Cover: Solange er lebt — Der Prinz, dem niemand gehorcht

Solange er lebt

Der Prinz, dem niemand gehorcht

Die ganze Novelle auf einer Seite. Rund hundert Seiten, ein Abend.

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Alle 32 Teile ↓

Solange er lebt

Prolog

Die Straße wurde besser, kurz bevor sie die Grenze erreichten. Erst waren es weniger Löcher, dann hörte das Rütteln auf, und aus dem Poltern der Räder wurde ein einziger gleichmäßiger Ton. Mirabel legte die Hand auf die Bank neben sich, und das Holz zitterte nicht mehr.

Draußen lagen die Felder unter Frost, und die Furchen liefen gerade, so weit man sehen konnte. Sie hatte den Mantel bis ans Kinn gezogen, obwohl es in der Kutsche nicht kalt war.

An der Grenze warteten Reiter. Sie saßen still, und auch die Pferde standen still, und es war kalt genug, dass man sie atmen sah. Es rief niemand etwas herüber, es wurde auch nichts gefragt, und man hörte nur das Leder, wenn sich einer im Sattel bewegte.

Der Hauptmann ihres Vaters stieg ab, ging hinüber, kam zurück und stieg wieder auf, und dann wendeten die Männer aus Ilmau und nahmen den Weg zurück. Der Kutscher ging mit ihnen, und ein Mann aus Karnholt stieg auf den Bock.

Mirabel sah ihnen nach, bis die Kutsche anfuhr. Dann zählte sie die Reiter aus Karnholt, und es waren elf.

Zählen half.

Sie nahmen die Kutsche in die Mitte und ritten nicht schneller und nicht langsamer. Zweimal kamen sie an Männern vorbei, die an der Straße arbeiteten, und es stand niemand dabei, der ihnen sagte, was zu tun war. Sie sahen nicht auf. Einmal ging es durch ein Dorf, und der Rauch stand gerade über den Dächern, und auf der Gasse lag nichts herum.

Als der Vertrag geschlossen wurde, hatte ihr Vater gesagt: »Karnholt beschützt uns jetzt. Uns greift keiner mehr an, und sie schicken Getreide. Im nächsten Winter hungert bei uns keiner mehr.«

Er saß ihr gegenüber und hatte seit der Grenze nichts mehr gesagt.

Das Schloss lag nicht auf einem Berg, sondern in der Ebene, und man sah es zwei Stunden lang, bevor man es erreichte. Es wurde in dieser Zeit nicht schöner. Nur größer.

Der letzte Teil der Straße war gepflastert, und die Steine lagen so eng, dass kein Gras dazwischen stand. Als sie in den Schatten der Mauer kamen, wurde es kalt.

Das Tor ging auf, als sie noch ein Stück entfernt waren, und es hatte niemand ein Zeichen gegeben. Die Fanfaren setzten alle im selben Augenblick ein.

Im Hof standen die Leute in Reihen, und zwischen den Reihen war überall gleich viel Platz. An den Mauern hingen Fahnen, und zwei davon waren die ihres Vaters.

Ein Herold rief: »König und Prinzessin von Ilmau.« Es kam von den Mauern zurück.

Es rief sonst niemand etwas.

Mirabel zählte die Fenster über dem Tor. Bei vierzig hielt die Kutsche.

Vor der Treppe stand ein Mann, und hinter ihm standen die schwarzen Ritter. An ihm war nichts, woran man ihn erkannt hätte. Ihr Vater stieg aus und ging auf ihn zu, und Mirabel ging hinter ihrem Vater.

Der Bräutigam war nicht dabei.

»Ihr seid früh«, sagte Gerwald.

Es war alles bereit.

Solange er lebt · Kapitel 1

Jeden Wunsch

»Schön, dass Ihr hier seid, mein guter Freund.«

Gerwald nahm die Hand ihres Vaters und ließ sie wieder los. »Eure Gemächer sind hergerichtet. Es wird Euch an nichts fehlen. Wenn Ihr etwas braucht, sagt es mir oder den Bediensteten. Sie werden Euch jeden Wunsch erfüllen.«

Es war kalt im Hof, und niemand in den Reihen trat von einem Fuß auf den anderen.

Ihr Vater dankte ihm und sagte, die Straße sei gut gewesen.

»Ja«, sagte Gerwald.

Dann wandte er sich zu Mirabel und verneigte sich. Es war eine richtige Verneigung, und er machte sie nicht zu kurz.

»Verehrte Prinzessin. Ihr seid bildschön.«

Mirabel neigte den Kopf.

»Mein Sohn Roderich wird überglücklich sein.«

Hinter ihm war die Treppe leer.

Sie setzte an, etwas zu sagen. Gerwald hatte schon die Hand gehoben, und aus der Reihe löste sich eine Magd. Die Magd kam heran und machte einen Knicks und sah dabei auf den Boden. Ihre Hände waren rot.

»Verehrte Prinzessin«, sagte sie, »darf ich Euch Euer Gemach zeigen?«

Mirabel setzte wieder an.

»Es wäre mir eine Ehre«, sagte Gerwald, »wenn Ihr mir heute Abend beim Essen Gesellschaft leisten würdet. Ihr werdet dann auch Roderich kennenlernen.«

Mirabel sagte den Satz, den man ihr beigebracht hatte.

Ihren Vater führte man zuerst weg. Im Vorbeigehen blieb er kurz bei ihr stehen.

»Zum Essen das blaue Kleid«, sagte er.

Dann ging er.

Die Magd ging einen halben Schritt vor ihr. Zweimal kamen sie an Bediensteten vorbei, und jeder trat zur Seite und blieb stehen, bis sie vorüber waren, und keiner sagte etwas. Die Gänge waren lang und sauber, und der Boden war so glatt, dass man die eigenen Schritte hörte. Zu Hause hörte man in den Gängen immer irgendwo jemanden.

Es roch nach nichts. Nicht nach Rauch, nicht nach Essen, nicht nach Menschen.

Zweimal ging es eine Treppe hinauf.

Das Gemach war größer als der Saal, in dem zu Hause der Vertrag geschlossen worden war. Im Kamin brannte ein Feuer, und es brannte nicht erst seit eben. Draußen wurde es früh dunkel, und die Scheiben waren von innen beschlagen. Auf dem Tisch standen Wasser und ein Becher, und daneben lagen Tücher, und alles lag so, wie es jemand hinlegt, der es jeden Tag hinlegt.

Das Bett war so breit, dass zwei Leute darin liegen konnten, ohne sich zu berühren. Ihre Truhe stand schon am Fußende.

Man hatte sie erst am nächsten Tag erwartet.

»Wünscht Ihr sonst noch etwas?«

Mirabel sah sich um. Es fehlte nichts. Sie fragte, ob man das Fenster öffnen könne, und die Magd ging hin und öffnete es und sagte nichts dazu.

Draußen lag der Hof, dahinter die Mauer, dahinter die Straße. Die Straße lief gerade, so weit man sehen konnte.

Dann kam die Magd zurück und stellte sich wieder neben die Tür. Mirabel setzte sich auf die Truhe. Die Magd stand und sah nicht aus dem Fenster und nicht zu ihr und nicht auf die Tür.

»Wann wird gegessen?«

»Wenn es dunkel ist, verehrte Prinzessin. Man holt Euch ab.«

»Danke.«

Die Magd blieb stehen. Unten führte man Pferde über den Hof, und Mirabel zählte sie und hörte wieder auf.

»Du kannst gehen.«

Die Magd war zur Tür hinaus, ehe Mirabel den Satz zu Ende gesagt hatte.

Sie hatte nicht gefragt, wie die Magd hieß.

Solange er lebt · Kapitel 2

Die Beeren

Es war dieselbe Magd, die sie abholte. Sie gingen die zwei Treppen wieder hinunter, und in den Gängen brannten jetzt Lichter, in gleichen Abständen, und keines von ihnen war heruntergebrannt.

»Wie heißt du?«

Die Magd sah sie nicht an.

»Mette, verehrte Prinzessin.«

Danach ging Mette schneller.

Der Speisesaal war blau. Die Behänge an den Wänden waren blau, und die Decke war blau ausgemalt, und dazwischen war Gold. Es brannten so viele Kerzen, dass es im Saal warm war, und es roch nach Fleisch und nach heißem Wachs. Im Kerzenlicht war das Blau fast schwarz.

Ihr Vater hatte gesagt, sie solle das blaue Kleid tragen.

Er saß schon am Tisch und winkte sie zu sich.

»Sie haben mir diesen Platz gegeben«, sagte er.

Der Stuhl hatte als einziger Lehnen, und das Holz war an beiden dunkel.

Mirabel setzte sich neben ihn. Aufgetragen war schon alles: Fleisch in drei Schüsseln, Brot, etwas Eingemachtes, ein ganzer Fisch, und vor ihr eine flache Schale mit Beeren. Sie wusste, wie lange man für so etwas in der Küche steht.

Sie zählte die Schüsseln und kam auf vierzehn. Gedeckt war für vier, zwei und zwei einander gegenüber, und der Rest des Tisches war leer.

Dann kamen Gerwald und sein Sohn herein, nebeneinander. Roderich setzte sich, bevor sein Vater saß, und er setzte sich Mirabel gegenüber.

»Mein Sohn«, sagte Gerwald.

Roderich nickte in ihre Richtung, ohne aufzusehen.

Er sah nicht auf, und so konnte sie ihn ansehen. Niemand hatte ihr gesagt, wie er aussieht, und sie hatte sich den ganzen Weg über etwas anderes vorgestellt.

Das Haar war dunkel und lag, wie es liegen sollte. Am Kragen war nichts verrutscht, und die Hände lagen ruhig neben dem Teller. Es war nichts an ihm, was nicht in Ordnung gewesen wäre, und in seinem Gesicht bewegte sich nichts.

Irgendwann merkte sie, dass sie ihn immer noch ansah.

Sie sah weiter hin.

Es fiel niemandem auf. Am Tisch sahen alle woandershin, und er sah auf den Teller. Sie hätte nicht sagen können, wie lange.

Gerwald blieb stehen, bis es still war. Es dauerte nicht lange.

»Das Bündnis zwischen Ilmau und Karnholt ist besiegelt. Es gilt von dem Tag an, an dem mein Sohn die Prinzessin zur Frau genommen hat. Das ist in sechs Tagen. Meine Tochter lässt sich entschuldigen. Greift zu.«

Dann setzte er sich, und es sagte niemand etwas dazu.

Außer den Stimmen hörte man nur die Messer.

Ihr Vater sprach über die Speicher und über den Winter. Gerwald hörte zu und antwortete kurz, und einmal sah er zu seinem Sohn hinüber.

Roderich griff in die Schale mit den Beeren. An der Kante seiner Hand war ein schwarzer Fleck, wie von Tinte. Abgewaschen hatte er ihn, aber nicht ganz. Er nahm sich eine Handvoll und aß sie langsam, eine nach der anderen, und sah dabei Mirabel an.

Er sah sie an, bis sie wegsah.

Dann zog er sich die Finger durch den Mund, einen nach dem anderen, und ließ sich Zeit damit. Als sie wieder aufsah, lehnte er zurück und aß Brot wie jeder andere am Tisch.

Gerwald fragte ihren Vater etwas über die Furt, und ihr Vater erklärte es ausführlich. Er erklärte es gern.

Gerwald sah wieder zu seinem Sohn.

Roderich nahm sich noch einmal von den Beeren. Diesmal legte er den Kopf schief und sah sie dabei an, so lange, dass ihr Vater es hätte bemerken müssen. Ihr Vater bemerkte es nicht.

Dann beugte Gerwald sich zu ihrem Vater hinüber, und die beiden redeten leiser.

Roderich lehnte sich über den Tisch.

»In sechs Tagen sind wir allein«, sagte er. »Dann nehme ich mir, wofür bezahlt worden ist.«

Er sagte es ohne Pause und ohne Betonung. Er hatte es sich zurechtgelegt. Dann setzte er sich zurück.

Es war gespielt.

Mirabel hätte nicht sagen können, woran sie es merkte. Es war gespielt.

Der Saal war zu warm. Sie hörte ihren Vater reden und verstand die Wörter nicht mehr, und sie versuchte sich zu erinnern, wie viele Treppen es von ihrem Gemach bis zu dem ihres Vaters waren.

Sie sah zu ihrem Vater hinüber. Ihr Vater lachte über etwas, das Gerwald gesagt hatte.

Es sah niemand zu ihr hin.

Mirabel nahm sich von den Beeren.

Solange er lebt · Kapitel 3

Das Brot

Am ersten Morgen waren es noch fünf Tage bis zur Hochzeit. Es wurde jeden Tag ein wenig später hell, und im Hof lag der Reif bis über Mittag.

Es stimmte, was Gerwald gesagt hatte. Sie bat um mehr Licht, und am Abend brannten in ihrem Gemach neun Kerzen. Sie bat darum, in den Hof gehen zu dürfen, und es ging jemand mit. Sie fragte, ob man ihr eine Nadel bringen könne, und es kamen drei.

Am zweiten Tag sagte sie bei Tisch, das dunkle Brot sei gut. Es war schwer und schmeckte nach Kümmel. Von da an lag dunkles Brot bei jeder Mahlzeit vor ihrem Platz. Sie sagte es nicht noch einmal. Es hörte trotzdem nicht auf.

Mit Fragen war es anders.

»Wo ist der Prinz?«

»Ich weiß es nicht, verehrte Prinzessin.«

Sie fragte jeden Tag, und es war jedes Mal derselbe Satz. Einmal fragte sie eine Frau, die sie noch nie gesehen hatte, und die wusste es auch nicht. Sie war die Einzige, die dabei nicht zu Boden sah.

Ihr Vater hatte in diesen Tagen viel zu tun. Er ritt mit Gerwald zu den Speichern und kam abends zurück und erzählte davon. Er erzählte gut. Gerwald hörte zu.

Am dritten Tag kam eine Frau mit Kreide und Nadeln und einer Elle. Sie hatte kalte Hände, und Mirabel stand still, während drei Leute an ihr arbeiteten und über sie hinweg miteinander sprachen. Sie sah aus dem Fenster, weil man dabei den Kopf nicht bewegen muss.

Im Schloss geschah alles zur selben Zeit. Die Männer am Tor wurden abgelöst, wenn die Glocke schlug, und die Männer, die kamen, waren am nächsten Tag wieder dieselben. Nach ein paar Tagen wusste sie, wie spät es war, ohne die Glocke zu hören.

Am vierten Tag sah sie Roderich. Er stand unten im Hof, allein, und tat nichts. Er sah eine Weile zum Tor, dann ging er wieder hinein.

Er hatte nicht heraufgesehen.

Am Nachmittag wurde sie geholt. Man führte sie in einen kleinen Saal mit zwei Fenstern. Es brannte ein Feuer, auf dem Tisch stand Wein, und vor dem Feuer standen zwei Stühle bereit und eine Bank mit Kissen.

Gerwald war da und ihr Vater, und Roderich stand am Fenster.

»Es ist Brauch«, sagte Gerwald, »dass die beiden vor der Hochzeit eine Stunde miteinander verbringen.«

Ihr Vater fand das gut.

Dann gingen die beiden hinaus, und die Leute, die an den Wänden gestanden hatten, gingen auch hinaus, und die Tür wurde von außen geschlossen. Es ging schnell, und es blieb niemand stehen, um noch etwas zu bringen oder zurechtzurücken. Der Raum war leer, ehe sie sich umgedreht hatte.

Roderich stand noch am Fenster.

Bis zur Hochzeit waren es noch zwei Tage.

Solange er lebt · Kapitel 4

Die Stunde

Roderich drehte sich nicht um. Mirabel blieb bei der Tür stehen, hörte das Feuer und sonst nichts, und im Gang ging niemand. Auf dem Tisch standen der Wein und zwei Becher, und beide Becher waren leer.

Draußen war es dunkel, und in den Fenstern stand der Raum noch einmal. Das Feuer war das Lauteste im Zimmer.

Es dauerte lange.

Dann kam er vom Fenster her. Er ging nicht schnell, er ging so, dass sie es kommen sah. Mirabel wich zurück, bis ihr die Bank in die Kniekehlen kam, und dann saß sie.

Sie sah zur Tür.

»Es kommt niemand«, sagte er.

Er legte die Hände links und rechts von ihr auf die Lehne. Er war so nah, dass sie ihn atmen hörte.

»Weißt du, was in zwei Tagen ist?«

Sie brachte nichts heraus.

»Dann gehört das hier alles mir.«

Er sah dabei an ihrem Kopf vorbei, irgendwohin an die Wand. Dann sagte er eine Weile nichts.

»Du wirst dich daran gewöhnen.«

Er sagte es leiser als das Erste.

Er beugte sich vor.

Er tat es langsam.

Mirabel drückte sich in die Kissen, so weit es ging. Dann ging es nicht weiter.

Seine Hände blieben, wo sie waren.

Sie roch Seife.

Er hatte die Augen offen und sah sie an, und es war nichts darin.

Sie merkte, dass sie die Luft anhielt.

Sie schloss die Augen.

Es geschah nichts.

Sie hörte ihn atmen. Es ging ruhig.

Sie ließ die Augen zu und hob das Gesicht, ihm entgegen.

Es geschah immer noch nichts.

Sie hörte das Feuer.

Dann machte sie die Augen auf.

Er war nicht näher als vorher.

Und er sah nicht sie an. Er sah an ihr vorbei, zur Wand neben dem Kamin.

Er richtete sich auf. Er tat es langsam, so wie er gekommen war.

»Du störst«, sagte er.

Es dauerte, bis Mirabel begriff, dass er das nicht zu ihr gesagt hatte.

Sie drehte den Kopf. An der Wand neben dem Kamin stand eine Frau. Mirabel wusste nicht, wie lange sie schon da war. Es war die Frau, die nicht gewusst hatte, wo der Prinz sei.

Sie sagte nichts und ging auch nicht.

Roderich nahm die Hände von der Lehne.

»Na mach schon«, sagte die Frau. »Ich werde auch niemandem sagen, dass du noch nie eine Frau geküsst hast.«

Sie sagte es nicht spöttisch. Sie sagte es, wie man eine Uhrzeit sagt.

Roderich stand noch einen Augenblick da. Dann ging er hinaus, und er sah keine von beiden an. Beim Vorbeigehen streifte er die Frau an der Schulter.

Sie wich nicht aus.

Die Tür machte er leise zu.

Mirabel merkte, dass sie die Kissen umklammert hielt, und ließ los.

Sie war froh, dass die Frau da gewesen war.

Und sie hätte gern gewusst, was er getan hätte.

Die Frau am Kamin sah zur Tür, bis im Gang nichts mehr zu hören war.

»Danke«, sagte Mirabel.

»Wofür?«

Darauf wusste Mirabel nichts zu sagen.

Dann lächelte die Frau. Es kam ohne Ankündigung und es blieb, und Mirabel sah zum ersten Mal, wie hübsch sie war. Ihr Kleid war dunkelgrün und glänzte, wenn sie sich bewegte, und so etwas hatte Mirabel noch an niemandem gesehen.

Dann merkte sie, dass ihre Hände zitterten. Sie legte sie ineinander. Es half nichts.

Die Frau sah es und sagte nichts dazu. Sie stellte sich neben sie, so dicht, dass die Schultern fast aneinanderstießen.

»Wir sind gleich groß«, sagte sie.

Mirabel nickte.

»Ich habe einen Schrank voller Kleider. Manche habe ich nie angehabt.«

»Komm mit.«

Sie ging hinaus und ließ die Tür offen stehen. Durch die Tür zog es kalt herein.

Von der Stunde war noch nicht die Hälfte um.

Solange er lebt · Kapitel 5

Die Kleider

Die Frau ging schnell und sah sich nicht um, ob Mirabel nachkam. Zwei Gänge, eine Treppe hinauf, noch ein Gang. Sie kamen an zwei Männern vorbei, die zur Seite traten und stehen blieben. Die Frau grüßte sie nicht, und sie grüßten die Frau nicht.

Ihre Kammer war kleiner als die von Mirabel. Ein Bett, eine Truhe, ein Tisch mit einem Stuhl und ein Schrank, der bis an die Decke ging. Das Fenster war schmal und ging auf eine Mauer.

Der Schrank war das Größte im Raum.

Sie machte ihn auf. Es roch nach Lavendel und nach kaltem Stoff, und Mirabel hatte noch nie so viele Kleider auf einmal gesehen.

Die Frau nahm eines heraus und legte es aufs Bett, und dann noch eines, und dabei redete sie. Sie redete über die Farben und darüber, welcher Stoff im Winter wärmt und welcher nur so aussieht, und dass man Grün nicht neben Grün legen darf, und Mirabel hörte zu und merkte irgendwann, dass ihre Hände aufgehört hatten zu zittern.

In diesem Haus hatte noch niemand so viel gesagt.

»Das hier habe ich nie angehabt.«

Es war rot und schwer, und an den Ärmeln hatte jemand lange gesessen.

»Warum nicht?«

Die Frau sah es noch einen Augenblick an.

»Dieses hier«, sagte sie und nahm ein anderes heraus.

Später fragte Mirabel: »Warum hat er das getan?«

Die Frau strich einen Ärmel glatt.

»Wie ist es in Ilmau?«

Und Mirabel erzählte. Sie erzählte vom Winter zu Hause und davon, dass im Saal der eigene Atem zu sehen war, und dass sie morgens in der Küche stand, weil es dort warm war, und dass sie inzwischen schneller Zwiebeln schneidet als die Köchin.

»Und das hat dir niemand verboten?«, fragte die Frau.

»Nein«, sagte Mirabel. »Wir hatten nicht viele Leute.«

Sie verstand nicht, warum das eine Frage war.

Dann hörte sie sich selbst reden und hörte auf.

»Weiter«, sagte die Frau.

Mirabel redete weiter.

Am Ende lagen sieben Kleider auf dem Bett. Die Frau hielt zwei davon hoch, und Mirabel zeigte auf ein drittes. Es war eines von denen, die die Frau nie angehabt hatte, und die Frau nahm es vom Bett und gab es ihr.

»Nur wenn du auch eines anziehst«, sagte Mirabel.

Die Frau sah sie an.

»Eines von denen.«

Es dauerte einen Augenblick. Dann suchte jede für die andere eines aus.

Mirabel nahm für die Frau das rote.

Sie zogen sich um. Bei Mirabel musste nichts geändert werden. Dann standen sie da und sahen einander an.

»Du bist bildschön wie Roderich«, sagte Mirabel.

Dann hielt sie sich die Hand vor den Mund. Es war heraus, bevor sie es gehört hatte.

Die Frau sagte nichts dazu. Sie zog sich das Kleid an der Schulter zurecht und ließ es an.

»Wie heißt du?«

»Nella.«

Solange er lebt · Kapitel 6

Der Tanz

Bis zur Hochzeit war kein Tag mehr übrig. In der Nacht hatte es geschneit, und im Hof war der Schnee schon weggeräumt, bevor jemand aufgestanden war.

Mette kam mit drei anderen, das Kleid war an zwei Stellen enger gemacht worden, und es dauerte, bis es saß. Man sagte ihr, wohin sie zu gehen habe, wo sie stehen bleiben müsse und wie lange.

Im Saal war es kalt, bis die Leute darin standen. Es waren Leute da, die sie nicht kannte, und man nannte ihr die Namen.

Sie merkte sich keinen.

Vorn stand ein Mann mit einem Blatt. Wenn er umblätterte, hörte man das Papier, und sonst war nichts zu hören. Er las den Vertrag vor, und danach las er, dass die Ehe geschlossen sei. Es dauerte länger, als sie gedacht hatte.

Es wurde niemand gefragt.

Sie hatte gedacht, man würde etwas merken.

Man merkte nichts.

Der Mann nahm ihre Hand und legte sie in Roderichs. Es war das erste Mal, dass sie einander berührten, und keiner von beiden hatte es getan. Seine Hand war kalt, und als es erlaubt war, ließ er los.

Ein Kuss war nicht vorgesehen.

Als sie sich umdrehte, stand an der Seite die Familie. Gerwald, und neben Gerwald Nella. Nella sah sie an und sah dann woandershin.

Sie stand bei der Familie.

Getanzt wurde vor dem Essen. Der Saal stand im Kreis und sah zu, und Gerwald sah zu. Roderich tanzte richtig, er machte keinen Fehler. Seine Hand lag auf ihrem Rücken und lag nicht still, und er hielt sie so weit von sich weg, wie es die Figur zuließ.

Zweimal führte der Tanz die Gesichter aneinander vorbei. Beide Male drehte er den Kopf weg.

Mirabel drehte ihn nicht weg.

Sie wartete darauf, dass er etwas sagte.

Er sagte nichts.

Als es zu Ende war, ließ er los, bevor die Musik aufhörte.

Dann wurde gegessen, und es wurde laut. Es roch nach Wachs und nach nassen Mänteln, und sie hatte dieses Haus noch nie laut gehört. Männer schlugen auf den Tisch, jemand sang, und in einer Ecke lachte eine Frau so, dass man es überall hörte.

Ihr Vater tanzte.

Um Mitternacht hörte es auf einmal auf. Nicht langsam. Der Sänger sang die Zeile nicht zu Ende, und danach hörte man die Kerzen.

Man brachte sie hinauf und ließ sie allein. Mirabel setzte sich auf den Bettrand und zog sich nicht aus. Das Feuer ging zurück, und sie sah zu.

Einmal kamen Schritte den Gang herauf. Sie blieben vor der Tür stehen.

Es dauerte.

Dann gingen sie wieder.

Gegen Morgen schlief sie ein, und sie schlief nicht lange.

Beim Essen lag an ihrem Platz kein dunkles Brot.

Solange er lebt · Kapitel 7

Die Geschäfte

Im Hof standen die Pferde seit dem Hellwerden. Die Sonne war noch nicht über der Mauer, der Boden war gefroren, und die Hufe klangen anders als sonst. Es wurden zwei Züge fertig gemacht, einer nach Ilmau und einer nach Norden, und beide waren fertig, bevor jemand heruntergekommen war.

Die Leute standen wieder in Reihen. Nella stand auf den Stufen und sah zu.

Gerwald kam heraus und zog die Handschuhe an, während er sprach. Man sah den Atem der Pferde und den der Männer. Er sprach über die Speicher im Norden und über zwei Brücken und darüber, wer die Abrechnung führt.

»Mein Sohn führt die Geschäfte, solange ich fort bin.«

Es sah niemand zu Roderich hin.

Wie lange er fort sein werde, sagte er nicht. Dann war er fertig mit den Handschuhen.

»Die Ehe ist heute Nacht zu vollziehen.«

Er sagte es in denselben Ton hinein wie die Brücken. Dann zeigte er auf einen der Ritter, und der Mann trat einen Schritt vor. Er war älter als die anderen, und sein Kettenhemd war an den Schultern blank gescheuert.

»Er wird vor der Tür stehen und mir berichten.«

Der Ritter sah kurz zu Roderich und dann wieder geradeaus.

Roderich sagte nichts. Mirabel sah zu ihm hinüber, und er sah auf die Pferde.

Dann kam ihr Vater die Stufen herunter, und er war guter Dinge. Er sagte ihr, was im Vertrag stehe: achthundert Reiter, wenn Ilmau angegriffen werde, und Getreide jährlich, und die Straße bis zur Furt. Er sagte es, als hätte sie es nicht gehört.

»Du hast das gut gemacht«, sagte er.

Dann küsste er sie auf die Stirn und ging zu seinem Pferd. Die beiden Züge ritten nacheinander hinaus, erst der nach Norden, dann der nach Ilmau.

Das Tor ging zu. Im Hof blieb der Geruch nach Pferden.

Die Leute standen noch eine Weile in ihren Reihen. Es sagte ihnen niemand, dass sie gehen dürfen. Dann gingen sie doch, einer nach dem anderen, an ihre Arbeit.

Zurück blieben nur noch Roderich und Mirabel.

Er ging als Erster. Er sagte nichts, und er ging nicht schnell.

Mirabel blieb im Hof stehen.

Sie fragte sich, warum es ein Ritter sein musste. Eine Magd hätte auch vor der Tür stehen können.

Dann fragte sie sich, warum es überhaupt berichtet werden musste.

Darauf fiel ihr nichts ein.

Es war noch Vormittag.

Solange er lebt · Kapitel 8

Die Königskleider

Den Tag über sah sie Roderich nicht.

Die Tür zu dem Gemach, in dem ihr Vater geschlafen hatte, stand offen. Es war abgezogen und ausgekehrt, und es roch nach nichts mehr. Sie rechnete aus, wie weit er bis jetzt gekommen sein musste, und kam auf die Furt.

Am Nachmittag bat sie um Licht. Die Magd sagte ja.

Es kam keines.

Sie bat kein zweites Mal, weil sie nicht wusste, wen sie hätte fragen sollen.

Es war die Stunde, in der im Haus die Lichter angezündet wurden, überall zur selben Zeit. Dann kam Nella und schnürte sie.

Beim Kleiderschrank hatte sie ununterbrochen geredet. Jetzt sagte sie nichts, und man hörte nur das Band durch die Ösen.

Mirabel wartete darauf, dass sie etwas sagte.

Sie sagte nichts.

Was in dieser Nacht zu geschehen hatte, hatte ihr Schwiegervater im Hof gesagt, vor dreißig Leuten.

»Wie lange dauert das?«, fragte Mirabel.

Nella zog die Schnürung fest.

Dann stand Roderich in der Tür. Er trug die Königskleider. Der König hatte so etwas nie getragen.

Er kam nicht herein.

»Diese Nacht wird der Akt vollzogen«, sagte er.

Nella zog eine Schlinge nach.

»Wir essen vorher noch etwas«, sagte sie. »Danach kommen wir hinauf.«

Roderich sah eine Weile auf sie. Dann drehte er sich zu den Männern im Gang.

»Wenn meine Schwester zu nahe an meine Gemächer kommt, dann werft sie in den Kerker.«

Es sagte keiner der Männer etwas.

Mirabel sah zu Nella.

Nella schnürte weiter.

Dann war er weg, und man hörte ihn den Gang hinuntergehen.

Mirabel versuchte sich zusammenzurechnen, was für ein Mann oben auf sie wartete, und es kamen zwei verschiedene heraus. Der eine hatte ihr über den Tisch hinweg gesagt, was er sich nehmen werde. Der andere hatte beim Tanz zweimal den Kopf weggedreht und war in der Nacht nicht gekommen.

Sie wusste nicht, welchen von beiden sie sich wünschen sollte.

Sie aßen unten in dem kleinen Saal mit den zwei Fenstern. Es war aufgetragen worden, ohne dass jemand es bestellt hatte.

Nella aß.

Mirabel saß davor und trank Wasser und stellte den Becher zweimal um.

Danach gingen sie hinauf. Nella ging bis an die zweite Treppe und blieb dort stehen. Sie sagte nicht, warum.

Je weiter hinauf, desto kälter wurde es. Mirabel zählte die Stufen und kam durcheinander. Auf halber Treppe blieb sie stehen.

Dann ging sie weiter.

Oben, neben der Tür, stand ein Ritter. Es war der ältere, und er sah sie nicht an. Er war so alt wie ihr Vater. Als sie an ihm vorbeiging, trat er einen halben Schritt zur Seite und machte ihr Platz.

Mirabel blieb stehen.

»Danke«, sagte sie.

Der Ritter sah geradeaus.

»Ich bin sonst nicht so«, sagte sie. »Ich habe ein bisschen Angst vor heute Nacht.« Dann sagte sie, das Schloss sei sehr groß und sie kenne sich noch nicht aus, und dass es hier so still sei, viel stiller als daheim.

Sie hörte sich selbst reden und redete weiter.

»Verehrte Prinzessin«, sagte der Ritter.

Mehr sagte er nicht.

Dann sagte auch Mirabel nichts mehr. Der Ritter wurde unscharf, und sie merkte, dass ihr Tränen liefen.

Sie drehte sich um. Unten an der zweiten Treppe stand Nella noch immer da.

Nella kam die Treppe herauf. Sie kam bis vor die Tür und nahm sie in den Arm und sagte nichts dazu.

Mirabel ließ nicht los.

Nella wartete.

Dann löste sie die Arme, langsam, und ging wieder hinunter.

Der Ritter hatte sich nicht bewegt.

Solange er lebt · Kapitel 9

Wenigstens

Das Gemach war größer als ihres. Auf dem Tisch lag nichts, an den Wänden hing nichts. Das Fenster stand einen Spalt offen, es war kalt im Zimmer, und man roch den Frost.

Roderich stand am Fenster und sah nicht her, als sie hereinkam. Mirabel machte die Tür zu.

Draußen stand der Ritter. Sie wusste nicht, wie dick die Tür war.

Sie blieb stehen, wo sie war. Von unten war nichts zu hören, und das Haus war längst wieder still.

Es dauerte, bis er sich umdrehte.

Dann kam er zwei Schritte auf sie zu.

Mirabel hatte sich vorgenommen, still zu halten. Sie hielt still.

Er blieb stehen.

Zwischen ihnen war noch der halbe Raum.

Auf dem Tisch, auf dem sonst nichts lag, stand eine Kerze. Es brannte Licht, und sie sah ihn genau.

Er sah auf den Boden.

Draußen im Gang bewegte sich der Ritter einmal und dann nicht mehr.

Er sagte nichts, und er kam auch keinen Schritt mehr.

Vollzogen werden sollte es in dieser Nacht.

Es fing nicht einmal an.

Mirabel sah ihn die ganze Zeit an. Er sah kein einziges Mal her.

Dann drehte er sich weg und ging zur Tür.

Mirabel rechnete zusammen, was sie falsch gemacht hatte. Sie kam auf nichts.

»Findest du mich wenigstens schön?«

Er blieb stehen. Er drehte sich nicht um.

»Ja.«

Dann machte er die Tür auf.

Im Gang waren mehr Männer, als vorher dort gewesen waren.

Mirabel kam an die Tür. Hinter den Männern stand Nella.

Roderich blieb einen Augenblick stehen. Dann ging er auf seine Schwester zu.

Der Erste stellte sich ihm in den Weg. Roderich stieß ihn weg, und der Mann ging zu Boden, und man hörte den Helm auf dem Stein.

Es rief niemand etwas.

Dann hatten sie ihn.

Es hatte ihnen niemand etwas gesagt.

Er riss sich noch einmal los, und sie fassten einfach wieder zu.

Da hörte er auf.

Nella hatte sich nicht bewegt und sah ihn nicht an.

»Ich vergesse das nicht«, sagte er zu seiner Schwester.

Er sagte es leise, und Mirabel bekam Angst vor ihm.

Nella sah ihn immer noch nicht an. Vorhin hatte sie noch die Arme um Mirabel gelegt.

Der ältere Ritter blieb, wo er war.

Sie brachten ihn die Treppe hinunter, und man hörte es noch eine Weile. Dann hörte man es nicht mehr.

Mirabel stand in der Tür.

Es sagte ihr niemand, was sie jetzt tun sollte.

Solange er lebt · Kapitel 10

Die Schnürung

Nella klopfte nicht.

Sie kam herein, als die Schritte im Gang verklungen waren, und blieb einen Augenblick stehen. Auf dem Tisch stand noch der Krug, und daneben zwei Becher, und einer davon war voll.

Dann stellte sie sich hinter Mirabel und begann, die Schnürung zu öffnen. Von oben nach unten, mit schnellen Fingern, wie jemand, der das jeden Abend tut und dabei an anderes denkt.

Mirabel holte Luft. Es ging tiefer als vorher.

»Was wird jetzt aus ihm?«

»Er bleibt im Verlies.« Nella zog eine Schlinge frei. »Jetzt bist du sicher.«

Mirabel sah zum Fenster. Draußen war nichts als der Hof und eine Fackel und ein Mann, der darunter stand und sich nicht bewegte.

Sie war nicht sicher, ob sie danach gefragt hatte.

»Er hat mir nichts getan.«

»Nein.« Die Finger arbeiteten weiter. »Das hat er nicht.«

»Du hast gewusst, dass er es nicht tun würde.«

»Ich habe gar nichts gewusst.« Eine Schlinge, noch eine. »Ich hatte Hunger.«

Das Mieder öffnete sich, und Mirabel richtete sich auf, und der ganze Abend fiel ihr wieder ein, in der falschen Reihenfolge.

Nella trat einen Schritt zurück und strich den Stoff glatt, den sie vorhin zugezogen hatte.

»Wie hast du das gemacht?«

»Was?«

»Er ist der Regent. Dein Vater hat ihn eingesetzt. Und du lässt ihn von seinen eigenen Wachen abführen.«

Nella rollte das Band auf, ordentlich, wie man es tut, wenn man es morgen wieder braucht.

»Es sind nicht seine Wachen«, sagte sie.

»Wessen dann?«

Nella legte das Band auf den Tisch, neben den vollen Becher.

»Willst du dich hinlegen? Es ist spät.«

Mirabel stand da und wusste nicht, was sie als Nächstes fragen sollte. Sie war seit sieben Tagen in diesem Haus. Alle waren höflich zu ihr, und nichts, was sie sagte, geschah.

»Darf ich ihn besuchen?«

Nella hielt inne.

»Warum?«

Mirabel öffnete den Mund und schloss ihn wieder.

»Ja«, sagte Nella. »Du darfst.«

Sie hätte es dabei belassen können, und sie wusste es.

»Alleine?«

Nella war schon an der Tür.

Solange er lebt · Kapitel 11

Das Verlies

Der Wärter schloss auf und blieb stehen, bis sie ihn ansah. Dann ging er den Gang hinunter, drei Schritte, vier, und blieb wieder stehen.

Alleine, hatte Mirabel gefragt. Nella hatte darauf nichts gesagt.

Jetzt stand der Mann so weit weg, dass er nichts hören konnte.

Es roch nach nassem Stein.

Neben dem Gitter stand ein Napf. Er war voll. Daneben ein Krug, und auch der war voll, und auf dem Wasser lag Staub.

Roderich saß in der hinteren Ecke, den Rücken an der Mauer, die Arme um die Knie gelegt. Er hatte den Kopf gesenkt, und er hob ihn nicht, als das Gitter aufging.

Er trug noch immer die Königskleider.

Damit hatte sie nicht gerechnet. Einem Gefangenen nimmt man den Gürtel und die Schnallen und die Spangen, alles, woran sich etwas festmachen lässt. Ihm hatte man nichts genommen. Vielleicht hatte niemand gewusst, ob er einer war.

Der Umhang lag um ihn herum auf dem Boden. Er war für einen Mann gemacht, der steht.

Sie blieb stehen und sah ihn an.

Vor acht Tagen hatte dieser Mann ihr über den Tisch hinweg gesagt, was er sich nehmen werde, sobald sie allein wären. Seither hatte er vier Sätze zu ihr gesagt, und einer davon war ein Wort.

Sie hatte gehofft, dass daran irgendetwas wahr gewesen war. Nicht das Nehmen. Das andere.

Vor vier Tagen war er auf sie zugetreten und dann stehen geblieben. Beim Tanz hatte er sie so weit weggehalten, wie es ging.

Nella redete mit ihr, und auf der Treppe hatte sie die Arme um sie gelegt. Gesagt hatte sie ihr nichts.

Bei ihm hörte der Abstand nirgends auf.

Jetzt war ein Gitter dazwischen, und er konnte nicht hinausgehen.

Irgendwo fiel Wasser. Es fiel in einem Takt, den man nach einer Weile mitzählte.

Der Dreck an seinem Gesicht war an zwei Stellen weggewischt. Nicht mit einem Tuch. Mit dem Handrücken, und nicht ordentlich.

Sie sagte nichts. Sie wusste auch nicht, was.

»Gefällt dir der Anblick?«

Er hatte den Kopf nicht gehoben. Seine Stimme war belegt.

Sie antwortete nicht.

»Nella und du werdet sicher etwas zu lachen haben.«

Er sagte es zu dem Stück Boden zwischen seinen Füßen. Er hatte es sich zurechtgelegt.

Sie ging bis an die Wand ihm gegenüber und blieb dort stehen. Der Boden war feucht. Sie spürte es durch die Schuhe.

Als sie am Abend zu seinem Gemach hinaufgegangen war, hatte neben der Tür ein Ritter gestanden. Er hatte sie nicht angesehen.

Der Mann hatte gehört, dass nichts geschehen war.

Am Morgen hatte eine Magd sie angesehen und schnell weggesehen.

Oben, in dem Zimmer, war er zwei Schritte auf sie zugekommen und dann stehen geblieben. Dazwischen war der halbe Raum gewesen.

Und an der Tür hatte er ja gesagt, ohne sich umzudrehen.

Sie hatte die ganze Nacht wach gelegen und nicht gewusst, was davon sie glauben sollte.

»Steh auf«, sagte sie.

Er rührte sich nicht.

»Bitte.«

Nichts. Hinter ihr fiel ein Tropfen, und dann noch einer. Er saß da, wie einer sitzt, der nicht wartet. Es gab ja nichts, worauf.

»Bitte.«

Und dann hob er den Kopf.

Unter den Augen lag es dunkel. An der Schläfe war Blut gewesen und wieder getrocknet, und niemand hatte es weggewischt, weil er es selbst nicht getan hatte.

Er sah sie an, als hätte er das Wort noch nie gehört und wüsste nicht, was man damit macht.

Dann stützte er sich mit einer Hand an der Mauer ab und stand auf. Es dauerte. Auf halbem Weg hielt er inne, und sie dachte, er setze sich wieder hin.

Er setzte sich nicht.

Und die Kleider saßen.

Gekauert hatten sie ausgesehen, als hätte ein Kind sie aus einer Truhe geholt.

Hinter ihm, an der Wand, stand sein Schatten.

Die Fackel war niedrig, und der Schatten war hoch. Er reichte über die Mauer hinauf und lief an der Decke weiter, viel zu groß für den Mann, der ihn warf.

Mirabel trat einen halben Schritt zurück, ehe sie es merkte.

Er war größer, als sie gedacht hatte. Sie musste den Kopf heben.

Und sein Gesicht lag jetzt im Licht.

Sie merkte, dass sie die Hände ineinandergelegt hatte, fest, wie man es tut, damit niemand sieht, dass sie zittern.

»Jetzt gefällt mir der Anblick«, sagte sie.

Er antwortete nicht.

»Der Umhang«, sagte Mirabel und zeigte darauf. »Nimm ihn hoch.«

Er rührte sich nicht.

»Und wisch dir das Gesicht ab.«

Er tat es nicht.

Er stand nur da und sah sie an, und er hörte nicht damit auf.

Mirabel merkte, dass sie die Hand noch ausgestreckt hielt, und nahm sie herunter.

Ihr wurde heiß im Gesicht.

Sie hatte sich gewünscht, dass er sie ansieht. Jetzt tat er es, und sie konnte nichts damit anfangen.

Sie wusste nicht, ob er wütend war oder ob er wartete oder ob er gleich etwas sagen würde.

Dann ging sie hinaus, und auf den letzten Schritten lief sie.

Dabei stieß sie den Napf um. Er schepperte über den Stein, und es hallte durch den ganzen Kerker.

Sie blieb nicht stehen.

Hinter ihr schloss der Wärter das Gitter.

Solange er lebt · Kapitel 12

Der Truthahn

Am Morgen kam Mette und sagte, sie werde erwartet, und sie gingen einen Weg, den Mirabel noch nicht gegangen war.

In dem Saal war es kalt, und er war so lang, dass man jedes Geräusch bis ans andere Ende hörte. Es stand ein Tisch darin, an dem vierzig Leute Platz gehabt hätten. Gedeckt war an einem Ende. Nella saß am Kopfende, und daneben stand ein Gedeck.

Als Mirabel näher kam, sah sie, dass es drei waren.

»Roderich wird gerade noch gebadet«, sagte Nella. »Danach wird er uns Gesellschaft leisten.«

»Ist er frei?«

»Er wird gleich hier sein.«

Mette zog den Stuhl neben Nella heraus, und Mirabel setzte sich darauf, weil dort das Gedeck stand. Durch die hohen Fenster kam graues Licht. Aufgetragen war schon alles. Bei den Gedecken stand ein Truthahn. Er war nicht angeschnitten und glänzte und dampfte noch.

Alles andere war Beilage.

Sie warteten.

Dann stand er in der Tür. Er war gewaschen und trug andere Kleider, und an der Schläfe war nichts mehr zu sehen. Er blieb stehen und sah sich an, wie es am Tisch aussah.

Keine von beiden sah er an.

Den Tisch sah er die ganze Zeit an.

Dann kam er herüber. Er ging auf Nella zu, und einen Augenblick sah es aus, als wolle er sie packen. Er nahm den leeren Teller vom dritten Gedeck, hob den Truthahn mit beiden Händen darauf und trug ihn ans andere Ende des Tisches.

Nella hatte das Messer in der Hand.

Sie sagte nichts dazu.

Er hatte es nicht eilig.

Es dauerte.

Nella sah ihm nach, den ganzen Weg.

Dort setzte er sich hin.

Bei ihnen blieb das Brot.

Roderich sah zurück. Er sah nur Nella an und fing an zu essen.

Er aß mit den Händen und ließ sich Zeit. Man hörte ihn essen.

Nella aß nichts.

Mirabel sah auf ihren Teller.

Gestern hatte sie ihm gesagt, dass ihr der Anblick gefällt. Heute brachte sie es nicht fertig, ihn anzusehen.

Sie saß neben der Frau, die ihn hatte abführen lassen, und sagte nichts. Die beiden sagten auch nichts, und es dauerte lange.

Mirabel zählte die Stühle zwischen sich und ihm. Es waren vierzehn.

Sie hatte mit alldem nichts zu tun und saß mitten drin.

Irgendwann legte Nella das Messer hin.

»Komm, Mirabel«, sagte sie. »Hier ist es nicht auszuhalten. Wir gehen woandershin, da steht schon etwas. Es gibt Honigkuchen.«

Nella stand auf, und Mirabel ging mit.

An der Tür sah sie noch einmal zurück.

Er aß weiter.

Solange er lebt · Kapitel 13

Das Bild

Roderich kam an diesem Tag nicht mehr, und am nächsten auch nicht. Mirabel wartete zuerst darauf, dass man sie wieder holte, aber es holte sie niemand.

Nach ihm zu fragen half nicht, das wusste sie inzwischen. Also suchte sie selbst, und das Schloss war größer, als es von außen ausgesehen hatte, und von außen hatte man es zwei Stunden lang gesehen.

Am Vormittag ritt ein Reiter zum Tor hinaus und nahm die Straße nach Norden. Der ältere Ritter stand am Tor und sah ihm nach, und Mirabel ging hin.

»Ist das der Bericht an den König?«

»Ich habe berichtet, dass nichts geschehen ist«, sagte der Ritter.

Er sagte es nicht unfreundlich. Mirabel brachte eine Weile nichts heraus.

»Warum muss so etwas berichtet werden?«

»Weil es angeordnet ist.«

Er wandte sich zum Gehen.

»Wie heißt Ihr?«, fragte Mirabel.

Der Ritter blieb stehen. »Hartwig, verehrte Prinzessin.«

»Hartwig. Wisst Ihr, wo der Prinz ist?«

»Nein.«

Es dauerte, bis er weiterredete. »Fragt nicht die Wachen. Die wissen nur, was angeordnet ist.«

Dann ging er wieder an seinen Platz.

Im Ostflügel waren die Läden zu. Der Boden war gekehrt, und in den Zimmern stand nichts, und es roch dort wie überall, nämlich nach nichts.

Im zweiten Stock war eine Tür. Mirabel drückte die Klinke herunter, und die Tür gab nach.

Sie machte sie nicht auf. Sie hätte nicht sagen können, warum nicht.

Am nächsten Morgen kam ein Mann die Treppe herauf und stellte ein Tablett vor diese Tür. Er wartete eine Weile und trug es wieder hinunter. Am Morgen darauf kam er wieder, und beim dritten Mal sah sie hin, als er zurückging. Es war nichts angerührt.

»Für wen ist das?«, fragte sie.

Er überlegte. »Das bringe ich hinauf, solange ich hier bin.«

Als er unten war, machte Mirabel die Tür auf. In dem Zimmer stand ein Bett, und es war gemacht, und sonst stand nichts darin. Es roch nach nichts. Sie machte die Tür wieder zu.

Abends ging sie hinauf. Vor der Tür stand niemand mehr. Der Ritter hatte dagestanden und berichtet, und mehr war ihm nicht aufgetragen worden.

Vollzogen war die Ehe nicht. Angeordnet war sie immer noch.

Es fragte niemand danach.

Am dritten Tag fand sie den Gang mit den Bildern. Es waren Männer darauf und Frauen und Pferde, und auf allen sahen die Leute an einem vorbei.

Auf einem nicht.

Das Bild war kleiner als die anderen und nicht gemalt, sondern gezeichnet, schwarz auf hellem Papier. Es hing zwischen zwei großen, als hätte man sonst keinen Platz dafür gefunden.

Es war Nella.

Es war mit wenigen Strichen gemacht, und trotzdem war sie es. Sie lächelte darauf, und so hatte Mirabel sie erst ein einziges Mal gesehen.

Mirabel stand lange davor. Eine Magd sagte, um diese Zeit sei Nella im Garten.

Der Garten lag hinter dem Ostflügel. Die Wege waren geräumt, die Beete abgedeckt, es stand nichts darin, und Nella stand mittendrin.

Sie winkte Mirabel zu sich und zeigte auf die Beete und sagte, was dort im Frühjahr steht und wie es dann riecht und welche zuerst kommen und welche erst, wenn die ersten schon vorbei sind. Sie kannte jedes. Es war das zweite Mal, dass sie so viel redete.

»Wer hat das Bild im Gang gezeichnet?«, fragte sie. »Das mit dir.«

»Das war Roderich.«

Nella sagte es, ohne aufzuhören, auf die Beete zu zeigen, und Mirabel sagte eine Weile nichts.

Er hatte seine Schwester lange genug angesehen, um sie zu treffen. In diesem Haus sah niemand jemanden an. Und er hatte sie lächeln sehen, irgendwann einmal.

Im Verlies hatte er Mirabel angesehen und nicht damit aufgehört, und sie war weggelaufen.

»Wo ist er?«

Darauf kam nichts.

»Gibt es Räume, die ich nicht betreten darf?«

Nella drehte sich um und sah ihr in die Augen.

»Suche ihn. Und falls du einen verbotenen Raum betreten solltest, werden es dir die Wachen schon sagen.«

Dann drehte sie sich wieder zu den Beeten um, und Mirabel ging zurück in den Gang mit den Bildern. Sie wollte sehen, ob noch mehr von ihm dabei war.

Es war nichts mehr von ihm dabei.

Ganz hinten hing Gerwald als junger Mann. Der Maler hatte ihn höher gesetzt als alles andere auf dem Bild, und vor ihm knieten Männer in einer Reihe, und jeder hatte seine Hände zwischen die Hände des Königs gelegt. Es waren viele; die hinteren hatte der Maler nur angedeutet.

Sie sahen alle zu ihm hinauf.

Die Leute in diesem Haus gehörten nicht dem Haus. Sie gehörten ihm.

Ihr wurde übel. Sie setzte sich auf den Boden, und von dort sah sie zu ihm hinauf, bis es aufhörte.

Jetzt verstand sie, warum niemand tat, was sie sagte.

Was dieser Mann einmal angeordnet hatte, wurde getan und blieb getan. Auch wenn er nicht da war. Auch wenn niemand mehr wusste, wozu.

Deshalb war die Straße so gut.

Es war trotzdem eine Erleichterung. Sie hatte gedacht, es liege an ihr.

Dann lief sie.

Hartwig stand am Tor, wo er am Morgen gestanden hatte. Mirabel brauchte einen Augenblick, bis sie reden konnte.

»Habt Ihr den Schwur geleistet?«

»Natürlich, verehrte Prinzessin.«

Solange er lebt · Kapitel 14

Der Tee

Hartwig hatte gesagt, sie solle nicht die Wachen fragen. Also ging Mirabel den Leuten nach, die etwas trugen. Hinter dem Speisesaal war eine Tür, die sie für einen Schrank gehalten hatte, und dahinter ging eine Treppe hinunter.

Unten war es warm. Es roch nach Zwiebeln und nach Fett und nach nassem Stein, und es war das erste Mal in diesem Haus, dass es überhaupt nach etwas roch.

In der Küche war es laut. Zwei Frauen stritten über einen Topf, jemand rief etwas quer durch den Raum, und irgendwo wurde gelacht.

Angeordnet hatte das niemand.

An einem Tisch in der Ecke saß Roderich. Er saß da wie einer, der dort öfter sitzt, und es beachtete ihn niemand. Die Leute gingen an ihm vorbei, wie man an einem Stuhl vorbeigeht.

Eine Magd blieb bei ihm stehen. Es war Mette.

»Darf ich Euch wenigstens einen Tee bringen?«

Roderich nickte. Als Mette den Tee holte, tippte Mirabel ihr auf die Schulter und fragte, ob sie das übernehmen dürfe. Mette sah sie an und gab ihr den Becher.

Mirabel trug ihn hinüber und stellte ihn hin.

»Danke«, sagte Roderich. Er sah nicht auf.

»Bitte.«

Er hob den Kopf und sah sie einen Augenblick an, als hätte er sich verhört. Dann senkte er ihn wieder und trank.

Er schlürfte.

Mirabel stand noch immer da.

»Darf ich mich zu dir setzen?«

Sie musste den Satz zweimal ansetzen.

Roderich nickte.

Sie setzte sich ihm gegenüber und sah eine Weile auf den Tisch, und er trank weiter. Mette kam noch einmal, mit einem zweiten Becher und einer Kanne, und schenkte beiden ein. Dann ging sie wieder an ihre Arbeit.

Zwischen ihnen stand nichts. Kein halber Raum, keine Tür, keine vierzehn Stühle.

Irgendwann fing Mirabel an zu reden. Sie sagte, das Schloss sei sehr groß, und dann, der Garten sei bestimmt schön im Frühjahr. Es klang nicht so, wie sie es gemeint hatte.

Roderich zeigte nichts.

»Hast du auch von dem Honigkuchen bekommen?«

Roderich sah auf.

»Es hat mir nie jemand welchen gebracht.«

Mirabel hörte erst jetzt, was sie gefragt hatte.

»Die Ritter gehorchen dir nicht«, sagte sie. »Wegen des Schwurs.«

Roderich hielt inne und stellte den Becher hin.

Er sah sie an und nickte.

Dann sah er wieder auf den Becher, und Mirabel schenkte ihm nach.

Mirabel sah in die Küche hinein. Ein Junge trug einen Korb vorbei, zwei Frauen hoben einen Kessel vom Feuer, und niemand sah zu ihnen herüber.

»Sie haben ihn alle geleistet«, sagte sie. »Auch die hier.«

Er nickte wieder.

»Du warst nie überrascht.«

Darauf nickte er nicht.

Mirabel sah auf den Becher.

»Hast du den Schwur auch geleistet?«

Roderich sagte nichts. Er sagte so lange nichts, dass es eine Antwort war.

Mirabel merkte, dass sie rot wurde.

»Hättest du es«, sagte sie leise, »dann wäre die Ehe in dieser Nacht vollzogen worden.«

Roderich sah sie an und sagte auch dazu nichts.

Mirabel musste sofort etwas anderes sagen, und ihr fiel nur eines ein.

»Kannst du mich zeichnen?«

»Nein.«

Er sagte es sofort, sah nicht auf und trank weiter. Mirabel fragte nicht, warum nicht.

Hinter ihr stellte jemand einen Topf ab, und zwei Frauen lachten über etwas anderes.

Dann sagte er doch etwas.

»Unsere Mutter ist gestorben, da war Nella acht.«

Mirabel sah auf.

Er drehte den Becher, ohne ihn hochzunehmen.

»Ein paar Wochen später ist sie zu unserem Vater gegangen und hat gefragt, ob Kinder den Schwur auch leisten dürfen.«

»Warum?«

»Sie hat gesagt, damit wir zusammenbleiben.«

Mirabel wartete. Als er nichts mehr sagte, fragte sie nach.

»Und dann?«

»Sie durfte.«

Er trank.

»Und du?«

»Mich hat er abgelehnt.«

Mirabel sah ihn an und fragte nicht.

»Er hat mich nicht für würdig gehalten«, sagte Roderich. »Nehme ich an.«

Er sagte es zu dem Becher.

Mirabel war einen Augenblick erleichtert, und dann schämte sie sich dafür.

»Dann hat Nella ihn geleistet«, sagte sie.

Roderich sah auf den Becher.

Nella war acht gewesen.

Mirabel fing an auszurechnen, wie lange das her war. Sie hörte auf, bevor sie fertig war.

Dann stand sie auf, und der Stuhl fiel um.

In der Küche wurde es einen Augenblick still.

Sie ging zur Treppe, und auf den letzten Schritten lief sie.

Solange er lebt · Kapitel 15

Die Bürste

Nellas Gemach lag am anderen Ende des Gangs, und Mirabel war noch nie darin gewesen.

Sie klopfte nicht.

Nella stand vor dem Spiegel und bürstete sich das Haar. Sie hatte es über eine Schulter nach vorn gezogen und arbeitete an einer Stelle weiter unten, immer wieder an derselben.

»Du hast den Schwur geleistet«, sagte Mirabel.

Nella bürstete weiter.

»Als du acht warst.«

Nella sah nicht her. Sie zog die Bürste durch, blieb hängen und setzte noch einmal an.

Mirabel sah sich um. Es brannten zwei Kerzen, das Bett war schon aufgeschlagen, und auf dem Tisch lagen die Kämme nebeneinander.

Es war niemand sonst im Zimmer.

Mirabel wartete darauf, dass jemand hereinkam.

Es kam niemand.

Am Morgen hatte Mette ihr das Haar gemacht.

Hier machte es niemand.

Mirabel ging zu ihr hinüber. Nella hörte nicht auf, bis Mirabel die Hand um die Bürste legte, und dann ließ sie los.

Mirabel nahm das Haar in die andere Hand, wie Mette es bei ihr machte, und fing unterhalb des Knotens an und arbeitete sich hinauf. Sie zog nicht.

Man hörte die Bürste durch das Haar gehen.

Es dauerte.

Im Spiegel stand das Zimmer noch einmal, und darin standen sie beide.

Dann ging der Knoten auf.

Im Spiegel trafen sich ihre Blicke.

»Meine Mutter hatte auch lange Haare«, sagte Mirabel.

»Meine auch.«

Mehr sagte sie nicht dazu.

Mirabel bürstete weiter, obwohl der Knoten auf war.

Nella ließ sie.

Solange er lebt · Kapitel 16

Der Landvogt

Der Besuch war vor Monaten vereinbart worden, und niemand hatte ihn abgesagt. Also wurde der Empfang hergerichtet, und es sagte niemand, dass man es tun solle. Am Morgen lagen die Fahnen bereit, mittags waren die Fackeln neu, und am Nachmittag standen die Leute in Reihen.

Nella kam selbst und brachte fünf Kleider mit und bestand darauf, dass Mirabel alle anzog. Beim vierten sagte sie nichts mehr, und dabei blieb es.

Nella trug das rote.

Roderich saß auf dem Thron und trug wieder die Königskleider. Mirabel stand an seiner rechten Seite und Nella an seiner linken, und sie standen dort, weil es so vorgesehen war.

Ein Herold rief den Namen: Rutger, der Landvogt.

Er kam mit zwölf Mann herein. Er war groß und laut und blieb mitten im Saal stehen, und man sah ihm an, dass er nicht gekommen war, um zu warten.

Dann sah er, wer auf dem Thron saß.

Er sah von Roderich zu Nella und wieder zurück, und dann sah er sich im Saal um, als müsste noch jemand da sein. Es dauerte, bis er etwas sagte.

»Wo ist der König? Hält er sich versteckt?«

Zwei von seinen Männern lachten.

Roderich sagte nichts.

»Man setzt mir den Sohn hin. Nach vier Tagen Ritt.« Der Landvogt sah ihn an. »Ich bin nicht wegen Euch geritten.«

Roderich ließ es über sich ergehen. Er saß da und sah geradeaus, und in seinem Gesicht bewegte sich nichts. Mirabel hätte etwas sagen können, aber sie wusste nicht, was.

Dann sah der Landvogt sie an.

»Wer ist das?«

»Die Tochter König Emmerichs«, sagte Nella. Sie sagte es ganz höflich.

Der Landvogt sah sie an, von den Schuhen aufwärts.

»Soll das ein Scherz sein? Was macht die Tochter von dem hier? Der bringt ja nicht einmal seine Straßen in Ordnung.«

»Sie ist die Prinzessin von Karnholt.«

Roderich sagte es nicht laut, und er drohte auch nicht. Er berichtigte ihn.

Der Landvogt kam einen Schritt näher.

»Unterbrich mich nicht, wenn ich rede, Junge.«

Einer von seinen Männern legte dazu die Hand an den Griff.

Dann zogen die schwarzen Ritter.

Es klang wie ein einziges Schwert, und es hatte niemand etwas gerufen.

Mirabel wusste, dass es nicht für ihn war. In dieser Halle war eine Klinge angefasst worden, mehr nicht.

Der Landvogt wusste es nicht. Keiner der zwölf rührte sich, und man hörte nur noch die Fackeln.

Dann stand Roderich auf.

Er ging die Stufen hinunter und auf den Landvogt zu, und er ging nicht schnell. Er blieb vor ihm stehen und sah ihn an.

Der Landvogt hielt es nicht lange aus. Dann ging er auf ein Knie.

Roderich ließ ihn knien.

Nella sah ihren Bruder an. Es war kurz, und es war nicht zu lesen.

»Verzeiht, mein König.«

»Nicht bei mir müsst Ihr Euch entschuldigen.«

Der Landvogt drehte sich auf dem Knie zu Mirabel.

»Verzeiht mir, Prinzessin —«

»Königin.«

Der Landvogt sah kurz zum Thron hinauf.

»Verzeiht mir, Königin.«

Mirabel stand da und wusste nicht, wohin mit den Händen. Sie musste etwas sagen, und ihr fiel nur eines ein.

»Wollt Ihr nicht zum Essen bleiben? Es ist ein Mahl gerichtet.«

Es war keines gerichtet. Sie sagte es trotzdem.

Der Landvogt stand auf und wurde verlegen.

»Dies wäre mir eine große Ehre.«

Am Abend war ein Mahl gerichtet, und es hatte niemand gefragt, woher. Roderich saß am Tischende, und Mirabel und Nella saßen an seinen Seiten.

Er redete mit Rutger über die Straße und über die Furt und über eine Brücke, die man ausbessern müsste, und er redete darüber, als könnte er darüber bestimmen.

Rutger hörte zu und redete mit. Es hatte ihn in Karnholt noch nie jemand nach seinen Straßen gefragt.

Später hob er den Becher.

»Auf den König und die Königin.«

Nichts von dem, was der Mann glaubte, stimmte.

Mirabel ließ ihn dabei.

Solange er lebt · Kapitel 17

Der Markt

Mirabel ging jetzt jeden Tag in die Küche hinunter. Sie half beim Rüsten, weil sie es konnte, und nach dem dritten Mal fragte niemand mehr, ob sie das dürfe.

Mette redete beim Arbeiten. Sie erzählte von einem Essen, das es bei ihr zu Hause im Winter gegeben hatte, und beschrieb es so genau, dass Mirabel es riechen konnte.

»Machen wir es«, sagte Mirabel.

Mette lachte und hörte auf zu lachen, als sie merkte, dass es ernst gemeint war. Dann überlegte sie lange.

»Zwiebeln haben wir«, sagte sie. »Aber es fehlen die Äpfel. Und Honig. Und einen Krug Essig bräuchte ich auch.«

Am nächsten Morgen stand Roderich in der Tür ihres Gemachs. Er kam nicht herein.

»Im nächsten Dorf ist Markt«, sagte er. »Der Regent hat nach dem Rechten zu sehen.«

Er hatte niemanden geschickt. Er war selbst gekommen.

Sie ritten zu zweit hinaus. Das Tor ging auf, als sie noch ein Stück entfernt waren, und Mirabel merkte, dass sie seit dem Tag ihrer Ankunft nicht mehr draußen gewesen war.

Es war kalt, und die Straße war gut.

Im Dorf war es eng und laut. Zwischen den Ständen war Matsch, jemand feilschte über einen Sack, und ein Hund lief zwischen den Leuten durch. Niemand machte ihnen Platz.

Roderich stieg ab und ging voraus, und er sah sich nicht um, ob sie nachkam.

Am dritten Stand blieb er stehen. Dort lagen Äpfel.

Er sagte nichts dazu. Er stand daneben, bis Mirabel sie in die Hand nahm.

Dann ging er weiter, und beim übernächsten Stand blieb er wieder stehen, und dort gab es Honig.

Beim Essig kaufte er selbst. Er hatte Geld dabei.

Mirabel sah ihn an. Er sah auf den Krug.

Er hatte in der Küche an einem Tisch in der Ecke gesessen, und niemand hatte ihn beachtet, und er hatte zugehört.

Sie hätte sich bedanken können.

Dann hätte er etwas sagen müssen.

Also sagte sie nichts.

Auf dem Rückweg redete keiner von beiden. Einmal blieb Roderich stehen und sah eine Weile über die Felder, und Mirabel wartete, bis er weiterritt.

In der Tasche am Sattel waren Äpfel und Honig und ein Krug Essig.

Solange er lebt · Kapitel 18

Die Tafel

Sie kochten am nächsten Tag. Mette sagte, was zu tun war, und Mirabel tat es, und keine von beiden fand etwas dabei.

Es dauerte den halben Nachmittag. Gegen Abend roch es bis in den Gang hinaus.

Mirabel fragte Nella, ob sie kommen wolle. Nella sagte ja.

Roderich saß in der Küche an seinem Tisch in der Ecke. Sie fragte ihn dort, und er trank weiter und sagte nichts dazu.

Aufgetragen wurde im königlichen Speisesaal, an der großen Tafel, und Mirabel ließ vier Gedecke auflegen. Sie stellte Zweige dazwischen, weil es im Winter nichts anderes gab.

Nella kam pünktlich und setzte sich.

Sie warteten auf Roderich.

Nach einer Weile sagte Mirabel: »Wir fangen an.«

Zwei Gedecke blieben leer. Neben einem davon stand Mette, die den ganzen Abend dort gestanden hatte.

»Setz dich zu uns«, sagte Mirabel.

Mette rührte sich nicht.

»Das kann ich nicht.«

»Du darfst. Wir haben es zu deinen Ehren gemacht.«

Mette sah auf den Boden. Ihre Hände hingen an ihr herunter, als gehörten sie nicht dazu.

»Bitte«, sagte Mirabel.

Es geschah nichts.

Es war das erste Mal, dass es nichts nützte.

Mirabel sah zu Nella.

Nella sah auf ihren Teller.

Mette fing an zu zittern, und dann liefen ihr Tränen, und sie stand weiter da.

»Du kannst nicht«, sagte Mirabel.

Mette nickte.

Mirabel hatte gewusst, dass die Leute hier geschworen hatten, und sie hatte gedacht, das heiße, dass sie gehorchen. Es hieß, dass sie nicht anders können.

Und sie hatte nicht gewusst, dass es wehtut.

Dann kam Roderich herein.

Er sah sich das an, und es dauerte nicht lange.

Er ging um die Tafel herum und packte sie an der Kante.

»Dieses hässliche Teil ist nur im Weg«, sagte er.

Nella stand auf und fasste am anderen Ende an. Keiner von beiden sagte, warum.

Sie schoben die Tafel bis an die Wand. Das Geschirr trugen sie hinterher, und einiges ging dabei zu Boden. Mirabel half mit. Mette blieb stehen.

Dann ging Roderich hinaus und kam mit einem kleinen Tisch zurück, wie er in den Kammern steht, und stellte ihn mitten in den Saal.

Sie deckten neu, vier Gedecke, eng.

Mette setzte sich.

Es sagte niemand etwas dazu.

Sie aßen zu viert, und man musste aufpassen, dass man einander nicht an die Ellbogen kam.

An der Wand stand die Tafel und war im Weg.

Solange er lebt · Kapitel 19

Neunzehn

Der Mann kam vor dem Hellwerden an. Sein Pferd war hinüber, und er konnte kaum stehen, und er verlangte den König.

Man sagte ihm, der König sei im Norden.

Er kam aus Ilmau. Ein Heer war über den Fluss gekommen, drei Dörfer brannten, und sie hatten die Furt genommen.

Sie zogen nicht weiter. Es war kein Raubzug.

König Emmerich rief den Vertrag an.

»Achthundert Reiter, wenn Ilmau angegriffen wird«, sagte der Mann. »So steht es darin.«

Mirabel fragte nach ihrem Vater. Der Mann wusste es nicht.

Roderich sagte nichts dazu. Er stand da und hörte zu, bis der Mann fertig war, und dann ging er hinaus.

Er hätte niemanden rufen lassen können. Also ging er dorthin, wo sie ohnehin waren.

In der Halle der Ritter wurde um diese Zeit gegessen. Es saßen über hundert Männer darin, und es war laut, und als er hereinkam, wurde es nicht leiser.

Mirabel stand hinten bei der Tür. Nella kam nach und stellte sich neben sie.

Roderich blieb vorn stehen und wartete, bis genug von ihnen aufsahen.

»Als ich die Prinzessin zur Frau genommen habe«, sagte er, »ist der Vertrag in Kraft getreten.«

Er hielt an, weil ihm die Stimme wegblieb, und fing noch einmal an.

»Achthundert Reiter, wenn Ilmau angegriffen wird. Aufgehoben hat ihn niemand.«

Dann sagte er eine Weile nichts, und man hörte, dass hinten weitergegessen wurde.

»Ilmau wird angegriffen.«

Mehr sagte er nicht. Es war kein Befehl darin, und er hob auch die Stimme nicht.

Es rührte sich niemand.

Es dauerte lange.

Dann stand hinten ein Mann auf.

Er sagte nichts und zog nichts und blieb einfach stehen. Sein Kettenhemd war an den Schultern blank gescheuert.

Es war Hartwig.

Es dauerte wieder, und dann stand noch einer auf, und dann standen mehrere zugleich auf.

Sie sahen dabei nicht Roderich an, sondern Hartwig.

Mirabel zählte sie.

Es waren neunzehn.

Achthundert Reiter, hatte ihr Vater gesagt, als er wegritt.

Die anderen aßen weiter. Sie verweigerten nichts. Es hatte ihnen nur niemand etwas gesagt.

Sie ritten am Mittag. Jeder von den neunzehn hatte Leute, und Mirabel stand im Hof und zählte sie, während sie aufsaßen.

Es waren hundertvierzig.

Dann sah sie Roderich.

Er stand vorn bei einem Pferd und hatte den Fuß schon im Bügel. Er trug eine Rüstung, die ihm nicht passte. Sie hatten ihm eine von seinem Vater gegeben.

Er sah nicht her.

Mirabel lief los.

Sie kam nicht durch, weil überall Pferde standen, und als sie durch war, ritt er schon.

»Roderich!«

Sie hatte ihn noch nie beim Namen gerufen.

Er hielt an. Dann drehte er das Pferd und kam zurück, und dann stieg er ab.

Er sagte nichts. Er stand vor ihr und wartete.

Mirabel legte die Hand auf den Panzer. Er war kalt, und er gehörte seinem Vater.

Roderich hielt still.

Bei der Hochzeit hatte ein Mann ihre Hand genommen und in seine gelegt. Diesmal hatte es einer von beiden getan.

Dann ging er zu seinem Pferd zurück und stieg auf.

Das Tor ging auf, als sie noch ein Stück entfernt waren.

Mirabel blieb im Hof stehen, bis der Staub weg war.

Achthundert hatte der Vertrag verlangt. Mirabel rechnete es aus, und es war nicht einmal jeder fünfte.

Am Nachmittag ritt ein Reiter zum Tor hinaus und nahm die Straße nach Norden, dorthin, wo Gerwald war.

Mirabel sah ihm nach. Sonst niemand.

Solange er lebt · Kapitel 20

Die Pferde

Mirabel kniete im Hof, und sie wusste nicht, wie lange schon.

Der Boden war nass. Es war ihr gleich.

Dann lag eine Hand auf ihrer Schulter.

Es war Nella.

»Komm«, sagte sie.

Sie gingen nicht ins Haus, sondern über den Hof zum Stall der Ritter. Drinnen war es warm, und es roch nach Pferd und nach Leder.

Nella ging die Boxen entlang und sah hinein und ging weiter. Beim vierten Pferd blieb sie stehen und beim siebten noch einmal.

Ein Knecht kam dazu und sattelte beide, weil Nella ihn darum bat.

Draußen standen Ritter und sahen zu. Es waren die, die sitzen geblieben waren.

Keiner sagte etwas, und keiner ging weg.

Mirabel wartete darauf, dass einer sie aufhielt.

Es hielt sie niemand auf.

Sie ritten hinaus.

Nach einer Weile merkte Mirabel, dass die Sonne auf der falschen Seite stand.

»Wir reiten nach Warnau«, sagte Nella.

»Zum Landvogt?«

»Er hat hier niemandem geschworen«, sagte Nella. »Er kann ja sagen.«

Es war das erste Mal, dass Nella ihr etwas erklärte.

»Kannst du vier Tage reiten?«

»Ja«, sagte Mirabel.

Sie war noch nie vier Tage geritten.

Solange er lebt · Kapitel 21

Warnau

Nach Warnau waren es vier Tage, und am dritten wurde die Straße besser.

Sie kannte das von der Kutsche her.

Warnau lag in Hügeln. Sie kamen am Nachmittag des vierten Tages an, und Mirabel hatte seit dem ersten dieselben Kleider an, und ihre Hände waren wund vom Zügel.

Der Hof war voller Leute, und es stand keiner in einer Reihe.

Rutger kam heraus und erkannte sie nicht gleich.

Dann erkannte er sie.

»Königin.« Er sah an ihr herunter, bis auf die Schuhe. »Wer schickt Euch?«

In Karnholt war sie immer noch die verehrte Prinzessin.

»Niemand«, sagte Mirabel.

Rutger sah zu Nella, und Nella sagte nichts.

Dann sah er die beiden noch einmal an, und diesmal sah er richtig hin.

»Wasser«, sagte er in den Hof hinein. »Und macht die Kammern oben.«

Es fingen Leute an zu laufen.

Mirabel sah zu. Sie hatte lange niemanden mehr gesehen, der etwas sagte und bei dem etwas geschah.

»Kommt zuerst zu Kräften«, sagte Rutger. »Danach sagt Ihr mir alles.«

Ein Kind rannte gegen sein Bein. Er hob es hoch, behielt es auf dem Arm und redete weiter.

Drinnen war es laut. Es roch nach Rauch und nach Essen und nach Menschen.

Ein Mädchen nahm Nella bei der Hand und zog sie mit, und es fragte niemand, ob es das dürfe.

Mirabel trank zwei Becher hintereinander und merkte erst danach, wie durstig sie gewesen war.

Erzählt hatte sie es ihm am Abend, der Reihe nach und ohne etwas wegzulassen, und einmal musste sie aufhören und noch einmal anfangen.

Ilmau. Der Fluss. Die Furt. Der Vertrag.

»Neunzehn Ritter sind aufgestanden«, sagte sie. »Hundertvierzig mit ihren Leuten.«

Rutger sagte eine Weile nichts.

»Und Euer Schwiegervater?«

»Der ist im Norden.«

Mehr sagte sie dazu nicht, und es war genug.

Rutger stand auf und ging hinaus, und man hörte ihn im Hof rufen.

Beim Empfang hatte er gesagt, er sei nicht wegen Roderich geritten.

Als er zurückkam, setzte er sich nicht mehr hin.

»Dreihundert«, sagte er. »Mehr habe ich nicht beisammen.«

Er schuldete ihr nichts.

Mirabel wollte danke sagen und brachte es nicht heraus.

Rutger wurde unscharf.

Sie griff nach der Tischkante, weil ihre Beine nachgaben.

Ein Soldat war hereingekommen, um Rutger etwas zu melden. Er schob ihr einen Schemel hin und hielt sie am Ellbogen, bis sie saß. Dann meldete er.

Es hatte ihn niemand darum gebeten.

Rutger sah weg und sagte etwas über die Pferde.

Es dauerte drei Tage, bis alles beisammen war.

Am vierten Morgen ritten sie los, und Rutger ritt vorn.

Solange er lebt · Kapitel 22

Die kleinen Tische

Mirabel und Nella kamen nach Karnholt zurück, zwölf Tage nachdem Roderich ausgeritten war.

Der Landvogt ritt weiter.

Dreihundert Reiter zogen an der Mauer vorbei nach Osten, und es dauerte lange, bis sie durch waren.

Im Tor standen Ritter und sahen zu.

Es ging keiner mit.

Am selben Abend kam ein Reiter aus dem Osten. Roderichs Leute standen vor der Furt und kamen nicht weiter.

Danach war es still im Schloss.

Es fehlten nicht viele. In der Kaserne blieben mehr Betten belegt als leer, und in der Halle wurde zu den gleichen Zeiten gegessen wie vorher.

Trotzdem war es still.

Mirabel zählte die Tage. Am Anfang, weil sie ausrechnen wollte, wann eine Nachricht kommen konnte. Dann zählte sie einfach.

Wenn er nicht zurückkam, war sie Witwe.

Sie versuchte, das Wort zu denken. Es passte nicht auf ihn und nicht auf sie.

Mirabel ging in die Küche, weil sie dort etwas tun konnte.

Der kleine Tisch war stehen geblieben, weil ihn niemand weggetragen hatte. Nach einer Woche stand ein zweiter daneben, und Mirabel wusste nicht, wer ihn geholt hatte.

Sie kochte mit Mette, und weil zu wenige da waren, um sich zu bedienen, aßen sie, wo sie standen.

Nella kam abends herunter. Sie saß dabei und redete über die Beete, und einmal schnitt sie Zwiebeln, und es sah nicht gut aus.

Nach zwanzig Tagen kam ein zweiter Reiter. Der Landvogt war am Fluss angekommen.

Mirabel rechnete nach. Es stimmte auf den Tag.

Mirabel fragte nicht nach Roderich. Sie hörte nur zu, ob sein Name vorkam.

König Emmerich lebte. Der Mann sagte es zwischen zwei anderen Sätzen, und Mirabel musste ihn bitten, es noch einmal zu sagen.

Danach ging sie in den Garten und blieb eine Weile allein.

Der Reif blieb morgens noch liegen, aber nicht mehr bis Mittag.

Im Gang sang jemand. Mirabel blieb stehen und hörte zu, bis es aufhörte.

In diesem Haus hatte sie noch nie jemanden singen hören.

Nella sagte nichts dazu. Sie sah nur zu der Stelle hin, wo es hergekommen war, und dann wieder weg.

Nach sechs Wochen kamen sie zurück.

Mirabel stand im Hof und zählte sie, während sie hereinritten. Sie verzählte sich zweimal und fing wieder von vorn an.

Es waren hundertdreißig.

Sie sagte nichts dazu, und es fragte auch niemand.

Roderich stieg ab. Er war schmutzig und dünner geworden, und um ihn herum wurde es laut, weil die Leute ihre Männer suchten.

Dann sah er zu ihr her.

Er sah nicht weg, und Mirabel lief auch nicht.

Am Abend fragte sie Hartwig, wie es ausgegangen sei.

»Sie sind über den Fluss zurück«, sagte er. »Vor zwei Wochen.«

»Und dann?«

»Dann haben wir dagestanden, bis sie nicht wiederkamen.«

Der Landvogt sei von der Furt aus heimgeritten. Die drei Dörfer seien noch abgebrannt, und zurückgeholt worden sei nichts.

Mehr fragte Mirabel nicht.

Hartwig wandte sich ab und ging ein paar Schritte.

»Hartwig.«

Er drehte sich um.

»Ich bin froh, dass Euch nichts geschehen ist.«

Hartwig stand eine Weile da.

»Verehrte Prinzessin«, sagte er und ging.

Zwei Tage später kam Gerwald.

Solange er lebt · Kapitel 23

Die Reihen

Gerwald kam am Vormittag, und im Hof standen die Leute in Reihen.

Angeordnet hatte es niemand.

Mirabel sah zu, wie es ging. Es dauerte nicht lange. Vorn die Ritter, dahinter die Bediensteten, und zwischen den Reihen war überall gleich viel Platz.

Er stieg ab und gab die Handschuhe jemandem, der schon dastand.

»Mein Sohn«, sagte er.

Roderich neigte den Kopf.

Mehr sagten die beiden nicht zueinander.

Mirabel wartete darauf, dass er nach Ilmau fragte.

Er fragte nicht.

Der Bote war an dem Tag losgeritten, an dem die Männer ausgezogen waren. Gerwald musste es seit Wochen wissen.

Schneller zurückgekommen war er deswegen nicht.

Am Nachmittag kam er in die Küche.

Er ging nicht hinein. Er blieb in der Tür stehen.

Es wurde still darin.

Die beiden kleinen Tische standen, wo sie immer standen.

Gerwald sah sie an und sagte nichts dazu. Dann ging er weiter.

Am nächsten Morgen waren sie weg.

Im Speisesaal stand die große Tafel wieder an ihrem Platz, und es war für vier gedeckt: für Gerwald, für Nella, für Roderich und für sie.

Es sagte niemand, wer das gemacht hatte.

Im Gang sang niemand mehr.

Mette stand beim Essen an der Wand, dort, wo sie vorher gestanden hatte.

Mirabel sagte ihren Namen. Mette machte einen Knicks.

Es roch wieder nach nichts.

Am dritten Tag standen am Morgen wieder alle im Hof, und niemand wusste, warum.

Gerwald kam heraus und zeigte auf einen der Ritter.

Zwei Männer nahmen ihn in die Mitte und führten ihn weg.

Es war Hartwig.

Mirabel machte zwei Schritte, bevor sie merkte, dass sie es tat.

»Hartwig!«

Diesmal drehte er sich nicht um.

Er wehrte sich nicht, und er sah niemanden an.

Es sagte keiner, warum.

Mirabel wusste es. Sie hatte im Saal gesehen, wer zuerst aufgestanden war.

Die Reihen lösten sich erst auf, als er durch das Tor war.

Am Nachmittag ließ Gerwald Mirabel und Roderich rufen.

Solange er lebt · Kapitel 24

Der Rundgang

Gerwalds Zimmer lag im ersten Stock, und Mirabel war noch nie darin gewesen. Roderich war schon da.

Es war kleiner als ihres. Auf dem Tisch lagen Listen und ein Tintenfass, und obenauf lag ein kleineres Blatt, das einmal gefaltet gewesen war.

Gerwald sah keine der Listen an. Er hatte alles gelesen, bevor er hergekommen war, und er stellte eine einzige Frage, und er stellte sie seinem Sohn.

»Hundertvierzig meiner Männer sind aus dem Land geritten. Wie hast du das gemacht?«

Roderich sagte lange nichts.

»Ich habe nichts gemacht.«

Es stimmte. Er hatte niemandem etwas befohlen, weil er es nicht kann.

Gerwald sah ihn an, und es dauerte. Dann nahm er das kleine Blatt und stand auf und hielt es so, dass man es sah.

Mirabel wusste, was darauf stehen musste. Es war Hartwigs Bericht über die Nacht, in der nichts geschehen war, und es fragte auch jetzt keiner danach.

Sie dachte, jetzt fange er an zu schreien. Er fing nicht an zu schreien.

Er ging hinaus, und die beiden gingen mit.

Im Ostflügel fing er an.

Gerwald ging in jedes Zimmer, und in jedem sah er sich um, und in den meisten sagte er etwas. Ein Laden, der nicht richtig schloss. Eine Truhe, die zwei Handbreit zu weit von der Wand stand. Ein Bett, auf dem eine Decke falsch herum lag.

Er hob nichts selbst hoch. Er sagte es, und hinter ihnen ging jemand hin und machte es.

Im Osten waren drei Dörfer abgebrannt, und Gerwald ließ eine Truhe verrücken.

Mirabel ging mit. Es sagte niemand, dass sie das dürfe, und es sagte auch niemand etwas dagegen.

Roderich ging einen halben Schritt hinter seinem Vater und sagte nichts.

Einmal gab Gerwald ihm einen Leuchter zu halten.

Roderich hielt ihn.

Mirabel hatte sich zwei Sätze zurechtgelegt, und den ersten brachte sie zwischen zwei Zimmern an.

»Lasst Hartwig frei. Er hat nichts getan.«

»Ich weiß«, sagte Gerwald, ohne stehen zu bleiben.

Mirabel merkte, dass ihre Hände zitterten, und legte sie ineinander.

»Es sind zehn nicht zurückgekommen«, sagte sie. »Bei achthundert wären es weniger gewesen.«

»Ja«, sagte Gerwald, und auch dabei blieb er nicht stehen.

Nella stand einmal in einer Tür, und sie gingen an ihr vorbei.

Es dauerte den ganzen Nachmittag. Das Haus war groß, und er ließ kein Zimmer aus.

Den zweiten Satz brachte Mirabel erst im zweiten Stock an.

»Könnt Ihr sie alle vom Schwur entbinden?«

Gerwald blieb stehen. Es war das einzige Mal an diesem Tag, dass er stehen blieb, ohne dass ein Zimmer daran schuld war.

»Warum?«

Darauf hatte sie keinen Satz.

»Die Straßen sind in Ordnung«, sagte er. »Die Speicher sind voll. Es hungert hier niemand, und es überfällt uns keiner. Wisst Ihr, wie es in Ilmau ist?«

Sie wusste es.

Ihr Vater hatte sie gegen Getreide eingetauscht, und im Winter darauf hatte bei ihnen keiner mehr gehungert.

»Solange ich lebe, rührt uns keiner an«, sagte Gerwald.

Denselben Satz hatte ihr Vater gesagt, als der Vertrag geschlossen wurde. Er hatte damit Gerwald gemeint.

Mirabel dachte an Warnau. Sie brachte keinen Satz daraus.

Dann ging er weiter.

Sie hatte um einen Mann gebeten und um alle. Bekommen hatte sie nichts.

Um die Stunde, in der überall die Lichter angezündet wurden, waren sie noch immer nicht fertig.

Vor der Tür im zweiten Stock stand wieder ein Tablett. Gerwald sah es an und ging weiter, und dazu sagte er nichts.

Es wurde dunkel, und sie machten weiter, und Mirabel hatte längst aufgehört zu zählen, wie viele Zimmer es waren.

Zuletzt gingen sie in ihr Gemach.

In all den Wochen war niemand auf den Gedanken gekommen, ihr das Haus zu zeigen.

Jetzt hatte es einer getan.

Sie hatte sich das früher vorgestellt.

Gerwald blieb stehen und sah sich um. Er zählte die Kerzen, und es waren neun, weil sie einmal um mehr Licht gebeten hatte.

»Vier reichen«, sagte er.

Jemand nahm fünf weg, und es wurde dunkler im Zimmer.

Das Bett war so breit, dass zwei Leute darin liegen konnten, ohne sich zu berühren.

Dann hob er das Blatt hoch, das er den ganzen Tag in der Hand gehabt hatte.

»Das hier ist auch nicht in Ordnung.«

Er sagte es in denselben Ton hinein wie den Laden und die Truhe.

Dann legte er es auf den Tisch und ging.

Es kam kein Befehl und kein Tag und keine Stunde.

Roderich stellte den Leuchter hin.

Solange er lebt · Kapitel 25

Das Gitter

In der Nacht gingen Mirabel und Roderich zum Verlies hinunter.

Sie gingen nebeneinander und redeten nicht.

Vor der Treppe standen zwei schwarze Ritter.

Beide hatten im Saal zu den neunzehn gehört, und beide waren zurückgekommen.

Der eine hob den Arm, als sie näher kamen, und der andere hob ihn auch.

Mirabel blieb stehen, und Roderich blieb neben ihr stehen.

Es dauerte. Es sagte keiner etwas, und die Arme blieben oben.

Der Gang war schmal, und vorbei kam man nicht.

Mirabel sah Roderich an, und Roderich sah auf die beiden Arme.

Dann drehte sie sich um, und er ging mit.

»Macht schnell.«

Es war der eine von beiden. Der andere stand nur da.

»Wir kommen nicht lange dagegen an.«

Sein Arm war dabei immer noch oben.

Mette hatte sich nicht einmal setzen können. Mirabel verstand den Unterschied nicht und fragte nicht danach.

Sie liefen die Treppe hinunter. Es roch nach nassem Stein.

Hartwig sah sie kommen, stand auf und trat ans Gitter.

Mirabel legte die Hände um seine.

»Es geht mir gut«, sagte Hartwig. »Nella war vorhin unten. Sie hat mir zu essen gebracht.«

Neben dem Gitter stand ein Napf, und er war halb leer.

Roderich sagte nichts.

Dann fragte er doch etwas.

»Warum bist du aufgestanden?«

Hartwig überlegte. Es dauerte lange, und er kam nicht darauf.

»Es hat mich keiner daran gehindert«, sagte er.

Oben rief einer etwas.

»Geht«, sagte Hartwig.

Mirabel ließ seine Hände los.

»Verehrte Prinzessin«, sagte er.

Auf der Treppe standen die beiden mit erhobenen Armen und ließen sie durch. Keiner von ihnen sah sie an.

Roderich sagte auf dem ganzen Weg nach oben nichts.

Solange er lebt · Kapitel 26

Kein Bedarf

Oben im Gemach brannten vier Kerzen, und auf dem Tisch lag noch das Blatt.

Roderich setzte sich auf den Bettrand und sagte eine Weile nichts.

»Ich möchte, dass du und Nella von hier fortgeht.«

Mirabel brachte nichts heraus.

»Pass gut auf meine Schwester auf.«

»Aber Nella ist doch gebunden.«

Roderich stand auf und ging hinaus. Er sagte nicht, wohin, und er sagte auch sonst nichts mehr.

Mirabel blieb stehen und hörte ihn den Gang hinuntergehen.

Dann rechnete sie es aus.

Nella war gebunden, und lösen konnte den Schwur nur einer.

Und Roderich war der Einzige im Haus, der noch nicht geschworen hatte.

Er wollte sich binden lassen, damit sein Vater seine Schwester freigab.

Etwas anderes hatte er nicht anzubieten.

Sie lief los.

Die Tür zu Gerwalds Zimmer stand einen Spalt offen. Mirabel stieß sie auf und hörte nur noch die Antwort.

»Nein. Kein Bedarf.«

Gerwald saß am Tisch und hatte die Feder in der Hand. Er hatte sie nicht hingelegt.

Mirabel hatte nicht gehört, was er angeboten hatte. Sie wusste es trotzdem.

Roderich stand mitten im Zimmer.

Dann schlug er das Tintenfass vom Tisch.

Es zerbrach nicht einmal. Es rollte, und die Tinte lief über die Listen und vom Tisch auf den Boden.

Gerwald sah es an.

»Das schreiben wir noch einmal«, sagte er.

Dann war es still.

Die Tinte tropfte vom Tisch auf den Boden, und Mirabel zählte mit.

Beim vierten Tropfen fing Roderich an.

Er riss die Listen herunter und zerriss sie, und was sonst auf dem Tisch lag, warf er hinterher, und den Stuhl an der Wand trat er um.

Es krachte und schepperte, und Roderich selbst gab keinen Laut von sich.

Gerwald blieb sitzen und sah zu.

Als nichts mehr dalag, hörte Roderich auf.

Das Zimmer war nicht mehr in Ordnung.

Mirabel war zwei Schritte zurückgegangen, ohne es zu merken.

Roderich sah es.

Er drehte sich weg und wollte hinaus.

Mirabel legte die Arme um ihn und hielt fest.

Er legte die Arme nicht um sie. Er machte sich aber auch nicht los.

Es dauerte.

Gerwald sah zu und sagte nichts dazu.

Es kam jemand mit einem Tuch herein.

Dann nahm Mirabel Roderichs Hand, und er ließ sie.

Sie gingen hinaus und sahen sich nicht um.

An seiner Hand war Tinte, und jetzt war sie auch an ihrer.

Solange er lebt · Kapitel 27

Das Bett

Am Abend gingen sie in Mirabels Gemach. Es brannten vier Kerzen, und im Kamin war das Feuer heruntergebrannt, weil den ganzen Tag niemand nachgelegt hatte.

Sie legten sich aufs Bett, ohne sich auszuziehen, und sahen an die Decke. Das Bett gab nach, als er sich hinlegte, und danach bewegte er sich nicht mehr.

Das Bett war so breit, dass zwei Leute darin liegen konnten, ohne sich zu berühren.

Sie berührten sich nicht.

Im Gang war es still. Es stand niemand vor der Tür.

Draußen tropfte es vom Dach, weil der Schnee wegging, und man hörte es bis herein.

Mirabel hörte ihn atmen. Es ging ruhig.

Es dauerte lange, bis einer etwas sagte.

»Lass uns verschwinden.«

Mirabel drehte den Kopf. Roderich sah weiter an die Decke.

»Können wir hier einfach weggehen?«

Er sagte eine Weile nichts.

»Hier hat niemand Bedarf an uns.«

Mirabel rechnete nach, was sie mitnehmen könnte. Es waren ein Mantel, ein Kleid und die Nadel, um die sie einmal gebeten hatte.

»Gut«, sagte sie.

Dann fiel ihr Nella ein.

»Können wir sie nicht mitnehmen?«

»Sie kann gehen, wann sie will«, sagte Roderich. »Und er kann sie zurückrufen, wann er will.«

Mirabel hatte nicht gewusst, dass ein Schwur nicht an einem Ort hängt.

Roderich sagte noch etwas.

»Er kann sie auch fragen, wo wir sind.«

Danach sagte keiner mehr etwas.

Sie lagen noch eine Weile so. Eine der vier Kerzen ging aus, und es stand keiner auf.

Irgendwann schlief sie ein.

Als sie aufwachte, war es hell, und er lag noch da.

Solange er lebt · Kapitel 28

Arnelle

Am Morgen sagte Mirabel, sie wolle sich von Nella verabschieden. Roderich sagte nichts dazu und ging mit.

Nella stand vor dem Spiegel, und auf dem Tisch lag die Bürste.

»Komm doch einfach mit«, sagte Mirabel. »Ich kann kochen. Es findet sich schon etwas.«

»Nein.«

Es war das erste Mal, dass Mirabel sie nein sagen hörte.

»Dann bleiben wir auch hier.«

Roderich widersprach nicht. Nella sah Mirabel an und dann ihren Bruder.

»Ich habe dich damals einsperren lassen«, sagte sie. »Und wenn du bleibst, tue ich es wieder.«

Sie sagte es, wie man eine Uhrzeit sagt.

Mirabel setzte an, etwas zu sagen. Nella sah sie an, und sie sagte es nicht.

Roderich stand schon in der Tür. »Wir haben es versucht«, sagte er.

Nella antwortete nicht, und dann gingen sie.

Im Hof stand niemand in Reihen. Das Tor ging auf, als sie noch ein Stück entfernt waren.

Mirabel sah sich nicht um.

Die Straße war aufgeweicht, weil der Frost heraus war, und sie kamen langsam voran.

Man sah das Schloss noch zwei Stunden lang. Es wurde in dieser Zeit nicht kleiner. Nur weiter weg.

Dann blieb Roderich stehen.

»Arnelle«, sagte er.

Mirabel hatte den Namen noch nie gehört.

»So heißt sie«, sagte Roderich.

Dann gingen sie weiter.

Solange er lebt · Kapitel 29

Die Wolken

Am Nachmittag verließ die Straße den Wald, und links lag eine Wiese, auf der der Schnee weg war.

Vorher hatte Mirabel unterwegs etwas gesagt, weil ihr nichts Besseres eingefallen war.

»Er wird nicht ewig leben.«

Roderich hatte nicht geantwortet.

Jetzt ging er von der Straße herunter, legte sich ins Gras und sah nach oben.

Mirabel blieb auf der Straße stehen und sah zu ihm hinunter.

Es lief ihm übers Gesicht, und er wischte es nicht weg.

Sie hatte das schon einmal gesehen, unten hinter dem Gitter, an den zwei Stellen, wo der Dreck weg war.

Er hatte ein Schloss gehabt und einen Namen und eine Schwester. Nichts davon hatte er noch.

Gekommen war das alles mit ihr.

Ihr fiel nichts ein, also legte sie sich neben ihn. Der Himmel war groß, und es zogen Wolken darüber, die alle in dieselbe Richtung gingen.

»Da ist ein Pferd«, sagte Roderich.

Mirabel suchte es und fand es.

»Machst du das öfter? Bilder in den Wolken suchen?«

Roderich überlegte.

»Seit heute Morgen.«

Dann zeigte er wieder hinauf.

»Das da ist eine Truhe. Sie steht zwei Handbreit zu weit von der Wand.«

Mirabel machte einen Laut, den sie nicht vorgehabt hatte.

»Und da hinten sind neun Kerzen«, sagte er. »Fünf zu viel.«

Er sagte es genauso, wie er alles sagte.

»Und das rechts ist ein Bericht. Den schreibe ich nicht noch einmal.«

Da fing Mirabel an zu lachen und bekam es nicht mehr weg. Sie lachte, bis ihr der Bauch weh tat, und dann lachte sie weiter, und irgendwann liefen ihr Tränen, und es war ihr gleich.

Roderich sah zu ihr hinüber.

»Dein Lachen ist wunderschön.«

Es dauerte, bis sie wieder ruhig atmete.

Dann sah sie eine andere Wolke.

»Das da sieht aus wie Gitterstäbe«, sagte sie.

Roderich sagte nichts dazu.

Mirabel machte den Mund auf und wieder zu.

»Damals, in der Nacht, hat Nella mich bis vor deine Tür gebracht. Und dann hat sie draußen gewartet, bis es vorbei war.«

Es war lange still.

»Sie stand einfach da, als du herauskamst. Es hat nie einen Befehl gegeben. Ich war dabei.«

Er sagte auch dazu nichts.

Dann nahm er ihre Hand.

Es war das erste Mal.

Als Mirabel wieder hinaufsah, war die Wolke nicht mehr da.

Solange er lebt · Kapitel 30

Die Tinte

Es gab genau einen Ort, an dem jemand Mirabel einen Schemel hingeschoben hatte, bevor sie danach greifen konnte.

Nach Warnau brauchten sie neun Tage, weil sie zu Fuß gingen.

Die Kinder sahen sie zuerst. Sie kamen den Hang heruntergerannt, und eines rief ihren Namen, und die anderen riefen ihn nach.

Es fragte keiner, warum sie kamen.

Rutger kam später heraus und sah an ihr herunter, bis auf die Schuhe.

»Königin«, sagte er.

Dann sah er Roderich an und sagte eine Weile nichts.

»Kannst du rechnen?«

»Ja«, sagte Roderich.

Von da an führte er die Abrechnung.

Sie bekamen eine Kammer über dem Stall. Das Bett darin war schmal.

Mirabel kochte mit. Gesagt hatte es ihr keiner.

Das Brot buk sie selbst. Es war schwer und schmeckte nach Kümmel.

Es dauerte ein halbes Jahr, bis sie alle Namen konnte. Es waren zweiundsechzig.

Im zweiten Sommer saß Roderich in der Wiese hinter dem Haus und zeichnete.

Er zeichnete die Kinder, und dann wollte jedes drauf, und dann mussten es alle sein, auch die, die schon drauf waren.

Eines von den Kleinen hatte irgendwo die Tinte geholt und malte ihm Sterne ins Gesicht und etwas, das ein Schmetterling sein sollte.

Er ließ es machen und zeichnete weiter.

Mirabel ging über die Wiese und redete mit jedem, an dem sie vorbeikam, und sie nannte alle beim Namen.

Hinten spielte einer auf etwas, und es war nicht gut, und es sagte ihm keiner, dass er aufhören soll.

Es war warm, und es roch nach dem Gras, das man am Morgen geschnitten hatte.

Irgendwann sah Mirabel auf.

Am Rand der Wiese stand eine Frau, und die Kinder liefen hin und umringten sie. Hinten hörte die Musik auf, weil der Musikant auch hinlief.

Es war Nella.

Solange er lebt · Kapitel 31

Das Blatt

Mirabel hatte den Topf in beiden Händen.

Sie stellte ihn nicht ab. Sie ließ ihn los.

Der Eintopf lief ihr über die Füße, und sie merkte es erst viel später.

Sie brauchte drei Anläufe für den Namen.

»Nella.«

Sie wollte loslaufen und tat es nicht, weil sie Roderich sah.

Er hatte aufgehört zu zeichnen. Das Kind auf seinem Knie setzte er ins Gras, und dann stand er auf.

Seine Hände zitterten.

Mirabel blieb, wo sie war.

Nella hatte Staub auf den Schuhen und war durchgeritten. Sie sah ihren Bruder lange an, und er hatte Sterne im Gesicht.

»Vater ist tot«, sagte sie. »Es war ein Reitunfall.«

Sie sagte es sofort, weil sie deswegen gekommen war.

»Vor elf Tagen.«

Roderich ging über die Wiese zu ihr hin und legte die Arme um sie.

Mirabel sah die beiden Gesichter nicht mehr.

Es dauerte lange.

Als er sie losließ, sah man beiden an, dass sie geweint hatten.

»Ich war ein Idiot«, sagte Roderich.

Nella sagte nichts dazu.

Dann winkte er Mirabel zu sich.

Sie standen eine Weile zu dritt so da. Die Kinder verstanden nicht, was los war, und liefen weiter herum.

»Bist du jetzt frei?«, fragte Mirabel.

»Nein«, sagte Nella. »Die Eide sind übergegangen. Auf den Nächsten im Blut.«

Sie sagte es zu Mirabel und sah dabei ihren Bruder an.

Roderich stand da und wartete darauf, dass er etwas merkte.

Er merkte nichts.

Jetzt gehörte ihm jeder in Karnholt.

Da verstand Mirabel, warum sein Vater ihn nie hatte schwören lassen.

Es musste einer übrig bleiben, dem die Eide zufallen konnten.

Roderich sah seine Schwester an und dann irgendwohin.

»Er hat mich nicht für würdig gehalten«, sagte er. »Habe ich angenommen.«

Es sagte niemand etwas dazu.

Dann legte er Nella die Hand auf die Schulter.

Er sagte etwas, das Mirabel nicht verstand.

Einen Augenblick lang geschah nichts.

Dann atmete Nella aus, so wie Mirabel damals ausgeatmet hatte, als das Mieder aufging.

Nella sah sich um. Dann sah sie ihre Hände an und bewegte die Finger, als wären sie neu.

Dann fing sie an zu lachen.

»Was hast du getan?«

»Jetzt bist du frei«, sagte Roderich.

Mirabel merkte, dass ihre Beine nachgaben.

Nella fing sie auf und hielt sie fest, und ihre Hände waren warm.

Sie ließ erst los, als Mirabel wieder allein stand.

»Und Hartwig?«, fragte sie.

»Der sitzt noch«, sagte Nella.

»Nicht mehr lange«, sagte Roderich.

Danach setzte Nella sich ins Gras.

Mirabel kniete sich zu ihr.

Nella wurde unscharf.

Dann kamen die Kinder und legten die Arme um Mirabel, weil sie dachten, sie sei traurig.

Nella sah sie an und lächelte.

Mirabel hatte dieses Lächeln zweimal gesehen. Einmal in einem Zimmer und einmal auf einem Blatt.

Dann holte Nella ein Blatt aus dem Mantel und gab es ihr.

Es war alt und geknickt und an einer Ecke stockig.

Darauf war Mirabel, im blauen Kleid.

Das blaue Kleid hatte sie an einem einzigen Abend getragen.

»Es lag in seinem Zimmer«, sagte Nella.

Mehr sagte sie nicht dazu, und Mirabel fragte nicht, wie lange sie es schon hatte.

Roderich stand ein paar Schritte weiter und sah her.

Mirabel hielt ihm das Blatt hin.

»Damals?«

»Ja.«

Das war die ganze Novelle. Sie kostet nichts und darf weitergegeben werden.

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Dieses Buch ist eine Zusammenarbeit: Die Vision, die Figuren und jede Wendung sind meine. Die Sprache, in der sie hier stehen, habe ich Seite für Seite gemeinsam mit einer KI geformt.

© 2026 Malte Wintner · CC BY-NC-ND 4.0 · Impressum & Datenschutz