Über den Dächern
Über den Dächern
Er lief, bis der Lärm hinter ihnen verebbte, bis die brüllenden Tiere und die heulende Ordnung dieser Welt nur noch ein fernes Rauschen waren. Dann, mit einem Sprung, der keinem Mann möglich war, war er oben — auf einem Dach, hoch über der Stadt, wo der Regen dünner wurde und die Lichter unten glühten wie ein umgekipptes Sternenmeer.
Er setzte Nia ab, sacht, auf einen trockenen Vorsprung unter einem Sims. Und dann standen sie da, die kleine Fee und der grosse Mann, und keiner von beiden wusste, was man in einem solchen Augenblick sagt.
Nia sagte es trotzdem.
„Du —“ Ihre Stimme zitterte. „Du hast so LANGE gebraucht!“
Und dann weinte sie, richtig, mit dem ganzen kleinen Körper, so wie sie nie geweint hatte, nicht in tausend Welten, und die Tränen und der Regen liefen ineinander.
„Sie hat gesagt, du bist weg! Sie hat gesagt, Wanderer bleiben nicht, und du bist einfach weitergezogen, und ich hab — ich hab ihr fast geglaubt —“
„Ich habe die Bibliothek auseinandergenommen.“
Nia stockte.
„Ich habe meine Hand auf eine Tür gelegt, die mich einmal fast getötet hat, und nicht losgelassen. Ich bin vor einem Kind auf die Knie gegangen. Ich habe mein Schwert fallen lassen.“
Er sah sie an, und in seinem Gesicht war nichts von der alten Maske.
„Ich bin durch eine Tür gegangen, aus der man vielleicht nicht zurückkommt. Für dich, Käferchen.“
Käferchen. Nia hörte es, und etwas in ihr, das das Blumenmädchen mit Zucker und Kissen und Sicherheit zugedeckt hatte, brach wieder auf, ganz und gar. Sie ploppte ihm auf die Schulter und schmiegte sich an seinen Hals, und diesmal — diesmal spürte er sie.
Er hob die Hand und legte einen einzigen Finger an ihren Rücken, so vorsichtig, als könnte sie zerbrechen. Er, dessen Hand ein Auto aufgehalten hatte.
Und während er dort stand, mit der kleinen, warmen, unmöglichen Last auf der Schulter, begriff er etwas, ohne es ganz zu verstehen. Als sie fort gewesen war, war er nichts gewesen — kein Wanderer, keine Stärke, nur ein Mann ohne Schatten. Und im Augenblick, in dem er sie wiedergesehen hatte, war alles zurückgeschlagen — hell und vollständig, für einen einzigen Herzschlag, und dann wieder fort, wie eine Welle, die sich zurückzieht und den Sand kälter zurücklässt als zuvor. Schon jetzt, mit ihr auf der Schulter, spürte er die alte Gewissheit nicht mehr; diese Welt hatte ihn wieder.
Es war nicht diese Welt allein, die ihn schwach gemacht hatte. Es war ihr Fehlen gewesen, das ihn ausgelöscht hatte — und ihr Anblick, der ihn für einen Herzschlag zurückgegeben hatte, mehr nicht. Er würde nicht darauf zählen können. Er wusste nicht, was das alles bedeutete. Aber er wusste, dass es wichtig war, und dass es gefährlich war, und dass er es keinem Wesen dieser oder irgendeiner anderen Welt jemals verraten durfte.
„Wanderer.“ Nia hatte aufgehört zu weinen. Sie sah hinaus über die Lichter. „Wie kommen wir nach Hause?“
Er antwortete nicht sofort. Er dachte an den Jungen, an die schmale, falsche Tür, an die ruhige Stimme: Wer durch diese Tür geht, ist nicht mehr, wer er war, wenn er zurückkommt. Falls er zurückkommt.
„Ich weiss es nicht.“
Es war das zweite Mal in seinem langen Leben, dass er das sagte. Das erste Mal hatte Nia ihn danach gefragt, was er suche, in einer Sommerwiese, vor so langer Zeit. Damals hatte es ihm Angst gemacht.
Jetzt machte es ihm keine Angst mehr. Denn was auch immer er suchte — es sass auf seiner Schulter.
Der Regen hörte auf.
Nicht langsam, wie Regen aufhört. Auf einmal. Als hätte jemand beschlossen, dass es genug sei.
Und in der plötzlichen, tropfenden Stille sagte eine helle, junge, ruhige Stimme hinter ihnen:
„Ihr habt euch also gefunden.“
Der Wanderer drehte sich um, und Nia klammerte sich fester, und da, am anderen Ende des Daches, wo einen Herzschlag zuvor niemand gewesen war, sass das Blumenmädchen auf dem Geländer, die Beine baumelnd über dem Abgrund.
„Wie schön“, sagte es. „Dann können wir ja reden.“