Solange er lebt
Prolog
Die Straße wurde besser, kurz bevor sie die Grenze erreichten. Erst waren es weniger Löcher, dann hörte das Rütteln auf, und aus dem Poltern der Räder wurde ein einziger gleichmäßiger Ton. Mirabel legte die Hand auf die Bank neben sich, und das Holz zitterte nicht mehr.
Draußen lagen die Felder unter Frost, und die Furchen liefen gerade, so weit man sehen konnte. Sie hatte den Mantel bis ans Kinn gezogen, obwohl es in der Kutsche nicht kalt war.
An der Grenze warteten Reiter. Sie saßen still, und auch die Pferde standen still, und es war kalt genug, dass man sie atmen sah. Es rief niemand etwas herüber, es wurde auch nichts gefragt, und man hörte nur das Leder, wenn sich einer im Sattel bewegte.
Der Hauptmann ihres Vaters stieg ab, ging hinüber, kam zurück und stieg wieder auf, und dann wendeten die Männer aus Ilmau und nahmen den Weg zurück. Der Kutscher ging mit ihnen, und ein Mann aus Karnholt stieg auf den Bock.
Mirabel sah ihnen nach, bis die Kutsche anfuhr. Dann zählte sie die Reiter aus Karnholt, und es waren elf.
Zählen half.
Sie nahmen die Kutsche in die Mitte und ritten nicht schneller und nicht langsamer. Zweimal kamen sie an Männern vorbei, die an der Straße arbeiteten, und es stand niemand dabei, der ihnen sagte, was zu tun war. Sie sahen nicht auf. Einmal ging es durch ein Dorf, und der Rauch stand gerade über den Dächern, und auf der Gasse lag nichts herum.
Als der Vertrag geschlossen wurde, hatte ihr Vater gesagt: »Karnholt beschützt uns jetzt. Uns greift keiner mehr an, und sie schicken Getreide. Im nächsten Winter hungert bei uns keiner mehr.«
Er saß ihr gegenüber und hatte seit der Grenze nichts mehr gesagt.
Das Schloss lag nicht auf einem Berg, sondern in der Ebene, und man sah es zwei Stunden lang, bevor man es erreichte. Es wurde in dieser Zeit nicht schöner. Nur größer.
Der letzte Teil der Straße war gepflastert, und die Steine lagen so eng, dass kein Gras dazwischen stand. Als sie in den Schatten der Mauer kamen, wurde es kalt.
Das Tor ging auf, als sie noch ein Stück entfernt waren, und es hatte niemand ein Zeichen gegeben. Die Fanfaren setzten alle im selben Augenblick ein.
Im Hof standen die Leute in Reihen, und zwischen den Reihen war überall gleich viel Platz. An den Mauern hingen Fahnen, und zwei davon waren die ihres Vaters.
Ein Herold rief: »König und Prinzessin von Ilmau.« Es kam von den Mauern zurück.
Es rief sonst niemand etwas.
Mirabel zählte die Fenster über dem Tor. Bei vierzig hielt die Kutsche.
Vor der Treppe stand ein Mann, und hinter ihm standen die schwarzen Ritter. An ihm war nichts, woran man ihn erkannt hätte. Ihr Vater stieg aus und ging auf ihn zu, und Mirabel ging hinter ihrem Vater.
Der Bräutigam war nicht dabei.
»Ihr seid früh«, sagte Gerwald.
Es war alles bereit.
