Die nächste Tür
020 Die nächste Tür
Der Tempel war still.
Nur ihre Schritte hallten durch die endlosen Gänge.
Und manchmal:
Plopp.
Lange Zeit sagte niemand etwas.
Dann fragte der Wanderer:
„Warum habt Ihr sie umarmt, Käferchen?“
Nia blinzelte.
Dann sah sie zu ihm auf.
„Die Bibliothekarin?“
„Ja.“
Die kleine Fee dachte nach.
Dann lächelte sie.
„Weil sie ein bisschen einsam ist.“
Der Wanderer sah sie an.
„Woher wisst Ihr das?“
Nia dachte erneut nach.
Dann hob sie die Schultern.
„Ich weiss nicht.“
„Ich glaube, ich habe es gespürt.“
Der Wanderer sagte nichts.
Dass ein Wesen, das kaum grösser war als seine Hand, etwas spürte, das ihm seit Zeitaltern entging, behagte ihm nicht.
Sie gingen weiter.
Vorbei an unzähligen Türen.
Vorbei an Schatten.
Vorbei an Lichtern, die irgendwo in der Ferne glimmten.
Dann fragte Nia:
„Denkt Ihr, sie ist wirklich einsam?“
Lange Stille.
Sehr lange.
Dann sagte der Wanderer:
„Vielleicht.“
Nia nickte.
„Dann kommen wir wieder.“
Der Wanderer sah sie an.
„Warum?“
Die kleine Fee lächelte.
„Weil niemand allein bleiben sollte.“
Der Wanderer antwortete nicht.
Dann fragte er:
„Auch nicht Bücher?“
Nia strahlte.
„Auch nicht Bücher.“
Dann blieb sie plötzlich stehen.
„Oh.“
Der Wanderer drehte sich um.
„Singt eine Tür?“
Die kleine Fee lächelte.
„Nein.“
Sie zeigte nach vorne.
„Da.“
In einiger Entfernung stand eine Tür.
Sie war klein.
Aus weissem Holz.
Und sie stand einen Spalt offen.
Lange Zeit sagte niemand etwas.
Dann fragte Nia:
„War sie vorher schon offen?“
Der Wanderer betrachtete die Tür.
Dann schüttelte er den Kopf.
„Nein.“
Ein warmer Wind wehte aus der Öffnung.
Und mit ihm:
der Duft von frischem Brot.
Nia machte grosse Augen.
Dann sah sie zum Wanderer auf.
„Ich glaube …“
Lange Stille.
„… dort gibt es Frühstück.“