Der singende Wald
034 Der singende Wald
Die nächste Tür stand offen.
Nur einen Spalt.
Und aus dem Spalt kam Musik.
Der Wanderer blieb stehen, die Hand am Holz.
Er hatte gelernt, offenen Türen zu misstrauen.
Doch Nia hatte die Musik schon gehört.
Und die Musik hatte Nia gehört.
Dahinter lag ein Wald.
Alt. Grün. In goldenem Dämmerlicht.
Und der Wald sang.
Nicht ein Vogel. Nicht der Wind.
Der Wald selbst — jedes Blatt, jeder Ast, jeder Tropfen, der von den Zweigen fiel — sang eine einzige, endlose Melodie.
Ganz leise.
In einer Sprache, die niemand sprach.
Und die Nia trotzdem zu verstehen glaubte.
Nia machte einen Schritt hinein.
Dann noch einen.
„Hört Ihr das?“
Ihre Stimme klang anders.
Weich. Weit weg. Als spräche sie aus einem Traum.
„Es ist so schön.“
„Es klingt wie … wie etwas, das ich vergessen habe.“
Der Wanderer trat neben sie.
„Es ist ein Köder.“
Nia hörte ihn nicht.
Oder sie wollte ihn nicht hören.
Sie ging weiter.
Der Wald schloss sich hinter ihnen.
Nicht laut. Nicht sichtbar.
Nur, dass der Weg, den sie gekommen waren, plötzlich nicht mehr da war.
Überall standen Bäume.
Überall kam die Musik her.
Von links. Von rechts. Von oben.
Der Wanderer, der noch in jeder Welt gewusst hatte, wo er stand, drehte sich einmal im Kreis —
und wusste zum ersten Mal nicht, wo er war.
Er sah zu Nia.
„Bleibt bei mir, Käferchen.“
Und für einen Augenblick tat sie es.
Doch die Musik wurde tiefer.
Voller.
Sie schien direkt aus dem Herzen des Waldes zu kommen, und sie sang jetzt nur noch für eine.
Der Wanderer wandte den Kopf — nur einen Moment, nur um den Ursprung zu suchen —
und als er sich wieder umsah,
stand er allein.
Kein Tapsen.
Kein Plopp.
Kein Geplapper.
Nur der Wald.
Und der Wald sang.