Der Ritter und die Prinzessin
015a Der Ritter und die Prinzessin
Zwischen zwei Regalen, dort, wo es nach altem Papier und kaltem Stein roch, blieb Nia stehen.
Ein Buch lag aufgeschlagen auf einem Pult.
Nicht weggeräumt.
Als hätte es jemand erst vor Kurzem gelesen und vergessen, es zurückzustellen.
Auf dem Umschlag ein Bild.
Ein Ritter.
In der schmutzigen Rüstung eines langen Krieges.
Er kniete im Gras.
Und in seinen Armen lag eine Frau.
Eine Prinzessin.
Ihre Augen waren halb geschlossen.
Ihr Kleid war weiss und makellos.
Keine Wunde.
Kein Blut.
Nichts, wogegen ein Schwert genützt hätte.
Nia betrachtete es lange.
„Sie schläft.“
Lange Stille.
„Nicht wahr?“
Der Wanderer trat neben sie.
Er sah auf das Bild hinab, so wie er auf die meisten Dinge hinabsah.
Von weit oben.
„Sie stirbt.“
Nia sah erschrocken auf.
Der Wanderer deutete mit dem Kinn auf den Ritter.
„Seht ihn Euch an.“
„Die stärkste Rüstung im ganzen Land. Ein Schwert, mit dem er sich durch Heere geschlagen hat.“
Lange Stille.
„Und da kniet er im Dreck und hält etwas, das ihm zwischen den Fingern zerrinnt. Und all seine Stärke ist keinen Pfifferling wert.“
Er richtete sich auf.
„Ein Schwächling.“
Nia runzelte die Stirn.
Sie tat das selten.
„Das glaube ich nicht.“
Der Wanderer sah sie an.
„Vielleicht ist er nicht schwach“, sagte sie.
„Vielleicht liebt er sie einfach.“
Lange Stille.
„Das ist dasselbe.“
Nia schüttelte den Kopf.
Ganz langsam.
„Nein. Das glaube ich nicht.“
Sie sah wieder auf das Bild.
Auf den Mann, der nicht kämpfte.
Der nicht floh.
Der einfach nur kniete und hielt, was er nicht halten konnte.
„Ich glaube, das ist das Mutigste auf dem ganzen Bild.“
Der Wanderer antwortete nicht.
Er hatte sich schon abgewandt.
Ein Buch, in dem ein starker Mann verlor, langweilte ihn.
Er wusste ja, wie es ausging.
Nur Nia blieb noch einen Moment.
Sie legte einen Finger auf den Umschlag, ganz vorsichtig, wie man jemanden berührt, der schläft.
Dann folgte sie ihm.
Plopp.
Plopp.
Und das Buch blieb aufgeschlagen zurück,
mit dem Ritter, der für immer im Gras kniete
und für immer nicht rechtzeitig kam.