Kapitel 022

Die Hütte auf dem Hügel

022 Die Hütte auf dem Hügel

Das Haus mit dem Brot lag hinter ihnen.

Wieder der Tempel.

Wieder der endlose Gang.

Der Wanderer ging schnell.

Er ging immer schnell.

Als könnte hinter der nächsten Tür endlich das warten, wonach er seit Zeitaltern suchte.

Und manchmal, weit hinter ihm:

Plopp.

Dann eine Tür.

Sie stand einen Spalt offen.

Dahinter: Licht.

Grün.

Weite.

Der Wanderer trat hindurch, und die neue Welt empfing ihn, wie es alle Welten taten — als hätte sie auf ihn gewartet, ohne zu ahnen, wen sie da einliess.

Vor ihnen lag ein Hügel.

Grünes Gras, so weit man sehen konnte.

Ein weiter Himmel.

Ein einzelner Baum.

Nia machte grosse Augen.

„Oh.“

Der Wanderer machte keine.

Er überflog das alles mit einem einzigen Blick — den Hügel, den Baum, die Hütte weit oben, das Schaf davor, den Mann daneben —, so wie ein Raubtier einen Raum betritt und noch vor dem ersten Schritt jeden Ausgang kennt.

Nichts davon war ihm gewachsen.

Wie immer.

Ganz oben auf dem Hügel stand eine kleine Hütte.

Davor ein Schaf.

Es hob den Kopf.

„Määäh.“

Nia blieb stehen.

„Ein Schaf!“

Neben dem Schaf richtete sich jemand auf.

Ein junger Mann.

Zu grosser Mantel, Stroh im Haar.

Er blinzelte in die Sonne.

Dann winkte er.

„Oh! Besuch!“

Er kam den Hügel herunter.

Er sah den Wanderer.

Dann die kleine Fee.

„Zwei Besucher sogar.“

Nia machte grosse Augen.

„Ihr könnt mich sehen?“

„Natürlich. Ihr seid schwer zu übersehen.“

Nia strahlte.

Der junge Mann lächelte.

„Ich bin Toma. Und das ist Mira.“

Das Schaf blinzelte.

„Määäh.“

Nia sah zum Schaf.

Dann zu Toma.

„Was hat sie gesagt?“

Toma dachte nach.

„Sie mag Euch.“

Nia strahlte noch mehr.

„Ich mag sie auch!“

Der Wanderer nannte seinen Namen nicht.

Er musterte den Hirten von oben herab — dieses freundliche, zerstreute Etwas, das ihm kaum bis zur Schulter reichte und trotzdem redete, als wäre man sich ebenbürtig.

Ein Hügel.

Ein Schaf.

Ein Mann, der zitterte, wenn der Wind sich drehte.

Dafür hatte der Tempel eine Tür geöffnet.

Toma sah zum Himmel.

„Ihr kommt gerade recht.“

Er deutete zur Hütte.

„Es gibt Suppe. Genug für alle.“

Nia strahlte.

Der Wanderer antwortete nicht.

Er betrachtete die Hütte.

Sehr lange.

Als sähe er etwas, das niemand sonst sah.

„Die Suppe fällt heute aus.“

Toma blinzelte.

„Wie bitte?“

Der Wanderer hob einen kleinen Kieselstein vom Boden auf.

Er wog ihn kurz in der Hand.

Dann schnippte er ihn gegen die Hütte, beiläufig, wie man eine Fliege verscheucht — und mit einem einzigen, trockenen Knacken sackte das ganze Haus in sich zusammen, Balken um Balken, als hätte es nur auf die Erlaubnis gewartet, endlich aufzugeben.

Staub stieg auf.

Nia schrie auf.

„Was habt Ihr getan?!“

Doch der Wanderer sah nicht sie an.

Er sah in den Staub.

Zwischen den geborstenen Balken bewegte sich etwas.

Etwas Dunkles.

Etwas, das dort nicht hätte sein sollen.

Es hatte zu viele Beine.

Es zischte.

Dann floh es den Hügel hinab.

Und war verschwunden.

Lange Stille.

Nia starrte auf die Stelle.

Ihr Mund stand offen.

Toma sah dem Ding nach.

Lange.

Dann sah er den Wanderer an.

Nicht erschrocken.

Nicht wütend.

„Ihr habt gute Augen.“

Der Wanderer erwiderte nichts.

Er liess den Kieselstein fallen.

„Ihr wolltet Suppe kochen?“

Toma betrachtete die Trümmer seiner Hütte.

Dann lächelte er.

„Dann koche ich sie eben draussen.“