Kapitel 033

Wer bleibt

033 Wer bleibt

Sie blieben.

Nur einen Moment, sagte Nia.

Nur, um das Brot zu probieren.

Das Brot war gut.

Es war das beste Brot, das sie je gegessen hatte.

Sie sagte das.

Dann sagte sie es noch einmal.

Dann hatte sie vergessen, dass sie es schon gesagt hatte.

Der Wanderer ass nichts.

Er sah zu, wie das goldene Licht über den Dächern stand und nicht wanderte.

Keine Stunde verging.

Keine Wolke zog.

Und die Leute lächelten und boten Brot an und sagten: Bleibt.

Irgendwann sah Nia zu ihm auf.

„Wanderer. Wo waren wir eigentlich vorher?“

Der Wanderer sah sie lange an.

„In einem Meer aus Sternen. Ihr habt vor Staunen das Alphabet verloren.“

Nia lachte.

„So etwas gibt es doch gar nicht.“

Lange Stille.

Zum ersten Mal lachte der Wanderer nicht mit.


Am Rand des Platzes sass jemand auf dem Brunnenrand.

Klein.

Ein Junge.

Er lächelte nicht.

Als Einziger in dieser ganzen Stadt lächelte er nicht.

Der Wanderer erkannte ihn sofort.

Es war derselbe Junge. Vom Baum. Vom Damm. Aus den Gängen.

Nur dass er diesmal nicht verschwand.

Diesmal blieb er sitzen.

Ganz langsam drehte er den Kopf und sah zu einem schmalen Bogen zwischen zwei Häusern.

Einem Durchgang, den der Wanderer zuvor nicht bemerkt hatte.

Obwohl er jeden Ausgang bemerkte.

Der Junge sah ihn an.

Dann den Bogen.

Dann wieder ihn.

Er sagte kein Wort.

Er musste nicht.

Und auf seinem Gesicht lag nichts, das Freundlichkeit war.

Nur Neugier.

Als wollte er sehen, was der Wanderer nun tat.


Der Wanderer stand auf.

„Wir gehen.“

Nia sah zu ihm hoch, mit diesem weichen, verschwommenen Blick, den sie hier bekommen hatte.

„Aber es ist so schön hier.“
„Und alle sind so nett.“
„Können wir nicht bleiben?“

Und um ihn herum hörten die Leute auf zu lächeln.

Ganz allmählich.

Sie sahen ihn nur noch an.

Alle.

Gleichzeitig.

„Bleibt“, sagten sie.

Nicht mehr freundlich.

„Bleibt.“

Der Wanderer nahm Nia bei der Hand.

Sie zog nicht mit.

Zum ersten Mal, seit er sie kannte, wollte die kleine Fee nicht mit ihm gehen.

Da ging der Wanderer vor ihr in die Knie, sodass sein Gesicht auf ihrer Höhe war.

Er, der auf alles hinabsah, sah sie zum ersten Mal von unten an.

Und er sprach ganz leise.

„Käferchen.“

„Ihr habt einen Fuss vor den anderen gesetzt, auf ein Meer aus Sternen. Und das Licht ist unter Eurer Sohle davongelaufen, immer weiter, bis ins Dunkel.“

„Ihr habt vor Staunen das ganze Alphabet verloren. Wollt Ihr das wirklich hiergegen tauschen?“

Nia blinzelte.

Etwas kehrte in ihren Blick zurück.

Ganz langsam.

„… die Sterne.“

„Die Sterne.“

Und da hielt sie sich an seiner Hand fest.

Ganz fest.

Sie gingen zum Bogen.

Dann schneller.

Hinter ihnen wurde das Bleibt lauter — viele Stimmen, dann alle.

Doch keiner von ihnen kam von der Stelle.

Sie konnten nur bleiben.

Das war alles, was sie noch konnten.

Der Wanderer trat mit Nia durch den Bogen, und dahinter war der kühle, endlose Gang des Tempels.

Still.

Grau.

Und zum ersten Mal war Nia froh, ihn zu sehen.

Sie sah sich um.

Der Junge war nicht mitgekommen.

Natürlich nicht.

Aber weit hinten im Gang, dort, wo das Licht auslief, stand er.

Als wäre er die ganze Zeit schon vor ihnen dort gewesen.

Er sah sie an.

Und diesmal — ganz kurz — lächelte er doch.

Dann war der Gang leer.