Die Bibliothekarin
011 Die Bibliothekarin
Lange Zeit sagte niemand etwas.
Dann schloss die Frau ihr Buch.
„Verzeiht.“
Sie verneigte sich leicht.
„Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt.“
Nia strahlte.
„Ich heisse Nia!“
Die Frau lächelte.
„Das weiss ich inzwischen.“
Dann sagte sie:
„Die meisten nennen mich einfach die Bibliothekarin.“
Nia blinzelte.
„Habt Ihr keinen richtigen Namen?“
Die Bibliothekarin dachte nach.
Dann lächelte sie.
„Doch.“
„Aber ich benutze ihn selten.“
Die kleine Fee machte grosse Augen.
Dann drehte sie sich zum Wanderer um.
„Ihr macht das auch!“
Der Wanderer sagte nichts.
Die Bibliothekarin betrachtete ihn einen Moment zu lang.
Dann sagte sie:
„Vielleicht haben wir beide unsere Gründe.“
Der Wanderer hielt ihrem Blick stand.
Sagte aber nichts.
Dann fragte Nia:
„Was ist eine Teilnehmerin?“
Die Bibliothekarin sah sie an.
Dann den Wanderer.
Dann wieder Nia.
„Der Tempel ruft manchmal Menschen und Wesen zu sich.“
„Er lädt sie ein, seine Türen zu durchschreiten.“
„Warum?“
Die Bibliothekarin lächelte.
„Das ist eine sehr gute Frage.“
Nia strahlte.
„Danke.“
Die Bibliothekarin musste erneut lachen.
Dann fuhr sie fort.
„Die meisten glauben, der Tempel prüfe sie.“
„Worauf?“
Lange Stille.
„Darüber streiten sich die Teilnehmer seit sehr langer Zeit.“
Der Wanderer betrachtete gelangweilt seine Hand.
„Sie streiten, weil sie hoffen, die Antwort mache sie wichtig.“
Lange Stille.
„Das tut sie nicht.“
Die Bibliothekarin liess sich nicht beirren.
Sie sah weiter zu den endlosen Regalen hinauf.
Sehr lange.
Dann sagte sie:
„Ich glaube, der Tempel möchte sehen, wer die Menschen werden.“
Nia blinzelte.
„Das verstehe ich nicht.“
Die Bibliothekarin lächelte.
„Ich auch nicht.“
Die kleine Fee lächelte ebenfalls.
Diese Antwort gefiel ihr.
Dann fragte sie:
„Und ich?“
Die Bibliothekarin sah sie an.
Sehr lange.
Schliesslich sagte sie:
„Ich weiss nicht, was Ihr seid.“
Lange Stille.
Dann lächelte sie.
Ein warmes Lächeln.
„Und genau deshalb freue ich mich, dass Ihr hier seid.“
Nia strahlte.
Dann sah sie sich in der Bibliothek um.
Regale.
Leitern.
Unzählige Bücher.
Ihre Augen wurden immer grösser.
Schliesslich fragte sie:
„Darf ich alles lesen?“
Die Bibliothekarin lächelte.
Ganz langsam.
„Fast alles.“
Der Wanderer sagte nichts.
Doch sein Blick war längst zu einer Tür am Ende des Raums gewandert.
Einer Tür, über der kein Licht schwebte.