Kapitel 025

Der ungebetene Gast

025 Der ungebetene Gast

Die nächste Tür war aus dunklem Eichenholz.

Schwer.

Mit eisernen Beschlägen.

Dahinter: kein Summen der Stille.

Sondern Lärm.

Stimmen.

Hufe.

Glocken.

Der Wanderer trat hindurch — und zum ersten Mal lag hinter einer Tür kein stiller Ort, sondern eine ganze Stadt.

Sie schlug ihnen entgegen wie eine Welle.

Zuerst der Geruch — frisches Brot, warmes Pferd, Rauch und überreifes Obst, das in der Sonne gärte.

Dann die Farben. Fahnen an jedem Turm, Marktstände in Rot und Safran, Wäsche, die zwischen den Häusern hing wie bunte Segel.

Und überall Menschen.

Ein Bäcker brüllte seine Preise. Zwei Kinder jagten ein Huhn durch die Gasse. Irgendwo verkeilte sich ein Karren, und sofort schrien sich zehn Leute an, wer daran schuld sei.

Über allem, auf einem Hügel aus weissem Stein, ein Schloss.

Nia blieb einfach stehen.

Der Mund offen.

Sie hatte vergessen, ihn zu schliessen.

„Es ist … es ist so …“

Sie fand das Wort nicht.

So viel Leben. So laut. Alles auf einmal.

Der Wanderer ging weiter.

Er betrachtete es, wie man ein Spielzeug betrachtet, das man schon zu oft gesehen hat.

Türme. Fahnen. Ein Markt.

Er hatte tausend davon gesehen.

Er würde tausend weitere sehen.

Nia holte ihn ein und riss die Augen auf.

„Ein Schloss!“
„Ein richtiges Schloss!“

Sie drehte sich einmal im Kreis.

„Da wohnt bestimmt ein König.“

Der Wanderer sah zum Tor.

„Dann ist es ein schlecht bewachter König.“

Am Tor standen zwei Wachen.

Sie senkten die Hellebarden.

„Halt. Wer seid Ihr?“

Der Wanderer ging einfach weiter.

Er ging durch die gesenkten Hellebarden hindurch, als wären sie Schilf, und keiner der beiden Männer brachte es fertig, ihn aufzuhalten — sie sahen ihm nach, die Waffen noch in der Luft, und wussten selbst nicht, warum sie nicht zugestochen hatten.

Nia huschte hinterher.

„Entschuldigung.“
„Er meint es nicht so.“
„… Doch. Eigentlich schon.“

Hinter dem Tor blieb der Lärm der Stadt zurück.

Als hätte jemand eine Tür geschlossen.

Der Thronsaal war hoch und hell.

Und kühl.

Säulen.

Teppiche.

Ein Thron aus Gold.

Darauf sass ein König.

Er war rund, rot im Gesicht, und trug eine Krone, die eine Nummer zu gross war.

Neben ihm stand seine Tochter.

Die Prinzessin.

Nia stockte der Atem.

„Oh.“

Lange Stille.

„Sie ist wunderschön.“

Der Wanderer musterte sie kurz.

„Seid Ihr aber hässlich.“

Der ganze Saal erstarrte.

Nia wurde bleich.

„Das — das hat er nicht so —“

Die Prinzessin blinzelte.

Dann, zur Überraschung aller, lächelte sie.

„Endlich sagt es einmal jemand ehrlich.“

Der König sprang auf.

„Wie könnt Ihr es wagen! Wisst Ihr, wer ich bin?!“

Der Wanderer betrachtete ihn.

Die zu grosse Krone.

Das rote Gesicht.

„Nein.“

Lange Stille.

„Und es interessiert mich auch nicht.“

Der König öffnete den Mund.

Doch etwas an dem Fremden liess ihn den Befehl, den er geben wollte, wieder hinunterschlucken.

Die Prinzessin nutzte den Moment.

Sie verneigte sich knapp.

„Verzeiht. Ich ziehe mich zurück.“

Und verschwand durch eine Seitentür.

Etwas zu schnell.

Der Wanderer sah ihr nach.

Nicht, weil sie ihn interessierte.

Sondern weil Menschen, die zu schnell verschwinden, fast immer etwas zu verbergen haben.