Kapitel 009

Die Frau zwischen den Regalen

009 Die Frau zwischen den Regalen

Nia erreichte die grosse Tür als Erste.

Sie blieb stehen.

Dann legte sie vorsichtig beide Hände auf das Holz.

„Hallo.“

Der Wanderer trat neben sie.

„Sprecht Ihr gerade mit einer Tür?“

Nia nickte.

„Man sollte höflich sein.“

Dann drückte sie die Tür auf.

Warme Luft strömte ihnen entgegen.

Und ein Geruch.

Papier.

Holz.

Und etwas, das ein wenig nach Regen roch.

Nia machte grosse Augen.

Vor ihnen lag ein gewaltiger Raum.

Regale.

Überall.

Sie reichten bis unter die Decke.

Unzählige Bücher standen dicht nebeneinander.

Leitern führten zu höheren Etagen.

Zwischen den Regalen schwebten kleine Lichter.

Nia blieb der Mund offen stehen.

Der Wanderer nicht. Er kannte diesen Raum, jedes Regal, jede Leiter, jedes schwebende Licht — und betrat ihn mit dem gelangweilten Gleichmut eines Mannes, der nach Hause kommt, ohne je gern dort gewesen zu sein.

Lange Zeit sagte niemand etwas.

Dann flüsterte Nia:

„Oh.“

Noch längere Stille.

Dann:

„Oh!“

Sie lief hinein.

Die kleine Fee drehte sich einmal im Kreis.

„Das sind viele Bücher.“

„Ja.“

„Habt Ihr schon alle gelesen?“

„Nein.“

Dann runzelte sie die Stirn.

„Schade.“

Der Wanderer wusste nicht, warum das schade sein sollte.

Plötzlich erklang eine Stimme.

Ruhig.

Freundlich.

Und sehr nah.

„Ich auch nicht.“

Nia erschrak.

Sie drehte sich um.

Eine Frau stand zwischen zwei Regalen.

Selbst der Wanderer war sich sicher, dass dort eben noch niemand gestanden hatte.

Sie trug ein langes, dunkelblaues Kleid.

Ihr silbernes Haar fiel ihr bis über die Schultern.

In ihren Händen hielt sie ein aufgeschlagenes Buch.

Ihr Blick fiel auf Nia.

Und wurde weich.

„Willkommen.“

Dann fragte Nia:

„Seid Ihr die Bibliothek?“

Die Frau blinzelte.

Dann musste sie lachen.

Ein warmes, leises Lachen.

„Nein.“
„Aber ich arbeite hier.“

Nia nickte.

Das erschien ihr vernünftig.

Dann schloss die Frau ihr Buch.

Und ihr Blick fiel auf den Wanderer.

Das Lächeln verschwand.

Nicht plötzlich.

Eher so, wie eine Tür sich schliesst, die man schon sehr oft geschlossen hat.

Lange Stille.

„Habe ich Euch nicht Hausverbot erteilt?“

Nia sah von der Frau zum Wanderer.

Dann zurück.

„Ihr kennt euch?“

Niemand antwortete ihr.

Der Wanderer liess den Blick über die Regale wandern, über die unzähligen Rücken, mit der Miene eines Mannes, der genau das bekommen hat, was er bestellt hat, und enttäuscht ist.

„Ich hatte Euch um bessere Bücher gebeten.“

„Richtige Schlachten. Dämonen. Drachen. Etwas, das ein Ende verdient.“

Er zog einen Band aus dem Regal, warf einen Blick hinein und schob ihn achtlos zurück.

„Stattdessen — noch immer dieselben langweiligen Wälzer.“

Nia zog den Kopf ein.

Sie hatte ihn schroff erlebt.

Abweisend.

Unhöflich.

Aber noch nie so — nicht gegenüber jemandem, der freundlich gewesen war.

„Ihr könnt doch nicht einfach —“

Der Wanderer hörte ihr nicht zu.

Die Bibliothekarin auch nicht.

Sie sah ihn nur an.

Geduldig.

So, wie man jemanden ansieht, der dieselbe Klage seit Jahrhunderten vorträgt.

„Es sind noch immer meine Bücher.“

Lange Stille.

„Und noch immer meine Bibliothek.“

Der Wanderer öffnete den Mund.

Doch da hörte die Bibliothekarin ihm bereits nicht mehr zu.

Ihr Blick war zu Nia zurückgekehrt.

Und blieb dort hängen.

Lange Stille.

Der Ärger, das Lächeln, alles war aus ihrem Gesicht gewichen.

Schliesslich sagte sie, ganz leise:

„Das dürfte nicht möglich sein.“