Kapitel 039

Nia!

039 Nia!

Es gibt einen Namen, den man aufspart.

Nicht, weil man ihn vergisst.

Sondern weil man ahnt, dass man ihn nur ein einziges Mal wirklich brauchen wird — und dass an dem Tag, an dem man ihn ruft, nichts mehr so sein wird wie zuvor.

Der Wanderer hatte diesen Namen sehr lange aufgespart.

Jetzt riss er ihn heraus.

„Nia!“

Der Klang zerriss die Wiese.

Die Melodie stockte.

Der Himmel flackerte, als hätte jemand kurz an das Licht gestossen.

Und Nia — die kleine Hand schon im hellen Haar des Mädchens — erstarrte.

Etwas in ihr, tiefer als jede Melodie, tiefer als jedes Lächeln, hatte ihren Namen gehört.

Ihren echten Namen.

Aus seinem Mund.

Zum ersten Mal.

Sie drehte den Kopf.

Und sah ihn.

Und der Wanderer, der durch tausend Welten gegangen war, ohne je schneller zu gehen, als es ihm gefiel — rannte.

„Komm sofort zu mir, Nia!“

Er war nicht mehr der Mann, der sich gelangweilt an Thronsäle lehnte.

Nicht mehr der, der Könige mit einem Wort kleinmachte.

In seiner Hand lag mit einem Mal ein Schwert — woher, das hätte niemand sagen können, am wenigsten er selbst —, und sein Gesicht war das eines Tieres, das man von seinem Jungen fortreissen will.

Nia riss die Hände aus dem Haar und rannte zu ihm, und er fing sie und drehte sich, sodass sie hinter ihm stand und das Schwert zwischen ihr und dem Mädchen.

Das Mädchen im Gras rührte sich nicht.

Es sass da, den Kamm noch in der Hand, und sah auf die Klinge, die auf sein Herz zeigte.

Und lächelte.

Nicht erschrocken.

Nicht einmal überrascht.

„Oh“, sagte es leise. „Da ist es ja.“

Es legte den Kopf schief und betrachtete ihn, so wie man ein Wetter betrachtet, das man lange erwartet hat.

„Das ist interessant.“

Lange Stille.

„So viel Stärke habe ich schon oft gesehen. Sie langweilt mich.“

Sie sah an ihm vorbei, auf die kleine Fee hinter ihm.

„Aber Stärke, die etwas zu verlieren hat …“

Lange Stille.

„… das ist neu.“

Der Wanderer sagte nichts.

Das Schwert in seiner Hand zitterte nicht.

Aber er wusste — und sie wusste, dass er es wusste —, dass es nichts nützte.

Dass alles, was er war, all die Stärke, vor der Könige verstummten und Wachen zu Schilf wurden, hier nichts galt.

Zum ersten Mal, seit er denken konnte, stand er vor etwas, das grösser war als er.

Das Mädchen stand auf.

Ganz langsam.

Und der Wanderer, der noch nie vor irgendetwas zurückgewichen war, machte einen halben Schritt zurück.

Nur einen halben.

Aber Nia, hinter ihm, spürte ihn.

Und begriff, dass es etwas auf der Welt gab, vor dem auch er sich fürchtete.

Das Mädchen sah die kleine Fee an, die sich an seinem Mantel festhielt.

Dann wieder ihn.

Und die Art, wie er sich zwischen sie und die Klinge geschoben hatte — ohne nachzudenken, ohne zu rechnen —, schien ihm eine Antwort zu geben, nach der es gar nicht gefragt hatte.

„Ich dachte, du wärst wie ich“, sagte es.
„Aber du hast etwas, das ich nicht habe.“

Dann, beinahe sanft:

„Geht.“

Der Wanderer rührte sich nicht.

Er traute dem Frieden nicht.

Das Mädchen lächelte wieder, und diesmal lag etwas darin, das fast wie Wehmut aussah. Es setzte sich zurück ins Gras und hob den Kamm.

„Pass gut auf deine kleine Fee auf, Wanderer.“

Lange Stille.

„Noch nehme ich sie dir nicht.“

Der Wanderer wich zurück, Schritt um Schritt, das Schwert noch erhoben, Nia fest an sich gedrückt, bis seine Schulter das warme Holz der Tür fand.

Dann drehte er sich um.

Und ging.

Er ging nicht schnell.

Er rannte.

Und hinter ihnen, in der schönsten Welt, die sie je betreten hatten, sass ein Mädchen im Gras, kämmte sich das Haar und sang.

Als wäre nie jemand da gewesen.