Kapitel 004

Der Junge unter dem Baum

Der Junge unter dem Baum

Das Buch hatte ihm einen Ort gezeigt, den es nicht gab.

Am Ende eines Ganges, den der Wanderer nie zuvor gegangen war, stand ein Baum. Ein einzelner Baum, mitten im Stein, mit Wurzeln, die sich ins Pflaster gruben, und Blättern, die ein Licht trugen, das von nirgendwo kam. Im Tempel wuchs nichts. Der Tempel war Stein und Tür und Gang. Aber hier stand ein Baum, und unter dem Baum sass der Junge.

Er sass zwischen den Wurzeln, als wäre er dort gewachsen. Er sah den Wanderer kommen und rührte sich nicht.

Der Wanderer kam nicht als Bittsteller. Die Angst der letzten Stunden war in etwas Älteres umgeschlagen, in das, was er gewesen war, bevor Nia ihn gefunden hatte: kalt, gerade, gefährlich. In seiner Hand lag mit einem Mal ein Schwert — dasselbe, das er ein einziges Mal gezogen hatte, für sie. Er hob es und setzte die Spitze an die Kehle des Kindes.

„Wo ist sie.“

Der Junge sah nicht auf das Schwert. Er sah den Wanderer an. Und dann sagte er etwas. Zum ersten Mal, seit er ihm durch Welt um Welt gefolgt war, sagte der Junge ein Wort.

„Das war mein Übungsschwert.“

Der Wanderer verstand es nicht. Der Satz passte nicht hierher — er passte nirgendwohin. Der Junge betrachtete das Schwert an seiner eigenen Kehle, beinahe freundlich, so wie man ein Spielzeug ansieht, das man vor sehr langer Zeit einmal gemocht hat. Er lächelte nicht ganz. Es war eher der Gedanke an ein Lächeln — gesehen bei jemand anderem, nachgemacht und nicht ganz verstanden. Und es war das Unheimlichste, was der Wanderer je gesehen hatte: nicht, weil es drohte, sondern weil dahinter etwas so Altes wartete, dass Stärke keinen Namen mehr hatte.

„Es hilft dir nicht“, sagte der Junge. „Nicht bei mir. Und dort, wo sie ist, erst recht nicht.“

„Wo ist sie.“

„An einem Ort, den es nicht geben dürfte. Verboten.“
„Keine meiner Türen führt hinein.“
„Dorthin sehe nicht einmal ich.“

„Wie ist sie dann dort.“

Der Junge legte den Kopf schief, wie er es immer tat.

„Weil jemand sie gebracht hat, der sich an nichts hält.“

Eine Pause.

„Sie hält sich an keine Regel. Nie.“

Und der Wanderer wusste, von wem er sprach.

„Öffne sie.“

„Das darf ich nicht.“ Es klang nicht wie eine Weigerung. Es klang wie eine Tatsache, so wahr und so unbeweglich wie der Stein ringsum. „Ich bin ein Teil des Tempels. Und der Tempel öffnet diese Tür für niemanden.“

Der Wanderer hätte drohen können. Er hätte das Schwert heben, die Zähne zeigen, die Welt biegen können, so wie er es immer getan hatte. Aber er hatte gerade gelernt, dass nichts davon hier half.

Also tat er das Einzige, was ihm blieb. Das, was er in tausend Zeitaltern nie getan hatte.

Er liess das Schwert fallen. Es zerfiel zu nichts, ehe es den Boden berührte.

„Dann hilf mir nicht.“

Der Junge sah ihn an.

„Sieh nur zu.“

Und da veränderte sich etwas in dem geduldigen Nichts. Nicht viel. Ein Flackern, wie wenn weit hinter einem dunklen Fenster jemand eine Kerze anzündet. Der Junge war durch alle Zeitalter gegangen, um zu sehen, was ein Wesen zerbricht, das nicht zu zerbrechen ist. Und hier, endlich, zerbrach es nicht — es gab auf, freiwillig, alles, was es stark gemacht hatte, für ein kleines, ploppendes Ding, das ihm nicht einmal gehörte.

Der Junge stand auf.

„Ich helfe dir nicht“, sagte er. „Ich sehe nur zu, wie es ausgeht.“

Er hob eine Hand und legte sie an die Luft, dorthin, wo keine Tür war. Und wo seine Finger den leeren Raum berührten, war mit einem Mal doch eine — schmal, falsch, aus einem Holz, das der Wanderer nie zuvor gesehen hatte. Hinter ihr war kein warmes Licht, kein Sternenmeer, keine Wiese. Hinter ihr war ein grelles, flaches, gnadenloses Licht, und ein Lärm, wie ihn kein Tempel und keine Welt je gemacht hatte.

„Eines noch.“ Die Stimme des Jungen war ganz ruhig. „Diese Welt verändert dich. Für immer. Wer durch diese Tür geht, ist nicht mehr, wer er war, wenn er zurückkommt.“

Eine Pause.

„Falls er zurückkommt.“

Der Wanderer sah in das grelle Licht. Irgendwo dahinter, in all dem Lärm, war ein kleines, warmes Leuchten, das er nicht mehr spüren konnte, von dem er aber wusste, dass es da war.

Er trat durch die Tür.

Und im selben Augenblick, mit dem ersten Schritt, begann etwas in ihm leiser zu werden. Seine Sinne, seine Gewissheit, das alte Raubtier, das immer wusste, wo jede Gefahr stand. Es wurde leiser. Und leiser. Und dann, zum ersten Mal seit unzähligen Zeitaltern, war der Wanderer einfach nur —

ein Mann, der eine Tür hinter sich zufallen hörte.