Kapitel 005

Ein Licht ohne Schatten

Ein Licht ohne Schatten

Der Wanderer stand in einem Gang.

Er kannte Gänge. Er hatte einen Tempel voll davon durchschritten, Gänge aus Stein und Schweigen. Dieser Gang war anders. Er war aus einem harten, glatten Stoff, der kein Stein war, und an den Wänden hingen Reihen kleiner Türen aus Metall, viel zu klein für einen Menschen, mit Schlössern, die wie Spielzeug aussahen. Über ihm brannte ein Licht, das von überall kam und von nirgendwoher — ein weisses, summendes Licht, das keinen Schatten warf. Der Wanderer sah an sich hinab und fand keinen Schatten. Er hatte immer einen geworfen.

Und er wusste nichts.

Das war es, was ihn traf, noch ehe der Lärm ihn traf: dass er nicht wusste. Er, der jeden Raum gelesen hatte wie ein offenes Buch — wer darin log, wer Angst hatte, wo die Gefahr stand und wo der Ausgang —, stand nun in diesem grellen Gang und spürte nichts. Keine Gefahr. Keinen Ausgang. Nur ein weisses Rauschen, wo sonst seine Gewissheit gewesen war.

Dann zerriss ein Ton die Luft. Schrill, mechanisch, ohne Anfang und ohne Ende — kein Glockenschlag, wie ihn eine Welt macht, sondern ein Kreischen, das aus den Wänden selbst kam. Der Wanderer, der nie zusammenzuckte, zuckte zusammen.

Und die Türen öffneten sich, alle auf einmal, und die Welt spuckte Menschen aus. Junge Menschen, ein ganzer Schwarm, mit Taschen auf dem Rücken und leuchtenden Spiegeln in den Händen, in die sie hineinsahen, als läge ihr Leben darin. Sie strömten an ihm vorbei, um ihn herum, so nah, dass er ihren Atem hätte spüren müssen — und keiner sah ihn an. Nicht aus Furcht. Nicht aus Ehrfurcht. Sie sahen ihn einfach nicht, so wie man einen Pfosten nicht ansieht, an dem man tausendmal vorbeigeht.

Er suchte sie. Natürlich suchte er sie. Sein erster Gedanke, in all dem Lärm, war Nia — er hob den Kopf und wartete auf das kleine, warme Leuchten, das ihm seit so langer Zeit gesagt hatte, wo sie war.

Da war nichts. Nur der Schwarm und das schattenlose Licht.

Er ging. Er wusste nicht, wohin — er, der immer gewusst hatte, wohin. Er ging durch den Gang, gegen den Strom, und die jungen Menschen teilten sich um ihn wie Wasser um einen Stein, ohne ihn zu bemerken.

Durch eine Scheibe in einer der grösseren Türen sah er einen Raum voller Tische. Die meisten waren leer nun. Nur an einem, ganz hinten, sass jemand. Ein Mädchen, allein, mit einem Buch vor dem Gesicht.

Er sah das Buch, bevor er das Mädchen sah.

Auf dem Umschlag kniete ein Ritter im Gras und hielt eine sterbende Frau in weissem Kleid.

Der Wanderer öffnete die Tür und trat ein. Am vorderen Ende des Raumes stand eine Frau mit einem Stapel Papier, und sie sagte etwas, scharf, in einer Sprache, die er verstand, ohne zu wissen, warum.

„Halt — das dürfen Sie nicht. Sie können hier nicht einfach —“

Er hörte sie, wie man Regen hört. Er ging an ihr vorbei, zwischen den leeren Tischen hindurch, bis zum letzten, und blieb stehen.

Das Mädchen senkte das Buch. Langsam. Als hätte sie alle Zeit der Welt. Und das hatte sie.

Und sah ihn an.

Es war ein junges Gesicht, gerahmt von langem, hellem Haar, ein Gesicht wie tausend andere in diesem Schwarm — bis auf die Augen. In den Augen war dieselbe vollkommene Ruhe, die er zuletzt auf einer Blumenwiese gesehen hatte. Eine Ruhe, der nie etwas geschehen war. Der nie etwas geschehen konnte.

Das Blumenmädchen lächelte.

„Da bist du ja“, sagte sie, ganz leise, nur für ihn. „Ich habe mich gefragt, ob du kommst.“

Die Frau am vorderen Ende war ihnen gefolgt, den Papierstapel noch in der Hand, das Gesicht zwischen Ärger und Sorge.

Das Blumenmädchen wandte sich zu ihr um, und ihre Stimme wurde hell und jung und harmlos, ein anderes Kleid, das sie sich einfach überzog.

„Das ist mein Onkel. Er holt mich heute ab. Ich hab vergessen, es zu sagen.“

Die Frau sah den Wanderer an — den grossen, stillen, fremden Mann, der keinen Schatten warf, den sie aber sah, weil sie nichts anderes kannte als eine Welt, in der alle gesehen wurden. Etwas in ihr beruhigte sich, ohne dass sie hätte sagen können, warum.

„Dann warten Sie bitte draussen. Bis es läutet.“

Und der Wanderer — der durch tausend Welten gegangen war, wie man durch ein Haus geht, das einem gehört, ohne Ehrfurcht, ohne zu fragen — drehte sich um und ging nach draussen.

Und wartete.