Spät in der Nacht
027a Spät in der Nacht
Sie rasteten im Gang.
Es gab dort keine Nacht.
Nur ein Licht, das irgendwann müde wurde und sich dämpfte, als wollte der Tempel selbst schlafen.
Der Wanderer sass mit dem Rücken an einer Tür, die nicht sang.
Nia lag zusammengerollt neben ihm.
Aber sie schlief nicht.
Lange Zeit sagte sie nichts.
Dann, ganz leise:
„Wanderer?“
„Mh.“
„Der Junge heute. Milo.“
„Er hat sich vor die Prinzessin gestellt. Obwohl er Angst hatte.“
„Er hätte doch weglaufen können.“
Der Wanderer hatte die Augen geschlossen.
„Dumm von ihm.“
„Ihr glaubt das nicht.“
Er antwortete nicht.
Nia drehte sich auf den Rücken und sah nach oben, in das müde Licht.
„In der Bibliothek“, sagte sie. „Das Buch mit dem Ritter.“
„Ich muss immer daran denken. An die Prinzessin, die er gehalten hat.“
Sie zögerte.
„Glaubt Ihr, sie wurde in einem Kampf verletzt?“
Der Wanderer öffnete die Augen nicht.
Aber er antwortete sofort.
Ohne nachzudenken.
So, wie man etwas sagt, das man längst weiss.
„Nein.“
„Sie wurde vergiftet.“
Nia setzte sich auf.
„Woher — woher wisst Ihr das?“
„Der Ritter trug kein Blut. Sie auch nicht.“
„Und er hielt sie nicht, wie man jemanden hält, den man noch retten kann.“
Lange Stille.
„Er hielt sie, wie man etwas hält, das man schon verloren hat.“
„Und trotzdem nicht loslässt.“
Es war still im Gang.
Nia sah ihn an.
Den Mann, der von tausend Türen kam.
Der Könige mit einem Wort kleinmachte.
Und der eine sterbende Frau auf einem alten Buch lesen konnte wie eine Landkarte.
„Ihr kennt Euch gut damit aus“, sagte sie leise.
„Mit dem Verlieren.“
Der Wanderer sah in das müde Licht.
Er sagte nichts.
Und Nia, die inzwischen wusste, was sein Schweigen bedeutete, fragte nicht weiter.
Sie legte sich wieder hin.
Ein kleines bisschen näher als vorher.
„Ich hoffe, der Ritter kam noch rechtzeitig“, murmelte sie.
Lange Stille.
Der Wanderer zog seinen Mantel ein Stück weiter über die kleine Fee.
„Schlaft, Käferchen.“
Er sagte nicht, was er dachte.
Dass Ritter in solchen Geschichten nie rechtzeitig kamen.
Und dass die Geschichte, die man am Ende über einen schrieb, meistens genau davon handelte.