Kapitel 021

Das Haus mit dem Brot

021 Das Haus mit dem Brot

Lange Zeit sagte niemand etwas.

Ein warmer Duft strömte aus der offenen Tür.

Frisches Brot.

Nia machte grosse Augen.

„Das riecht glücklich.“

Der Wanderer sah sie an.

„Glücklich?“

Die kleine Fee nickte.

„Brot riecht immer glücklich.“

Der Wanderer wusste nicht, ob das stimmte.

Aber es interessierte ihn auch nicht.

Er hatte Hunger.

Er schob die Tür auf und trat ein, noch ehe Nia „Hallo“ sagen konnte.

Vor ihnen lag eine kleine Küche.

Ein Kamin knisterte.

Auf einem Tisch standen Schüsseln.

Und auf der Fensterbank kühlten mehrere Brote aus.

Der Wanderer ging schnurstracks hinüber, nahm sich das nächstbeste Brot und biss herzhaft hinein.

Dann brach er ein Stück ab und warf es Nia zu.

Sie fing es mit beiden Armen.

„Danke.“

Ganz automatisch.

Dann runzelte sie die Stirn.

„Moment.“

Sie sah sich in der Küche um.

Sie wirkte leer.

„Das gehört uns doch gar nicht.“
„Man muss zuerst fragen. Das ist unhöflich.“

Der Wanderer kaute.

„Die Tür war offen.“

Und dann sprach eine Stimme.

Ruhig.

Freundlich.

Und ein wenig belustigt.

„Es freut mich, dass euch mein Brot schmeckt.“

Nia erschrak.

Sie fuhr herum.

In einer Ecke der Küche sass eine alte Frau.

Sie strickte.

Neben ihr stand ein Korb voller Wolle.

Der Wanderer kaute weiter.

Er hatte sie längst bemerkt.

Die alte Frau lächelte.

„Aber lasst mir bitte auch noch etwas übrig.“

Nia wurde rot bis zu den Flügelspitzen.

„Es tut mir so leid — er ist —“

Der Wanderer schluckte.

Dann zuckte er mit den Schultern.

„Wenn Ihr Hunger habt, backt ein neues.“

„Oder besser gleich mehrere. Mein Hunger ist gross.“

Nia sah aus, als wollte der Boden sie verschlingen.

Doch die alte Frau lachte nur.

Ein leises, warmes Lachen.

„Dann ist es gut, dass mein Ofen niemals ausgeht.“

Sie legte das Strickzeug beiseite.

„Es war immer genug für alle da.“

Lange Stille.

Der Wanderer runzelte die Stirn.

Auf Widerstand hatte er tausend Antworten.

Auf Grosszügigkeit keine.

Nia sah die alte Frau an.

Vorsichtig.

„Wer seid Ihr?“

Die Frau dachte nach.

Dann sagte sie:

„Die meisten nennen mich die Bäckerin.“

Nia machte grosse Augen.

„Macht Ihr auch Kekse?“

Die Bäckerin lächelte.

„Manchmal.“

Nia strahlte.

„Ich glaube, ich mag Euch.“

Die Bäckerin betrachtete die kleine Fee.

Dann den Wanderer.

Dann wieder die kleine Fee, die noch immer ihr Stück Brot mit beiden Armen festhielt.

Schliesslich lächelte sie.

„Ah.“
„Jetzt verstehe ich.“

Der Wanderer runzelte erneut die Stirn.

„Was?“

Die Bäckerin lächelte nur.

Dann stand sie auf und nahm ein weiteres, noch warmes Brot von der Fensterbank.

„Ihr habt einen langen Weg vor euch.“

Lange Stille.

Dann brach sie das Brot in drei Stücke.

Und schob dem Wanderer das grösste zu.

„Nehmt.“

Lange Stille.

„Es schmeckt besser, wenn man es nicht stehlen muss.“

Der Wanderer sah das Brot an.

Dann die alte Frau.

Er sagte nichts.

Aber an diesem Tag stahl er kein weiteres.