Kapitel 032

Die freundliche Stadt

032 Die freundliche Stadt

Wieder die Gänge.

Und wieder die Tür.

Nia blieb stehen, noch ehe sie sie sah.

„Sie singt lauter.“

Der Wanderer verlangsamte den Schritt.

Nur ein wenig.

Nur diesmal.

Die alte Tür aus dunklem Holz sang, wie sie immer gesungen hatte — leise, in der alten Sprache.

Aber Nia hatte recht.

Der Klang war nicht mehr traurig.

Er klang, als hätte die Tür lange auf etwas gewartet.

Und als wüsste sie nun, dass es bald kam.

„Heute —“

Der Wanderer hielt inne.

Dann ging er weiter.

„— nicht.“

Nia sah ihm nach.

Sie fand, er hatte diesmal einen Herzschlag zu lange gebraucht.


Die nächste Tür war warm.

Man spürte es schon am Holz.

Dahinter lag eine kleine Stadt in goldenem Licht.

Kopfsteinpflaster. Blumen in den Fenstern. Der Duft von frischem Brot. Irgendwo läutete, ganz weich, eine Glocke.

Nach dem Grau des Leuchtturms war es wie eine warme Decke.

Nia machte einen Freudensprung.

„Oh, wie schön!“

Ein Mann fegte seine Türschwelle.

Er sah auf, und sein Gesicht ging auf wie eine Sonne.

„Willkommen! Willkommen, ihr beiden!“

Eine Frau winkte aus dem Fenster, als kenne sie die zwei seit Jahren.

„Ihr seht müde aus. Kommt herein. Bleibt doch.“

Überall lächelten sie.

Überall sagten sie dasselbe.

„Bleibt.“
„Bleibt ein Weilchen.“
„Bleibt, so lange ihr wollt.“

Nia strahlte.

Der Wanderer nicht.

Er sah sich um, wie er sich immer umsah — als zählte er die Ausgänge.

Und fand keinen.

Eine alte Frau sass auf einer Bank in der Sonne und summte.

Eine Melodie.

Ganz leise.

In einer Sprache, die Nia nicht verstand.

Nia blieb stehen.

„Das … das habe ich schon einmal gehört.“

Sie kam nicht darauf, wo.

Der Wanderer wusste es genau.

Er sagte nichts.


Sie gingen weiter durch die Stadt.

Und je länger sie gingen, desto mehr stimmte etwas nicht.

Die Lächeln erreichten die Augen nicht.

Niemand hatte es eilig.

Niemand wurde älter.

Und als Nia eine Frau fragte, was denn gestern gewesen sei, dachte die Frau lange nach —

und lächelte nur.

Als hätte es kein Gestern gegeben.

Der Wanderer blieb am Brunnen im Zentrum stehen.

Er sah sich ein letztes Mal um.

Dann fragte er, ganz beiläufig, einen freundlichen Mann:

„Und wie kommt man wieder hinaus?“

Für einen Augenblick —

nur für einen einzigen —

erlosch das Lächeln des Mannes.

Dann kam es zurück, wärmer als zuvor.

„Hinaus?“

Er lachte, als hätte der Wanderer einen guten Scherz gemacht.

„Warum solltet ihr denn je wieder hinaus wollen?“