Ein Herzschlag
Ein Herzschlag
Nia sah ihn zuerst.
Sie war nicht weit gekommen. Die Welt draussen war noch grösser und lauter und nasser, als sie vom Fenster aus gewirkt hatte, und Nia hatte sich an Mauern gedrückt und war von Sims zu Sims geploppt, ohne zu wissen, wohin — nur weg von dem warmen Zimmer, hinein in den Regen, auf der Suche nach etwas, das sie nicht hätte benennen können.
Und dann, auf der anderen Seite der lärmenden Strasse, fand sie ihn.
Einen Mann, gross und still und tropfnass, der dastand, als wüsste er nicht, wohin, und um den herum die Welt floss, ohne ihn zu berühren. Nia kannte diese Art zu stehen. Sie kannte diesen Rücken, diesen Mantel, diesen Schatten, den er nicht warf.
„WANDERER!“
Sie rief es, so laut, wie eine kleine Fee rufen kann, und dann war sie schon unterwegs — Plopp, Plopp, Plopp — von einem nassen Vordach auf ein Schild, von einem Schild auf eine Laterne, quer über die lärmende Strasse, dem einen Punkt in der grauen Welt entgegen, der plötzlich der einzige war. Ihr Herz war ein albernes, klopfendes Ding. Gleich würde er sich umdrehen. Gleich würde er „Käferchen“ sagen und so tun, als hätte er nie Angst gehabt, und alles wäre wieder gut.
Er drehte sich nicht um.
Ein letzter Plopp, und sie sass auf seiner Schulter — ihrem alten Platz, keine Handbreit von seinem Ohr. Sie rief seinen Namen, dicht an seinem Gesicht. Sie legte beide Hände an seine Wange. Und er — spürte nichts. Kein Gewicht auf der Schulter, keine Hände an der Wange, keine Stimme am Ohr. Seine Augen wanderten über die Strasse, über die Menschen, über die Luft direkt neben seinem Kopf, wo sie sass, und blieben nirgends hängen. Sie suchten. Sie suchten sie. Und sie fanden sie nicht.
Und Nia verstand, mit einem Schlag, der kälter war als aller Regen: Er konnte sie nicht sehen.
Er, der sie immer gesehen hatte. Seit dem ersten Plopp. Der Einzige in allen Welten, für den sie nie unsichtbar gewesen war — jetzt sah er sie nicht.
Und schlimmer: sie sah ihn. Sie sah, was in sein Gesicht geschrieben stand, jetzt, wo er glaubte, niemand sähe zu. Sie sah die Einsamkeit, die er ein Leben lang hinter einer Maske versteckt hatte. Sie sah einen Mann, der trauerte. Der um sie trauerte.
„Ich bin hier“, flüsterte sie. Und dann schrie sie es. „Ich bin doch hier! Bitte — dreh dich um — ich bin HIER —“
Er hörte nichts. Und Nia, die noch nie in ihrem kleinen Leben unvorsichtig gewesen war, tat das Unvorsichtigste, was sie tun konnte: Sie vergass alles ausser ihm. Mit einem Plopp war sie hinunter, von seiner Schulter auf die nasse Strasse, ihm vor die Füsse, um ihn zu zwingen, sie anzusehen —
— und hörte das brüllende Tier nicht kommen.
Sie sah nur, wie sich die Welt des Wanderers verzerrte. Wie sein Kopf herumfuhr. Wie in seine leeren, suchenden Augen mit einem Mal etwas trat, das sie kannte, das sie im Tempel gesehen hatte, an einer singenden Tür, in einer Blumenwiese: pure, blanke Angst.
Er sah sie.
Im letzten, unmöglichen Herzschlag, ehe das Metall sie traf, sah er sie.
Dann Stille.
Nia hatte die Augen geschlossen. Sie öffnete sie wieder, vorsichtig, wie man in einen Raum späht, in dem etwas Schreckliches geschehen sein müsste.
Über ihr, riesig, dampfend, zum Stillstand gekommen, stand das brüllende Tier aus Metall. Und zwischen ihm und ihr eine Hand — eine einzige, ausgestreckte Hand, in deren Fingern sich das Metall verbog wie nasses Papier.
Der Wanderer stand über ihr. Der Regen lief ihm übers Gesicht. Und er sah sie an.
Er sah sie an.
Nias Augen füllten sich, und liefen über, und sie brachte nur ein einziges, zittriges Wort heraus — dasselbe, das sie ihm vor so langer Zeit in einem endlosen Gang gestellt hatte, nur andersherum:
„Du kannst mich sehen.“
Und der Wanderer — der ihren Namen ein Leben lang aufgespart und ihn genau einmal gerufen hatte, um sie zu retten, und der ihn seither wie einen warmen Stein in der Tasche getragen hatte — sagte ihn wieder. Leise. Nur für sie.
„Nia.“
Um sie herum kehrte die Welt zurück, langsam, ungläubig. Menschen blieben stehen. Münder öffneten sich. Leuchtende Spiegel wurden gehoben und auf ihn gerichtet — ein Mann, tropfnass und schmal, der ein brüllendes Tier aus Metall mit einer Hand aufgehalten hatte, als wäre es zahm.
Und in dem Wanderer flackerte etwas auf.
Nicht wie ein Erwachen — wie ein Blitz. Ein einziger greller Augenblick, in dem der Kanal zwischen ihnen aufsprang und ihm zurückwarf, was die Welt ihm genommen hatte: seine Sinne, sein Gewicht in der Welt, das alte Raubtier, das immer gewusst hatte, wo jede Gefahr stand. Für einen Herzschlag schlug es die Augen auf, und er wusste wieder alles — wie viele Menschen um ihn standen, wie ihr Atem ging, wo die Ausgänge lagen.
Und noch während es ihn durchströmte, spürte er, dass es nicht bleiben würde. Es war kein Zurück, sondern ein Überschlag, geboren aus dem einen Augenblick, in dem er sie wiedergesehen hatte — und schon wieder am Verebben. Diese Welt gab ihm nichts. Sie hatte es ihm nur dieses eine Mal, nur für sie, nicht verwehren können.
Und er wusste, ohne hinzusehen, dass er beobachtet wurde.
Er hob den Kopf.
Hoch oben, auf dem Rand eines Daches, sass das Blumenmädchen, die Beine über die Kante baumelnd, wie ein Kind, das einem Schauspiel zusieht. Es lächelte nicht triumphierend. Es lächelte gar nicht. Es sah nur — mit derselben ruhigen Aufmerksamkeit, mit der man das Ende einer Geschichte liest, von der man nicht sicher war, wie sie ausgeht. Ihre Blicke trafen sich über den Lärm hinweg. Und Nia, an seine Hand geklammert, spürte, wie er sich veränderte, wie der Mann wieder zu etwas Älterem, Gefährlicherem wurde — und war froh, ihn so zu sehen.
Irgendwo, noch fern, begann ein Heulen, auf und ab, näher kommend: das Geschrei der Ordnung dieser Welt.
Der Wanderer sah es nicht einmal an.
Er nahm Nia — hob sie an sich, ganz nah, so wie man etwas hält, das man schon einmal verloren hat und nie wieder — und dann rannte er.
Er rannte durch die lärmende, gnadenlose Welt, an den brüllenden Tieren vorbei, an den leuchtenden Spiegeln, schneller, als ein Mann rennen kann, schneller, als je irgendjemand in dieser Welt gerannt war, ein grauer Schatten im Regen — getragen vom verglühenden Rest jener Kraft, für diesen einen Lauf noch einmal ganz der, der er gewesen war, weil das Einzige, das ihn je zu diesem gemacht hatte, wieder an seiner Seite war.