Der Wind im Gang
019 Der Wind im Gang
Lange Zeit sagte niemand etwas.
Nia betrachtete noch immer das leere Fach.
Die Bibliothekarin lächelte.
Der Wanderer stand schweigend daneben.
Dann geschah etwas.
Ein Wind strich durch die Bibliothek.
Ganz plötzlich.
Die kleinen Lichter zwischen den Regalen begannen zu tanzen.
Mehrere Seiten raschelten.
Nia hob den Kopf.
„Oh.“
Der Wanderer drehte sich um.
Der Wind war bereits wieder verschwunden.
Die Bibliothekarin sah zur Tür.
Sehr lange.
Dann lächelte sie.
„Ich glaube, der Tempel ist ungeduldig geworden.“
Nia blinzelte.
„Kann ein Tempel ungeduldig sein?“
Die Bibliothekarin dachte nach.
Dann nickte sie.
„Dieser hier schon.“
Dann fragte Nia:
„Warum?“
Die Bibliothekarin sah zum Wanderer.
„Weil er Euch vermutlich eine neue Tür zeigen möchte.“
Die kleine Fee strahlte.
„Eine neue Tür!“
Dann blieb sie stehen.
„Müssen wir gehen?“
Die Bibliothekarin lächelte.
„Nein.“
„Aber ich glaube, der Tempel würde sich freuen.“
Nia dachte nach.
Dann nickte sie.
„Ich möchte nicht, dass er traurig wird.“
Die Bibliothekarin musste lachen.
Der Wanderer sagte nichts.
Schliesslich fragte die kleine Fee:
„Kommt Ihr mit?“
Lange Stille.
Die Bibliothekarin sah sich in ihrer Bibliothek um.
Dann lächelte sie.
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Jemand muss auf die Bücher aufpassen.“
Nia nickte.
Das erschien ihr vernünftig.
Dann lief sie plötzlich zur Bibliothekarin.
Und umarmte sie.
Lange Stille.
Die Bibliothekarin blinzelte.
Einmal.
Dann noch einmal.
Ganz langsam legte sie die Arme um die kleine Fee.
„Ihr seid sehr schnell zu Freunden geworden.“
Nia lächelte.
„Ich weiss.“
Dann löste sie die Umarmung.
„Wir kommen wieder.“
Die Bibliothekarin lächelte.
Ganz warm.
„Ich hoffe es.“
Dann sah sie den Wanderer an.
Ihr Lächeln wurde ernst.
„Passt auf sie auf.“
Der Wanderer erwiderte nichts.
Doch als er sich abwandte, nickte er.
Nur einmal.
Und so knapp, dass man es beinahe übersehen hätte.
Der Wanderer und die kleine Fee gingen zur grossen Eingangstür.
Dort blieb Nia noch einmal stehen.
Sie drehte sich um.
Die Bibliothekarin stand zwischen den Regalen.
Umgeben von Büchern.
Und kleinen Lichtern.
Sie hob die Hand.
Nia hob ebenfalls die Hand.
Dann verliessen sie die Bibliothek.
Die Tür schloss sich leise hinter ihnen.
Vor ihnen lag der endlose Gang des Tempels.
Und irgendwo in der Ferne
wartete bereits die nächste Geschichte.