Kapitel 037

Bitte

037 Bitte

Sie hätten jede andere Tür nehmen können.

Der Gang war voll davon.

Aber Nia blieb vor dieser einen stehen.

Sie hatte immer gewusst, dass sie wiederkommen würden.

Sie kam ja immer wieder.

Die alte Tür aus dunklem Holz.

Sie sang.

Aber nicht mehr, wie sie einmal gesungen hatte.

Das erste Mal, vor langer Zeit, hatte sie traurig geklungen.

Dann, jedes Mal, wenn sie vorbeikamen, ein wenig anders.

Ein wenig näher.

Jetzt klang sie, als wäre das lange Warten endlich vorbei.

Nia legte die Hand auf das Holz, wie beim allerersten Mal.

„Das ist sie.“
„Die singende Tür von damals.“

Lange Stille.

„Sie singt in der alten Sprache. Die, die ich nie verstanden habe.“

Sie sah zum Wanderer auf.

„Ich glaube, ich verstehe sie jetzt ein bisschen.“

Der Wanderer sah die Tür an.

Und zum ersten Mal hatte er kein gutes Gefühl.

Etwas hinter diesem Holz wartete.

Nicht traurig.

Geduldig.

„Wir gehen weiter, Käferchen.“

Es war, was er immer sagte.

Heute nicht.

Immer nur: heute nicht.

Aber Nia rührte sich nicht.

Sie sah ihn an, mit diesen grossen Augen, und sagte etwas, das sie noch nie gesagt hatte.

„Bitte.“

Lange Stille.

„Ich habe Euch noch nie um etwas für mich gebeten.“

Und das stimmte.

In all der Zeit, all den Welten, all den Türen — sie war ihm gefolgt, hatte geplappert, gelacht, sich gefürchtet, hatte für andere gebettelt und gefleht — und nie, kein einziges Mal, hatte sie ihn um etwas für sich selbst gebeten.

Bis jetzt.

Der Wanderer, der entschied, wann eine Tür sich öffnete — der es sich all die Zeit nicht hatte nehmen lassen, dass keine Melodie das für ihn entschied —

sah auf die kleine Fee hinab.

Und etwas in ihm, das der ganze lange Weg weich geklopft hatte, gab nach.

„Ein Mal.“

Nia strahlte, als hätte man ihr die Sonne geschenkt.

Am Rand seines Blickes, dort, wo der Gang ins Dunkel lief, stand der Junge.

Er lächelte nicht.

Er sah den Wanderer an, wie man jemanden ansieht, auf den man sehr, sehr lange gewartet hat.

Dann nickte er.

Einmal.

Als wollte er sagen: Ja. Jetzt.

Der Wanderer bemerkte ihn.

Und dachte, ganz kurz, dass er den Jungen später zur Rede stellen würde.

Später.

Aber Nia hatte schon beide Hände auf der Tür.

Und die Tür sang.

Da legte der Wanderer seine Hand über ihre kleinen Hände.

Und öffnete die singende Tür.

Dahinter: warmes Licht. Der Duft von Blumen. Eine Wiese, so weit das Auge reichte, unter einem Himmel wie aus Kindertagen.

Nia machte einen kleinen, glücklichen Laut.

Der Wanderer nicht.

Denn er kannte diese Wiese.

Oder eine, die ihr zum Verwechseln glich.

Und das Letzte, was ein Ort tun sollte, war, ihn an etwas Schönes zu erinnern.