Kapitel 028

Das Sternenmeer

028 Das Sternenmeer

Wieder die Gänge.

Endlos.

Still.

Der Wanderer ging, wie er immer ging — als wüsste er längst, wohin, und als lohnte es nicht, ein Wort darüber zu verlieren.

Nia tapste hinterher.

Dann blieb sie stehen.

Eine Tür aus dunklem Holz. Alt. Sehr alt.

Sie kannte sie.

„Die singt immer noch.“

Sie legte das Ohr an das Holz.

„Ganz leise. In der alten Sprache, die ich nicht verstehe.“

Der Wanderer wurde nicht einmal langsamer.

„Heute nicht.“

Nia sah die Tür noch einen Augenblick an.

Dann folgte sie ihm.

Sie sagte sich, dass sie später wiederkämen.

Sie sagte sich das jedes Mal.


Weiter hinten im Gang, dort, wohin das Licht schon nicht mehr reichte, stand etwas.

Klein.

Wie ein Kind.

Es rührte sich nicht.

Der Wanderer hob den Kopf.

Für einen Herzschlag.

Dann war der Gang leer, als wäre nie etwas dort gewesen.

Er sagte nichts.

Er ging weiter.


Die nächste Tür war kühl unter seiner Hand.

Er öffnete sie ohne Feierlichkeit.

Und dahinter war kein Boden.

Nia hielt sich mit beiden Händen an seinem Ärmel fest.

„Oh —“

Doch es war kein Abgrund.

Es war ein Meer.

Nur dass dieses Meer nicht aus Wasser war.

Es war aus Sternen.

Wohin man auch sah — unter ihnen, über ihnen, bis an jeden Rand — nichts als Sterne, ganz still, ganz tief, und dazwischen die dunklen Bänder ferner Nebel wie Rauch, den jemand vor tausend Jahren ausgeatmet hatte.

Der Himmel lag oben.

Und der Himmel lag unten.

Und sie standen mittendrin, auf nichts als ihrem eigenen Spiegelbild.

Nia setzte einen Fuss vor.

Vorsichtig.

Unter ihrer kleinen Sohle kräuselte sich das Licht.

Ein Ring aus Sternen lief davon, weiter und weiter, bis er sich im Dunkel verlor.

Nia machte „Oh“.

Dann noch einmal „Oh“.

Dann fand sie das ganze Alphabet nicht mehr.

Vor ihnen spannte sich, schmal wie ein Atemzug, eine Brücke aus Licht über das Sternenmeer.

Sie führte nirgendwohin.

Oder überallhin.

Das liess sich nicht sagen.

„Wanderer.“
„Wanderer, seht Ihr das?“
„Sagt, dass Ihr das seht.“

Keine Antwort.

Nia drehte sich um, um ihn zu schelten — weil er wieder nichts sagte, weil er wieder schon zwei Schritte voraus war —

Aber er war nicht zwei Schritte voraus.

Er war stehen geblieben.

Der Wanderer, der niemals stehen blieb.

Er stand mitten im Sternenmeer und sah hinaus, und für einen einzigen Augenblick sah er nicht aus wie einer, der alles schon gesehen hatte.

Nia hielt den Atem an.

Sie sagte nichts.

Manche Dinge, das wusste sogar sie, macht man kaputt, wenn man sie ausspricht.

Und so standen sie beide.

Ganz still.

Zwei winzige Lichter in einem Meer aus tausend anderen.