Der lange Abend
036 Der lange Abend
Die nächste Tür war leicht.
Sie ging auf, ohne dass er sie zu drücken brauchte.
Dahinter lag ein Abend.
Nichts weiter.
Ein langer, goldener Sommerabend, wie es ihn nur am Ende sehr schöner Tage gibt.
Ein Hang. Hohes Gras. Der Duft von Heu.
Die Sonne stand tief und warm und schien es nicht eilig zu haben, unterzugehen.
Irgendwo zirpten Grillen.
Sonst nichts.
Nia liess sich einfach ins Gras fallen.
„Oh.“
Lange Stille.
„Hier ist ja gar nichts.“
„Nein.“
„Es ist wunderbar.“
Und der Wanderer — der nie rastete, der immer schon den nächsten Gang im Blick hatte — setzte sich.
Einfach so.
Ins Gras.
Neben sie.
Nia redete.
Sie redete über die Sterne, die sie gesehen hatten, und über den alten Mann mit dem Licht, und über das beste Brot der Welt, an das sie sich fast nicht mehr erinnert hätte, und über die Brücke, die nirgendwohin führte, und dann wieder über die Sterne.
Sie redete lange.
Und der Wanderer sagte ihr kein einziges Mal, dass sie zu viel redete.
Er sagte es nicht, weil es zum ersten Mal nicht gestimmt hätte.
Er hörte einfach zu.
Und die Sonne sank, ganz langsam, und färbte alles rot und golden.
Einmal, mitten in einem Satz, hielt Nia inne.
Sie legte den Kopf schief.
„Habt Ihr das gehört?“
Der Wanderer hatte es gehört.
Ganz fern, mit dem Abendwind gekommen — eine Melodie, leise, in der alten Sprache.
Nur einen Atemzug lang.
Dann war der Wind weiter, und sie war fort.
„Nein.“
Er log.
Nia zuckte die Schultern und redete weiter.
Ein Stück den Hang hinauf, dort, wo das Gras schon im Schatten lag, sass der Junge.
Er sah in die untergehende Sonne.
Ganz ruhig.
Nia bemerkte ihn.
Und für einen Herzschlag — nur für einen einzigen — verstummte sie.
Etwas in ihr wurde ganz still, so wie ein kleines Tier still wird, wenn ein grosser Schatten über die Wiese zieht.
Dann blinzelte sie.
Und hatte es schon vergessen.
„… und dann“, sagte sie, „hat der König so ein Gesicht gemacht, wisst Ihr noch?“
Der Wanderer sah zu dem Jungen hinauf.
Der Junge sah zurück.
Und diesmal deutete er auf nichts, und er lächelte nicht, und er verschwand auch nicht.
Er sass nur da, im letzten Licht, wie einer, der weiss, dass er nicht mehr lange zu warten braucht.
Dann ging die Sonne doch.
So wie alle langen Abende irgendwann enden.
Und in dem tiefen Blau, das zurückblieb, kam ein erster Stern.
Dann noch einer.
Nia sah hinauf.
Ihre Stimme wurde ganz leise.
„Die Sterne.“
„Die Sterne.“
Sie rückte näher, bis ihr kleiner Kopf an seinem Arm lehnte.
Und irgendwann, mitten im Reden, schlief sie ein.
Der Wanderer blieb sitzen.
Er, der niemals blieb.
Über ihnen wurde der Himmel voll, und weit weg, ganz weit weg, sang eine Tür.
Und der Wanderer sah in die Nacht und wusste, dass dies das Letzte war, was leicht sein würde.
Aber Nia schlief.
Und so sagte er nichts.
Und liess sie noch ein wenig glauben, es ginge immer so weiter.