Kapitel 017

Das leere Regal

017 Das leere Regal

Lange Zeit sagte niemand etwas.

Der Wanderer hielt sein Buch noch immer in den Händen.

Nia betrachtete es.

Dann die Bibliothekarin.

Dann wieder das Buch.

Schliesslich fragte sie:

„Hat jeder ein Buch?“

Die Bibliothekarin nickte.

„Fast jeder.“

Nia blinzelte.

„Was bedeutet fast?“

Die Bibliothekarin musste lächeln.

„Ich hätte wissen müssen, dass Ihr das fragt.“

Dann fragte die kleine Fee:

„Habe ich auch eines?“

Die Bibliothekarin antwortete nicht.

Stattdessen betrachtete sie Nia.

Sehr lange.

Dann lächelte sie.

„Kommt.“

Wieder.

Nia strahlte.

„Diesmal mein Buch?“

„Vielleicht.“

„Oh!“

Dann folgte sie der Bibliothekarin.

Der Wanderer ebenfalls.

Sie gingen zwischen den Regalen hindurch.

Schliesslich blieben sie vor einem kleinen Regal stehen.

Darin standen einige wenige Bücher.

Und ein leerer Platz.

Lange Stille.

Nia blinzelte.

Dann zeigte sie darauf.

„Da fehlt eines.“

Die Bibliothekarin nickte.

„Ja.“

Lange Stille.

„Ist das mein Platz?“

Die Bibliothekarin antwortete nicht sofort.

Dann sagte sie ganz leise:

„Ich weiss es nicht.“

Lange Stille.

Die kleine Fee trat näher.

Ganz vorsichtig berührte sie das leere Fach.

Dann lächelte sie.

„Es ist warm.“

Der Wanderer hob den Blick.

Ein leeres Fach, das auf ein Buch wartete, das es noch nicht gab — auch das hatte der Tempel bisher für niemanden getan.

Die Bibliothekarin ebenfalls.

Dann fragte sie:

„Warum sagt Ihr das?“

Nia legte die Hand auf das Holz.

„Weil dort irgendwann ein Buch stehen wird.“

Lange Zeit sagte niemand etwas.

Dann nahm Nia die Hand wieder zurück.

Sie lächelte.

Ganz sanft.

„Ich hoffe, es wird ein schönes Buch.“