Der Leuchtturm
030 Der Leuchtturm
Die nächste Tür war nass.
Feucht.
Salz auf dem alten Holz.
Der Wanderer öffnete sie, und es roch nach Meer.
Nicht nach dem Meer aus Sternen.
Nach einem anderen.
Dahinter: Grau.
Ein Himmel ohne Sonne, ein Meer ohne Ufer, und zwischen beiden keine Linie, die sagte, wo das eine aufhörte und das andere begann — nur Grau, das in Grau überging, so weit man sah.
Regen lag in der Luft, ohne zu fallen.
Nia zog den Kopf ein.
„Hier ist es kalt.“
Lange Stille.
„Vorhin war alles voller Sterne.“
„Und jetzt …“
Sie fand das Wort nicht.
„Jetzt ist es ehrlich.“
Nia sah zu ihm hoch, verstand es nicht, und beschloss, es nicht zu mögen.
Draussen, auf einem Felsen im Wasser, stand ein Turm.
Alt. Schief. Aus schwarzem Stein.
Ganz oben drehte sich ein Licht.
Es strich über das Wasser.
Einmal.
Und noch einmal.
Und fand nichts.
Ein schmaler Damm aus nassen Steinen führte hinaus.
Sie gingen ihn entlang.
An der Tür des Turms sass ein alter Mann, in eine Decke gewickelt, so grau wie alles hier.
Er sah nicht auf.
„Leise“, sagte er. „Sonst verpasse ich es.“
Nia blinzelte.
„Was denn?“
„Das Schiff.“
Der Alte lächelte, ohne den Blick vom Meer zu nehmen.
„Jede Nacht zünde ich das Licht. Damit es den Weg findet.“
Der Wanderer betrachtete ihn.
„Und wann kommt es?“
Der alte Mann dachte nach.
Sehr lange.
„Das“, sagte er schliesslich, „habe ich vergessen.“
Lange Stille.
„Ich weiss nicht mehr, wer an Bord ist.“
„Ich weiss nicht mehr, seit wann ich warte.“
Er strich mit der Hand über die alte Decke.
„Aber liesse ich das Licht aus — und es käme —“
Er sprach den Satz nicht zu Ende.
Er musste es nicht.
Das Licht über ihnen strich weiter über das Wasser.
Einmal.
Und noch einmal.
Und fand nichts.
Und der alte Mann sah ihm nach, als wäre es das erste Mal.
Der Wanderer, der jeden Ort und jeden Menschen mit einem einzigen Satz kleinmachen konnte, sagte nichts.
Nia sah zu ihm hinauf.
Sie wusste nicht, warum.
Aber für einen Augenblick sah etwas in seinem Gesicht aus wie das des alten Mannes.