Das Herz des Waldes
035 Das Herz des Waldes
Der Wanderer stand nicht lange still.
Stillstehen war etwas für Menschen, die glaubten, sie hätten Zeit.
Er ging.
Dann ging er schneller.
Dann rannte er.
„Käferchen!“
Der Wald verschluckte das Wort, ehe es einen Baum weit kam.
Die Musik nahm es, drehte es, gab es verändert zurück — als hätte der Wald gelernt, mit seiner Stimme zu singen.
Er lief weiter.
Bäume, die er schon gesehen hatte. Oder auch nicht. Es war nicht zu sagen.
Der Boden stieg. Der Gesang wurde lauter.
Er folgte ihm, so wie man einer Klinge folgt, die auf einen zeigt.
Auf einer Wurzel, mitten im Dickicht, sass der Junge.
Ganz ruhig.
Die Hände im Schoss.
Als wartete er auf eine Vorstellung.
Der Wanderer blieb stehen.
Zum ersten Mal sah er den Jungen aus der Nähe — und hatte doch keine Zeit dafür.
„Wo ist sie?“
Der Junge antwortete nicht.
Er lächelte nur — nicht spöttisch, nicht grausam.
Nur neugierig.
Als wollte er wissen, ob der Wanderer sie überhaupt finden würde.
Als wäre genau das die Frage, für die er gekommen war.
Der Wanderer verschwendete keinen zweiten Blick.
Er rannte weiter, dem Gesang entgegen.
Und dann sah er sie.
Am Rand einer Lichtung, in der das Licht dicht wie Honig stand.
Von dort kam die Musik.
Von dort kam alles.
Und Nia ging hinein.
Ganz langsam.
Die Arme ausgebreitet, das Gesicht nach oben, ein Lächeln darauf, das nicht ihres war.
Und um sie herum löste sich ihr Umriss auf, Faden für Faden, wie Rauch, der in den Gesang überging.
„Käferchen.“
Sie hörte ihn nicht.
„Käferchen —“
Nichts.
Und da, tief in ihm, stieg ein anderer Name auf.
Einer, den er nie ausgesprochen hatte. Nicht ein einziges Mal.
Er spürte, wie das Wort sich formte.
Und er presste die Zähne aufeinander, ehe es hinauskam.
Noch nicht.
Nicht so.
Nicht für einen Wald.
Stattdessen tat er das Einzige, was der Wald ihm nicht nehmen konnte.
Er ging die letzten Schritte, hinein in das honigdichte Licht, das an ihm zerrte wie tausend leise Hände —
und nahm die kleine Fee in beide Hände.
Und zog sie an seine Brust.
Und hielt ihr Ohr an sein Herz.
Der Wald sang.
Aber unter dem Gesang, ganz nah, schlug etwas, das keine Melodie war.
Langsam.
Ruhig.
Wirklich.
Nia erstarrte.
Dann, ganz leise, wie aus weiter Ferne:
„… Wanderer?“
„Ich bin hier.“
Und ihr Umriss wurde wieder fest.
Er trug sie hinaus.
Sie liess es geschehen.
Das erste Mal.
Der Gesang folgte ihnen bis zur Tür, dünner und dünner, wie etwas, das man nur im Halbschlaf hört.
Dann fiel die Tür ins Schloss, und es war still.
Nia sagte lange nichts.
Dann, an seine Brust gelehnt:
„Ihr hattet Angst.“
Der Wanderer trug sie weiter durch den grauen Gang.
„Ich verabscheue Musik.“
Nia lächelte.
Ganz schwach.
Sie wusste es besser.
Aber sie liess ihm die Lüge.
Und diesmal fragte sie nicht, warum er sie so fest hielt.
Und der Wanderer, der nie jemanden getragen hatte, trug sie noch lange, nachdem der Wald längst hinter ihnen lag.
Er sagte sich, es sei bequemer so.
Es war nicht bequemer.