Kapitel 013

Die verbotenen Bücher

013 Die verbotenen Bücher

Lange Stille.

Die Bibliothekarin lächelte.

Dann schloss sie ihr Buch.

„Kommt.“

Nia strahlte.

„Ihr zeigt sie uns?“

„Nein.“

Die kleine Fee blinzelte.

„Oh.“

Dann folgte sie der Bibliothekarin trotzdem.

Der Wanderer ebenfalls.

Zwischen den Regalen war es still.

Nur ihre Schritte waren zu hören.

Und manchmal:

Plopp.

Sie gingen an unzähligen Büchern vorbei.

Über ihnen schwebten kleine Lichter.

Sie wirkten beinahe wie Sterne.

Schliesslich blieb die Bibliothekarin stehen.

Vor ihnen stand eine grosse Holztür.

Sie war schlicht.

Ohne Verzierungen.

Ohne Namen.

Und dennoch wirkte sie schwer.

Sehr schwer.

Lange Zeit sagte niemand etwas.

Dann fragte Nia:

„Ist das der Raum mit den verbotenen Büchern?“

„Ja.“

Der Wanderer betrachtete die Tür, als sähe er sie zum ersten Mal richtig an.

„Ich hielt sie immer für die Besenkammer.“

Die kleine Fee machte grosse Augen.

„Dürfen wir hinein?“

Die Bibliothekarin lächelte.

„Nein.“

„Oh.“

Dann trat Nia näher.

Sie legte vorsichtig eine Hand auf die Tür.

„Sie ist traurig.“

Der Wanderer sah die Bibliothekarin an.

Die Bibliothekarin sah Nia an.

Lange Stille.

Dann fragte sie:

„Warum denkt Ihr das?“

Nia legte den Kopf schief.

„Weil sie niemand besucht.“

Die Bibliothekarin antwortete nicht.

Schliesslich nahm Nia die Hand wieder von der Tür.

„Sind die Bücher gefährlich?“

Die Bibliothekarin dachte nach.

Dann sagte sie:

„Manche.“

„Und die anderen?“

Lange Stille.

„Die anderen sind traurig.“

Die kleine Fee blinzelte.

„Bücher können traurig sein?“

Die Bibliothekarin lächelte.

„Manche schon.“

Dann fragte Nia:

„Warum verbietet Ihr sie dann?“

Die Bibliothekarin sah die grosse Tür an.

Sehr lange.

Dann sagte sie:

„Weil manche Geschichten den Menschen Dinge zeigen, die sie noch nicht sehen sollten.“

Nia dachte nach.

Dann nickte sie.

„Das verstehe ich nicht.“

Die Bibliothekarin lächelte.

„Das ist vermutlich ein gutes Zeichen.“

Nia betrachtete die Tür.

Dann fragte sie ganz leise:

„Sind die Bücher dort drin einsam?“

Die Bibliothekarin schloss für einen Augenblick die Augen.

Dann antwortete sie:

„Ja.“

Der Wanderer hatte genug gehört.

Er trat an die Tür.

Nia sah zu ihm auf.

„Was macht Ihr?“

Er antwortete nicht.

Die Bibliothekarin trat einen Schritt vor.

„Ich würde das lassen.“

Der Wanderer legte die Hand auf das Holz.

Für einen Moment wurde die Bibliothekarin bleich — als wüsste sie selbst nicht, ob die Tür ihm standhielt.

Dann drückte er.

Zuerst geschah nichts.

Dann begann seine Hand anzuschwellen.

Die Haut spannte.

Die Adern traten hervor.

Und in seinen Augen — für den Bruchteil eines Herzschlags — stand etwas, das Nia noch nie bei ihm gesehen hatte.

Schmerz.

Dann liess er die Tür los.

Er betrachtete seine Hand, als gehöre sie jemand anderem.

Dann zuckte er mit den Schultern.

„Langweilig.“

Lange Stille.

„Es hat mich ohnehin nie interessiert, was da drin ist.“

Die Bibliothekarin betrachtete ihn.

Ruhig.

Beinahe mitfühlend.

„Es gibt immer jemanden, der stärker ist.“

Lange Stille.

Zum ersten Mal fand der Wanderer keine Antwort.

Nia sah ihn an.

Dann die Tür.

Dann wieder ihn.

Sie sagte nichts von der Hand.

Nichts von dem Schmerz.

Stattdessen lächelte sie.

Ganz sanft.

„Dann besuche ich sie irgendwann.“

Die Bibliothekarin sah sie an.

„Wen?“

Nia betrachtete noch immer den Wanderer.

„Die einsamen Sachen.“