Ein Held aus Papier
Ein Held aus Papier
Der Wanderer ging.
Er wusste nicht, wohin — es gab kein Wohin, das ihm gehörte — also ging er einfach, durch den Regen, der nicht aufhörte. Die Strassen glänzten schwarz. Die Tiere aus Metall warfen Licht vor sich her, rot und weiss, und zischten durch die Pfützen. An den Häusern reihten sich Türen, Tür an Tür an Tür, mehr Türen als im Tempel — und keine einzige davon führte irgendwohin, wo er sein wollte. Er probierte keine. Er stand vor tausend Türen und wollte durch keine.
Das Wasser lief ihm in den Kragen, in die Ärmel, in die Stiefel. Er merkte es kaum. Er, der Kälte nie gespürt hatte, weil nie etwas an ihn herangekommen war, spürte jetzt etwas — aber es war nicht der Regen.
Es war, dass er die Bibliothek vermisste.
Der Gedanke traf ihn wie ein fremder Schlag. Er vermisste den Geruch von Papier und Regen, der jetzt nur noch Regen war. Er vermisste die schwebenden Lichter. Er vermisste die Bibliothekarin, ihre lästige Höflichkeit, den Tee, den er nie hatte trinken wollen und den er jetzt für einen einzigen Schluck getauscht hätte gegen — er wusste nicht, was. Alles.
Und über allem, unter allem, in allem: er vermisste Nia.
Er, der niemanden gebraucht hatte. Der allein gereist war, tausend Zeitalter lang, und es sein Freisein genannt hatte. Er ging durch den Regen einer fremden Welt und begriff, langsam, wie man eine Wunde begreift, die man erst spürt, wenn man schon lange blutet: dass allein zu sein und einsam zu sein nicht dasselbe waren. Dass er das eine gewesen war, sehr lange. Und das andere erst jetzt.
Dann, zwischen zwei dunklen Häusern, ein Licht.
Ein kleiner Laden, warm erleuchtet, während ringsum alles schwarz und nass war. Hinter der Scheibe stapelten sich bunte Hefte, grell und glänzend, und der Wanderer blieb stehen — nicht, weil er hineinwollte, sondern weil Licht in dieser Welt selten geworden war für ihn. Er trat ein. Eine Glocke über der Tür machte ein kleines, albernes Geräusch.
Drinnen war es eng und roch nach Papier — nicht nach dem Papier der Bibliothek, nach einem neueren, billigeren, aber Papier. An den Wänden hingen die Hefte in Reihen. Auf ihnen: gemalte Menschen in engen Gewändern, die Häuser stemmten, durch die Luft flogen, Tiere aus Metall mit einer Hand aufhielten. Der Wanderer sah sie an und verstand sie nicht. So belanglos. So laut. So —
„Whoa.“
Ein Junge stand hinter dem Ladentisch, kaum älter als die im Schwarm, mit zwei kleinen Muscheln in den Ohren, aus denen ein dünnes, blechernes Geräusch drang. Er nahm sie heraus und starrte den Wanderer an.
„Sie sehen aus wie —“
Er kam hinter dem Tisch hervor, griff im Vorbeigehen ein Heft aus einem Stapel, ohne hinzusehen, so sicher, wie der Wanderer einst ein Schwert gegriffen hatte.
„Genau wie der hier. Krass. Schauen Sie mal.“
Er hielt es hoch. Auf dem Umschlag stand ein Mann, gross, in Schwarz und Grau, das Kinn gehoben, die Fäuste geballt, hinter ihm eine brennende Stadt. Sein Blick sagte, dass ihm nichts etwas anhaben konnte. Dass ihm nie etwas etwas angehabt hatte.
Der Wanderer sah ihn lange an.
Er kannte ihn.
Er nahm dem Jungen das Heft aus der Hand und wandte sich zur Tür.
„Hey — das müssen Sie —“
Eine andere Stimme, hinten aus dem Laden, älter, müde. Der Wanderer ging weiter. Wie man in dieser Welt bezahlte, hatte er nie gelernt, und es war ihm gleich, so wie ihm seit jeher alles gleich gewesen war, was Menschen zwischen sich ausmachten.
Hinter ihm sagte der Junge schnell:
„Geht auf mich. Passt schon.“
Der Wanderer blieb einen Herzschlag stehen. Er drehte sich nicht um. Aber er hatte auf Grosszügigkeit noch nie eine Antwort gehabt — nicht bei einer Bäckerin, die ein Brot in drei Teile brach, und nicht hier, bei einem Jungen mit Muscheln in den Ohren, der für einen fremden, tropfnassen Mann ein Heft bezahlte, das dieser nicht einmal gestohlen hatte, weil er nicht wusste, wie.
Er ging hinaus in den Regen.
Unter einem Vordach, im Licht einer der brummenden Laternen, schlug er das Heft auf.
Der Mann darin war stark. Er hob, was zu schwer war. Er schlug, was zu hart war. Er stand über allem und allen, und wenn er lächelte, dann so, wie der Wanderer einst gelächelt hatte: als gehörte ihm die Welt, weil niemand stark genug war, sie ihm zu nehmen.
Auf einer Seite hielt der Mann einen einstürzenden Turm mit einer Hand, und die Menschen darunter sahen zu ihm auf wie zu einem Gott.
Der Wanderer betrachtete das lange.
Dann sah er auf seine eigene Hand hinab. Nass. Zitternd vor Kälte. Die Hand eines Mannes. Nur eines Mannes.
Er, der genau wie dieser gemalte Gott aussah, war das Gegenteil von ihm geworden. Und, so fremd ihm das Gefühl war, er war froh darüber — nicht, weil es ihm gefiel, schwach zu sein, sondern weil ein Gott, dem die Welt gehörte, weil niemand sie ihm nehmen konnte, nie hätte verstehen können, was es hiess, das Einzige zu verlieren, das man nie hatte halten wollen und dann doch nicht mehr hergeben konnte.
Er klappte das Heft zu und steckte es in den Mantel, dorthin, wo einmal eine kleine blaue Blume gelegen hatte.
Und ging weiter, um sie zu finden.