Kapitel 040

Käferchen

040 Käferchen

Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss.

Und der Gesang war fort.

Zum ersten Mal war der Tempel einfach nur still.

Grau.

Endlos.

Und wunderbar gewöhnlich.

Der Wanderer setzte Nia nicht ab.

Er hielt sie einfach weiter, den ganzen langen Gang entlang, und sie liess es geschehen.

Lange sagte keiner etwas.

Dann, ganz leise, an seiner Schulter:

„Ihr habt meinen Namen gesagt.“

Der Wanderer ging weiter.

„Ich habe gar nichts gesagt.“

„Doch.“
„Ihr habt ‚Nia‘ gesagt.“
„Zweimal.“

„Ihr träumt, Käferchen.“

Nia lächelte an seiner Schulter.

Sie wusste, dass er log.

Sie wusste es inzwischen immer.

Aber sie liess ihm die Lüge, wie sie ihm jede Lüge liess — und behielt das eine Wort, das er nicht hatte sagen wollen, ganz für sich, so wie man einen warmen Stein in der Tasche behält.

Eine Weile später fragte sie, noch leiser:

„Wanderer?“

„Mh.“

„Vorhin. Bei dem Mädchen.“

Lange Stille.

„Ihr seid einen Schritt zurückgegangen.“

Der Wanderer sagte nichts.

„Ich habe noch nie erlebt, dass Ihr vor irgendetwas zurückgeht.“

Noch längere Stille.

Und da verstand Nia etwas, das grösser war als sie — grösser vielleicht als der ganze Tempel.

Er hatte keine Angst um sich gehabt.

Er hatte Angst gehabt, sie zu verlieren.

Die kleine Fee, die einmal geglaubt hatte, für ihn unsichtbar zu sein.

Sie sagte nichts davon.

Manche Dinge, das wusste sie jetzt, macht man kaputt, wenn man sie ausspricht.

Sie drückte sich nur ein kleines bisschen fester an ihn.

Und der Wanderer, der es bemerkte und nichts sagte, ging ein kleines bisschen langsamer.

Irgendwo, in einer Bibliothek, die weit zurücklag, stand ein Buch in einem Regal.

Ein Ritter, der eine Frau im Gras hielt.

Ein starker Mann, der etwas hielt, das ihm all seine Stärke nicht bewahren konnte.

Er hatte ihn einen Schwächling genannt.

Heute dachte der Wanderer an ihn.

Und spottete nicht.

Weit hinten im Gang, dort, wo das Licht auslief, war der Junge nicht mehr.

Er hatte bekommen, wofür er gekommen war.

Er hatte gesehen, wer sie waren.

Und irgendwo hinter ihnen, hinter einer Tür, die schon wieder aussah wie jede andere, sass ein Mädchen im Gras und wartete.

Es hatte Zeit.

Es hatte alle Zeit der Welt.

Noch nehme ich sie dir nicht, hatte es gesagt.

Noch.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Für heute ging der Wanderer einfach weiter.

Die kleine Fee an seiner Schulter war längst eingeschlafen.

Und zum ersten Mal, seit er sich erinnern konnte, hatte er es nicht eilig, irgendwo anzukommen.