Kapitel 026

Hinter der Hecke

026 Hinter der Hecke

Der Wanderer folgte ihr nicht.

Aber er ging in dieselbe Richtung.

Nia lief neben ihm her.

„Wir sollten nicht spionieren.“

„Ich spioniere nicht.“

„Was macht Ihr dann?“

„Ich gehe spazieren. Zufällig dorthin, wo sie hingegangen ist.“

Hinter einer hohen Hecke lag ein kleiner Garten.

Rosen.

Ein Brunnen.

Und zwei Menschen.

Die Prinzessin.

Und ein junger Mann.

Er trug einfache Kleider und die schwieligen Hände eines, der für sein Brot arbeitet.

Sie standen sehr nah.

Die Gesichter nur einen Atemzug voneinander entfernt.

Nia hielt die Luft an.

„Oh …“

Ihre Augen wurden groß und glänzend.

„Sie lieben sich.“

Lange Stille.

„Gleich küssen sie sich.“

Der Wanderer betrachtete die Szene, als betrachte er ein besonders uninteressantes Insekt.

„Sie wollen ihre Münder aufeinanderpressen.“

Nia strahlte.

„Ja!“

„Wisst Ihr, wie viele Lebewesen in einem einzigen Mund wohnen?“

Nia sackte in sich zusammen.

Die beiden hinter der Hecke fuhren auseinander.

Die Prinzessin sah die Fremden.

Und erstarrte.

Dann stürzte sie auf sie zu.

Sie fiel beinahe auf die Knie.

„Bitte.“
„Bitte, erzählt es niemandem.“
„Vor allem nicht meinem Vater.“

Ihre Stimme zitterte.

„Wenn er es erfährt, lässt er Milo hängen.“

Der Bauernjunge trat neben sie.

Er hatte Angst.

Aber er stellte sich vor die Prinzessin.

„Tut, was ihr wollt. Aber lasst sie in Ruhe.“

Nia sah zum Wanderer.

Mit großen, flehenden Augen.

„Wir sagen nichts.“
„Bitte.“
„Bitte, bitte sagt nichts.“

Lange Stille.

Der Wanderer sah auf die Augen, die ihn anflehten.

Dann auf Nia.

„Warum sollte mich das kümmern?“

Nia rang nach Worten.

„Weil — weil es Liebe ist!“

Der Wanderer schwieg.

Dann drehte er sich um und ging zurück zum Schloss.

Nia atmete auf.

„Danke.“
„Danke, danke, dank—“

Doch der Wanderer ging nicht an der Hecke vorbei.

Er ging geradewegs in den Thronsaal, ohne Eile, mit dem gleichmütigen Schritt eines Mannes, dem man soeben gesagt hatte, was er zu tun und zu lassen habe.

Nia begriff es zu spät.

„Nein — wartet —“

Der König saß noch immer auf seinem viel zu goldenen Thron.

Der Wanderer blieb davor stehen.

„Eine Frage.“
„Wisst Ihr eigentlich, was Eure Tochter so treibt?“

Der König runzelte die Stirn.

„Was soll das heißen?“

Der Wanderer lächelte.

„Sie küsst einen Bauern. Hinter der Hecke im Rosengarten.“

Lange Stille.

„Ihr solltet Eure Wachen weniger am Tor aufstellen und mehr im Garten.“

Das rote Gesicht des Königs wurde weiß.

Dann wieder rot.

Dann fast schwarz.

„WACHEN!“

Es ging schnell.

Zu schnell.

Befehle.

Geschrei.

Man zerrte den Bauernjungen in den Hof.

Die Prinzessin schrie.

Nia schrie.

Der König verlangte ein Beil.

Nia sprang vor den Wanderer.

Ihre kleine Stimme überschlug sich.

„Was habt Ihr getan?!“
„Warum?!“
„Warum habt Ihr das getan?!“

Der Wanderer antwortete nicht.

Er sah nur zu, wie man den Bauernjungen auf die Knie zwang.

Im Hof kniete Milo.

Ein Henker trat neben ihn.

Er hob das Beil.

Und die Sonne blitzte auf der Klinge.