicht nach.

Hanne kam als Letzte. Sie kniete sich hinter ihn in die aufgeworfene Erde und begann zu sammeln, und er wurde noch schneller.

Tritt. Ruck. Tritt. Ruck.

Die Sonne stand jetzt seitlich über dem Feld, und es gab keinen Schatten mehr, nicht am Wagen, nicht an der Hecke, nirgends. Der Schweiß lief ihm in die Augen, und er blinzelte ihn weg, statt die Hand zu heben.

Beim nächsten Stich ging die Gabel schräg in den Boden. Er spürte es schon im Tritt und riss sie trotzdem hoch. An zwei Zinken steckten Kartoffeln, glatt durchbohrt, und eine dritte war in der Mitte gespalten, weiß und nass an der Schnittfläche.

Hanne sah sie an und dann ihn. „Die sind hin“, sagte sie, nicht unfreundlich.

Brann zog die Kartoffeln von den Zinken, warf sie in den kleinen Korb und lächelte. „Die waren mir im Weg.“

Er setzte die Gabel wieder an. Am Stiel, dort, wo seine rechte Hand lag, war ein dunkler Fleck, der vorhin noch nicht da gewesen war, und er schob die Hand ein Stück höher, sodass der Fleck darunter verschwand.

Joren kam über das Feld, ohne Eile, blieb neben ihm stehen und hielt die Hand auf. Brann sah die Hand an. Sie war breit und rissig und wartete einfach, so geduldig wie ein Pfosten.

Dann gab er ihm die Gabel.

Er ging ohne ein Wort zum Feldrand, wo Matti und Elsa zwischen den Erdklumpen nach kleinen Kartoffeln suchten, und kniete sich neben sie, und die rechte Hand hielt er dabei locker geöffnet, die Innenseite nach unten.

„Du?“, fragte Matti, und Brann sagte: „Ich. Wer mehr findet, kriegt heute Abend die Geschichte.“ Matti riss die Augen auf und wollte wissen, welche, und Brann sagte, das entscheide er, wenn er gewonnen habe.

„Du gewinnst nicht“, sagte Elsa sofort.

Brann griff mit der linken Hand nach der ersten kleinen Kartoffel, und Matti war schon auf allen vieren und schrie, die zähle nicht, er sei früher dran gewesen.

Hinter ihnen nahm Joren die Arbeit wieder auf. Die Gabel ging ruhig in die Erde, in einem Takt, den Brann kannte, ohne hinzusehen, und Hanne sammelte die durchbohrten Kartoffeln aus dem kleinen Korb und legte sie beiseite, eine nach der anderen, an den Rand der Reihe, wo sie in der Sonne nebeneinander lagen wie etwas, das man später noch besprechen würde.

Weiter unten arbeitete Liva in ihrer Reihe. Brann sah nicht hin. Er zählte Kartoffeln, laut, damit Matti es hörte, und verzählte sich absichtlich, damit Elsa ihn verbessern konnte.

Kapitel 9

Der Leuchtturm

Am Abend war es kühler geworden. Vom Bach herauf kam der Geruch nach nassem Gras, der jeden Abend ein wenig früher kam als am Abend davor, wie ein Gast, der merkt, dass man ihn nicht mehr wegschickt.

Brann blieb vor dem Tor stehen. Das Wasser vom Waschen lief ihm noch aus den Haaren in den Kragen, und um die rechte Hand hatte er einen Streifen Stoff gewickelt, den er aus dem Saum seines Hemdes gerissen hatte. Das Ende hatte er in den Ärmel gestopft.

Hinter dem Tor hörte er Mattis Stimme, hell und beleidigt: Er habe gesagt, heute Abend. Elsa fand, es sei Abend, und Matti sagte „Eben“, als wäre damit alles bewiesen.

Nach einer Pause kam wieder Matti, leiser, als hätte er sich jemand anderem zugewandt: „Weißt du, wo Brann ist?“ Eine Antwort hörte er erst nach einer Weile, ein kurzes „Nein“, und er kannte die Stimme, bevor er sie zuordnete. Dann Elsa, vergnügt: „Vielleicht hat er verloren.“

„Hat er nicht!“

„Dann kommt er wohl.“ Das war wieder Liva, ohne Nachdruck. Brann stand noch einen Atemzug lang da, die Hand am Holz, dann drückte er das Tor auf, und es knarrte, wie es immer knarrte.

Vor der Küche standen zwei Bänke und ein niedriger Hocker, den Matti für sich beansprucht hatte, und Elsa saß auf der Mauer, die Knie angezogen. Hanne war nicht da. Aus dem Stall kam Jorens Stimme, dann fiel dort eine Tür ins Schloss, und eine Kuh beschwerte sich darüber, lange und ohne Hoffnung.

Liva saß am anderen Ende der Bank, einen kleinen Korb auf dem Schoß, und drückte Bohnen aus den Schoten. Sie hatte die Ärmel heruntergerollt, obwohl es noch nicht kalt war.

Matti sprang vom Hocker. „Siehst du!“, rief er zu Elsa, als hätte er Brann selbst herbeigeholt.

Brann setzte sich nicht auf die Bank. Er ließ sich vor der Mauer auf den Boden sinken, mit dem Rücken an die Steine, unter Elsas baumelnden Füßen, deren Fersen ab und zu neben seinem Ohr gegen die Mauer schlugen.

Als Matti wissen wollte, wer gewonnen habe, sah Brann zu Elsa hinauf. „Sie. Dreiundvierzig. Ich hatte einunddreißig.“ Elsa fragte misstrauisch, ob er etwa gezählt habe, und er sagte: „Du auch.“

Matti sah aus, als hätte man ihn betrogen, und fragte nach sich selbst. „Du hattest die größte“, sagte Brann, und Matti überlegte, ob das zählte, und entschied, dass es zählte.

Brann legte den Kopf gegen die Mauer zurück. Über ihm wurde der Himmel langsam farblos, und aus dem Küchenfenster fiel ein gelbes Viereck auf das Pflaster, in dem Mattis Schatten zappelte.

„Also. Elsa sucht aus.“

Elsa ließ die Beine baumeln und dachte nach. Sie ließ sich Zeit.

„Eine, in der du gewinnst“, sagte sie.

Brann antwortete nicht gleich. Er spürte, dass Elsa zu ihm heruntersah und Matti auch. Am Ende der Bank hörte das leise Knacken der Schoten auf, einen Augenblick lang, und setzte dann wieder ein.

In seinen Geschichten war er ausgerutscht, war in ein Heringsfass gefallen, hatte sein Hemd an eine Ziege verloren. Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder, und etwas daran war so lächerlich, dass er beinahe gelacht hätte.

Hanne kam durch die Küchentür, wischte sich die Hände an der Schürze ab und blieb hinter Mattis Hocker stehen. Sie fragte, ob sie etwas verpasst habe, und Matti erklärte, Elsa suche aus, was Hanne nicht weiterhalf.

Elsa antwortete, ohne Brann aus den Augen zu lassen. „Eine Geschichte, in der er gewinnt.“

„Das sollte ja nicht schwer sein“, sagte Hanne und lächelte.

Brann sah zu ihr hinauf. Sie nickte ihm zu. Dann sah er wieder zu Elsa, zog ein Knie an und legte den verbundenen Arm darauf.

„Gut“, sagte er. „Eine, in der ich gewinne.“ Er wartete, bis Matti still saß, was eine Weile dauerte und Elsas Ferse gegen Mattis Hocker kostete.

„Am Hafen der weißen Stadt steht ein Leuchtturm. Dreihundert Stufen bis oben. Jedes Jahr im Sommer rennen die Jungen der Stadt um die Wette hinauf. Wer zuerst die Glocke oben schlägt, hat gewonnen.“

„Und du warst der Schnellste“, sagte Hanne.

„Nein. Die anderen waren schneller. Sie sind losgerannt, zwei Stufen auf einmal. Ich auch, am Anfang.“

Matti beugte sich vor, bis der Hocker unter ihm kippelte.

„Bei hundert Stufen hatte ich keine Luft mehr. Bei hundertfünfzig saßen die anderen schon auf der Treppe und keuchten wie Hunde.“

„Und du?“, fragte Elsa.

„Ich bin gegangen.“ Er hob drei Finger der gesunden Hand. „Drei Stufen. Dann stehen bleiben. Drei Stufen. Stehen bleiben.“

Er sah dabei Elsa an, nur Elsa, und hielt die drei Finger hoch, bis sie nickte, als hätte sie es sich gemerkt.

„Sie haben gelacht, als ich an ihnen vorbeiging. Ganz langsam. Und dann haben sie aufgehört zu lachen.“

„Und dann?“ – „Dann hab ich die Glocke geschlagen.“

Matti wartete. „Und dann?“

„Nichts dann. Das war’s. Ich hab gewonnen.“

Hanne verzog den Mund. „Das ist alles? Treppensteigen?“

Brann lächelte zu ihr hinauf, aber nur kurz, und das Lächeln ging, bevor es ganz angekommen war. „Elsa wollte eine, in der ich gewinne. Nicht eine, in der ich gut aussehe.“

Für einen Moment sagte niemand etwas. Irgendwo hinter der Scheune schrie ein Käuzchen, zu früh für die Stunde, und im gelben Viereck auf dem Pflaster hielt Mattis Schatten still.

Dann grinste Elsa. „Die war besser.“

Matti sah sie empört an und wollte wissen, ob etwa besser als die Ziege, und als Elsa ja sagte, rief er „Niemals“ so laut, dass in der Küche jemand mit dem Geschirr innehielt.

Hanne schnaubte und verschränkte die Arme. Brann sah nicht zu ihr hinauf, um nachzusehen, ob sie lachte, sondern behielt die Mauer im Rücken und Elsas Fersen neben dem Ohr.

Joren kam aus dem Stall und blieb an der Hausecke stehen, eine Laterne in der Hand, die er noch nicht angezündet hatte. „Was ist besser als die Ziege?“

„Eine Treppe“, sagte Matti düster, und Joren sah in die Runde. „Klingt langweilig.“

Elsa schüttelte sofort den Kopf. „War es nicht.“

Liva legte die Bohnen in den Korb.

„Nein“, sagte sie.

Nur das. Sie sah dabei nicht auf, und Joren hob die Brauen und ging mit seiner Laterne weiter zur Küche, wo das Licht ihn verschluckte.

Brann saß an der Mauer, den Arm auf dem Knie, und unter dem Stoff pochte die Hand im Takt seines Herzens. Er ließ sie pochen. Über dem Scheunendach kam der erste Stern heraus, und er sah ihn an, bis Matti ihn am Ärmel zog und wissen wollte, wie hoch dreihundert Stufen seien, höher als die Scheune oder höher als der Kirchturm.

Kapitel 10

Die Hand

Am nächsten Morgen war der Hof schon laut, als Brann aus dem Haus kam. Die Sonne stand noch tief hinter dem Stall, sodass sein Dach einen langen, blauen Schatten über das Pflaster warf, und darin war der Tau grau und dicht wie Mehl.

Joren stand am Wagen und zog einen Strick fest, und der Wagen ächzte bei jedem Zug, als hätte er eine Meinung dazu.

Matti trug einen Eimer, der für ihn zu voll war, quer über den Hof, bei jedem Schritt schwappte Wasser auf seine Füße, und Elsa lief hinter ihm her und sagte ihm in dem Ton ihrer Mutter, er solle langsamer gehen, was ihn schneller machte.

Brann hatte die Hand in der Nacht nicht gespürt, solange er still lag. Beim Anziehen hatte er sie gespürt, bei jedem Knopf, und er war mit dem Hemd länger beschäftigt gewesen als mit dem Wachwerden.

Hanne saß am Brunnenrand. Neben ihr lagen ein sauberes Tuch, eine kleine Schale mit Wasser und ein Streifen Leinen, ordentlich gefaltet, in einer Reihe nebeneinander, und auf dem Wasser in der Schale schwamm schon ein Blatt vom Nussbaum, das eine Weile Zeit gehabt haben musste, hineinzufallen.

Als sie ihn sah, stand sie auf. „Komm her.“

Es klang nicht laut und nicht neckend, und sie deutete auf seine Hand. „Das mach ich neu.“

Ihre Mutter war in der Küche, die Tür stand offen, und von drinnen kam der Geruch nach Brot, warm und an den Rändern ein wenig verbrannt.

Unter dem Vordach stand Liva am Tisch und schnitt welke Blätter von einem Bund Kräuter. Sie sah einmal herüber und arbeitete weiter.

Hanne fischte das Nussblatt aus der Schale, nahm das Tuch und wrang es aus, und das Wasser plätscherte zurück in die Schale. „Du hast das gestern selbst gemacht, oder?“ Sie wartete nicht auf eine Antwort. „Sieht auch so aus.“

Diesmal lächelte sie nicht dazu, und auch die kleine Bewegung im Mundwinkel, die bei ihr sonst jedem Satz vorausging, blieb aus.

Brann setzte sich neben sie auf den Brunnenrand. Die Steine waren kalt und feucht vom Morgen. Er hielt ihr die Hand hin, als reichte er ihr etwas, das ihm nicht gehörte.

„Ich hatte nur eine Hand frei“, sagte er und lächelte.

Hanne lachte nicht.

Er wartete auf das Lachen, eine Spur zu lange, und es kam nicht, und das Lächeln stand noch eine Weile auf seinem Gesicht, ohne dass jemand es brauchte. Hanne hatte den Kopf schon über seine Hand gesenkt.

Sie wickelte den Stoff ab, Lage um Lage, und jede Lage war etwas dunkler als die vorige. Die letzte klebte. Er sah ihre Finger einen Augenblick am Rand des Stoffes verharren, dann zog sie ihn mit einem Ruck ab.

Darunter war die Handfläche rot und offen, drei Blasen, aufgeplatzt, die Haut an den Rändern weiß und aufgeweicht, und an einer Stelle hatte sich Erde vom Feld in die Wunde gesetzt, ein dunkler Krümel, der aussah, als gehörte er dorthin.

Hanne sah sie eine Weile an. Brann sah über den Hof zum Wagen, wo Joren am Strick zog, den Knoten prüfte und ihn noch einmal löste.

Dann legte Hanne das nasse Tuch auf die Wunde. Es war Brunnenwasser, kalt und weich, und es brannte trotzdem, ein heller, sauberer Schmerz, der bis in den Ellbogen lief.

Salzwasser wäre besser gewesen. Er dachte es, ohne zu wissen, woher der Gedanke kam, und dann war er wieder weg, wie ein Geruch, den der Wind kurz herüberträgt.

Er zuckte nicht und sah weiter zum Wagen. Nur seine linke Hand, die auf dem Knie lag, schloss sich langsam um den Stoff seiner Hose und hielt ihn fest.

Unter dem Vordach schnitt ein Messer durch Kräuterstängel, gleichmäßig, ein trockenes, leises Knirschen in immer demselben Abstand.

Dann setzte es aus.

Brann hörte die Stille unter dem Vordach deutlicher als das Geräusch vorher. Er drehte den Kopf nicht, sondern sah auf Jorens Hände am Strick und zählte, ohne es zu wollen, und bei vier setzte das Messer wieder ein, im selben Abstand wie vorher, als wäre nichts gewesen.

Hanne hielt das Tuch noch einen Moment auf seiner Hand. „Du hättest gestern aufhören sollen.“

Sie sagte es leise, nicht wie einen Vorwurf, eher wie man sagt, dass es in der Nacht geregnet hat. Dann nahm sie das Tuch weg und griff nach dem Leinen. „Heute arbeitest du damit nicht.“

Joren kam vom Wagen herüber, die Daumen im Gürtel, blieb vor ihnen stehen und sah auf die offene Hand, länger, als Brann lieb war. „Dann nimmst du heute die leichten Sachen.“

Hanne hob den Kopf. „Gar nichts Schweres.“

Joren sah sie an, und eine Weile sagte keiner etwas, und Brann saß zwischen den beiden wie ein Sack, über dessen Gewicht verhandelt wurde. Dann nickte Joren. „Gar nichts Schweres.“

Er ging zurück zum Wagen. Hanne beugte sich wieder über die Hand, und Brann sah ihr zu, weil es auf dem ganzen Hof nichts anderes anzusehen gab, das ihn nicht ansah.

Sie legte das Leinen einmal um die Handfläche, einmal um das Gelenk und dann wieder zurück, und sie zog nicht zu fest. Ihre Finger waren rau von der Wäsche und vom Feld, und sie arbeitete so, wie sie Laken faltete, Kante auf Kante, ohne Eile, und zum Schluss steckte sie das Ende sauber unter die letzte Lage und strich mit dem Daumen darüber.

Er drehte die Hand, als müsste er sich erst daran gewöhnen, dass sie wieder ihm gehörte. Dann sah er Hanne an, nicht über sie hinweg und nicht an ihr vorbei zum Zaun oder zum Tor, sondern ins Gesicht, in dem neben der Nase eine Sommersprosse saß, die er nie bemerkt hatte, und zwischen den Brauen eine kleine Falte, die vom Hinsehen kam.

„Danke“, sagte er, und kein Lächeln kam dazu.

Hanne hielt seinem Blick stand, einen Moment, dann sah sie auf die verbundene Hand. „Gern.“

Sie nahm die Schale und das nasse Tuch vom Brunnenrand. „Und wenn du sie heute wieder aufreißt, verbinde ich sie nicht noch mal.“

Jetzt lächelte sie ein wenig, nicht spöttisch, und ging mit der Schale zur Küche, vorsichtig, damit nichts überschwappte, und das Wasser darin war rötlich und trüb.

Unter dem Vordach hatte Liva das Messer hingelegt. Sie band die geschnittenen Kräuter mit einem Stück Schnur zusammen und sah dabei nicht herüber.

Joren schickte ihn auf den Kräuterboden über der Scheune, mit einer Kopfbewegung und ohne ein weiteres Wort.

Oben war es wärmer als im Hof. Zwischen den Balken hing der Geruch von den Kräutern, die in kleinen Bündeln an quer gespannten Schnüren hingen, Thymian und Minze und etwas Bitteres, dessen Namen er nicht kannte, und durch die Ritzen im Dach fiel das Licht in schmalen Streifen auf den Boden, wo der Staub so fein lag, dass man die Spuren von Mäusen darin lesen konnte.

Von unten drangen Stimmen herauf, gedämpft und undeutlich, als redete man unter Wasser.

Sonst war es ruhig, bis auf eine Fliege, die immer wieder gegen dieselbe Ritze flog.

Liva stand auf einer niedrigen Kiste und band ein Bündel an die Schnur. Als sein Kopf über der Leiter auftauchte, sah sie kurz zu ihm, auf die verbundene Hand und dann wieder zu den Kräutern. „Joren hat dich abgeschoben.“

Sie stieg von der Kiste. An der Wand standen zwei Körbe, einer voll mit frischen Kräutern, einer leer, und daneben lagen schon zwei kleine Häufchen auf dem Boden, säuberlich getrennt, ein langes und ein kurzes, als hätte jemand den Anfang gemacht und dann aufgehört. Sie schob den vollen Korb mit dem Fuß ein Stück zu ihm hin.

„Du kannst sortieren.“ Sie tippte mit der Schuhspitze auf das eine Häufchen. „Die langen hier.“ Dann auf das andere. „Die kurzen da.“

Ihr Blick ging auf seine rechte Hand. „Dafür brauchst du nur die linke.“

Brann sah auf die beiden Häufchen und dann auf Liva, und er sagte nichts.

Er setzte sich neben den Korb, mit dem Rücken an einen Balken, und sortierte mit der linken Hand, schnell und ohne hinzusehen, lang, kurz, kurz, lang, und die Stängel fielen auf die beiden Haufen, als hätte er nie etwas anderes getan.

Der Korb war leer, bevor Liva das nächste Bündel aufgehängt hatte. Er saß eine Weile da und sah ihr zu, wie sie die Stängel ausrichtete, die Schnur zweimal herumlegte und den Knoten mit einem kurzen Zug festmachte, und unter dem Leinen pochte die Hand im Takt von etwas, das nicht zur Arbeit gehörte.

Dann zog er ein Stück Schnur aus dem Knäuel neben der Kiste, nahm eine Handvoll der langen Stängel und legte die Schnur darum.

Das eine Ende nahm er zwischen die Zähne, es schmeckte nach Staub und nach Minze, und das andere zog er mit der linken Hand herum, einmal, zweimal, und dann durch die Schlaufe.

Er zog fest, und der Knoten saß schief, aber er saß. Er nahm das Ende aus dem Mund und hob das Bündel ein Stück, als wollte er es ihr zeigen, ließ die Hand dann aber sinken und legte es zu den anderen auf den Boden.

Liva sah das Bündel an und dann den schiefen Knoten. Sie nahm es hoch, schüttelte es einmal, um zu prüfen, ob es hielt, und legte es auf die Kiste. „Geht.“

Sie band die nächsten Stängel selbst zusammen, reichte ihm danach wortlos das Schnurende und stieg auf die Kiste, um ihr eigenes Bündel aufzuhängen.

Brann nahm das Schnurende. Diesmal ging es schneller, und der Knoten saß gerader, und beim dritten schnitt er sich die Schnur selbst ab, mit dem Messer, das auf der Kiste lag, ohne zu fragen. Bei jedem Bündel zählte er leise mit, ohne die Lippen zu bewegen, das dritte, das vierte, das fünfte.

Durch eine Ritze im Dach wanderte das Licht langsam über die Balken, und der Staub drehte sich darin, als hätte er alle Zeit der Welt und nichts damit vor.

Auf der Kiste lagen inzwischen sieben Bündel, und das letzte war das geradeste. Liva stieg herunter, nahm es auf und drehte es einmal in der Hand, so wie man auf dem Markt eine Rübe dreht, bevor man den Preis hört. „Das hält.“

Sie zog den vollen Korb näher, setzte sich auf die andere Seite davon und richtete die nächsten Stängel aus. Eine Weile arbeiteten sie so, er band, sie hängte auf, und keiner sagte etwas, und das Schweigen war nicht von der Art, die man füllen musste, eher von der Art, die man sich einteilt.

Liva zog ein Bündel an der Schnur zurecht und sah dabei nicht zu ihm, nur auf den Knoten. „Wenn du so weitermachst, hat Joren dich morgen wieder hier oben.“

Unten im Hof rief Hanne nach Matti, hell und deutlich durch die Luke. Brann sah nicht zur Luke, sondern legte die Schnur um die nächsten Stängel. „Dann mach ich den nächsten schief“, sagte er.

Er nahm das Ende zwischen die Zähne, zog es herum, durch die Schlaufe und fest, und legte das Bündel auf die Kiste, genau vor Liva. Der Knoten saß gerade, so gerade wie keiner zuvor.

Er griff schon nach den nächsten Stängeln. Er spürte, dass sie auf den Knoten sah und dann zu ihm, und diesmal blieb ihr Blick länger, als er es von ihr kannte.

„Zu spät.“

Sie nahm das Bündel und stieg auf die Kiste, und oben rückte sie zwei ältere Bündel auseinander, und ein Hauch von getrocknetem Thymian rieselte herunter. Als sie herunterstieg, ging sie nicht auf ihre Seite des Korbs zurück, sondern blieb auf der Kiste sitzen, dicht neben ihm, und zog die nächsten Stängel zu sich heran.

„Gib her.“ Es klang nicht fordernd, nur selbstverständlich, und sie hielt die Hand auf.

Brann band das nächste Bündel. Er zog den Knoten fest, nahm die Schnur aus dem Mund und legte es ihr in die offene Hand, und ihre Finger schlossen sich darum, bevor er seine weggezogen hatte.

Dann griff er nach den nächsten Stängeln. Durch die Ritze im Dach war das Licht inzwischen bis zur Wand gewandert.

Kapitel 11

Zwei Wochen

Am späten Nachmittag lag das Licht schräg über dem Hof und hatte die Farbe von altem Stroh. Es legte sich gelb auf die Bretterwand der Scheune, und der Staub, den Matti vorhin beim Fegen mehr verteilt als weggekehrt hatte, hing darin in kleinen, trägen Wolken, als hätte er beschlossen, sich nicht mehr zu setzen.

An der Wand standen die Säcke in einer langen Reihe, prall und trocken diesmal, einer an den anderen gelehnt wie Männer nach einem langen Tag, die nur noch aufrecht bleiben, weil der Nachbar es auch tut.

Es roch nach Jute und nach dem Mehlstaub, der aus den Nähten kam, und von der Weide wehte der schwere, warme Geruch der Kühe herüber, die schon am Gatter standen und darauf warteten, dass jemand an sie dachte.

Joren ging die Reihe entlang und zählte, ohne einen Laut. Bei jedem dritten Sack legte er die flache Hand auf das Gewebe, als prüfte er, ob darin noch etwas atmete, und seine Lippen bewegten sich dabei ein wenig.

Brann saß auf der niedrigen Mauer beim Wagen.

Den rechten Stiefel hatte er ausgezogen und hielt ihn auf dem Knie, und mit dem Daumennagel der linken Hand schälte er die getrocknete Erde von der Sohle, Stück für Stück, in hellen Krümeln, die auf das Pflaster fielen. Es war eine Arbeit, die man beliebig in die Länge ziehen konnte, und er hatte sie schon zweimal verlängert.

Über dem Scheunendach kreisten die Schwalben, tief und schnell, mit diesem dünnen Schreien, das klang, als zögen sie Fäden durch die Luft.

Unter dem Wagen scharrten die Hühner im Schatten nach etwas, das es dort längst nicht mehr gab.

Die Tür des Vorratsschuppens knarrte in der Angel. Liva kam heraus, einen leeren Korb unter dem Arm, und ging über den Hof zum Haus, auf dem kürzesten Weg, schräg durch das Licht, sodass ihr Schatten eine Weile neben ihr über die Säcke lief.

Vor dem letzten Sack blieb Joren stehen und klopfte zweimal mit den Knöcheln dagegen, wie man an eine Tür klopft, hinter der man niemanden erwartet. „Noch knapp zwei Wochen.“

Er sagte es mehr zu den Säcken als zu jemandem, dann drehte er sich um und wischte sich die Hände an der Hose ab. „Danach sind wir durch.“

Brann sah auf. Joren hatte die Arme verschränkt, und hinter ihm stand die Sonne so tief über dem Scheunendach, dass sein Gesicht ganz im Schatten lag und nur die Ränder seiner Ohren hell leuchteten, rot und durchscheinend wie Kirschhaut.

„Was machst du dann?“

Auf dem Pflaster hinter Joren hörten Livas Schritte auf.

Sie wurden erst langsamer, das Klappen der Sohlen weiter auseinander, und dann kam eine Weile kein nächster.

Brann sah nicht hin. Er kratzte noch ein Stück Erde von der Stiefelkante, ein hartnäckiges, das sich in der Naht festgesetzt hatte, und ließ sich Zeit damit, und erst als es abgesprungen war, sah er zu Joren hinauf und lächelte.

„Fragst du, weil du es wissen willst“, sagte er, „oder weil ich gehen soll?“

Er sagte es leicht, als ginge es um das Wetter oder um den Preis von Hafer. Den Stiefel stellte er dabei nicht ab, sondern behielt ihn auf dem Knie, den Daumen an der Sohle, als gäbe es dort noch etwas zu tun, das keinen Aufschub duldete.

Joren sah ihn an, ohne die Arme herunterzunehmen. „Weil ich wissen will, ob ich nach jemandem suchen muss.“

Es lag keine Schärfe darin, nur die Antwort.

Er wies mit dem Kinn auf die Reihe an der Wand. „Nach dem Fest ist weniger zu tun. Aber nicht nichts.“

Hinter ihm setzten die Schritte wieder ein, langsamer als vorher, und einmal schlug der leere Korb mit einem hohlen Ton gegen ihre Hüfte. Joren sah kurz über die Schulter und dann wieder zu Brann, und eine Schwalbe schoss so dicht an der Scheunenwand entlang, dass ihr Schatten über sein Gesicht huschte.

„Wenn du weiterwillst, ist das deine Sache.“ Er schob die Hände in die Hosentaschen, wo sie sich ausbeulten wie zwei Steine. „Wenn nicht, sag’s mir vorher.“

Brann antwortete nicht gleich. Er sah an Joren vorbei über den Hof, über die Pfützen, die keine mehr waren, nur noch dunkle Ränder im Pflaster, über die Hühner und den Brunnen mit dem Eimer, der am Haken pendelte, obwohl kein Wind ging.

Liva ging auf das Haus zu, den Korb unter dem Arm, ihr Schatten lang vor ihr her, bis er die Schwelle erreichte, bevor sie es tat. Sie drehte sich nicht um, und an der Tür blieb sie nicht stehen. Die Tür ging auf, der Schatten glitt in das Dunkel dahinter, als hätte das Haus ihn eingeatmet, und Liva ging ihm nach.

Dann fiel die Tür zu, mit dem dumpfen Laut, den sie immer machte, weil sie verzogen war und man sie ziehen musste.

Erst jetzt stellte Brann den Stiefel ab, aufrecht neben die Mauer, die Spitze zum Hof. Er sah Joren an, und das Lächeln war nicht mehr da, er spürte es an der Stelle, wo es gewesen war, wie man eine Mütze spürt, die einem der Wind genommen hat.

„Ich weiß es nicht.“

Er sagte es leise. Es klang nicht wie eine Ausrede, eher wie etwas, das er selbst eben zum ersten Mal hörte und in seiner eigenen Stimme noch nicht wiedererkannte.

Joren nickte einmal, nicht enttäuscht und nicht zufrieden, so wie er nickte, wenn ein Sack das Gewicht hatte, das er erwartet hatte. „Gut.“ Er wandte sich wieder den Säcken zu. „Dann weiß ich wenigstens, was du weißt.“

Er ging die Reihe zurück und blieb beim zweiten Sack stehen, um mit dem Daumen die Naht entlangzufahren, dort, wo der Faden dünn geworden war.

Aus dem Haus kam kein Geräusch, kein Topf, keine Stimme, nicht einmal das Knarren der Treppe, und Branns Stiefel stand noch neben der Mauer.

Kapitel 12

Der Bach

Ein paar Tage später, am späten Vormittag, schickte Hannes Mutter sie zum Bach hinter den Weiden. Zwei Eimer und ein Joch, nichts Besonderes, sagte sie, die Hände bis zu den Gelenken im Teig, und sie sah dabei nicht auf, weil man bei Teig nicht aufsieht.

Hanne nahm die Eimer, in jeder Hand einen, und ließ sie beim Gehen gegen die Knie schlagen. Brann trug den leeren Jochstab über der linken Schulter, die rechte Hand hing an seiner Seite, und der Verband war schon wieder grau an den Kanten, obwohl er sich vorgenommen hatte, ihn sauber zu halten.

Der Weg war schmal und trocken, und der Staub legte sich bei jedem Schritt fein auf die Stiefel, bis sie die Farbe des Weges hatten. Rechts lagen die abgeernteten Felder, kurze gelbe Stoppeln, und links zog sich die Hecke bis zum Bach hinunter, voller Hagebutten, die so rot waren, dass sie lackiert aussahen.

Eine Weile sagte Hanne nichts.

Das war ungewöhnlich genug, dass Brann es merkte, denn Hanne hatte auf jedem Weg, den er mit ihr gegangen war, etwas gefunden, eine Kuh, eine Nachbarin, einen Streit vom Vortag. Jetzt hörte er nur die Grillen in den Stoppeln und ihren Atem, der schneller ging, als es der Weg verlangte.

Unten wurde es kühler, so plötzlich, als ginge man in einen Keller.

Unter den Weiden roch es nach nassem Stein, und der Bach war flach genug, dass man jeden Kiesel auf dem Grund erkennen konnte, braun und weiß und einer rot wie ein Ziegel.

Hanne stellte die Eimer ab und kniete sich ans Ufer. Sie füllte erst den einen, dann den anderen, tauchte sie schräg ein, damit kein Sand mitkam, und das Wasser lief ihr über die Handgelenke und dunkelte die Ärmel bis zum Ellbogen.

Erst als beide voll waren, setzte sie sich auf den großen Stein am Ufer, der oben so glatt war, als hätten schon viele Sommer lang Kinder darauf gesessen und die Füße ins Wasser gehängt, und strich sich die Hände an der Schürze ab, länger, als es nötig war.

„Brann.“ Sie sah nicht zu ihm, sondern auf ihre Schürze, auf die nassen Abdrücke ihrer Finger im Stoff. „Gehst du mit mir zum Erntefest?“

Es kam keine Erklärung dahinter und kein Lachen davor, nur die Frage, die über dem Wasser stehen blieb.

Brann ließ den Jochstab von der Schulter gleiten und lehnte ihn an einen Weidenstamm. Er ließ die Hand einen Augenblick auf der Rinde liegen, bevor er sie wegnahm und auf den Bach sah.

An einer Stelle, wo zwei größere Steine dicht beieinanderlagen, hatte sich ein Blatt verfangen, ein gelbes Weidenblatt, schmal wie ein Fischchen, und die Strömung drückte es gegen den einen Stein, und es drehte sich, einmal, noch einmal, ohne loszukommen und ohne unterzugehen.

Er sah zu, wie es sich drehte. Ein Wasserläufer stakste daneben über die Oberfläche, auf Beinen, die die Haut des Wassers einbeulten, ohne sie zu durchstoßen, und verschwand im Schatten des Ufers.

„Ja“, sagte er.

Dann sah er zu Hanne hinüber. Sie saß noch immer auf dem Stein und sah auf ihre Hände, die jetzt still in ihrem Schoß lagen, die Finger ineinander. Er lächelte nicht, und er sagte auch nichts mehr dazu.

Hanne hob den Kopf. Einen Augenblick lang sah sie ihn einfach an, und dann lächelte sie, nicht breit. „Gut.“

Sie stand auf und griff nach einem der Eimer, und nach zwei Schritten blieb sie noch einmal stehen, den Eimer gegen das Bein gestützt. „Dann sag ich meiner Mutter, dass ich nicht mit ihr hingehe.“

Brann sah sie an, und Hanne hob eine Schulter. „Sonst plant sie wieder alles.“ Sie bückte sich nach dem zweiten Eimer. „Und Liva geht sowieso nie mit jemandem.“

Diesmal sah sie zu ihm hinüber, nur kurz. „Zum Fest, meine ich.“

Dann ging sie den Weg hinauf, die Eimer an den gestreckten Armen, und das Wasser schwappte über die Ränder und machte dunkle Flecken in den Staub, rund und mit ausgefransten Kanten wie Münzen, die jemand zu lange in der Hand gehabt hat.

Brann nahm den Jochstab vom Weidenstamm. „Warum nicht?“

Er hörte es, bevor er wusste, dass er es sagen würde.

Er stand noch am Ufer, den Stab in der linken Hand, und die Frage ging über das Wasser, und unter ihm drehte sich das Blatt weiter gegen den Stein, und es war zu spät, sie zurückzuholen.

Er folgte ihr. Die Eimer trug sie, und er bot nicht an, einen zu nehmen, obwohl der Stab auf seiner Schulter genau dafür gemacht war.

Hanne ging noch ein paar Schritte, dann sah sie über die Schulter. „Weil sie keine Lust darauf hat.“

Brann holte auf und ging neben ihr her, und Hanne verlagerte den Griff am Eimer, weil der dünne Henkel ihr in die Finger schnitt und rote Striemen hinterließ.

„Letztes Jahr hat sie sich den ganzen Abend hinter der Scheune versteckt und mit Tilos kleiner Schwester Karten gespielt.“ Ein paar Schritte lang waren nur der Staub und die Grillen da, und eine Lerche, die irgendwo über den Stoppeln stand und nicht aufhören wollte. „Vorletztes Jahr war sie gar nicht da.“

Sie sah wieder nach vorn, den Weg hinauf, wo zwischen den Stoppeln schon das Scheunendach auftauchte, grau und schief, mit dem Storchennest auf dem First, grau wie die Ziegel, als hätte schon lange kein Storch mehr darin gewohnt.

„Sie mag’s nicht, wenn alle so tun, als müssten sie plötzlich jemand anderes sein, nur weil Musik spielt.“

Kapitel 13

Der Fuhrmann

Am Nachmittag, als die Hitze schon über den Dächern stand, rollte ein Wagen auf den Hof.

Brann hörte die Stimme, bevor er den Mann sah. Sie kam von hinter der Scheune, zusammen mit dem Knirschen schwerer Räder auf dem Kies und dem Schnauben eines Pferdes, das für heute genug hatte.

„Langsam, langsam. Der linke Verschluss hängt immer noch.“

Der Tonfall war nicht wie hier. Die Vokale waren breiter, als hätte man ihnen mehr Platz gelassen, und manche Endungen fielen einfach weg.

Man hörte darin eine Gegend, in der die Leute laut redeten, weil immer irgendwo Wasser rauschte oder ein Markt war, und Brann brauchte nicht lange, um zu wissen, welche Gegend das war: Süden.

Dann kam der Wagen um die Ecke, hoch beladen mit Säcken, Fässern und zwei zusammengerollten Teppichen, die über die Ladefläche hinausragten und bei jedem Stein nickten, als stimmten sie allem zu.

Das Pferd war ein grauer Wallach mit Schweißflecken an der Brust und einem Blick, der nichts mehr erwartete. Auf dem Bock saß ein Mann um die vierzig, das Gesicht von der Sonne verbrannt bis in die Falten hinein, ein graues Tuch um den Hals, das einmal eine andere Farbe gehabt hatte.

Joren ging ihm über den Hof entgegen und wischte sich dabei die Hände an der Hose ab, was nichts half, weil die Hose schmutziger war als die Hände. „Nerek“, sagte er, und der andere sagte „Joren“, und sie schlugen die Hände ineinander.

Der Fuhrmann sprang vom Bock, landete schwerer, als er gewollt hatte, und streckte den Rücken durch, bis es knackte.

Dann zählte er auf, was er dabeihatte, Salz, Lampenöl, zwei Ballen Leinen, wenn Jorens Frau noch welche brauche, und als Joren „Meine Schwester“ sagte, winkte er ab, als sei das eine Kleinigkeit, die man ihm nicht jedes Jahr von Neuem vorhalten müsse. „Sag ich doch.“

Joren schnaubte, Nerek lachte und machte sich an den Riemen zu schaffen, die die Ladung hielten. Er roch nach Pferd und nach Staub und nach etwas Drittem, das nicht vom Hof kam und für das Brann so schnell keinen Namen fand.

Ob er über Nacht bleibe, wollte Joren wissen, und Nerek sagte „Zwei“, zerrte an einem Knoten und fügte hinzu, dann gehe es weiter nach Süden.

Joren nahm ihm den ersten Sack ab. „Zur Küste?“

„Bis runter zur weißen Stadt, wenn mir vorher kein Rad bricht.“ Er fluchte leise über den Knoten, der nicht nachgab, und redete dabei weiter, als gehörten Fluchen und Erzählen zu derselben Bewegung. „Ich fahr am Morgen nach eurem Erntefest los. Noch vor Sonnenaufgang. Dann bin ich vor dem ersten Herbstregen über den Pass.“

Er sah sich auf dem Hof um, über die Scheune, den Brunnen, den leeren Karren, mit dem Blick eines Mannes, der jedes Jahr dieselben Höfe sieht und trotzdem nachzählt, ob noch alles da ist. „Falls jemand mitwill: Hinten ist Platz. Solange er nicht mehr Gepäck hat als Verstand.“

Joren lachte, und Nerek lachte nach einem letzten Ruck auch, weil der Knoten endlich aufging, und für einen Augenblick klang es, als hätten sie beide über dasselbe gelacht.

Brann saß auf der Deichsel des leeren Karrens neben der Scheune. Er hatte dort gesessen, als der Wagen kam, und er war sitzen geblieben, auch als Joren hinüberging und dem Fuhrmann die Hand gab.

Mit den Fingern der linken Hand hatte er die ganze Zeit an einem losen Faden seines Verbands gezupft, der sich nicht abreißen ließ und auch nicht kürzer wurde. Bei dem Wort Küste hatte er damit aufgehört.

Jetzt stand er auf und kam langsam näher, mit dem Gang von jemandem, der nichts Besseres zu tun hat, und das war auf einem Hof am Nachmittag kein ganz glaubwürdiger Gang. Neben dem Wagen blieb er stehen und betrachtete die Teppiche, das verblichene Rot darin, die ausgefransten Enden, an denen Stroh hing.

„Zwei Nächte“, sagte er. „Und dann erst nach dem Fest?“

Er sprach langsam, die Vokale schmal und sorgfältig, so wie man hier sprach, und Nerek sah ihn über den Sack hinweg an, den er gerade von der Ladefläche zog.

Brann griff mit der linken Hand nach dem nächsten Sack, als wollte er helfen, sah dann, dass Joren herübersah, und ließ es. Er legte die Hand nur auf das Jutegewebe, das warm war von der Fahrt in der Sonne.

Nerek musterte ihn einen Moment länger, als nötig gewesen wäre, und stellte den Sack ab. Hier zwei Nächte, sagte er, danach noch drei Höfe im Tal, und zum Fest komme er zurück. „Lohnt sich eher, als allein irgendwo am Weg zu schlafen.“

Joren nahm ihm ein Fass ab und trug es zur Scheunentür, und Nerek sah wieder zu Brann. „Warum?“

Die Frage kam beiläufig, zwischen zwei Handgriffen. Dann hielt er inne, die Hand noch am Riemen, und legte den Kopf ein wenig schief, wie jemand, der einem Geräusch nachhört, das von weiter her kommt, als es sollte.

„Du bist nicht von hier.“

Diesmal war sein Dialekt stärker. Die Vokale gingen weit auf, die Endung von hier fiel fast ganz weg, und es klang nicht so, als täte er es mit Absicht, eher so, als hätte die Sprache von selbst gemerkt, mit wem sie redete. Joren war von der Scheune zurückgekommen und sah von einem zum anderen.

„Nein“, sagte Brann.

Das Wort kam breit heraus, mit offenem Vokal, so wie Nerek sprach, so wie man es am Hafen sagte, wenn man nicht weiter darüber reden wollte. Er hörte es selbst.

Einen Moment stand er da, die linke Hand noch auf dem Sack, und das Wort hing in der Luft zwischen ihnen, und er konnte es nicht mehr schmaler machen. Joren sagte nichts, aber er sah ihn an, wie man jemanden ansieht, dessen Stimme man zu kennen geglaubt hat, und Brann nahm die Hand vom Sack und steckte sie in die Tasche.

Nerek nickte langsam, ohne jede Überraschung im Gesicht, und sah ihn weiter an. „Küste?“

Brann antwortete nicht sofort.

Joren hatte den nächsten Sack auf die Schulter genommen und trug ihn zur Scheune, und Nerek zog einen kleineren Ballen nach vorn an die Kante, prüfte die Verschnürung mit dem Daumen und hob ihn an. Wenn er mitwolle, sagte er, solle er spätestens am Fest Bescheid geben. Er klemmte sich den Ballen unter den Arm. „Ich fahr vor Sonnenaufgang. Wer dann noch schläft, bleibt hier.“

Damit drehte er sich zu Joren um, der gerade aus der Scheune kam, und fragte, wohin mit dem Leinen. Joren wies auf den Vorratsschuppen, und Nerek ging los, mit dem breiten, etwas steifen Gang eines Mannes, der den ganzen Tag gesessen hat.

Brann blieb neben dem Wagen stehen. Der Wallach ließ den Kopf hängen und schlug mit dem Schweif nach den Fliegen, ohne eine zu treffen.

Auf dem Bock, über die Lehne geworfen, hing ein zusammengerollter Mantel aus grober brauner Wolle, und am Saum klebte heller Staub, fast weiß, so fein, dass er im Licht wie ein Belag aussah.

Er sah ihn eine Weile an. Dann streckte er die Hand aus und strich mit zwei Fingern über den Saum, und der Staub blieb an den Fingerspitzen hängen.

Er rieb ihn zwischen Daumen und Zeigefinger, fein, trocken, ein wenig rau, und er hinterließ auf der Haut einen matten Schimmer, wie ihn nichts auf diesem Hof hinterließ, weder das Mehl noch die Asche noch der Staub vom Feldweg.

Kalk. Von den Wänden. Er klebte an allem, was aus der Stadt kam, an Schuhen, an Säumen, an den Rädern der Wagen, und man bekam ihn nie ganz heraus, auch nicht mit Seife, auch nicht nach Wochen.

Brann sah auf seine Finger und wischte sie nicht ab.

Aus dem Schuppen kam Nereks Stimme, breit und laut, dann Jorens kürzere Antwort. Brann steckte die Hand zurück in die Tasche, Daumen und Zeigefinger noch aneinandergelegt, und ging über den Hof davon, bevor der Fuhrmann zurückkam.

Kapitel 14

Tomas

Fünf Tage vor dem Erntefest hing über dem Hof der Geruch von gekochten Äpfeln. Er kam aus der Küche, wo seit dem Morgen Gläser ausgekocht wurden, und er setzte sich in alles, in die Wäsche auf der Leine, in das Stroh, in die Haare der Leute, die über den Hof gingen, sodass man ihn bald nicht mehr roch, sondern nur noch bemerkte, wenn man für einen Augenblick aus ihm heraustrat.

Vor der Scheune standen zwei frisch gestrichene Bänke zum Trocknen, und wer vorbeikam, machte einen Bogen um sie. Irgendwo hinter dem Haus probierte Matti seit einer Viertelstunde dieselben drei Töne auf einer Flöte, immer dieselben, immer in derselben Reihenfolge, und jedes Mal hielt er nach dem dritten inne, als wartete er darauf, dass ein vierter von selbst käme.

Brann war allein im alten Geräteschuppen. Die Tür stand offen, und durch den Spalt fiel ein Streifen Licht über den gestampften Boden bis zu seinen Füßen, in dem der Staub langsam auf und ab trieb. Er saß auf einem umgedrehten Fass und hatte einen seiner Stiefel zwischen den Knien. An der Sohle löste sich vorne das Leder, ein schmaler Mund, der bei jedem Schritt aufging und Wasser hereinließ.

Auf der Werkbank lagen Ahle, Garn und ein kleines Döschen mit Pech, das nach Harz und nach alten Wintern roch. Mit der verbundenen Hand konnte er den Stiefel halten, aber nicht stechen, und so hielt er ihn eben und stach mit der linken, langsam, und traf das alte Loch nur jedes zweite Mal.

Schritte kamen über den Hof. Sie gingen an der offenen Tür vorbei, ohne langsamer zu werden, und kamen dann zurück.

Liva erschien im Türrahmen, gegen das Licht, sodass er ihr Gesicht erst sah, als er die Augen zusammenkniff. Sie hatte nichts bei sich, keinen Korb, kein Messer, keinen Eimer, und das allein war ungewöhnlich, denn er hatte sie in all den Wochen noch nie mit leeren Händen über den Hof gehen sehen.

Sie lehnte sich nicht an den Rahmen und trat auch nicht gleich ein.

„Brann.“ Sie wartete, bis er aufsah.

„Kannst du schwimmen?“

Sein Blick ging auf ihre leeren Hände, dann auf ihr Gesicht. „Ja“, sagte er, legte die Ahle auf die Werkbank und ließ den Stiefel zwischen den Knien. „Wer drei Wochen in einem Heringsfass gesessen hat, lernt das.“

Er lächelte dabei, aber nur ein wenig, nicht für sie, eher für die Geschichte vom Dach, die er damals im Hof erzählt hatte, während sie auf der Schwelle des Schuppens Bohnen zog und nicht aufsah. Dann wartete er. Er fragte nicht, warum sie das wissen wollte.

Liva sah ihn noch einen Moment an. „Gut.“ Sie trat vom Türrahmen zurück. „Komm mit.“

Er zog den Stiefel wieder an, mit der halb genähten Sohle, und ging ihr nach, hinaus in den Apfelgeruch und das helle Licht, das nach dem Schuppen in den Augen stach.

Sie ging über den Hof, am Brunnen vorbei und durch das kleine Tor hinter dem Stall, wo die Hühner im Staub lagen und nicht aufstanden, nicht in Richtung Wald diesmal, sondern über die Wiese hinunter zum alten Mühlgraben. Das Gras war schon gemäht und wieder ein wenig nachgewachsen, und es raschelte trocken an seinen Stiefeln, bei jedem Schritt an der losen Sohle ein wenig lauter.

Der Weg führte bergab, und der Apfelgeruch blieb hinter ihnen zurück, so allmählich, dass Brann erst merkte, dass er fort war, als die Luft nach etwas anderem roch. Nach ein paar Minuten wurde das Rauschen von Wasser hörbar, zuerst so leise, dass er es für Wind in den Bäumen hielt, dann deutlicher, ein gleichmäßiges Fallen irgendwo hinter einer Reihe Weiden.

Dahinter lag ein breiter, dunkler Teich, dort, wo der Bach früher das Mühlrad gespeist hatte. Das Rad war längst fort, nur ein Stück der steinernen Rinne ragte noch aus dem Ufer, bemoost und an der Kante abgebrochen, und darüber lief das Wasser in einem dünnen Schleier hinunter, der im Licht zerfaserte, bevor er unten ankam.

Es roch nach Schlamm und nach dem Grünen, das an den Steinen wuchs. Die Luft war hier kühler als oben am Hof, als hätte der Teich sie für sich behalten, und das Rauschen füllte die Stille so vollständig aus, dass man nicht hätte sagen können, ob es laut war oder leise.

Liva blieb am Wasser stehen. Auf der anderen Seite, vielleicht zwanzig Schritte entfernt, hing etwas Helles in den Zweigen einer Weide, die sich weit über den Teich beugte. Ein Stück Stoff. Es bewegte sich nicht, nur wenn der Wind in die Zweige ging, hob sich eine Ecke und fiel wieder.

Liva zeigte darauf. „Das ist meins.“

Sie zog die Schuhe aus, erst den einen, dann den anderen, und stellte sie ordentlich nebeneinander ins Gras, so wie man Schuhe vor eine Tür stellt. „Seit gestern.“

Brann sah über das Wasser zu dem hellen Stück Stoff in den Zweigen, dann auf Livas bloße Füße im Gras, die schmal waren und an den Fersen rissig von der Arbeit, dann auf das Wasser selbst, das dunkel war und nicht verriet, wie tief. Er merkte erst, dass er die verbundene Hand an die Brust genommen hatte, als er sie dort spürte, gegen das Hemd gedrückt, warm und pochend.

„Du oder ich?“, fragte er.

Er fragte es ohne Lächeln, und er machte auch keinen Schritt zum Ufer. Liva sah auf seine verbundene Hand, dann wieder zum Stoff auf der anderen Seite.

„Ich.“

Sie sagte es sofort, ohne dass er sie hätte überlegen sehen.

„Du sollst nur hierbleiben.“ Sie trat einen Schritt ins Wasser und verzog bei der Kälte kurz das Gesicht. „Falls ich mich verschätze.“

Dann noch einen. Das Wasser stand ihr jetzt bis über die Knöchel, und um ihre Füße stieg eine kleine graue Wolke aus Schlamm auf und trieb davon, und sie drehte sich nicht mehr zu ihm um.

Brann blieb, wo er war, und sah ihr zu, wie sie Schritt für Schritt ins Wasser ging, die Arme ein wenig vom Körper weg, als könnte sie sich an der Luft festhalten. Ihr Rock wurde am Saum dunkel und schwer und legte sich um ihre Waden, und bei jedem Schritt zog sie ihn ein Stück weiter mit hinein.

Ohne den Blick von ihr zu nehmen, bückte er sich und zog den linken Stiefel aus, dann den rechten, langsamer, wegen der Hand, mit der er den Absatz nur gegen den anderen Fuß drücken konnte. Er stellte sie nebeneinander ins Gras, neben ihre Schuhe, und sagte nichts dazu.

Das Wasser stand ihr jetzt bis zu den Knien. Ein Stück weiter vorn wurde es dunkler, von einem Schritt auf den nächsten, als hätte jemand eine Linie gezogen.

Brann trat bis an den Rand des Ufers, die bloßen Zehen im nassen Gras, und wartete. Das Gras war kalt, und darunter gab der Boden nach.

Liva ging noch zwei Schritte weiter. Dann fiel der Grund unter ihren Füßen ab.

Sie holte scharf Luft, so laut, dass er es bis ans Ufer hörte, fing sich und begann zu schwimmen, nicht schön und nicht schnell, aber ruhig genug, den Kopf hoch über dem Wasser. Das Wasser zog den Rock hinter ihr her. Einmal geriet sie aus dem Takt, weil der Stoff sich um ihre Knie legte, und er sah, wie ihre Schultern einen Augenblick lang tiefer gingen; sie fluchte leise, er hörte es über das Rauschen hinweg, und arbeitete sich weiter.

Auf halber Strecke blieb sie auf der Stelle, zwei Atemzüge lang, die Hände flach unter der Oberfläche.

Brann stand am Ufer und hatte das Gewicht schon auf den vorderen Fuß verlagert.

Dann schwamm sie weiter bis zur anderen Seite. Dort bekam sie einen Ast zu fassen und zog sich ins flache Wasser, und sie stand eine Weile gebückt, die Hände auf den Knien, und er sah ihren Rücken sich heben und senken. Dann richtete sie sich auf und griff nach dem hellen Stoff in der Weide. Sie musste sich strecken, und der Zweig gab ihn nicht gleich frei.

Es war kein Tuch. Es war ein Hemd.

Klein. Viel zu klein für sie.

Als sie es an den Schultern hochhielt, um es zu entwirren, hingen die Ärmel kaum über ihre Finger.

Er sah es an, und dann sah er weg, auf die Weiden, auf das Wasser, auf die abgebrochene Rinne, als hätte er etwas gesehen, das ihm nicht gehörte. Auf der Rinne saß eine Bachstelze und wippte mit dem Schwanz, und er sah ihr zu, bis sie aufflog.

Als er wieder hinübersah, stand Liva drüben im flachen Wasser und atmete. Ihr nasses Haar klebte ihr am Hals, und das Hemd hielt sie mit beiden Händen vor sich.

Brann ging am Ufer in die Hocke, ganz vorn, die bloßen Füße schon im Schlamm, der kalt zwischen seine Zehen quoll. Die verbundene Hand hielt er auf dem Knie. Er rief nicht hinüber. Er wartete, ob sie zurückschwimmen würde oder ob sie dort drüben einen anderen Weg suchte, durch die Weiden und um den Teich herum, wo das Ufer zugewachsen war und keiner ging.

Liva blieb noch einen Moment stehen. Dann faltete sie das kleine Hemd zusammen, nicht sorgfältig, nur zweimal, damit es sich leichter halten ließ, klemmte es zwischen die Zähne, ging wieder ins tiefere Wasser und stieß sich vom Ufer ab.

Der Rückweg war langsamer. Auf halber Strecke geriet sie erneut aus dem Rhythmus. Diesmal blieb sie länger liegen, mehr auf dem Rücken als schwimmend, das Gesicht zum Himmel, das Hemd noch immer zwischen den Zähnen, und Brann hörte auf zu atmen, ohne es zu merken, und merkte es erst, als er wieder atmete.

Dann drehte sie sich und schwamm weiter. Als ihre Füße Grund fanden, war er nicht vom Ufer gewichen. Liva watete die letzten Schritte durch das flache Wasser, der Rock schwer und schwarz an ihren Beinen, und nahm das Hemd aus dem Mund.

„Nicht lachen.“

Sie sagte es außer Atem und setzte sich ins Gras, schwer, wie man sich hinsetzt, wenn die Beine nicht mehr gefragt werden wollen.

Brann lachte nicht. Er sah auf das zusammengefaltete Hemd in ihrer Hand, auf die nassen Abdrücke, die ihre Zähne im Stoff hinterlassen hatten, zwei kleine dunkle Bögen.

„Mit den Zähnen“, sagte er.

Mehr nicht, und es klang nicht wie Spott. Dann setzte er sich ins Gras, ein Stück von ihr entfernt, die bloßen Füße noch schlammig vom Ufer, und sah auf das Wasser, das sich langsam wieder glättete. Er spürte, dass sie zu ihm hersah, und dann, dass ihr Blick auf seine verbundene Hand ging.

„Geht manchmal nicht anders.“

Sie legte das kleine Hemd neben sich ins Gras und strich einmal mit der flachen Hand darüber, damit der Wind es nicht wieder erfasste.

Eine Weile sagte sie nichts. Das Wasser lief über die Rinne, und über dem Teich stand eine Wolke kleiner Mücken, die auf- und niederstieg, ohne sich vom Fleck zu bewegen, als hätte sie dort etwas zu bewachen.

Dann zog sie die Knie an und legte die Arme darum. „Es war von meinem Bruder.“ Sie sah weiter aufs Wasser.

„Er ist vor drei Jahren gestorben.“

Danach kam wieder das Rauschen.

Brann sah nicht zu ihr hinüber. Er sah auf das Wasser, wo eben noch ihre Spur gewesen war, ein Keil aus kleinen Wellen, der sich zum Ufer hin aufgefächert hatte. Jetzt war es glatt, und nichts darauf zeigte mehr, dass jemand hinüber- und wieder zurückgeschwommen war.

Eine Weile sagte er nichts. Die Weiden bewegten sich ein wenig, ein Blatt löste sich und trieb auf dem Wasser davon, und irgendwo hinter ihnen, weit weg auf dem Hof, versuchte Matti wieder seine drei Töne, dünn und brüchig über die Wiese herunter.

„Wie hieß er?“, fragte Brann.

Er fragte es leise, ohne sie anzusehen, und ließ danach so viel Stille, wie sie brauchte. Das Wasser fiel über die Rinne, die Mücken stiegen und sanken, und das Gras unter ihm war feucht geworden, ohne dass er es gemerkt hatte.

„Tomas.“

Liva sagte den Namen nach einer Weile. Sie strich mit dem Daumen über den Saum des kleinen Hemdes, dort, wo der Stoff dünn geworden war.

„Er war sechs.“

Dann zog sie die Knie ein wenig näher an sich. „Er ist im Winter krank geworden.“

Sie sah weiter aufs Wasser, und mehr kam nicht.

„Tomas“, sagte Brann.

Er sagte es leise, einmal, als legte er den Namen neben das Hemd ins Gras. Dann sagte er nichts mehr.

Sie saßen eine Weile so, ein Stück voneinander entfernt. Livas Rock trocknete nicht; das Wasser lief aus dem Saum ins Gras und hinterließ eine dunkle Stelle, die langsam größer wurde. Brann zog die Füße nicht aus dem Schlamm, obwohl die Kälte inzwischen bis in die Knöchel gestiegen war. Die Sonne stand schon tiefer, und das Licht kam schräg durch die Weiden und legte sich in Streifen über den Teich, hell, dunkel, hell, wie die Bretter eines Bodens.

Vom Hof her kamen Mattis drei Töne, wieder und wieder, und beim vierten Mal fand er einen vierten. Er war zu hoch und ein wenig schief, aber er war da.

Liva hob bei dem vierten Ton den Kopf, nur ein wenig, so wie man den Kopf hebt, wenn jemand in einem anderen Zimmer den eigenen Namen sagt.

Beim nächsten Versuch waren es wieder drei. Sie atmete durch die Nase aus, fast wie ein Lachen, aber nicht ganz.

„Jetzt weiß er, dass es ihn gibt“, sagte sie, und dann legte sie das Kinn auf die Knie.

Der Wind strich über das Wasser und hob eine Ecke des kleinen Hemdes an. Liva legte die Hand darauf, und diesmal sagte sie nichts mehr.

Kapitel 15

Die Laternen

Am Nachmittag des Erntefests begann der Hof sich zu verändern, und Brann sah zu, wie er es tat, so wie man zusieht, wenn jemand ein Zimmer umräumt, in dem man schon eine Weile wohnt: Man erkennt jedes Stück wieder und weiß trotzdem nicht mehr genau, wo man sich hinsetzen soll.

Die langen Arbeitstische standen nicht mehr unter dem Vordach, sondern quer über den Hof, mit Brettern auf Böcken verlängert, sodass man vom Haus bis fast zur Scheune an einem einzigen Tisch hätte sitzen können.

Darauf lagen Brote, Käse, Schüsseln mit eingelegtem Gemüse und die ersten Krüge, über die Hannes Mutter Tücher gebreitet hatte, gegen die Wespen, die trotzdem kamen. Zwischen Scheune und Haus hatte jemand zwei Reihen Laternen gespannt, die noch nicht brannten und im Wind leise gegeneinanderstießen.

Aus dem Dorf kamen die Leute in kleinen Gruppen herauf, die Kinder zuerst, dann die Alten, die langsam gingen und trotzdem früher da waren als alle anderen, und später die Musiker mit einer Geige, einer Flöte und einer kleinen Trommel, die der Trommler unter dem Arm trug wie ein Brot.

Matti lief zwischen ihnen herum, als hätte man ihn zum Festmeister ernannt, zeigte jedem den Weg, den jeder kannte, und Elsa folgte ihm mit dem Gesicht eines Menschen, der für Ordnung zuständig war und wusste, dass es nicht reichen würde.

Nerek kam kurz vor Sonnenuntergang. Sein Wagen stand unten am Weg, diesmal fast leer, die Plane locker über den Rippen, und das Pferd hatte den Kopf schon im Gras am Wegrand.

Er begrüßte Joren mit einem Handschlag, ließ sich einen Becher geben und sagte etwas, das im Lärm unterging, und als er sich umdrehte, um den Hof zu überblicken, blieb sein Blick bei Brann stehen.

Er hob den Becher, kein Winken und keine Frage, nur so weit, dass man es sehen konnte, wenn man hinsah. Brann hob die Hand, halb, als wollte er den Gruß erwidern, und steckte sie dann in die Tasche.

Hanne kam aus dem Haus. Sie trug ein dunkelgrünes Kleid, das Brann noch nie an ihr gesehen hatte, und ihr Haar war nicht hochgesteckt wie bei der Arbeit, sondern fiel über eine Schulter. Als sie ihn entdeckte, blieb sie für einen Moment auf der Schwelle stehen, eine Hand am Türrahmen, und kam dann über den Hof zu ihm, zwischen zwei Kindern hindurch, die einen Hund jagten.

„Du bist da.“

Hinter ihr begann jemand, die Laternen anzuzünden, eine nach der anderen, mit einem Span an einer langen Stange. Er sah sie an, das Kleid, das Haar über der Schulter, und sein Blick blieb einen Moment zu lange daran hängen; er bemerkte es selbst und sah ihr ins Gesicht. „Ich hab’s versprochen“, sagte er, ohne Lächeln, und es klang nicht nach einer Ausrede.

Hinter Hanne flammte die nächste Laterne auf. Für einen Moment fiel ihr Licht über den Hof bis zum Brunnen, wo Liva auf der niedrigen Mauer saß, allein, in demselben Kleid wie an gewöhnlichen Sonntagen, und Matti stand vor ihr und beschrieb mit beiden Händen etwas sehr Großes, und sie hörte ihm zu, als wäre es wirklich so groß.

Brann sah einmal hinüber, und dann bot er Hanne den Arm an.

Hanne sah auf seinen Arm und dann zu ihm, und etwas in ihrem Gesicht wurde weich. Sie hakte sich ein und sagte „Gut“, und mehr machte sie nicht daraus.

Die Musiker stimmten ihre Instrumente, erst die Geige, die zweimal neu ansetzen musste, dann die Flöte, schließlich ein dumpfer Schlag auf die Trommel, der durch die Bretter der Tische ging und die Becher darauf zittern ließ.

Auf dem Hof rückten die Leute zusammen, wie Leute es tun, wenn Musik anfängt und noch keiner der Erste sein will. Matti hatte Liva verlassen und war zu Elsa gerannt, und Liva nahm ihren Becher vom Brunnenrand und ging zu dem langen Tisch, wo Hannes Mutter Brot nachlegte.

„Komm.“ Hanne zog ihn ein Stück näher zu den anderen. Die ersten Paare gingen auf die freie Fläche zwischen Scheune und Tischen, und sie sah ihn von der Seite an. „Du kannst doch tanzen, oder?“

Das Lächeln kam zurück, nicht das halbe der letzten Tage, sondern das ganze, das er am ersten Tag über den Hof geschickt hatte, als hätte er es die ganze Zeit in einer Tasche gehabt.

„Am Hafen tanzt man, bevor man laufen kann“, sagte er und führte sie auf die freie Fläche.

Die Geige setzte ein, die Trommel fiel dazu. Brann legte die verbundene Hand auf ihren Rücken und nahm Hannes Hand mit der linken, und beim ersten Schritt spürte er, wie sie aufhörte, selbst führen zu wollen, und ihm folgte.

Er tanzte, wie er Säcke trug, wenn jemand zusah: leicht, ohne Anlauf, als koste es nichts.

Er drehte Hanne einmal unter seinem Arm hindurch, dann noch einmal, schneller, und ihr grünes Kleid schwang weit aus und streifte die Knie der Leute am Rand. Die Ersten blieben stehen, um zuzusehen, jemand klatschte den Takt mit, und Matti stieg auf eine Bank, um besser zu sehen, und wurde von Elsa nicht heruntergeholt.

Hanne lachte, mit zurückgelegtem Kopf.

In der nächsten Drehung kam der lange Tisch in seinen Blick, die Laternen darüber, Hannes Mutter mit dem Brotkorb, und Liva, die mit ihrem Becher daneben stand und nicht zur Tanzfläche sah. Sie sah auf nichts Bestimmtes. Sie sah nur nicht her.

Dann war die Drehung vorbei, und vor ihm war wieder Hanne, außer Atem und mit einem Grinsen, das sie nicht mehr kleiner bekam. „Noch mal.“

Die Geige wechselte in einen schnelleren Lauf. Zwei weitere Paare kamen auf die Fläche, dann ein drittes, das Klatschen wurde lauter, die Schritte unordentlicher, der Hof enger, und irgendwo trat jemand in eine Pfütze von verschüttetem Most und fluchte lachend.

Hanne hielt seine Hand fester. Über ihre Schulter hinweg sah er Nerek, der mit dem Rücken am Wagen lehnte, den Becher vor der Brust, und über den Rand hinweg zusah, ohne zu klatschen, so wie man einem Pferd zusieht, das man kaufen will oder nicht.

Als das Stück endete, brach Applaus los. Hanne blieb vor ihm stehen, die Wangen rot, und musste erst nach Luft suchen, bevor sie sagen konnte, er habe gelogen. „So tanzt niemand, bevor er laufen kann.“

Brann lachte. „Ich hab nie gesagt, dass ich gut laufen konnte.“

Sie schlug ihm leicht gegen den Arm. Die Musiker setzten schon zum nächsten Stück an, und er sah zu ihnen und dann zu ihr und sagte, er hole ihnen etwas zu trinken. Er ließ ihre Hand los, ganz leicht, und ging zwischen den Paaren hindurch zum langen Tisch, nicht schneller als sonst und nicht langsamer.

Am nahen Ende, wo die Krüge standen, blieb er stehen und stützte die linke Hand auf die Bretter, den Rücken zur Tanzfläche. Er atmete, einmal tief, dann noch einmal, und das Holz unter seiner Hand war klebrig von Most und warm vom Tag.

Unter dem Verband pochte es im Takt der Trommel, oder die Trommel schlug im Takt der Hand, er hätte es nicht sagen können. Er goss zwei Becher voll, langsam, damit nichts danebenging, und sah dem Most zu, wie er stieg.

Vom anderen Ende des Tisches kamen Bruchstücke einer Geschichte zu ihm herüber, eine alte Stimme, die von einem Winter erzählte, in dem der Fluss bis zu den Ställen gestiegen war, und dann von einem anderen, der noch schlimmer gewesen sein musste, denn die Stimme wurde dabei zufriedener.

Liva stand dort mit dem Rücken halb zum Tisch, eine Hand um ihren Becher, und hörte zu.

Als er den zweiten Becher füllte, spürte er ihren Blick, nicht auf seinem Gesicht, sondern auf der verbundenen Hand. Als er aufsah, war sie wieder bei der alten Frau und dem Fluss.

Nerek stellte seinen Becher auf den Wagenrand, kam herüber und blieb neben ihm stehen, nah genug, dass Brann den Geruch von Pferd und kaltem Rauch an ihm roch.

„Vor Sonnenaufgang“, sagte er, leise genug, dass es zwischen Musik und Stimmen verschwand, und griff nach einem Stück Brot, als hätte er nur deswegen den Weg gemacht.

Brann stellte den Krug ab. „Ich weiß“, sagte er, genauso leise, und sah Nerek dabei nicht an, sondern auf die beiden vollen Becher vor sich, auf deren Oberfläche die Laternen schwammen. Nerek brach ein Stück vom Brot ab und kaute.

Brann nahm die Becher, in jeder Hand einen. Den in der rechten hielt er nur mit den Fingerspitzen, damit der Verband nicht nass wurde, und er ging am Tisch entlang zurück, in die Richtung, die von Liva wegführte, und sah nicht zurück.

Hanne stand am Rand der Fläche mit Matti, der mit ernster Miene versuchte, dieselbe Drehung nachzumachen, und nur bis zur Hälfte kam, bevor er beinahe gegen eine Bank fiel. Hanne fing ihn am Ärmel, nahm Brann ihren Becher ab und sagte „Danke“, und Matti sah zu ihm hoch, mit dem ganzen Gesicht eine Frage. „Zeigst du’s mir?“

Die Musiker begannen ein ruhigeres Stück. Am Rand seines Blicks sah Brann, wie Liva allein am Tisch stand, ihren Becher nahm und an der Tanzfläche vorbei zur niedrigen Mauer beim Brunnen ging, nicht versteckt, nur etwas weiter weg vom Lärm, dorthin, wo das Laternenlicht dünner wurde.

Brann gab Hanne seinen Becher zum Halten. Dann ging er vor Matti ein Stück in die Knie, bis seine Hand auf Mattis Höhe war, und hielt ihm die linke hin.

„Nicht wie ich“, sagte er. „Langsam.“

Matti griff zu. „Eins“, sagte Brann und machte einen Schritt zur Seite, und Matti machte ihn nach, mit der Zungenspitze zwischen den Zähnen. „Zwei. Und jetzt unten durch.“ Er hob den Arm, und Matti duckte sich viel zu tief darunter hindurch und kam auf der anderen Seite wieder hoch, verwirrt, aber auf den Füßen. Beim dritten Mal kam er ohne Ducken hindurch und strahlte, als hätte er den Leuchtturm bestiegen, und rannte zu Elsa, um es ihr zu zeigen, bevor er es wieder vergaß.

Brann richtete sich auf, langsam, in zwei Teilen, und hielt die Hand einen Moment an den Rücken. Hanne stand mit den beiden Bechern daneben und sah ihn an. Sie lächelte, aber anders als beim Tanzen, und reichte ihm seinen Becher zurück.

„Das war besser.“

Eine Weile sagte sie nichts und sah zur Tanzfläche, wo sich die Paare jetzt langsam bewegten, und dann fragte sie, ob er noch einen tanze. Am Brunnen saß Liva mit dem Becher zwischen den Händen und sah nicht herüber.

Brann trank seinen Becher halb leer und stellte ihn auf die Bank. „Eins“, sagte er.

Er nahm Hannes Hand und ging mit ihr auf die Fläche, zwischen die anderen Paare, nicht in die Mitte diesmal, sondern an den Rand, wo das Licht der Laternen nicht ganz hinreichte und die Gesichter nur noch halb zu sehen waren. Die Geige spielte langsam.

Er drehte Hanne nicht, er führte kaum; sie bewegten sich nur ein wenig hin und her, so wie die anderen, und niemand blieb stehen, um zuzusehen.

Das war das Gute an langsamen Stücken: Wer schlecht tanzte, sah dabei aus wie jemand, der es sich leisten konnte.

Hanne war ihm jetzt näher als beim ersten Tanz. Er spürte ihren Atem an seiner Schulter, noch etwas schneller als sonst, und den Stoff des grünen Kleides an seinem Arm, und er merkte, wie müde er war, in den Beinen, im Rücken, in der Hand unter dem Verband.

Er versuchte nicht, es zu verbergen; dafür war nichts mehr übrig. Hanne sagte nichts. Sie legte nur die Hand, die auf seiner Schulter lag, ein wenig fester hin, und eine Weile war nicht mehr klar, wer von beiden sich an wem hielt.

Über ihre Schulter hinweg sah er den Brunnen. Liva hatte den Blick gehoben, nicht sofort zu ihm, zuerst zu Hanne, dann zu ihm, und sie sah eine Weile hin, auf die zwei, die sich kaum noch bewegten, und er ließ sie hinsehen und richtete sich nicht auf. Dann trank sie aus ihrem Becher.

Als das Stück endete, klatschte niemand besonders laut. Die Paare blieben noch einen Moment stehen, bevor sie sich lösten, und Hanne trat einen halben Schritt zurück.

„Setz dich.“

Sie nahm seinen Becher von der Bank, drückte ihn ihm in die Hand und ging zum Tisch, und über die Schulter sagte sie, sie hole ihm etwas zu essen.

Die Bänke waren voll, mit Alten, mit Kindern, die auf den Knien von Alten schliefen, mit Mänteln, die jemand dort liegen gelassen hatte. Die nächste freie Stelle war die Mauer am Brunnen. Brann ging hinüber und setzte sich an ihr anderes Ende, den Becher in der linken Hand, und die Steine waren noch warm vom Tag.

Eine Weile saß er nur da und atmete. Die Musiker legten eine Pause ein und ließen sich Krüge reichen, jemand lachte am Tisch, sehr laut, über etwas, das vermutlich nur beim ersten Mal lustig gewesen war, und Matti zeigte Elsa zum zehnten Mal seine Drehung. Brann trank einen Schluck.

„Keine Karten heute?“, fragte er.

Er sah dabei nicht zu ihr, sondern auf die Laternen, die über dem Hof hingen und um die sich die Motten drängten, als gäbe es dort etwas zu holen. Liva zog ein Bein auf die Mauer und legte den Arm darum.

„Elsa hat keine mitgebracht.“ Sie sah zu Matti, der beinahe wieder gegen dieselbe Bank lief. „Und Tilos Schwester ist dieses Jahr bei ihrer Tante.“

Sie nahm einen Schluck und behielt den Becher dann in beiden Händen, die Finger eng nebeneinander, so wie am ersten Abend die Schüssel. Auf ihren Unterarmen stand Gänsehaut; der Abend war kühl geworden, und sie hatte keine Jacke dabei. Die Frage, woher er von den Karten wusste, hätte jetzt kommen können; sie kam nicht.

„Also muss ich wohl bleiben.“

Brann antwortete nicht gleich. Er beugte sich vor, sammelte mit der linken Hand ein paar kleine Steine vom Boden neben dem Brunnen und legte sie auf die Mauer, in die Mitte zwischen sich und Liva, fünf, und dann noch einen, damit es sechs waren.

Der Eimer stand unten auf dem Pflaster, wo er immer stand, ein Stück blasses Blech im Halbdunkel. Brann nahm einen Stein und warf, und der Stein prallte am Rand ab und sprang über das Pflaster davon, unter eine Bank.

„Drei für jeden“, sagte er und schob die übrigen ein Stück zu ihr hin.

Liva sah auf die Steine und dann auf den Eimer. Sie stellte ihren Becher neben sich auf die Mauer und nahm einen. Der erste landete zu kurz. Der zweite traf den Rand und fiel hinein, und sie sah ihm nach, bis er unten im Eimer liegen blieb. Dann nahm sie den dritten, sagte „Einer“ und warf, und er ging daneben.

Sie schob die übrigen Steine wieder in die Mitte. „Du bist dran.“

Brann nahm einen der beiden und warf, ohne lange zu zielen, und der Stein fiel in den Eimer, mit einem hellen Laut auf dem Blech, den man selbst durch das Reden am Tisch hörte.

„Einer“, sagte er.

Dann nahm er den letzten. Er wog ihn in der Hand, ein kleiner, glatter Stein, grau, mit einer helleren Ader, die quer über ihn lief, und sah auf den Eimer und dann wieder auf den Stein.

Er warf ihn nicht. Er steckte ihn in die Tasche.

Er spürte, dass Liva ihn ansah, und sah auf die Tanzfläche, wo die Musiker gerade wieder ihre Instrumente aufnahmen. Sie sah noch einen Moment auf seine Tasche, dann nahm sie ihren Becher wieder.

„Unentschieden also.“

Die Geige setzte ein. Am Tisch kam Hanne mit einem Teller zurück und suchte über die Köpfe hinweg nach ihm, und Liva sah sie zuerst und stand auf. „Da kommt dein Essen.“ Dann ging sie nicht zum Tisch und nicht zur Tanzfläche, sondern ein paar Schritte weiter zum Brunnenrand, wo Matti seinen Becher hatte stehen lassen.

Hanne brachte den Teller über den Hof, Brot, ein Stück Käse, ein paar von den eingelegten Zwetschgen, und er nahm ihn ihr ab und sagte „Danke“. Sie setzte sich neben ihn auf die Mauer, dorthin, wo eben noch Liva gesessen hatte, zog die Füße unter das grüne Kleid und lehnte sich zurück, bis ihre Schulter fast an seiner lag.

Brann aß, langsam. Die Zwetschgen schmeckten nach Zimt und nach etwas Bitterem darunter, das erst kam, wenn man sie schon geschluckt hatte. Über ihnen brannten die Laternen, und eine davon flackerte, weil ihr das Öl ausging, und warf den Schatten des Brunnens einmal groß über das Pflaster und wieder zurück.

Am Brunnenrand nahm Liva Mattis vergessenen Becher und trug ihn zum Tisch zurück.

Brann hatte die linke Hand in der Tasche, um den kleinen Stein.

Kapitel 16

Vor Sonnenaufgang

Spät in der Nacht war vom Fest nur noch der Rest übrig. Die Musiker waren gegangen, die Geige im Sack, die Trommel unter dem Arm, und von den Laternen brannte nur noch eine, und die nur schwach. Auf den Tischen standen leere Krüge, Teller mit Brotkrusten und Schüsseln, in denen nur noch ein paar Zwetschgen im Saft lagen, und über allem hing der süße, schon etwas saure Geruch von verschüttetem Most, in dem die letzten Wespen schliefen.

Die meisten Leute waren längst auf dem Heimweg. Hannes Mutter sprach mit Joren am Kopfende des Tisches, leise, wie man spricht, wenn die Arbeit des Tages vorbei ist und die des nächsten noch nicht angefangen hat. Aus der Küche klapperte Geschirr, und dazwischen hörte er Hannes Stimme und die von zwei anderen Frauen, die sich über einen Topf stritten, der niemandem gehören wollte.

Brann saß am Ende der Bank, auf der Matti schlief, und saß dort, seit die Musiker ihre Instrumente eingepackt hatten. Hanne hatte ihm irgendwann eine Decke über die Schultern gelegt und war dann in die Küche gegangen, und die Decke lag jetzt neben ihm, zusammengeschoben, als hätte er sie im Sitzen abgestreift, ohne es zu merken.

Matti schnarchte leise, den Mund offen, den Kopf in Elsas Schoß und eine Hand in ihren Rock gekrallt. Elsa saß sehr gerade und bewegte sich nicht, damit er nicht aufwachte, und ihre Augen waren noch offen, auch wenn sie sich hin und wieder sehr langsam schlossen und dann erschrocken wieder aufgingen.

Unten beim Weg stand Nerek bei seinem Wagen. Im Licht seiner Stalllaterne sah Brann ihn einen Riemen überprüfen, dann noch einen, mit den sparsamen Bewegungen von jemandem, der das seit zwanzig Jahren tat, und neben dem Vorderrad lag sein Mantel schon zusammengerollt.

Liva trug eine leere Schüssel über den Hof. Sie stellte sie auf den Tisch, nahm zwei Becher dazu und blieb einen Moment stehen, und dann sah sie zum Himmel. Über den Dächern begann er heller zu werden, noch nicht Morgen, nur weniger Nacht, ein Grau, das sich unter das Schwarz schob wie eine Hand unter eine Decke.

Vom Weg her sagte Nerek etwas zu Joren, der zu ihm hinuntergegangen war, und es trug in der stillen Luft bis zur Bank.

„Ich spann in einer Stunde an.“

Liva stand noch am Tisch, die Becher in der Hand, und sah nicht zu ihm herüber. In einer Stunde. Das Wort kam ihm auf einmal sehr kurz vor, kürzer als eins der Lieder vorhin.

Er nahm die Hand aus der Tasche. Zwischen den Fingern hielt er den kleinen grauen Stein mit der hellen Ader, und er drehte ihn, langsam, einmal, noch einmal, und die Ader kam oben an und verschwand wieder, wie ein Licht auf dem Wasser, das man nur sieht, solange man nicht hinsieht.

Neben ihm sah Elsa auf den Stein und flüsterte, damit Matti nicht aufwachte: „Den hast du vorhin eingesteckt.“

Brann antwortete nicht sofort. Am langen Tisch stellte Liva noch einen Becher in die Schüssel, blieb stehen und sah zur Bank herüber, nicht zu Elsa, sondern zu ihm, der noch immer dasaß.

Hanne kam aus der Küche, einen Stapel Teller im Arm. Sie stellte ihn auf den Tisch und sah dorthin, wo Liva hinsah, und für einen Moment standen die beiden nebeneinander und sagten nichts, oder nichts, was er hätte hören können. Dann nahm Hanne die Teller wieder auf und ging mit ihnen hinein.

Unten am Weg klirrte Metall; Nerek begann, Töpfe und Eimer am Wagen festzubinden, einen nach dem anderen, und jeder klang ein wenig anders. Brann sah auf den Stein in seiner Hand und dann zu Elsa.

„Ich hab noch einen Wurf übrig“, flüsterte er, so ernst, wie man einem Kind eine Spielregel erklärt.

Matti bewegte sich im Schlaf und murmelte etwas, das wie „Ziege“ klang, und schlief weiter. Brann schloss die Finger um den Stein. Elsa sah auf seine geschlossene Hand und dann hinüber zum Eimer beim Brunnen, der ein dunkler Fleck auf dem helleren Pflaster war.

„Dann musst du werfen“, flüsterte sie ebenso ernst zurück.

Drüben hob Liva die Schüssel an und trug sie zur Küche. An der Tür kam ihr Hanne entgegen und streckte die Hände nach der Schüssel aus, und Liva gab sie ihr. Hanne sagte etwas, Liva schüttelte den Kopf, und Hanne sah sie an und dann zu Brann herüber, nur kurz, nickte und ging hinein. Liva blieb vor der Küchentür stehen, die Hände leer.

Brann sah Elsa an. Sie nickte, sehr ernst, wie jemand, der eine Regel nicht erfunden hat, aber auf ihr besteht.

Er legte die Decke zur Seite und stand auf, langsam, damit die Bank nicht wackelte und Matti nicht aufwachte. Seine Knie waren steif vom Sitzen, und die Kühle des Morgens kam ihm unter das Hemd.

Dann ging er über den Hof zum Brunnen. Der Eimer stand unten auf dem Pflaster, wo er immer stand, und zwei Steine lagen darin, ihrer und seiner. Er blieb an der Mauer stehen, an derselben Stelle wie vorhin, den Stein in der linken Hand, und warf nicht, sondern drehte sich um, zur Küchentür, wo Liva stand.

„Zählst du?“, fragte er.

Liva sah zum Eimer und dann auf den Stein in seiner Hand. „Ja.“ Sie kam nicht näher; sie blieb bei der Küchentür, im Rahmen, hinter dem es in der Küche noch hell war, sodass er ihr Gesicht kaum sah, nur den Umriss.

„Eins zu eins.“ Dann, nach einem Atemzug: „Letzter Wurf.“

Brann drehte sich wieder zum Eimer und warf nicht gleich. Er sah hin, lange, und hob die linke Hand, senkte sie wieder, hob sie noch einmal, und er zielte, wie er noch nie gezielt hatte, nicht am Hafen und nicht im Apfelbaum, die Lippen aufeinandergepresst, und der Eimer stand da und war nicht größer als sonst.

Unten am Weg klirrte Nereks Geschirr.

Dann warf er. Der Stein flog in einem kurzen, flachen Bogen über das Pflaster, traf den inneren Rand des Eimers und fiel hinein, ein heller Laut auf dem Blech und dann ein leiseres Klacken, als er auf die beiden anderen fiel.

Brann sah nicht zu Liva. Er sah in den Eimer, wo jetzt drei Steine lagen, und der helle Nachklang war schon verschwunden, als sie sprach.

„Zwei zu eins.“

Sie sagte es leise. Dann kam sie vom Türrahmen weg und ging zum Brunnen, aber nicht bis zu ihm; sie blieb auf der anderen Seite der Mauer stehen und legte beide Hände auf den Stein, der vom Tag noch eine Spur Wärme behalten hatte. Unten am Weg schnaubte das Pferd.

„Dann hast du gewonnen.“

Brann sah noch einen Moment in den Eimer, bevor er den Blick hob. Sie stand auf der anderen Seite der Mauer, die Hände auf dem Stein, nah genug, dass er ihr Gesicht im letzten Laternenlicht sehen konnte.

„Du hast gezählt“, sagte er, ohne zu lächeln.

Unten am Weg zog Nerek einen Riemen fest, und das Leder knarrte. Liva sah ihn an, und diesmal wich sie seinem Blick nicht aus.

„Ja.“

Hinter ihr ging in der Küche eine Tür zu. Vom Weg her hörte man Nerek mit dem Pferd sprechen, leise und ruhig, gleich darauf das metallische Klicken eines Hakens. Liva nahm die Hände von der Mauer.

„Ich wollte wissen, ob du triffst.“

Die letzte schwache Laterne über dem Tisch flackerte einmal und blieb dunkel, und Brann sah sie noch einen Moment an, im Dunkeln jetzt, wo nur noch der Himmel über den Dächern ein wenig heller wurde und ihr Gesicht nicht mehr war als eine Form.

Dann drehte er sich um und ging, nicht ins Haus, sondern über den Hof, am schlafenden Matti vorbei, durch das Tor und den Weg hinunter, wo Nereks Wagen stand. Er ging nicht schnell, und er sah sich nicht um. Der Weg war feucht vom Tau, und die Kälte stieg durch die geflickte Sohle seines Stiefels.

Nerek stand beim Pferd, eine Hand am Zaumzeug, sah Brann kommen und wartete. Hinter ihm auf dem Bock lag der zusammengerollte Mantel mit dem weißen Staub, und selbst in diesem Licht sah man noch, dass er heller war als alles andere auf dem Wagen.

„Fahr ohne mich“, sagte Brann.

Er sagte es leise, im Dialekt der Küste, mit den breiten Vokalen, und diesmal hörte er es nicht erst hinterher, und er nahm es nicht zurück.

Nerek sah ihn lange an. Dann nickte er einmal, keine Frage, kein „bist du sicher“, und legte die Hand wieder an den Zaum.

„Dann bleib.“

Er zog den Riemen am Geschirr nach, prüfte den Verschluss und wandte sich dem Pferd zu, und hinter ihnen lag der Hof still. Vom oberen Weg her kam das erste graue Licht über die Felder.

Nerek stieg auf den Bock und nahm die Zügel, und er sah nicht noch einmal zu Brann hinunter. Er schnalzte mit der Zunge, das Pferd zog an, und die Räder knirschten auf dem Weg.

Brann trat zur Seite und ließ den Wagen vorbei. Er sah ihm nach, wie er den Weg hinunterrollte, an den abgeernteten Feldern entlang, nach Süden, und der Mantel auf dem Bock war bald nur noch ein heller Fleck. Dann kam die Hecke, und der Wagen war fort.

Er blieb stehen, bis er die Räder nicht mehr hörte, und dann noch ein wenig länger, bis er auch nicht mehr glaubte, sie zu hören.

Seine Hand ging in die Tasche, ohne dass er es wollte. Sie war leer: kein Stein, kein Staub mehr an den Fingern, nur der Stoff, der von innen glatt gerieben war. Er zog die Hand wieder heraus.

Dann ging er den Weg zurück, hinauf zum Hof, wo das graue Licht jetzt über die Dächer kam und die Ziegel eins nach dem anderen aus dem Dunkel holte, und blieb am Tor stehen.

Der Hof sah anders aus im Morgenlicht. Kleiner.

Die langen Tische standen noch da, übersät mit Bechern und Tellern, und die Laternen hingen dunkel über dem Platz und drehten sich ein wenig an ihren Schnüren. Elsa war auf der Bank eingeschlafen, den Kopf an die Wand gelehnt, und Matti lag noch immer zusammengerollt neben ihr, ohne Decke.

Liva stand am Brunnen. Sie hatte den Wassereimer heraufgezogen und hielt ihn am Seil, bevor sie ihn über den Rand hob, und als er im Tor stehen blieb, sah sie zu ihm. Ihr Blick ging kurz den Weg hinunter, dorthin, wo kein Wagen mehr zu sehen war, und dann wieder zu ihm.

Sie fragte nicht. Sie zog den Eimer ganz herauf und stellte ihn auf die Mauer.

„Gleich sind alle wach.“ Sie sah über die Tische. „Und hier sieht es schlimm aus.“

Dann nahm sie den ersten leeren Becher, als hätte der Morgen einfach angefangen.

Brann kam durch das Tor, ging an der Bank vorbei, nahm die Decke, die noch dort lag, wo er sie zur Seite gelegt hatte, und zog sie im Vorbeigehen über Mattis Schultern.

Dann trat er an den Tisch, Liva gegenüber, und nahm den nächsten Becher und den daneben und stellte sie in die Schüssel, einen nach dem anderen, ohne Eile. Er sagte nichts, und sie auch nicht.

Über den Dächern wurde der Himmel hell. Im Stall rührte sich ein Pferd, und in der Küche klapperte jemand mit einem Topf.

Auf dem Pflaster neben dem Brunnen stand der alte Eimer. Drei Steine lagen darin.

Brann ließ sie liegen.

Das war die ganze Novelle. Sie kostet nichts und darf weitergegeben werden.

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Dieses Buch ist eine Zusammenarbeit: Die Vision, die Figuren und jede Wendung sind meine. Die Sprache, in der sie hier stehen, habe ich Seite für Seite gemeinsam mit einer KI geformt.

© 2026 Malte Wintner · CC BY-NC-ND 4.0 · Impressum & Datenschutz