Die Suppe
023 Die Suppe
Toma machte Feuer.
Zwischen den Trümmern seiner Hütte.
Als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt.
Bald hing ein Topf über den Flammen.
Es roch nach Kräutern.
Und nach etwas, das Nia nicht kannte.
Der Wanderer blieb stehen und liess den Blick über diese Welt wandern — einen Hügel, ein Schaf, einen zitternden Hirten, einen Himmel, der nie etwas anderes gesehen hatte als sich selbst — und etwas in ihm, das seit Zeitaltern nach einem würdigen Gegner hungerte, wandte sich gelangweilt ab.
Er war ausgezogen, um etwas zu finden, das ihm gewachsen war.
Gefunden hatte er Suppe.
Mira lag im Gras.
Sie kaute.
Und beobachtete den Wanderer.
Sehr aufmerksam.
Als wäre er das Einzige weit und breit, das eine Meinung wert war.
Nia setzte sich neben das Schaf.
„Er ist nicht immer so.“
Mira sah sie an.
„Määäh.“
Nia dachte nach.
„… Doch. Eigentlich schon.“
Toma füllte drei Schüsseln.
Dann hielt er inne.
Er sah zur kleinen Fee.
Schliesslich füllte er eine winzige vierte.
Nia strahlte.
„Für mich?“
„Natürlich.“
Der Wanderer setzte sich nicht.
Er blieb stehen, überragte das kleine Feuer, den kleinen Topf, den kleinen Hirten, und trank seine Suppe im Stehen, ohne zu danken.
Toma sah ihm dabei zu.
Lange.
Dann sagte er, ganz beiläufig:
„Ihr habt meine Hütte zerstört.“
Der Wanderer trank weiter.
„Ja.“
Toma sah ihn an.
„Und ein Ungeheuer daraus vertrieben.“
Lange Stille.
„Vielleicht.“
Toma nickte.
Als wäre das eine ausreichende Antwort.
Lange Zeit sagte niemand etwas.
Nur das Feuer knisterte.
Dann sagte Toma:
„Ich habe jeden Tag Angst.“
Der Wanderer, der eben noch über allem gestanden hatte, hielt inne.
Toma lächelte.
Ein wenig verlegen.
„Vor dem Ungeheuer. Vor dem Alleinsein. Vor fast allem.“
Er kraulte Mira zwischen den Ohren.
„Aber ich glaube nicht, dass man sich jemals wirklich an die Einsamkeit gewöhnen sollte.“
Der Wanderer sah ins Feuer.
Er sagte nichts.
Doch irgendwo, sehr weit weg, hörte er sich selbst ein Wort sagen.
Ungestört.
Es klang plötzlich nicht mehr wie Stärke.
Toma sah ihn an.
Ruhig.
Ohne Furcht — obwohl er doch gerade gesagt hatte, dass er sich vor fast allem fürchtete.
„Ist das nicht anstrengend?“
Lange Stille.
„So zu tun, als wäre Euch alles egal?“
Und zum ersten Mal an diesem Tag war der Wanderer nicht der Grösste auf dem Hügel.
Er öffnete den Mund.
Auf tausend Fragen hatte er eine Antwort.
Auf diese keine.
Er stellte die Schüssel ab.
Dann ging er zu den Trümmern.
Nia sah ihm nach.
„Wohin—“
Der Wanderer antwortete nicht.
Er hob einen Balken.
Und setzte ihn auf.
Und noch einen.
Was er mit einem einzigen Kieselstein niedergeworfen hatte, richtete er nun mit blossen Händen wieder auf — Balken um Balken, Wand um Wand, so mühelos und so selbstverständlich, als hätte er nie etwas anderes getan, als Häuser zu bauen.
Niemand sagte ein Wort.
Nicht einmal Mira.
Als die Hütte wieder stand, klopfte er sich den Staub von den Händen.
Toma betrachtete sein Haus.
Dann den Wanderer.
Er lächelte.
Sagte aber nichts.
Nia strahlte.
„Ihr habt geholfen!“
Der Wanderer wandte sich bereits ab.
„Es ging schneller, als ihm zuzusehen.“