Kapitel 003

Die verbotene Tür

Die verbotene Tür

Er legte die Hand auf das Holz.

Der Schmerz kam sofort. Er kroch aus der Tür in seine Finger, seine Hand, seinen Arm, und mit ihm das alte, unmögliche Gefühl, gegen etwas zu drücken, das nicht nachgab — das nie nachgeben würde, egal wie stark er war. Die Adern auf seinem Handrücken traten hervor, schwarz und geschwollen. Beim letzten Mal hatte er die Hand weggezogen.

Dieses Mal zog er sie nicht weg.

„Das würde ich sein lassen.“

Die Stimme kam von überall und nirgends, aus den Regalen, aus dem Staub, als hätte der Raum selbst sie gesprochen. Er kannte sie. Er hatte einmal Tee mit ihr getrunken.

„Ihr wisst, was beim letzten Mal geschah.“

Der Wanderer antwortete nicht. Er hätte nicht sprechen können, ohne dass es wie ein Ächzen geklungen hätte, und der Wanderer ächzte nicht. Er drückte fester. Der Schmerz stieg in seine Schulter, in seine Zähne. Über der Tür, wo nie ein Licht gehangen hatte, blieb es dunkel.

Er dachte an den leeren Platz an seiner Seite.

Und er liess nicht los.

Lange geschah nichts. Dann, als hätte etwas in der Stille nachgegeben und nicht er:

„Wartet.“

Eine Pause.

„Ich hole den Schlüssel.“

Der Wanderer nahm die Hand von der Tür. Sie zitterte. Er sah sie an, als gehörte sie jemand anderem, und wartete, bis das Zittern aufhörte, weil er nicht wollte, dass es jemand sah.

Sie trat zwischen zwei Regalen hervor, wo einen Moment zuvor niemand gewesen war. Die Bibliothekarin. Aber sie war nicht mehr ganz die, die sie gewesen war. Das silberne Haar war noch da, das dunkelblaue Kleid — doch das Licht um sie herum war dünn geworden, als leuchtete sie aus grösserer Ferne. So wie ein Stern, den es vielleicht schon nicht mehr gibt.

Sie sah ihn an. Sie fragte nicht, was geschehen war. Sie wusste es. Sie hatte ihm einmal gesagt: Passt auf sie auf.

„Ihr habt nicht aufgepasst.“

Es war kein Vorwurf. Es war nur wahr. Der Wanderer senkte den Blick — er, der nie den Blick senkte — und das war Antwort genug.

Die Bibliothekarin hob eine Hand. In ihr lag ein Schlüssel, alt und schwarz, den er nie zuvor gesehen hatte. Sie steckte ihn ins Schloss, und die verbotene Tür, die keiner Stärke nachgegeben hatte, ging auf, als hätte sie nur höflich darum gebeten werden müssen.

Dahinter war ein kleiner Raum, kalt und ohne Fenster. Kein Staub hier — nur Stille, eine ältere, dichtere Stille als draussen. An den Wänden Bücher, die man besser nicht las: manche wie in Ketten, manche einfach nur traurig. Aber der Wanderer sah sie nicht an.

Denn in der Mitte des Raumes, auf einem schlichten Pult, lag ein einzelnes Buch. Es hatte keinen Titel. Und als er es öffnete, standen keine Worte darin.

Nur der Junge.

Seite um Seite, der Junge. Auf einem Ast über einem Schlosshof. Auf einem Damm am Meer. In einem singenden Wald, auf einer Wurzel. Am Rand eines langen Abends, das Gesicht der Sonne zugewandt. Und weiter zurück, immer weiter, durch Welten, die der Wanderer nie betreten hatte, durch Zeitalter, die hinter ihm lagen wie fremde, längst gelebte Leben — überall derselbe Junge, mit demselben höflichen, geduldigen Nichts im Gesicht. Sitzend. Wartend. Sehend.

Und der Wanderer verstand.

Er verstand, wer ihn durch all die Welten begleitet hatte. Er verstand, warum in dieses Gesicht keine Angst geschrieben stand und kein Mitleid. Der Junge war nicht gekommen, um zu helfen. Er war nicht gekommen, um zu schaden.

Er war gekommen, um zu sehen.

Auf der letzten Seite, unter dem letzten Bild des Jungen, stand eine einzige Zeile. Der Wanderer las sie. Dann las er sie noch einmal.

Er wusste jetzt, wo er ihn finden würde.

Er schlug das Buch zu. Als er sich umdrehte, war die Bibliothekarin schon fast nicht mehr da — nur noch ein Schimmer zwischen den Regalen, eine Wärme, die ging.

„Wanderer.“

Er blieb stehen.

„Wenn ihr durch eine Tür geht, die euch nicht gehört —“

Ihre Stimme war schon sehr leise.

„— dann bringt sie zurück. Aber kommt auch selbst zurück. Hört ihr?“

Er hörte.

Er antwortete nicht. Aber er nickte.

Und dann war er allein.