Kapitel 002

Die leere Bibliothek

Die leere Bibliothek

Der Junge sah ihn an.

Er sah den Wanderer an, wie man einen Regentropfen ansieht, der einen ungewöhnlichen Weg die Scheibe hinabnimmt: aufmerksam, ohne Anteil. In seinem Gesicht war kein Mitleid. Kein Triumph. Nichts, wofür es ein Wort gab.

Dann stand er auf und rannte.

Der Wanderer, der eben noch gekniet hatte, war im nächsten Herzschlag auf den Beinen. Er, der nie jemandem nachlief — dem die Welt nachlief — lief.

Der Junge war schnell. Nicht schnell wie ein Kind. Schnell wie ein Gedanke, der einem entgleitet, kurz bevor man ihn fasst. Er bog um eine Ecke, die dort keine Ecke gewesen war. Der Gang knickte für ihn, wie er sich für niemanden knickte. Der Wanderer folgte, und die Türen flogen an ihm vorbei, hundert, tausend, und keine von ihnen war die, die er suchte.

„Bleib stehen.“

Der Junge blieb nicht stehen.

Vor ihm, am Ende eines Ganges, der eben noch nicht dort gewesen war, stand die grosse Tür der Bibliothek. Sie stand offen. Der Junge schlüpfte hindurch, ohne sich umzusehen.

Der Wanderer war zwei Schritte hinter ihm. Er trat durch die Tür.

Und blieb stehen.

Denn die Bibliothek war leer.

Nicht leer wie ein Raum ohne Menschen. Leer wie ein Haus, aus dem das Leben fortgezogen ist und die Türen offen gelassen hat. Die schwebenden Lichter, die einst zwischen den Regalen getrieben waren wie stille Fische — erloschen. Die Leitern lehnten schief. Über allem lag Staub, grau und fein, wie er über Dingen liegt, die lange niemand berührt hat. Und wo einst ein kleiner Tisch gestanden hatte, mit einer Teekanne und drei Tassen und einem Teller Kekse, stand nichts.

Es roch nicht mehr nach Papier und Regen.

Es roch nach nichts.

„Bibliothekarin?“

Seine Stimme fiel in die Regale und kam nicht zurück.

Er ging durch die Gänge zwischen den Bücherwänden, einen nach dem anderen. Er, der jeden Winkel dieses Ortes kannte, ging langsamer, als er je hier gegangen war. In jedem Gang erwartete er den Jungen — auf einer Leiter, auf einem Regal, auf dem Boden, wo er sass, wo er wollte. In jedem Gang war nichts.

Die Bücher standen an ihren Plätzen. Die Sterne. Der Regen. Die Vögel. Aber sie fühlten sich an wie Bücher, die niemand mehr las. Wie Geschichten, die aufgehört hatten zu warten.

Und dann, am Ende des letzten Ganges, sah er sie.

Eine Tür aus schwerem, schlichtem Holz. Ohne Namen. Ohne Licht darüber — dort, wo über jeder anderen Tür ein Licht schwebte, hatte über dieser nie eines gehangen.

Der Wanderer kannte sie. Er hatte einmal die Hand auf sie gelegt. Er erinnerte sich an den Schmerz, der ihm in die Finger gefahren war, an die Adern, die geschwollen waren, an die Stimme, die gesagt hatte: Es gibt immer jemanden, der stärker ist.

Er hatte damals keine Antwort gefunden.

Jetzt ging er auf die Tür zu.