Kapitel 031

Das Licht

031 Das Licht

Die Nacht kam, ohne dass sich das Grau veränderte.

Es wurde nur dunkler.

Der alte Mann rührte sich nicht vom Fleck.

Nia setzte sich neben ihn.

Eine Weile sagte keiner etwas.

Dann fragte sie, ganz leise:

„Und wenn Ihr Euch erinnern könntet — an wen Ihr wartet —, wärt Ihr dann glücklicher?“

Der Alte dachte lange nach.

Sehr lange.

„Nein“, sagte er. „Dann wüsste ich, wie viel ich verloren habe.“

Nia hatte darauf keine Antwort.

Zum ersten Mal an diesem Tag war auch sie still.


Irgendwann in der Nacht — Nia war über der Decke des Alten eingeschlafen — stand der Wanderer auf.

Er stieg die Treppe des Turms hinauf.

Ganz nach oben, wo das alte Licht sich drehte, müde und schwach.

Niemand sah ihm zu.

Er tat etwas an der Flamme.

Was genau, das hätte er selbst nicht erklären können — er, der unzählige Welten gesehen hatte, kannte auch diese Handgriffe, so wie man alles kennt, wenn man nur lange genug lebt.

Und das Licht wurde heller.

Es strich über das Wasser, weiter hinaus als zuvor.

Und fand noch immer nichts.

Aber es suchte weiter.


Am Morgen — wenn man das Grau Morgen nennen wollte — gingen sie.

Der alte Mann bemerkte es kaum.

Er sah aufs Meer.

Sein Licht brannte hell.

Nia sah zum Wanderer hinauf.

Sie hatte es doch gesehen. In der Nacht. Durch einen Spalt zwischen Schlaf und Wachen.

„Ihr habt sein Licht heller gemacht.“

Der Wanderer ging weiter.

„Es war schlecht gewartet. Es hat mich gestört.“

Nia sagte nichts.

Aber sie kannte ihn inzwischen gut genug, um zu wissen, wann er log.

Und wie schön es war, wenn er es tat.


Auf dem Damm aus nassen Steinen, dort, wo das Land im Meer verschwand, sass jemand.

Klein.

Ein Junge.

Diesmal nicht weit weg.

Diesmal nah genug, dass der Wanderer die Farbe seiner Augen hätte sehen können, wenn er hingesehen hätte.

Der Junge sah nicht das Meer an.

Er sah den Leuchtturm an.

Und das Licht, das jetzt heller brannte.

Als hätte er genau gesehen, was der Wanderer in der Nacht getan hatte.

Als fände er es — interessant.

Der Wanderer wollte einen Schritt auf ihn zu machen.

Doch Nia zog ihn am Ärmel, zur Tür hin — „Kommt, hier ist es so kalt“ —, und als er wieder hinsah,

war der Damm leer.

Nur das Meer.

Und weit dahinter, unbeirrt, das Licht.