Kapitel 001

Der leere Platz

Der leere Platz

Der Wanderer erwachte, und etwas war falsch.

Das war das Erste, was ihn beunruhigte: dass er nicht sofort wusste, was. Ihm entging nie etwas. Er hatte Königreiche fallen und Sterne verlöschen sehen, ehe andere auch nur den Kopf hoben. Und jetzt lag er am Rand eines Ganges, den er tausendmal durchschritten hatte, und spürte nur, dass die Welt einen Ton zu leise war.

Dann sah er den leeren Platz an seiner Seite.

Der Mantel lag zurückgeschlagen, so wie er ihn über sie gebreitet hatte. Die Mulde im Stoff war noch da.

Aber sie war kalt.

„Käferchen.“

Kein Plopp.

Er sagte es noch einmal. Nicht lauter — der Wanderer wurde nie lauter; Lautstärke war für Menschen, die man überhören konnte, und ihn überhörte niemand.

„Käferchen. Es ist Zeit.“

Die Gänge schwiegen.

Er stand auf. Langsam, so wie er alles tat — ohne Eile, denn die Zeit war ihm noch nie davongelaufen. Er sagte sich, dass sie vorausgeploppt war. Dass sie an einer Tür lauschte, den Kopf schief gelegt, und ihm gleich entgegenkäme mit irgendeiner kleinen Ungeheuerlichkeit: eine Tür, die nach Regen roch, ein Fach, das warm war, ein Wort, das er noch nie gehört hatte.

Er sagte sich das. Und ein Teil von ihm — ein alter, kalter, sehr genauer Teil — glaubte es schon nicht mehr.

Denn er konnte sie nicht spüren.

Der Tempel hatte ihm nie etwas verborgen. Er kannte jede seiner Türen, so wie man die eigenen Hände kennt: welche in eine Welt führte und welche ins Nichts, welche schlief und welche wartete. Und seit einiger Zeit — er hätte nicht sagen können, seit wann — hatte er auch sie immer gespürt. Ein kleines, warmes, unmögliches Leuchten irgendwo im Gestein.

Er hatte nie darüber nachgedacht. Man denkt nicht über sein eigenes Herz nach, solange es schlägt.

Jetzt schlug es nicht.

Er ging schneller.

Er öffnete die erste Tür, an die er kam. Ein Meer aus Sternen lag dahinter, still, mit einer Brücke aus Licht — er kannte es, er war mit ihr darübergegangen. Leer. Er schloss sie und öffnete die nächste. Ein graues Meer, ein schiefer Turm, ein Licht, das jemand vor langer Zeit angezündet und nie gelöscht hatte. Leer. Die nächste. Eine goldene Stadt, die „Bleibt“ flüsterte. Leer.

Er ging von Tür zu Tür, und mit jeder Tür wurde der Gang länger, oder er wurde schneller — er hätte es nicht sagen können. Der Wanderer, der niemals rannte, rannte.

Und irgendwann, er wusste nicht nach wie vielen Türen, blieb er stehen. Nicht, weil er müde war. Weil er verstanden hatte.

Sie war hinter keiner Tür.

Sie war in keiner Welt, die der Tempel hielt.

Zum ersten Mal, seit er sich erinnern konnte, stand der Wanderer in seinen eigenen Gängen und wusste nicht, wohin. Die unzähligen Türen sahen ihn an, und keine gab ihm eine Antwort. Etwas stieg in ihm auf, das er bei anderen so oft gesehen und nie verstanden hatte — ein enges, kaltes, würgendes Etwas — und er brauchte einen langen Moment, um es zu erkennen, weil er es nie zuvor an sich selbst gekannt hatte.

Angst.

Und da, am Ende des Ganges, wo einen Herzschlag zuvor nichts gewesen war, sass der Junge.

Er sass auf dem Boden, als wäre es ein Ast, eine Wurzel — als sässe er, wo er wollte, weil der Ort sich nach ihm richtete und nicht er sich nach dem Ort. Er sah den Wanderer an, den Kopf ein wenig schief gelegt, mit demselben höflichen, geduldigen Nichts im Gesicht, mit dem er ihn durch tausend Welten begleitet und nie ein Wort gesagt hatte.

Der Wanderer, der niemanden je um etwas gebeten hatte, ging in die Knie.

„Bitte.“