Kapitel 011

Das Glöckchen

Das Glöckchen

Der Wanderer stellte sich vor Nia. Es war eine kleine Bewegung, kaum der Rede wert, und doch war sie alles: der Mann, der nie jemanden beschützt hatte, weil nie jemand ihm wichtig genug gewesen war, stellte sich zwischen die kleine Fee und das mächtigste Wesen, dem er je begegnet war.

Das Blumenmädchen sah es und lächelte, beinahe zärtlich.

„Du musst sie nicht beschützen“, sagte es. „Ich will ihr nichts tun. Ich wollte ihr nie etwas tun.“ Es legte den Kopf schief. „Weisst du überhaupt, was sie ist?“

Der Wanderer sagte nichts.

„Nein“, sagte das Blumenmädchen. „Das dachte ich mir. Du hast sie behalten wie einen hübschen Stein, ohne je zu fragen, warum der Tempel — der Tempel, der sich für niemanden verschob — sich ausgerechnet für sie verschoben hat.“

Es glitt vom Geländer, lautlos, und kam näher, und seine ruhige Stimme füllte das ganze Dach, obwohl sie kaum lauter wurde als der Wind.

„Sie ist eine Tür, Wanderer. Die einzige, die es je gab. Andere Türen führen in eine Welt. Sie führt in jede — ein kleines Lächeln — „auch in die, die verboten sind. So wie diese hier. Ich bin durch sie hereingekommen, und sie hat es nicht einmal gemerkt.“

Auf seiner Schulter wurde Nia ganz still.

Nia, die ihr ganzes kleines Leben lang geglaubt hatte, sie sei ein Nichts — ein unsichtbares, kleines Nichts, das keine Tür öffnen und kein Zeichen tragen konnte und das der Tempel nur duldete —, Nia begriff mit einem Mal, dass sie das Gegenteil war. Dass sie das Kostbarste in allen Welten war. Und dass genau das der Grund war, warum sie nie wieder würde in Ruhe leben können.

„Und jetzt, wo ich es weiss“, sagte das Blumenmädchen sanft, „wissen es bald alle. Von diesem Tag an wird jedes Wesen wie ich sie wollen. Und keines wird so höflich sein.“

Es hob die Hand, und in ihr lag mit einem Mal ein kleines Glöckchen, alt und golden, an einem verblichenen Band.

„Deshalb mache ich dir ein Geschenk, Wanderer. Eine Wahl.“ Es legte das Glöckchen auf den nassen Stein zwischen ihnen. „Läutest du es, so komme ich zurück und öffne dir das Tor nach Hause. In deinen Tempel, auf deine Strasse, zu deinen tausend Türen. Ihr seid frei.“ Eine Pause. „Und sie ist für immer gejagt. Von allem, was den Kanal begehrt. Bis ans Ende. Und du wirst gewusst haben, dass du sie hinausgeführt hast.“

Es wandte sich zum Gehen.

„Oder du läutest es nicht. Dann bleibt ihr hier. Diese Welt ist verboten; keine Tür führt herein, keine hinaus. Niemand wird sie je finden. Niemand kann sie hier berühren. Sie wäre sicher, Wanderer. Für immer sicher. Bei dir. Das perfekte Gefängnis ist der perfekte Schutz.“ Über die Schulter, beinahe freundlich: „Überleg es dir gut. Ich habe alle Zeit der Welt.“

Und dann war es fort, so wie der Regen aufgehört hatte: auf einmal, als hätte es nie jemanden gegeben.


Lange geschah nichts.

Das Glöckchen lag auf dem Stein, klein und golden, und glänzte im Licht der fremden Stadt. Der Wanderer sah es an und rührte sich nicht.

Er dachte an das brüllende Tier, das er im letzten Herzschlag aufgehalten hatte. Er dachte an das Gefühl, sie nicht zu sehen, sie nicht zu spüren, sie in einer Welt zu verlieren, in der er nichts war. Er dachte daran, dass es wieder geschehen könnte, in Welt um Welt, bis zu jenem einen Mal, an dem er zu langsam wäre.

Und etwas in ihm — das älteste, tiefste, gefährlichste Ding in ihm — sagte: Lass das Glöckchen liegen.

Hier konnte ihr nichts geschehen. Hier war sie sicher. Er müsste sie nie wieder suchen. Er müsste nie wieder Angst haben. Er könnte sie behalten, für immer, in diesem warmen, falschen, gnädigen Käfig, und niemand — kein Wesen, keine Welt, kein Kanal — würde sie ihm je nehmen.

Er beugte sich nicht nach dem Glöckchen. Er beugte sich davon weg.

Und Nia, die auf seiner Schulter sass und ihn kannte, besser als er sich selbst, spürte, was er tat.

Sie ploppte hinunter, auf den nassen Stein, neben das Glöckchen. Sie war so klein, dass es fast so gross war wie sie.

„Wanderer“, sagte sie leise.

Er antwortete nicht.

„Ich weiss, was du denkst. Du denkst, wenn wir hierbleiben, kann mir nie wieder etwas geschehen.“ Sie sah zu ihm auf. „Aber weisst du noch, die Stadt, die ‚Bleibt’ gesagt hat? Wo niemand alterte und es kein Gestern gab? Du hast die Ausgänge gezählt und keinen gefunden — und dann hast du mich hinausgezogen, weil du wusstest, dass ein Ort, aus dem man nicht fort kann, kein Zuhause ist. Egal, wie schön er ist.“

Der Wanderer schloss die Augen.

„Ich will nicht sicher sein“, sagte Nia. „Ich will bei euch sein. Draussen. Wo die Türen sind.“

Und dann legte die kleine Fee, die keine Tür öffnen konnte und die doch selbst jede Tür war, beide Hände an das Glöckchen — und läutete es.

Der Klang war winzig und hell und viel zu gross für ein so kleines Ding, und er lief über die Dächer und über die Stadt und, so schien es, über die Grenzen dieser Welt hinaus. Der Wanderer hatte seinen Tempel verstummen hören, als sie fort war, und diese Welt nur kreischen und rauschen, ohne dass ein Ton am Leben gewesen wäre. Das hier war anders — der erste Klang seit langer Zeit, wie ihn nur eine lebendige Welt macht. Und er kam von ihr.

Der Wanderer hätte ihre Hände aufhalten können. Er war schnell genug. Er war stark genug. Der, der er einmal gewesen war, hätte es getan — hätte entschieden, für sie, über sie hinweg, weil er es besser wusste, weil er immer alles besser gewusst hatte.

Er hielt sie nicht auf.

Zum ersten Mal in unzähligen Zeitaltern liess der Wanderer jemanden für sich selbst entscheiden. Und es war das Schwerste, was er je getan hatte — schwerer, als ein Auto aufzuhalten, schwerer, als durch die verbotene Tür zu gehen. Denn ein Auto aufzuhalten war Stärke, und durch die Tür zu gehen war Liebe. Aber sie läuten zu lassen, obwohl es sie in Gefahr brachte, das war beides zugleich.

Der Regen begann wieder — sanft diesmal, fast wie ein Segen. Und in ihm stand das Blumenmädchen, mitten auf dem Dach, und in der Luft neben ihm öffnete sich langsam ein Riss aus warmem, grauem Licht: der Tempelgang, endlos und vertraut, mit seinen vielen Türen.

Es sah Nia an, lange, und in seinen ruhigen Augen war etwas, das fast wie Achtung aussah.

„Du hast dich also entschieden“, sagte es. „Wie schade. In Sicherheit wärst du so viel länger geblieben.“

Es trat beiseite und gab den Weg frei.

„Geht.“

Und dann, als der Wanderer Nia auf seine Schulter hob und auf den Riss zuging, sagte es das Letzte, ganz leise, und es war keine Drohung mehr, sondern etwas viel Geduldigeres:

„Ich muss sie dir gar nicht nehmen, Wanderer. Jetzt, wo die Welten wissen, was sie ist, kommen die anderen von ganz allein.“ Ein Lächeln. „Ich warte einfach.“

Der Wanderer blieb einen Herzschlag an der Schwelle stehen. Dann trug er Nia hindurch, aus der lauten, gnadenlosen Welt zurück in den grauen Frieden des Tempels, und hinter ihnen schloss sich der Riss und war nie gewesen.

Er war zurück. Aber der Junge hatte nicht gelogen: Er kam nicht als der zurück, der er gegangen war. Etwas fehlte — eine Kälte, eine Härte, ein Panzer, den er tausend Zeitalter lang getragen und in einer fremden Welt im Regen verloren hatte. Er fühlte sich dünner an. Verwundbarer. Sterblicher, auf eine Art, die er nicht benennen konnte.

Nia auf seiner Schulter gähnte, klein und zufrieden, und legte ihren Kopf an seinen Hals.

„Ich bin müde, Wanderer.“

„Ich weiss, Käferchen.“

Und der Wanderer ging weiter, langsamer als früher, verwundbarer als früher, durch die endlosen Gänge seines Tempels, an all seinen Türen vorbei — und hatte vor keiner von ihnen mehr Angst und hinter keiner von ihnen noch etwas zu suchen.

Denn das Einzige, was er je gesucht hatte, schlief bereits an seinem Hals.