Das Mädchen im Gras
038 Das Mädchen im Gras
Es war die schönste Welt, die sie je betreten hatten.
Warmes Gras bis zu den Knien.
Blumen in allen Farben, so weit man sah.
Ein Himmel, blau und weich, ohne eine einzige Wolke.
Und über allem lag die Melodie.
Nicht mehr fern.
Nicht mehr auf dem Wind.
Hier war sie zu Hause.
Nia machte ein paar Schritte hinein, blieb stehen und atmete.
„Es ist … es ist wie damals.“
Der Wanderer wusste, was sie meinte.
Eine andere Wiese, vor langer Zeit. Eine kleine blaue Blume. Ein Tag, an dem noch nichts wehgetan hatte.
Genau darum gefiel sie ihm nicht.
Denn er hatte gelernt, dass die Dinge, die uns an das Schönste erinnern, am leichtesten zu benutzen sind.
„Bleibt bei mir, Käferchen.“
Nia nickte.
Aber sie hörte die Melodie.
Und die Melodie war schöner als jedes Nicken.
In der Mitte der Wiese sass ein Mädchen.
Es sass einfach im Gras, im warmen Licht, und kämmte sich das Haar.
Langes, helles Haar, das in der Sonne beinahe durchsichtig wirkte.
Es sang leise vor sich hin — dieselbe Melodie, in der alten Sprache, als hätte sie sie erfunden.
Vielleicht hatte sie das.
Als sie die beiden bemerkte, hörte sie auf zu singen und lächelte.
Es war ein schönes Lächeln.
Freundlich.
Warm.
Und etwas stimmte nicht damit, das der Wanderer nicht sofort benennen konnte.
„Oh“, sagte das Mädchen. „Besuch.“
Ihre Stimme war sanft wie das Gras.
Sie sah Nia an — nur Nia — und ihr Lächeln wurde noch ein wenig weicher.
„Was für eine hübsche kleine Fee.“
Nia, die man selten hübsch nannte, wurde ganz rot vor Freude.
„Komm doch näher.“
Und Nia ging.
Ein Schritt.
Noch einer.
Weg von ihm.
„Käferchen.“
Sie hörte ihn nicht.
Oder das Gras war weicher als seine Stimme, und die Melodie süsser, und das Lächeln des Mädchens wärmer als alles, was ein Wanderer je zu bieten hatte.
Das Mädchen hob den Kamm.
„Weisst du“, sagte sie zu Nia, „mein Haar ist so lang. Und ich sitze schon so lange hier ganz allein.“
Lange Stille.
„Würdest du mir helfen? Nur ein bisschen?“
Nia strahlte.
Sie liebte es, gebraucht zu werden.
Sie hob die kleinen Hände.
Und da endlich fand der Wanderer das Wort für das, was nicht stimmte.
Es war nicht das Lächeln.
Es war die Ruhe.
Niemand, der so schön war, in einer Welt, die so vollkommen war, hatte einen Grund, so vollkommen ruhig zu sein — es sei denn, es war noch nie etwas geschehen, das diese Ruhe hätte erschüttern können.
Nicht einmal er.
Der Name stieg wieder in ihm auf, derselbe, den er im Wald zurückgehalten hatte.
Er spürte ihn an den Zähnen.
Nein.
Nicht so.
Nicht schon.
Er presste ihn zurück, ein letztes Mal, und tat stattdessen den einzigen vernünftigen Schritt: er ging auf sie zu.
Aber die Wiese war grösser geworden.
Zwischen ihm und Nia lag mit einem Mal mehr Gras, als dort hätte liegen dürfen.
Er ging schneller.
Die Wiese wuchs.
Und das Mädchen sah von Nias kleinen Händen auf, sah ihn an — zum ersten Mal richtig an —
und in ihrem ruhigen, freundlichen Gesicht lag kein bisschen Angst.
Nia legte die Hände in ihr Haar.