Kapitel 008

Das Licht in der Ferne

008 Das Licht in der Ferne

Die beiden gingen weiter.

Lange Zeit sagte niemand etwas.

Der Tempel war still.

Nur ihre Schritte hallten durch die endlosen Gänge.

Und manchmal:

Plopp.

Der Wanderer war sich inzwischen nicht mehr sicher, ob das Geräusch ihn störte.

Dann blieb Nia stehen.

„Oh.“

Der Wanderer drehte sich um.

„Singt noch eine Tür, Käferchen?“

Die kleine Fee blinzelte.

Dann lächelte sie.

„Nein.“

Sie zeigte nach vorne.

„Da.“

Der Wanderer folgte ihrem Blick.

In der Ferne war ein warmes Licht zu sehen.

Sehr klein.

Fast wie ein Stern.

Lange Stille.

„War das vorher schon da?“

Der Wanderer betrachtete das Licht.

Dann schüttelte er den Kopf.

„Nein.“

Nia strahlte.

„Dann ist es neu!“

Der Wanderer antwortete nicht.

Neu war hier nie etwas gewesen.

Bis vor Kurzem.

Langsam gingen sie weiter.

Mit jedem Schritt wurde das Licht grösser.

Schliesslich blieb der Wanderer stehen.

Zwischen den unzähligen Türen stand ein Gebäude.

Gross.

Rund.

Aus hellem Stein.

Hohe Fenster warfen warmes Licht auf den Boden.

Vor dem Eingang standen zwei gewaltige Bäume.

Ihre Äste trugen silberne Blätter.

Lange Zeit sagte niemand etwas.

Dann flüsterte Nia:

„Oh.“

Noch längere Stille.

Dann:

„Das ist schön.“

Der Wanderer betrachtete das Gebäude, und ein leises Unbehagen stieg in ihm auf. Nicht, weil es fremd war — er kannte diese Bibliothek seit unzähligen Zeitaltern.

Sondern weil sie nie hier gestanden hatte.

Der Tempel verschob nichts. Für niemanden.

Erst der Laden des Uhrmachers, wo nie zuvor Licht gebrannt hatte.

Jetzt eine ganze Bibliothek.

Der Tempel hatte begonnen, ihm Dinge in den Weg zu stellen.

Die kleine Fee ging einen Schritt nach vorne.

Dann noch einen.

Über der grossen Eingangstür standen zwei Worte.

Nia las sie langsam.

„Die Bibliothek.“

Lange Stille.

Dann drehte sie sich um.

Ihre Augen leuchteten.

„Es gibt eine Bibliothek!“

Der Wanderer wusste nicht, warum sie darüber so glücklich war.

Nia dagegen wusste überhaupt nicht,

wie man über eine Bibliothek nicht glücklich sein konnte.

Sie machte bereits einen weiteren Schritt.

Dann blieb sie stehen.

Sie drehte sich langsam zum Wanderer um.

„Dürfen wir hineingehen?“

Lange Stille.

Der Wanderer betrachtete das Gebäude.

Dann die kleine Fee.

Dann wieder die Bibliothek.

Schliesslich nickte er.

Nia strahlte.

Und rannte auf den Eingang zu.

Plopp.