Kapitel 015

Geschichten und Menschen

015 Geschichten und Menschen

Nia aß inzwischen ihren dritten Keks.

Die Bibliothekarin trank Tee.

Der Wanderer hielt seine Tasse in den Händen.

Schließlich fragte die Bibliothekarin:

„Wie lange seid Ihr schon im Tempel?“

Der Wanderer dachte nach.

„Ich weiß es nicht.“

Die Bibliothekarin nickte.

Als hätte sie diese Antwort erwartet.

„Und wie viele Türen habt Ihr bereits durchschritten?“

„Ich habe nie gezählt.“

Die Bibliothekarin lächelte.

„Natürlich nicht.“

Nia nickte.

„Das macht er ständig.“

Der Wanderer sagte nichts.

Aber es gefiel ihm nicht, wie selbstverständlich die beiden bereits über ihn sprachen.

Als gehörte er dazu.

Die Bibliothekarin betrachtete ihn einen Augenblick lang.

„Habt Ihr gefunden, wonach Ihr sucht?“

Lange Stille.

Sehr lange.

Schließlich schüttelte der Wanderer den Kopf.

„Nein.“

Die Bibliothekarin nickte langsam.

Dann stellte sie ihre Tasse ab.

„Das überrascht mich nicht.“

Nia blinzelte.

„Warum?“

Die Bibliothekarin lächelte.

„Weil die meisten Teilnehmer am Anfang glauben, sie würden nach etwas suchen.“

Lange Stille.

„Und später merken sie, dass sie eigentlich vor etwas davonlaufen.“

Nia dachte nach.

Dann sah sie zum Wanderer.

Der Wanderer sah in seine Tasse.

Die kleine Fee beschloss, vorerst nichts zu fragen.

Stattdessen nahm sie noch einen Keks.

Die Bibliothekarin musste lächeln.

„Menschen sind merkwürdig.“

Nia nickte.

„Ja.“

Dann fragte sie:

„Sind Bücher auch merkwürdig?“

Die Bibliothekarin dachte nach.

„Die besten schon.“

Nia strahlte.

„Dann möchte ich sie alle lesen.“

Die Bibliothekarin sah den Wanderer an.

„Und Ihr?“

„Was möchtet Ihr?“

Der Wanderer dachte nach.

Sehr lange.

Dann sah er zur kleinen Fee.

Dann zur leeren Keksschale.

Und schließlich sagte er:

„Das weiß ich noch nicht.“