Der Schwächling
Der Schwächling
Draussen wartete der Wanderer.
Er, der noch nie auf irgendetwas gewartet hatte, stand vor dem Bau aus Glas und wartete, weil eine Frau mit einem Papierstapel es ihm gesagt hatte. Über ihm hing ein Himmel ohne Farbe. Vor ihm lief eine Strasse, und auf der Strasse jagten Tiere aus Metall dahin, brüllend, mit gläsernen Augen, viel zu schnell, viel zu nah — und niemand fürchtete sie. Die Menschen gingen an ihnen vorbei, als wären sie zahm.
Einmal kam eines der Tiere so nah, dass sein Wind an ihm vorbeistrich. Der Wanderer wich zurück — und erschrak über sich selbst. Er hatte es nicht kommen hören. Er, der jeden Pfeil im Flug gehört hatte, hatte das brüllende Ding nicht kommen hören, bis es fast an ihm war.
Dann kreischte es wieder in den Wänden hinter ihm, und die Türen spien die jungen Menschen aus, und diesmal war sie unter ihnen.
Das Blumenmädchen kam die Stufen herab, eine Tasche über der Schulter, wie alle anderen, und blieb vor ihm stehen. Sie war nicht mehr die harmlose Schülerin von eben. Das Kleid war noch da, das junge Gesicht, das helle Haar — aber niemand sah sie mehr an, und wo niemand sah, brauchte sie nichts zu verstecken.
„Weisst du, was das Schöne an dieser Welt ist?“, sagte sie und sah auf die Strasse, auf die brüllenden Tiere, auf das farblose Licht. „Hier ist niemand besonders. Hier gibt es keine Teilnehmer, keine Türen, keine Stärke, die etwas bedeutet.“ Sie sah ihn an. „Hier bist du wie sie. Genau wie sie.“
Der Wanderer sagte nichts.
„Du spürst es doch.“ Es war kein Spott. Sie stellte nur fest, was war. „Deine Sinne. Dein Gewicht in einem Raum. Das Ding in dir, das immer wusste, wer der Stärkste ist.“ Sie neigte den Kopf. „Es ist fort. Du bist ein Mann. Nur ein Mann.“ Eine kleine Pause. „Ein Schwächling.“
Es war sein Wort. Er hatte es einmal über einen Ritter gesagt, der eine Sterbende hielt. Und er wusste, dass sie das wusste.
Er sah sie an, lange. Dann sprach er — und seine Stimme war heiser, ungewohnt, als hätte er sie in dieser Welt erst suchen müssen.
„Und du?“
Er kannte die Antwort. Er sah sie in ihren ruhigen Augen, ehe sie sich rührte.
Das Blumenmädchen lächelte. Sie hob eine Hand — beiläufig, wie man nach einer losen Haarsträhne greift — und streckte einen einzigen Finger nach der Strassenlaterne aus, die neben ihnen stand, hoch und aus Eisen. Sie berührte sie nicht. Sie deutete nur.
Und das Eisen bog sich.
Langsam, lautlos, wie ein Grashalm im Wind, neigte sich die Laterne, bis ihre Spitze fast den Boden berührte, und das Licht darin flackerte und erlosch. Niemand auf der Strasse blieb stehen. Niemand sah es. In dieser Welt, die keine Wunder kannte, hatte gerade eines stattgefunden — und es war für niemanden bestimmt als für ihn.
„Regeln sind für die, die in einer Welt geboren sind“, sagte sie sanft. „Ich bin in keiner geboren.“
Sie hängte die Tasche höher auf die Schulter und wandte sich zum Gehen. Dann, über die Schulter, beinahe freundlich:
„Sie ist übrigens glücklich. Falls du dich fragst.“ Ein Lächeln. „Sie glaubt, sie sei bei mir in Sicherheit. Das ist sie ja auch.“
Der Wanderer fuhr herum. Er suchte — den Schwarm, die Stufen, die Strasse — nach einem Leuchten, nach einem Plopp, nach irgendetwas. Menschen. Metall. Licht. Kein Leuchten. Nichts.
Als er sich zurückdrehte, war das Blumenmädchen im Strom der jungen Menschen verschwunden, als hätte es sie nie gegeben.
Der Wanderer blieb stehen.
Er stand, wo er stand, und rührte sich nicht, und um ihn herum ging die laute, gnadenlose Welt weiter, als gäbe es ihn nicht. Dann fiel der erste Tropfen. Dann der zweite. Und dann begann es zu regnen — ein grauer, gleichgültiger Regen, der auf die brüllenden Tiere fiel und auf die jungen Menschen und auf den grossen, stillen Mann, der keinen Schatten warf und nicht wusste, was er tun sollte.