Kapitel 005

Die Sommerwiese

005 Die Sommerwiese

Lange Stille.

Dann trat der Wanderer durch die Tür, in die neue Welt hinein, als beträte er nur den nächsten Gang eines Hauses, das ihm längst zu vertraut geworden war, um noch zu staunen.

Die kleine Fee folgte ihm.

Sofort blieb sie stehen.

Vor ihnen lag eine endlose Wiese.

Das Gras reichte ihnen bis zu den Knien.

Überall blühten kleine Blumen.

Der Himmel war blau.

Ein warmer Wind strich über die Felder.

Irgendwo sang ein Vogel.

Lange Zeit sagte niemand etwas.

Dann flüsterte Nia:

„Oh.“

Sie machte einen Schritt nach vorne.

Dann noch einen.

„Oh!“

Sie drehte sich einmal im Kreis.

„Oh!“

Der Wanderer betrachtete sie.

Die kleine Fee strahlte.

„Es gibt ja wirklich andere Welten!“

Dann sah sie ihn an.

„Wusstet Ihr das?“

„Ja.“

„Und Ihr habt es mir nicht gesagt?“

„Nein.“

Nia blinzelte.

Dann nickte sie.

„Das wäre auch zu einfach gewesen.“

Der Wanderer antwortete nicht.

Die kleine Fee lief ein Stück über die Wiese.

Am anderen Ende der Wiese stand ein einzelner Baum.

Und im Schatten darunter sass etwas. Klein. Reglos.

Nia blieb stehen. Einen Herzschlag lang war sie ganz still — so still, wie sie sonst nie war.

Dann strich ein warmer Wind durchs hohe Gras, und als es sich wieder legte, war unter dem Baum nur Schatten.

Nia wusste nicht mehr, wonach sie eben gesehen hatte.

Der Wanderer hatte nichts bemerkt. Ein einzelner Baum am Rand einer Wiese war ihm keinen zweiten Blick wert.

Sie betrachtete die Blumen.

Dann blieb sie stehen.

Ganz vorsichtig hob sie eine kleine blaue Blüte auf.

„Dürfen wir sie behalten?“

Der Wanderer dachte nach.

Dann sagte er:

„Ich weiss es nicht.“

Nia lächelte.

„Dann frage ich sie.“

Der Wanderer runzelte die Stirn.

„Wen?“

Die kleine Fee hielt die Blume behutsam in den Händen.

„Die Blume.“

Ein warmer Wind wehte über die Wiese.

Dann lächelte Nia.

„Sie hat nichts dagegen.“

Der Wanderer betrachtete die Blume.

Dann die kleine Fee.

Dann wieder die Blume.

Er wusste nicht, was er dazu sagen sollte.

Schliesslich fragte Nia:

„Gibt es hinter jeder Tür eine Welt?“

„Vielleicht.“

„Und hinter wie vielen Türen wart Ihr schon?“

Der Wanderer dachte nach.

Dann sagte er:

„Ich habe nie gezählt.“

Nia blieb stehen.

Sie sah ihn an.

Als hätte sie etwas sehr Trauriges gehört.

„Das ist schade.“

„Warum?“

Die kleine Fee lächelte.

„Weil man schöne Dinge zählen sollte.“

Lange Stille.

Dann pflückte sie die kleine blaue Blume.

Sie lief zurück und stellte sich vor den Wanderer.

Dann streckte sie ihm die Blume entgegen.

„Für Euch.“

Lange Stille.

Der Wanderer betrachtete die Blume, als versuchte er herauszufinden, was daran zählenswert sein sollte.

Schliesslich nahm er sie — nicht, weil er sie wollte, sondern weil das Käferchen sonst nicht aufhören würde.

Er warf sie nicht weg.

Warum, hätte er nicht sagen können.