Kapitel 027

Der Dämon

027 Der Dämon

Das Beil fiel.

Schneller als ein Wimpernschlag.

Doch es traf nichts.

Denn eine Hand hatte es aus der Luft gepflückt.

Der Wanderer hielt das Beil.

Mühelos.

Zwei Finger an der Klinge.

Als hätte er die ganze Zeit gewusst, dass er es tun würde.

Der ganze Hof erstarrte.

Der Wanderer sah den König an.

Er lächelte nicht.

Als er sprach, war seine Stimme leise.

So leise, dass alle verstummten, nur um sie zu hören.

„Ich will Euch etwas verraten.“

Lange Stille.

„Ich bin ein Dämon.“

Niemand lachte.

„Ich reise durch die Welten und sammle die Seelen von Königen, die töten, was sie nicht verstehen.“

Er trat einen Schritt näher.

Der König wich zurück.

„Krümmt diesem Jungen auch nur ein Haar — und ich jage Euch bis in die tiefste Hölle. Ich werde da sein, wenn Ihr die Augen schliesst. Und wenn Ihr sie wieder öffnet. Für immer.“

Der König zitterte.

Die zu grosse Krone rutschte ihm in die Stirn.

„Was — was wollt Ihr?“

Der Wanderer liess das Beil fallen.

Es krachte auf die Steine.

„Eure Tochter wird den Jungen heiraten.“

Lange Stille.

„Morgen.“

Der König rang nach Luft.

„Einen Bauern? Niemals! Das ist gegen jedes —“

Der Wanderer neigte den Kopf.

Ganz langsam.

Und der König verstummte.

„Morgen.“

Und in diesem Augenblick — als der ganze Hof den Blick senkte, als selbst der König sich duckte — spürte der Wanderer etwas, das nicht hierhergehörte.

Er hob den Kopf.

Am Rand des Hofes stand ein alter Baum.

Und auf einem Ast, hoch oben, sass ein Junge.

Ein Kind.

Es hatte dem ganzen Schauspiel zugesehen.

Und es hatte keine Angst.

Nicht vor dem Dämon.

Nicht vor dem König.

Vor nichts.

Der Junge legte den Kopf schief.

Und lächelte.

Der Wanderer hatte unzählige Welten hinter unzähligen Türen gesehen.

Und er wusste mit vollkommener Sicherheit:

Dieser Junge gehörte in keine davon.

Er wollte einen Schritt auf ihn zu machen.

Doch da rief Nia seinen Namen — „Wanderer!“ — und er wandte den Kopf.

Nur einen Herzschlag lang.

Und als er wieder zum Baum sah,

war der Ast leer.

Der Wanderer sagte nichts davon.


Am nächsten Tag heiratete die Prinzessin ihren Bauern.

Der König lächelte die ganze Zeit.

Sehr verkrampft.

Nia weinte vor Rührung.

Der Wanderer stand am Rand und langweilte sich.

Zumindest tat er so.

Als sie schliesslich gingen, hüpfte Nia neben ihm her.

Sie hatte den ganzen Tag geschwiegen.

Jetzt nicht mehr.

„Ihr habt sie gerettet.“

Der Wanderer sah sie nicht einmal an.

„Ich habe einen König gedemütigt.“

Lange Stille.

„Dass die beiden davon etwas haben, ist mir gleich.“

Nia betrachtete ihn lange.

Dann lächelte sie.

Ganz leise.

Sie glaubte ihm kein Wort.

„Ihr seid ein guter Mensch.“

Der Wanderer öffnete die Tür zurück in den Tempel.

„Ich bin überhaupt kein Mensch.“

Sie traten hinaus in den endlosen Gang.

Hinter ihnen fiel die Tür ins Schloss.

Und irgendwo, hoch oben in einem Baum, den es im Tempel gar nicht gab,

schaukelten zwei Beine.

Ganz ruhig.