Der goldene Käfig
Der goldene Käfig
Nia wachte in einem warmen Zimmer auf, und einen Moment lang wusste sie nicht, wo sie war.
Es war ein schönes Zimmer. Weiche Kissen, in denen sie versank wie in einer Wolke. Ein Fenster, so gross wie eine Wand, hinter dem eine fremde Stadt im grauen Morgen lag. Auf einem Tellerchen neben ihr — winzig, eigens für sie — lag etwas Süsses, das das Blumenmädchen „Zucker“ genannt hatte, und es war das Beste, was Nia je gegessen hatte, besser sogar als die Kekse der Bibliothekarin.
Sie hatte alles, was sie brauchte. Sie war warm. Sie war satt. Sie war sicher.
Und trotzdem war da, ganz klein, ganz tief, ein Gefühl wie ein Stein im Schuh.
Das Blumenmädchen sass am Fenster und kämmte sich das lange helle Haar, so wie Nia es damals gesehen hatte, auf einer Wiese, die kein Ende hatte. Hier trug es andere Kleider — die Kleider dieser Welt — aber die Ruhe war dieselbe.
„Gut geschlafen, Kleine?“
Nia nickte. Sie mochte das Blumenmädchen nicht hassen, so sehr sie es versuchte. Es war nie unfreundlich. Es hatte ihr nie etwas getan. Es hatte sie nur — mitgenommen.
„Ich muss gleich fort“, sagte das Blumenmädchen und legte den Kamm beiseite. „In dieser Welt müssen die Jungen jeden Tag an einen Ort, an dem man ihnen Dinge beibringt. Es ist sehr langweilig. Aber es fällt weniger auf, wenn man tut, was alle tun.“ Es lächelte. „Du bleibst hier. Ja?“
„Warum darf ich nicht mit?“
Das Blumenmädchen kam zu ihr, kniete sich hin, sodass seine ruhigen Augen auf einer Höhe mit Nia waren.
„Weil diese Welt nicht für dich gemacht ist, Kleine. Weisst du, was hier draussen mit einer kleinen Fee geschieht?“ Seine Stimme war sanft, fast zärtlich. „Die Menschen hier sehen dich nicht. Nicht, weil sie böse sind. Sie können es einfach nicht. Für sie bist du Luft. Und sie sind gross und schnell und achtlos, und sie fahren in brüllenden Dingen aus Metall durch die Strassen, viel zu schnell, um anzuhalten. Ein Schritt zur falschen Zeit, ein einziger — und aus. Niemand würde es auch nur merken.“
Nia sah auf ihre kleinen Hände.
„Deshalb bleibst du bei mir“, sagte das Blumenmädchen und strich ihr über das Haar. „Bei mir kann dir nichts geschehen. Bei mir bist du sicher. Für immer, wenn du willst.“
Und das Schlimmste war: Es klang gut.
„Und der Wanderer?“, fragte Nia leise.
Für den Bruchteil eines Herzschlags wurde die Ruhe in den Augen des Blumenmädchens noch eine Spur ruhiger, so wie Wasser noch stiller wird, kurz bevor sich etwas darunter bewegt.
„Wanderer bleiben nicht, Kleine. Das liegt schon in ihrem Namen.“ Ein sanftes, trauriges Lächeln. „Er ist weitergezogen. Durch die nächste Tür. So, wie er es immer getan hat, bevor du kamst. Es tut mir leid.“
Nia sagte nichts. Aber tief in ihr, an der Stelle, wo das Süsse nicht hinkam und die weichen Kissen nicht und das warme Zimmer nicht, wusste sie, dass das nicht stimmte. Sie hatte sein Gesicht gesehen — an der singenden Tür, in der Blumenwiese, in tausend kleinen Momenten, in denen er glaubte, sie merke es nicht. Ein Wanderer, ja. Aber nicht mehr einer, der ohne sie ging.
Das Blumenmädchen stand auf, nahm eine Tasche über die Schulter, wie es alle Jungen dieser Welt taten, und ging zur Tür.
„Sei brav“, sagte es. „Und bleib drinnen.“
Dann war es fort.
Nia blieb in dem warmen Zimmer zurück, mit dem Zucker und den Kissen und der Sicherheit, und sah aus dem grossen Fenster hinunter auf die fremde Stadt. Es regnete jetzt. Unten, ganz klein, reihten sich die Häuser, und an den Häusern die Türen, Tür an Tür an Tür, mehr Türen als im Tempel — und Nia dachte daran, wie der Wanderer einmal gesagt hatte, dass hinter jeder Tür eine Welt lag, und wie er dann doch immer nur eine gesucht hatte, ohne zu wissen, welche.
Sie legte ihre kleine Hand an das kalte Glas.
Bleib drinnen, hatte das Blumenmädchen gesagt. Bei mir bist du sicher.
Und zum ersten Mal in ihrem kleinen Leben beschloss Nia, nicht brav zu sein.
Sie wusste nicht, wohin. Sie wusste nur, dass Sichersein und Glücklichsein nicht dasselbe waren — so, wie irgendwo in derselben Stadt, im selben Regen, ein grosser, stiller Mann gerade begriff, dass Alleinsein und Einsamsein nicht dasselbe waren.
Nia ploppte auf das Fensterbrett. Dann auf den schmalen Sims davor, in den Regen, der sofort ihr Kleid durchnässte. Und dann, mit klopfendem Herzen, hinaus in die Welt, die nicht für sie gemacht war — um den zu suchen, von dem sie wusste, dass er sie auch suchte.