Was keiner sieht

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Was keiner sieht · Prolog

Prolog

Es gibt einen Wald, den niemand freiwillig betritt.

Nicht, weil er dunkel wäre. Er ist voller Licht.

Sondern weil man aus ihm zurückkommt und weiss, wer man ist. Oder wer man nicht ist.

Jedes Jahr schickt das Reich seine Kinder hinein. Nicht die Ängstlichen, nicht die Sanften — die Anwärter. Die, von denen man hofft, dass ein Wesen des Lichts sie wählt.

Denn im Wald leben die leuchtenden Wesen. Und wen eines von ihnen erwählt, der wird ein Beschützer des Reiches.

So war es immer.

Manche werden gewählt.

Manche nicht.

Und in manchen Jahren geht die Sonne über dem Wald auf und wieder unter, die Glocke läutet, die Kinder treten heraus — und keines von ihnen leuchtet.

Dann schweigt das Reich eine Weile. Und schickt im nächsten Jahr neue Kinder.

Niemand fragt, was der Wald eigentlich sucht.

Niemand fragt, woher die Wesen kommen.

Man fragt nur das eine: Wirst du gewählt?

In diesem Jahr trat ein Junge in den Wald, der die Antwort schon zu kennen glaubte.

Was keiner sieht · Kapitel 1

Die Auswahl

Daan hatte einen Plan für diesen Tag, und der Plan hiess: nichts erwarten.

Man kann nicht enttäuscht werden, wenn man nichts erwartet. Das war die einzige Zauberei, die Daan wirklich beherrschte — und er war ziemlich gut darin.

Der Wald empfing die Anwärter wie jedes Jahr. Mit Licht.

Es hing zwischen den Bäumen wie Staub aus Gold. Es sammelte sich in den Lichtungen. Es zog an einem vorbei, wenn man still genug stand, und manchmal, wenn jemand ganz viel Glück hatte, blieb etwas stehen und sah ihn an.

Bei Daan war noch nie etwas stehen geblieben.

Er sah, wie es bei den anderen geschah. Man erkannte es immer zuerst am Gesicht.

Und er sah noch etwas, das keiner sonst ansah, weil alle nur auf das Licht schauten. Am Rand der Lichtung sass ein kleines Mädchen, viel zu jung für den Kreis, das niemandem gehörte und das niemand beachtete, und in ihren hohlen Händen lag ein Rest von dem goldenen Staub, ganz schwach.

Sie hätte die Finger schliessen können.

Stattdessen öffnete sie die Hände und liess ihn ziehen, und sah ihm nach, bis nichts mehr da war, und lächelte.

Daan verstand nicht, warum jemand so etwas tat.

Bei Liv geschah es an einem Bach.

Sie stand am Wasser, und aus dem Wald trat ein Pferd, dessen Licht so blau war, dass der ganze Bach zu brennen schien. Es kam auf sie zu, langsam, als hätte es sie lange gesucht. Es senkte den Kopf. Und Liv, die sich zweimal umsah, ob wirklich sie gemeint war, legte die Stirn an seinen Hals und weinte, so wie man weint, wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein.

Daan freute sich für sie. Wirklich.

„Na also“, sagte er zu niemandem. „Wenn schon jemand, dann sie.“

Denn so war die Welt eingerichtet, fand Daan. Die Schönen bekamen das Licht. Die Starken bekamen das Licht. Und die, die den Lehrern freche Antworten gaben und die anderen zum Lachen brachten, damit keiner merkte, wie still es in ihnen drinnen war — die bekamen einen guten Platz zum Zuschauen.

Er war ein hervorragender Zuschauer.

Bald würde die Glocke läuten. Dann würde man zusammentreten, die Gewählten würden mit ihren leuchtenden Wesen in den Kreis treten, und Daan würde danebenstehen, so wie er immer danebenstand.

Er hätte einfach warten können.

Stattdessen — und er hätte nicht sagen können, warum, ausser dass ein Tag, an dem man ohnehin nichts zu verlieren hat, der beste Tag für eine Dummheit ist — drehte er sich um und ging tiefer in den Wald hinein.

Dorthin, wo das Licht dünner wurde.

Um sich selbst etwas zu suchen, das leuchtete.

Was keiner sieht · Kapitel 2

Das Glühwürmchen

Je tiefer Daan ging, desto weniger Wald war der Wald.

Das Licht, das zwischen den Bäumen gehangen hatte wie Goldstaub, wurde dünner. Dann grau. Dann war da nur noch das gewöhnliche Zwielicht eines gewöhnlichen Waldes — und Daan merkte, dass er zum ersten Mal an diesem Tag allein war.

Es gefiel ihm besser, als er zugeben wollte.

Hier musste er niemandem zusehen, wie er gewählt wurde. Hier gab es niemanden, für den er sich freuen und zugleich etwas Leises in der Brust tragen musste. Hier gab es nur Bäume. Und Bäume erwarteten nichts von einem.

„Also gut“, sagte er zum Wald. „Wo versteckt ihr die kleinen Lichter?“

Der Plan war albern. Daan wusste, dass der Plan albern war. Das war der beste Teil daran.

Wenn er schon nicht gewählt wurde — und er würde nicht gewählt werden, das stand so fest wie der Sonnenaufgang —, dann wollte er wenigstens der Junge sein, der mit todernstem Gesicht in den Kreis trat, irgendetwas Leuchtendes in den Händen, und der Direktorin erklärte, auch er sei erwählt worden. Von einer Mücke vielleicht. Oder einem Pilz.

Er stellte sich Agathas Gesicht vor und musste grinsen.

Man lachte besser, bevor die anderen es taten. Das war eine weitere Zauberei, die Daan beherrschte. Wenn der Witz von einem selbst kam, tat er nicht weh.

Er fand es tief unten, wo der Boden feucht war, auf der Unterseite eines Blattes.

Ein Glühwürmchen. Winzig. Es leuchtete kaum — ein müdes grünes Pünktchen, das aussah, als schäme es sich ein wenig dafür, überhaupt zu leuchten.

„Perfekt“, flüsterte Daan. „Du und ich. Wir sind uns ähnlich.“

Er hielt ihm die Hand hin, und das Glühwürmchen kroch hinauf, ahnungslos, dass es soeben eine Rolle in der grössten Frechheit des Jahres übernommen hatte.

Und in diesem Augenblick — Daan bemerkte es nicht, wie hätte er auch — wurde der Wald für einen Herzschlag ganz still.

Kein Vogel. Kein Blatt. Als hielte etwas den Atem an.

Etwas Kleines liess sich auf Daans Schulter nieder. Ein Käfer, schwarz und kaum grösser als ein Regentropfen, ganz und gar unscheinbar. Daan spürte ihn nicht. Er sah auf das grüne Pünktchen in seiner Hand und dachte an das Gesicht der Direktorin, und der kleine Käfer sass da und rührte sich nicht und wartete, wie Dinge warten, die alle Zeit der Welt haben.

Dann atmete der Wald wieder. Ein Vogel. Ein Blatt. Der gewöhnliche Abend.

In der Ferne läutete die Glocke.

Die Zeit war um.

Daan stand auf, das Glühwürmchen behutsam in der hohlen Hand, und ging dem Licht entgegen, das langsam wieder dichter wurde.

Er hatte kein magisches Wesen, dachte er. Er hatte ein Glühwürmchen, einen guten Witz und nichts zu verlieren.

In allen drei Punkten irrte er sich.

Was keiner sieht · Kapitel 3

Der Kreis

Als Daan hinter der Schule aus dem Wald trat, standen die anderen schon im Licht.

Es waren nicht viele. Es waren nie viele. In diesem Jahr sechs — und jeder von ihnen stand neben einem Wesen, das leuchtete, als hätte jemand ein Stück Himmel heruntergeholt und an eine Leine gelegt.

In der Mitte der Lichtung stand er, wie seit tausend Jahren: ein Mann aus grauem Stein, lebensgross, mit leeren Händen. Neben ihm ein Luchs, den Kopf gehoben, als hätte er eben etwas gehört.

Der erste Silberne.

Die vier Reiche hatten ihn gemeinsam aufgestellt, damals, als der Vertrag geschlossen wurde — nicht für einen Mann, sondern für ein Amt. Es gab Lieder darüber, wie der Erste allein einem Heer entgegengegangen war, ohne etwas in den Händen, und die Kinder stritten sich, ob es tausend gewesen seien oder viertausend, und keines von ihnen zweifelte daran, dass es geschehen war.

Wer in den inneren Kreis trat, trat vor ihn.

Liv stand bei ihrem blauen Pferd, die Hand in seiner Mähne, als traute sie dem Glück noch nicht ganz. Richard bei seinem Drachen, rot wie ein Sonnenuntergang, der beschlossen hatte, nicht unterzugehen.

Und beide leuchteten.

Nicht stark. Es war kein Licht, bei dem man lesen konnte. Es lag auf ihrer Haut wie der letzte Rest Abend auf einer Wand — bei Liv ein tiefes Blau, bei Richard ein warmes Rot —, und man wollte hinsehen, auch wenn man sich vorgenommen hatte, es nicht zu tun.

So sah man, wer erwählt war. Man musste keine Listen führen.

Liv sah nicht auf die anderen. Sie sah hinauf zu dem Stein.

Daan stand nah genug, um zu hören, was sie zu ihrem Pferd sagte, und es war nicht für ihn bestimmt.

„Ich werde die Erste“, sagte sie. „Die erste Silberne.“

Das Pferd schnaubte. Es klang nicht wie Widerspruch.

Und dann kam Daan. Mit einem Glühwürmchen.

Er sah einen Augenblick zu lange zu dem roten Drachen hinüber. Dann blickte er wieder auf sein Glühwürmchen.

Die Anwärter, die nicht gewählt worden waren, standen am Rand, in einem grösseren, stilleren Ring. Daan kannte diesen Ring gut. Er hatte drei Jahre darin gestanden. Man lernte dort vor allem eines: das Gesicht ruhig zu halten.

Ganz hinten, wo der Ring am dünnsten war, stand ein kleines Mädchen und sah auf seine Schuhe.

Daan sah es. Er sah immer alles.

Dann rief Agatha die Namen, und er dachte an nichts anderes mehr.

In der Mitte wartete die Direktorin.

Agatha war keine Frau, die man zweimal ansehen musste, um zu wissen, dass man ihr besser nicht in die Quere kam. Sie war streng wie ein Wintermorgen — und ungefähr so warm.

Und neben ihr stand jemand, den Daan noch nie gesehen hatte.

Ein alter Mann. Nichts an ihm war laut. Kein Stab, kein Umhang aus Sternen, nichts von dem Prunk, den Daan sich unter dem obersten Magier des Reiches immer ausgemalt hatte. Nur ein alter Mann mit freundlichen Augen, der dastand, als hätte er alle Zeit der Welt — und als wäre er gleichzeitig an einem sehr wichtigen Ort.

Das war das Unangenehmste an ihm. Dass man das Gefühl hatte, er sähe einen. Nicht das Gesicht. Einen.

„Die Erwählten treten in den inneren Kreis“, sagte Agatha. „Mit ihren Wesen.“

Liv trat vor. Richard. Die anderen.

Und Daan.

Er trat in den Kreis, das Glühwürmchen behutsam vor sich hertragend wie eine Kerze, mit einem Gesicht so ernst, dass es fast schon wieder komisch war.

Einen Moment lang sagte niemand ein Wort.

Und einen Moment lang trat auch niemand näher.

Daan bemerkte es nicht. Er hatte es sein Leben lang nicht bemerkt, weil es immer so gewesen war: dass um ihn herum ein wenig mehr Platz blieb, als nötig gewesen wäre.

Darauf sah Daan, wie Agatha die Farbe wechselte.

„Was“, sagte sie, sehr leise, „glaubst du, tust du da?“

„Ich reihe mich ein“, sagte Daan. „Bei den Erwählten.“

„Du bist kein Erwählter.“

„Bei allem Respekt.“ Er hob die hohle Hand ein wenig. „Das hier leuchtet.“

Irgendwo im äusseren Ring lachte jemand und verschluckte es sofort.

Agathas Stimme wurde noch leiser — was, wie jeder an der Schule wusste, das Gefährlichste war, was sie tun konnte. „Du machst dich lustig. Über die älteste Zeremonie des Reiches. Am Tag der Auswahl. Vor diesen Augen.“ Sie warf einen kurzen Blick auf den alten Mann. „Verlass den Kreis, Daan. Sofort. Du gehörst nicht hierher.“

Und da war er wieder. Der alte Satz. Der, den Daan sich schon so oft selbst gesagt hatte, damit ihn kein anderer sagen musste.

Diesmal hatte ihn ein anderer gesagt.

Es tat mehr weh, als er erwartet hatte.

Daan öffnete den Mund für eine freche Antwort — seine älteste Tür — und fand sie zum ersten Mal verschlossen.

Und dann lachte der alte Mann.

Es war kein spöttisches Lachen. Es war warm und tief und ehrlich überrascht — das Lachen eines Menschen, der etwas Schönes gesehen hat, wo er nichts erwartet hatte. Der ganze Platz schien sich ein wenig zu entspannen.

„Aber Agatha“, sagte er, und seine Stimme war leise, und trotzdem hörte man jedes Wort. „Der Junge hat recht.“

Agatha starrte ihn an. „Er hat —“

„Das Gesetz sagt: erwählt ist, wen ein leuchtendes Wesen des Waldes annimmt.“ Der alte Mann betrachtete das grüne Pünktchen in Daans Hand, und sein Mundwinkel zuckte. „Nun. Es leuchtet. Es ist aus dem Wald. Und es sitzt ausgesprochen freiwillig auf seiner Hand.“ Er breitete die Arme aus, als wäre die Sache damit erledigt. „Nach dem Buchstaben deines eigenen Gesetzes, meine Liebe, steht dieser Junge genau dort, wo er hingehört.“

Agatha sah aus, als hätte sie in eine Zitrone gebissen, die ihr obendrein noch widersprach.

Und während alle auf das Glühwürmchen sahen, sah der alte Mann etwas anderes an.

Nur einen Augenblick. Nur einen Wimpernschlag lang wanderte sein Blick von der leuchtenden Hand hinauf zu Daans Schulter — zu dem kleinen, dunklen, unscheinbaren Ding, das dort sass und das ausser ihm niemand bemerkte.

Etwas ging über sein Gesicht. Es war keine Überraschung. Es war eher das Gegenteil.

Dann lächelte er wieder, warm wie zuvor, und sagte kein Wort.

Zum ersten Mal in seinem Leben stand Daan im inneren Kreis.

Er hätte glücklich sein müssen.

Er verstand nicht, warum ihm mit einem Mal so kalt war.

Was keiner sieht · Kapitel 4

Die Botschaft

Das Unglück klopfte nicht an. Es kam mitten hinein, so wie es immer kommt.

Ein Bote.

Er kam über die Wiese geritten, auf einem Pferd, das mehr Schaum war als Pferd, und er ritt, als wäre hinter ihm etwas, das man besser nicht ansieht. Noch ehe er den Kreis erreichte, rief er schon.

„Ein Wort mit dem Obersten Magier! Sofort! Im Namen von Prinzessin —“

Der Rest ging im Hufschlag unter.

Der alte Mann drehte sich nicht hastig um. Er drehte sich so um, wie sich jemand umdreht, der eine schlechte Nachricht seit Langem erwartet und nur nicht wusste, an welchem Tag sie kommen würde.

Der Bote fiel mehr vom Pferd, als dass er abstieg. Er drückte dem alten Mann etwas in die Hand — ein Tuch, einen Brief, Daan war zu weit weg, um es zu erkennen. Er sah nur, wie der Obermagier es öffnete, wie seine freundlichen Augen darüberliefen, und wie das Freundliche für einen Moment daraus verschwand.

Nur für einen Moment. Aber Daan sah es. Daan sah neuerdings vieles.

„Die Tochter des Königs“, sagte der alte Mann, und seine leise Stimme trug über den ganzen Platz, „ist in Gefahr. Man bittet uns um Erwählte. Heute noch. Niemand weiss, wie lange sie hat.“

Ein Raunen ging durch die Anwärter.

Agatha trat neben ihn. „Wir schicken die drei Stärksten. Ich stelle sie zusammen und —“

„Die drei Jüngsten“, sagte der Obermagier freundlich. „Die von heute.“

Agatha sah ihn an. „Das sind Kinder. Seit einer Stunde erwählt.“

„Der Wald hat sie erwählt“, sagte der alte Mann, „nicht ich. Und der Wald irrt selten.“ Er lächelte. „Ausserdem sind es die Einzigen, die es rechtzeitig schaffen.“

Und da lag das Problem, das alle gleichzeitig verstanden und niemand aussprach.

Rechtzeitig schaffte es nur, wer flog oder ritt.

Liv hatte ein Pferd, schnell wie ein blauer Gedanke. Richard hatte einen Drachen. Und Daan —

Daan hatte ein Glühwürmchen. Und einen Käfer, von dem er nichts wusste. Keins von beiden würde ihn irgendwohin tragen, ausser vielleicht zum nächsten Blatt.

„Kein Problem“, sagte Daan, ehe sein Verstand seinem Mund Einhalt gebieten konnte. „Ich reite bei Liv mit.“

Es rutschte ihm heraus, und in dem Bruchteil, in dem es draussen war, wusste er auch schon, warum. Nicht wegen der Mission. Wegen der Vorstellung, einen ganzen Ritt lang neben ihr zu sitzen, den Wald vorbeifliegen zu sehen, für einmal nicht der am Rand zu sein.

Liv drehte den Kopf.

Der Blick, mit dem sie ihn ansah, hätte das blaue Pferd frieren lassen. Als hätte er angeboten, ihr funkelnagelneues, heiliges, eben erst geschenktes Wunder mit schmutzigen Stiefeln zu betreten.

„Auf keinen Fall“, sagte sie.

Sie sagte es zu schnell. Und ihre Hand ging in die Mähne, als müsste sie nachsehen, ob das Pferd noch ihr gehörte.

Aber Daan hatte lange Übung darin, das Lachen früher zu haben als den Schmerz.

„War nur ein Angebot“, sagte er und hob die Hände. „Manche Leute mögen Gesellschaft.“

Richard lachte. Es war das gute, breite Lachen eines Jungen, dem das Leben nie etwas verweigert hatte und der deshalb grosszügig sein konnte, ohne es zu merken. Er nahm an, einem wie Daan mache das Danebenstehen nichts aus — dass so einer gar nicht gewählt werden wollte.

„Bei mir ist Platz“, sagte er und klopfte seinem Drachen an die Flanke. „Für zwei allemal. Halt dich fest und beschwer dich nicht über den Wind.“

Und Daan mochte ihn in diesem Augenblick so sehr, dass es die Sache mit Liv aufwog.

Fast.

Aber die Lehrer schüttelten die Köpfe.

So etwas hatte es noch nie gegeben. Ein Nicht-Erwählter auf dem Wesen eines Erwählten — niemand wusste, wie die Tiere darauf reagierten. Die leuchtenden Wesen des Waldes waren sanft zu denen, die sie gewählt hatten. Zu allen anderen waren sie eine Frage ohne Antwort.

„Wir versuchen es vorsichtig“, sagte Agatha schliesslich, und man hörte, dass ihr die ganze Angelegenheit zutiefst zuwider war. „Am ruhigsten der Tiere.“

Alle sahen zum blauen Pferd.

„Tritt näher“, sagte Agatha. „Langsam. Wir sehen, ob es dich duldet.“

Und Daan, der an diesem Tag schon tiefer in den Wald gegangen war, als klug gewesen wäre, tat die zweite Dummheit des Tages.

Er ging auf das leuchtende Pferd zu.

Was keiner sieht · Kapitel 5

Das Pferd

Aus der Nähe war das Pferd noch schöner. Und noch grösser.

Sein Licht war nicht kalt, wie Daan gedacht hatte. Es war warm — ein tiefes, ruhiges Blau, das über seine Haut strich wie Sommerwasser. Aus der Nähe verstand Daan zum ersten Mal, warum Liv geweint hatte.

Er ging langsam. Eine Hand vor sich, offen, so wie man einem Tier zeigt, dass man nichts Böses will.

Das Pferd sah ihn an.

Es sah ihn wirklich an — neugierig, den Kopf ein wenig geneigt, als wäre Daan das Merkwürdigste, was ihm an diesem Tag begegnet war. Für einen Augenblick dachte Daan: Vielleicht. Vielleicht mag es mich. Vielleicht ist das der Moment, in dem sich alles dreht.

Dann stutzte es.

Daan sah, wie sich etwas in dem grossen dunklen Auge veränderte. Aus Neugier wurde Unruhe. Aus Unruhe wurde Angst.

Das Pferd spürte etwas an ihm, das es nicht kannte, etwas, das nicht hierhergehörte.

Etwas, das zog.

Und Tiere, die sich fürchten, kennen nur eine Antwort.

Es warf den Kopf hoch.

Und in dem Bruchteil, in dem der schwere, leuchtende Schädel auf ihn zuschnellte, geschah das, was Daan sein Leben lang nicht würde erklären können: Die Welt wurde langsam — nicht ein wenig, sondern ganz und gar, als hätte jemand die Zeit in Honig gelegt —, und Daan sah jede Einzelheit, das Beben der Nüstern, den einzelnen Grashalm, der sich unter dem Huf bog, das blaue Licht, das in Fäden von der Mähne tropfte, und den Schädel, der auf ihn zukam, langsam, unendlich langsam, jeden Zentimeter deutlich, und er dachte mit einer seltsamen, kalten Klarheit: Weg. Dreh dich weg. Jetzt.

Sein Körper hörte ihn.

Aber der Körper war langsam.

So schrecklich viel langsamer als der Blick. Daan schrie ihn innerlich an, sich zu drehen, sich zu ducken, irgendetwas — und der Körper kam nur halb hinterher, wie ein Schläfer, den man aus dem tiefsten Traum reisst.

Es reichte nicht, um auszuweichen.

Es reichte gerade, um das Schlimmste zu drehen.

Der Schädel traf ihn nicht dort, wo er ihn zerbrochen hätte. Er traf die Schulter, die sich in letzter, viel zu später Sekunde dazwischengeschoben hatte.

Dann kehrte die Zeit zurück. Alles auf einmal.

Der Aufprall. Der Himmel, der kippte. Das Gras, das ihm entgegenflog.

Daan sah sich selbst auf den Boden krachen, als sähe er einem anderen zu — und dann war einen Augenblick lang alles schwarz.

Und still.

Es war nicht unangenehm, das Schwarze. Es war das Ruhigste, was er den ganzen Tag gehabt hatte.

Dann kam die Welt zurück, Stück für Stück.

Ein Grashalm an seiner Wange. Der Geruch von Erde. Stimmen, weit weg, dann näher.

Er öffnete die Augen.

Agatha kniete neben ihm. Ausgerechnet Agatha, deren Gesicht sonst so streng war und die ihn jetzt ansah, als wäre sie erschrocken — richtig erschrocken, so, wie man nur um etwas erschrickt, das einem nicht ganz gleichgültig ist. Richard war da, gross und bleich, die Hand schon ausgestreckt, um ihn hochzuziehen.

Und weiter hinten, ein Stück abseits, stand Liv.

Sie war ganz weiss. Sie sah ihn an, die Hand vor dem Mund, und in ihren Augen war etwas, das Daan dort noch nie für ihn gesehen hatte. Angst. Angst um ihn.

Es war fast den Schädel wert gewesen.

„Lebst du noch?“, fragte Richard.

„Sag du's mir“, krächzte Daan. „Wie sehe ich aus?“

„Furchtbar.“

„Dann lebe ich.“

Liv war nicht näher gekommen.

Agatha kniete neben ihm, Richard beugte sich über ihn, und Liv stand vier Schritte weiter und blieb dort stehen, und Daan bemerkte es nicht.

Er hatte nie etwas anderes gekannt.

Und da legte sich eine Hand auf Daans Schulter. Leicht. Warm. Er musste nicht hinsehen, um zu wissen, wem sie gehörte.

„Lasst uns bitte einen Moment allein“, sagte der alte Mann. Er sagte es freundlich. Er sagte alles freundlich. Und trotzdem standen Agatha und Richard auf und traten zurück, ohne zu fragen — so, wie man vor etwas zurücktritt, das grösser ist als man selbst.

Der Obermagier sah Daan an, mit seinen freundlichen Augen, in denen für einen Moment das Freundliche zur Seite getreten war und etwas anderes daruntergelegen hatte. Aufmerksamkeit. Uralte, geduldige Aufmerksamkeit.

„So“, sagte er leise. „Jetzt, mein Junge, reden wir beide.“

Was keiner sieht · Kapitel 6

Unter vier Augen

Als die anderen zurückgetreten waren, blieb es still zwischen Daan und dem alten Mann. Nur der Wind ging durch das Gras.

Daan setzte sich auf. Die Schulter brannte. Er beschloss, sie zu ignorieren, so wie er das meiste ignorierte, was wehtat.

„Sie müssen nichts sagen“, fing er an. „Ich weiss schon. Es war ein dummer Streich. Das Pferd hasst mich — was ich verstehe, ich bin nicht sein Typ —, und Liv hasst mich jetzt vermutlich auch, und ich bin kein Erwählter, ich hatte nie vor, einer zu sein, und wenn Sie wollen, gehe ich einfach nach Hause und tue so, als wäre der ganze Tag nicht passiert.“

Er sagte es schnell. Man musste schnell sein, dann kam man dem Schmerz zuvor.

Der alte Mann hörte sich alles an. Dann sagte er:

„Du irrst dich. In beidem.“

„Das Pferd hasst dich nicht.“ Der Obermagier sah hinüber zu dem blauen Tier, das noch immer zitterte und von Liv beruhigt wurde. „Tiere hassen nicht. Sie fürchten sich. Und an dir hat etwas gezogen, das es nicht kannte. Etwas, das nicht in seine Welt gehört.“ Er lächelte. „Es hat nicht dich gemeint. Es hatte nur Angst. Das ist ein Unterschied, den zu lernen sich lohnt.“

Daan wusste nichts darauf zu sagen. Also sagte er nichts — was ihm selten genug passierte.

„Und der zweite Irrtum“, fuhr der alte Mann fort, „ist der grössere. Du sagst, du seist nicht erwählt.“ Er beugte sich vor. „Aber der Wald hat dich sehr wohl gewählt, Daan. Nur nicht mit dem, was du für dein Wesen hältst.“

„Das Glühwürmchen —“

„— ist ein Glühwürmchen“, sagte der Obermagier freundlich. „Es leuchtet, und das war ein guter Witz, und es wird heute Abend nach Hause fliegen und diese Geschichte keinem seiner Glühwürmchen-Freunde erzählen, weil Glühwürmchen sich nichts merken.“ Er hob die Hand. „Halt still.“

Und dann streckte er einen Finger aus, ganz langsam, zu Daans Schulter.

Daan drehte den Kopf.

Dort, wo die Wucht des Pferdes ihn nicht ganz zerbrochen hatte, dort, wo er seit Stunden ein winziges Gewicht getragen hatte, ohne es zu merken, sass ein Käfer.

Klein. Schwarz. Unscheinbar. So unscheinbar, dass Daan ihn selbst jetzt, da er ihn direkt ansah, beinahe wieder übersehen hätte.

„Das“, sagte der alte Mann, und seine Stimme war anders geworden, leiser, fast ehrfürchtig, „ist seit sehr langer Zeit das erste Mal, dass ich einen von diesen sehe.“

„Ein Käfer“, sagte Daan.

„Ein sehr seltener Käfer.“

„Der mich… erwählt hat.“

„Der dich erwählt hat.“ Der Obermagier zog den Finger zurück, ohne das Tier zu berühren, so wie man etwas nicht anfasst, das kostbar ist. „Die leuchtenden Wesen schenken ihren Erwählten nicht einfach Kraft, Daan. Sie verstärken, was schon da ist. Ein starkes Herz. Ein schnelles Blut.“

Er sah auf den Käfer hinunter, der als Einziges an diesem Tag kein Licht gab.

„Nur leuchtet dieser hier nicht. Nicht einmal ein Schimmer. Und er hat trotzdem gewählt — das habe ich in sechzig Jahren nicht gesehen.“

Er sah Daan an, sehr lange.

„Und was er verstärkt, ist das Sehen.“

„Ich sehe gut“, sagte Daan. „Ich habe noch nie eine Brille gebraucht.“

„Nicht die Augen.“ Der alte Mann tippte sich an die Schläfe. „Das Sehen. Weisst du, was die meisten Menschen tun, wenn sie etwas ansehen? Sie sehen es nicht. Sie sehen die Geschichte, die sie darüber gehört haben. Sie sehen eine strenge Frau und denken kalt. Sie sehen einen frechen Jungen und denken nichts dahinter. Sie sehen einen Käfer auf einer Schulter und —“ Er zuckte die Schultern. „— sehen ihn gar nicht, weil auf Schultern keine Käfer sein sollen.“

Er beugte sich vor.

„Menschen sehen, was sie erwarten, Daan. Ihr Leben lang. Es ist bequem, und es ist meistens genug.“ Seine Stimme wurde leiser. „Du kannst das nicht. Du hast es nie gekonnt. Du siehst das Ding selbst — die strenge Frau, die in Wahrheit Angst hat; den frechen Jungen, der in Wahrheit einsam ist; den Käfer, den es nicht geben dürfte. Du siehst, was ist, und nicht, was man dir erzählt hat. Und der Käfer macht das schärfer, als ein Mensch es ertragen sollte.“

Daan sass ganz still.

„Das klingt nicht nach einer Gabe“, sagte er.

„Nein“, sagte der Obermagier freundlich. „Das tut es nie.“

Und da fiel bei Daan alles auf einmal an seinen Platz.

Das Pferd. Der Schädel. Die Welt, die langsam geworden war wie Honig. Jeder Grashalm, jeder Faden Licht, gestochen scharf.

„In der Gefahr“, sagte Daan langsam. „Da wurde alles langsam. Ich habe alles gesehen.“

„Du hast die Zeit nicht angehalten“, sagte der Obermagier. „Und du hast sie auch nicht überholt, was immer du glaubst. In der Gefahr fällt nur die Geschichte weg. Die Angst, das ich sterbe gleich, das ganze Geplapper, das ein Mensch über einen Augenblick legt, während er ihn erlebt.“ Er machte eine kleine Bewegung mit der Hand. „Und wenn die Geschichte weg ist, bleibt der Augenblick selbst. Nackt. Jede Flugbahn, jeder Grashalm, das Ding, wie es wirklich ist. Es fühlt sich langsam an, weil nichts mehr dazwischen steht. In Wahrheit siehst du zum ersten Mal in normaler Geschwindigkeit — und alle anderen sind ihr Leben lang zu schnell.“

„Aber es hat nichts genützt“, sagte Daan, und die Bitterkeit rutschte ihm heraus, ehe der Witz sie überdecken konnte. „Ich habe den Stoss kommen sehen und konnte trotzdem nicht ausweichen.“

„Nein.“ Der alte Mann nickte, als hätte Daan etwas Kluges gesagt. „Und das ist der Preis. Dein Blick ist schon ein Meister. Dein Körper ist noch ein Lehrling. Du siehst die Gefahr — aber deine Hände, deine Füsse, sie holen erst auf. Noch.“ Er betonte das kleine Wort. „Das ist die Aufgabe eines ganzen Lebens, Daan: den Abstand zwischen dem, was du siehst, und dem, was du tust, kleiner werden zu lassen.“

Daan sass im Gras, die brennende Schulter vergessen, und merkte, dass ihm etwas Dummes passierte. Seine Augen brannten.

Er, den keiner wählte. Er, der hervorragende Zuschauer. Er war gewählt worden. Von etwas so Kleinem, dass es niemand sah — von etwas, das genauso übersehen wurde wie er selbst.

Er öffnete den Mund, um einen Witz zu machen. Um sich zu verstecken. Seine älteste Tür.

Diesmal kam kein Witz. Nur ein sehr leises: „Warum ich?“

Der alte Mann sah ihn lange an. Und für einen Moment war da nichts Doppeltes in seinem Blick, nichts Verborgenes — nur ein alter Mensch, der einem jungen die Wahrheit sagt.

„Weil manche Dinge nicht mit Kraft zu retten sind“, sagte er. „Nicht mit Feuer und nicht mit Grösse. Manche Dinge muss man erst sehen. Und die meisten Menschen, Daan, sehen nichts.“

Irgendwann — und Daan hätte nicht sagen können, wann genau — kehrte das Andere in die freundlichen Augen zurück. Die Aufmerksamkeit. Das Rechnende, Geduldige, das Daan noch nicht zu benennen wusste.

„Und deshalb“, sagte der Obermagier und richtete sich auf, „kommst du mit. Auf diese Mission. Ganz gleich, wie langsam dein Körper noch ist.“

„Aber ich kann nicht fliegen“, sagte Daan. „Kein Drache. Kein Pferd. Nur ein Käfer, der… was tut er eigentlich, ausser dass er dasitzt?“

„Er wartet“, sagte der alte Mann. „So wie du.“

„Und was sage ich den anderen?“ Daan sah auf das kleine schwarze Ding auf seiner Schulter hinunter. „Ich meine — ich gehe da jetzt raus und sage: Übrigens, das Glühwürmchen war ein Scherz, in Wahrheit hat mich ein Käfer erwählt, den ihr nicht sehen könnt?“

Der Obermagier lächelte.

„Versuch es“, sagte er. „Es wird dich sehr einsam machen.“

„Wie bitte?“

„Er versteckt sich nicht, Daan. Sieh ihn dir an — er sitzt mitten auf deiner Schulter, am helllichten Tag. Jeder Mensch in diesem Hof könnte ihn sehen.“ Der alte Mann zuckte die Schultern. „Sie werden es nicht tun. Menschen sehen, was sie erwarten. Und ein Erwählter mit einem Käfer ist nichts, was irgendjemand erwartet.“

Er wandte sich zum Gehen.

„Du kannst es ihnen sagen. Sie werden dir ins Gesicht sehen, während du redest, und dann auf deine Schulter, und dann werden sie nichts sehen, und dann werden sie denken, dass der freche Junge mit dem Glühwürmchen sich jetzt auch noch ein unsichtbares Wesen ausgedacht hat.“

Er blieb stehen.

„Sag es denen, die hinsehen. Es werden nicht viele sein.“

Er sah zum Himmel, wo die Sonne schon tief stand.

„Liv und Richard fliegen voraus. Sie werden bei der Prinzessin sein, ehe der Mond aufgeht.“ Er lächelte, und diesmal lag etwas darin, das Daan nicht gefiel, obwohl er nicht hätte sagen können, warum. „Du nimmst den anderen Weg. Durch den Wald. Zu Fuss.“

„Allein?“

„Nicht allein.“ Der Obermagier wandte sich schon zum Gehen. „Ich habe jemanden für dich ausgesucht.“

Und etwas an der Art, wie er es sagte, liess Daan ahnen, dass ihm diese Wahl nicht gefallen würde.

Was keiner sieht · Kapitel 7

Der Weg zu Fuss

Es gab an der Schule zwei Lehrer, die Daan wirklich mochte.

Alexia, die auf einem Besen aus Eschenholz stand, als wäre er ein Teil ihrer Füsse, und die einmal einen ganzen Sturm zum Schweigen gebracht hatte, nur um in Ruhe ihren Tee zu trinken. Und Benjamin, der lachte wie ein Wasserfall und Feuer in den Händen drehte wie andere Leute eine Münze.

Wenn ihn also schon jemand durch den gefährlichsten Wald des Reiches begleiten musste, dann, so betete Daan zu allem, was gerade zuhören mochte, bitte einer von diesen beiden.

„Die Direktorin begleitet dich“, sagte der Obermagier.

Daan sah ihn an und wartete auf die Pointe. Es kam keine.

„Sie“, sagte Daan. „Agatha. Die Frau, die mich vor einer Stunde aus dem Kreis werfen wollte.“

„Sie ist eine der stärksten Magierinnen des Reiches“, sagte der alte Mann. „Bei ihr bist du sicher.“

„Bei ihr erfriere ich, bevor mich im Wald irgendwas frisst.“

Der Obermagier lächelte nur. Und Daan hatte zum zweiten Mal an diesem Tag das Gefühl, dass hinter diesem Lächeln eine Entscheidung stand, die längst gefallen war — lange, bevor irgendjemand gefragt hatte.

Sie brachen auf, als die Sonne rot zwischen den Stämmen hing.

Agatha ging voran, den Rücken gerade, den Blick überall. Sie sprach nicht. Daan, der Stille noch nie gut ertragen hatte, versuchte es dreimal.

„Schöner Abend.“ Nichts.

„Kommen Sie oft hierher?“ Nichts.

„Ich sammle übrigens Fakten über Sie. Bisher habe ich: geht schnell, redet wenig, hasst mich. Ein reichhaltiges Bild.“

Agatha blieb stehen. Für einen Moment dachte Daan, jetzt komme etwas — eine Strafe, ein Zauber, irgendetwas.

„Ich hasse dich nicht“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. „Ich habe nur keine Zeit für Jungen, die glauben, ein Witz sei dasselbe wie Mut.“

Dann ging sie weiter.

Daan blieb einen Schritt zurück. Merkwürdig. Es war das Unfreundlichste, was ihm an diesem Tag jemand gesagt hatte — und trotzdem klang es fast wie ein Kompliment, das sich verlaufen hatte.

Der Wald wurde dichter, und das letzte Licht ging.

Daan spürte den Käfer an seiner Schulter, ehe er irgendetwas sah. Ein Kribbeln. Kalt und fein. Er hatte es an diesem Tag schon einmal gespürt — kurz bevor die Welt langsam geworden war.

„Agatha —“

Der erste Pfeil kam aus dem Dunkeln.

Agatha hob die Hand, ohne hinzusehen, und der Pfeil zerbrach in der Luft, als wäre er gegen eine unsichtbare Wand geflogen.

„Diebe“, sagte sie ruhig. „Der Wald ist voll von ihnen. Ihre Pfeile können mir nichts tun. Bleib hinter mir und rühr dich nicht.“

Ein zweiter Pfeil. Zerbrach. Ein dritter. Zerbrach.

Und Daan, der an diesem Tag gelernt hatte, dass er Dinge sah, die andere nicht sahen, sah etwas.

Die Pfeile kamen zu gleichmässig.

Einer. Pause. Einer. Pause. Einer. Immer derselbe Abstand, immer dieselbe Bahn, als zählte jemand im Dunkeln mit. Diebe schiessen aus Gier — ungleich, hastig, gierig. Das hier war kein Überfall.

Das hier war ein Takt.

Jemand brachte Agatha in einen Rhythmus. Hob die Hand, hob die Hand, hob die Hand — bis das Heben keine Entscheidung mehr war, sondern Gewohnheit.

„Agatha, das ist eine Fal—“

Und da kam er.

Nicht aus derselben Richtung. Von der Seite. Silbern, viel schneller als die anderen, viel schwerer. Ein Pfeil, der nicht zerbrechen würde.

Die Welt wurde langsam.

Honig. Wieder Honig. Daan sah den silbernen Schaft durch die Luft pflügen, sah, wie Agathas Hand noch oben war, in der falschen Richtung, im falschen Takt, sah, dass sie es nicht rechtzeitig kommen sehen würde, sah alles — und diesmal, diesmal war da ein winziges Stück mehr Körper als beim Pferd, ein halber Herzschlag, den seine Hand schon aufgeholt hatte, und er warf sich vor, nicht schön, nicht geschickt, einfach mit allem, was er hatte.

Er kam zu spät.

Und im selben Herzschlag sah er, weit hinten im Dunkeln, eine Hand, die nicht dorthin zeigte, wo der Pfeil hinflog.

Der silberne Pfeil, der Agathas Kehle gesucht hatte, riss ihr stattdessen die Wange auf und verschwand im Dunkeln.

Die Zeit kam zurück.

Und mit ihr alles, was in der Langsamkeit keinen Platz gehabt hatte: das Rauschen in den Ohren, die Knie, die ihm nicht mehr ganz gehörten, und der Gedanke sie wäre jetzt tot, der erst jetzt ankam und dann blieb.

Agatha stand ganz still. Eine Hand an der Wange, Blut zwischen den Fingern. Sie, die keine Sekunde zu spät kam, die alles vorher wusste, sah Daan an, als sähe sie ihn zum ersten Mal.

„Du hast —“ Sie brach ab.

„Ich weiss“, sagte Daan, ausser Atem. „Ich bin selbst überrascht.“

Sie drehten sich beide zugleich in die Richtung, aus der der silberne Pfeil gekommen war.

Und da stand jemand.

Zwischen den dunklen Bäumen, reglos, als hätte er alle Zeit der Welt. Ein Bogenschütze, ganz in Silber, den Bogen gesenkt — und er machte keine Anstalten zu fliehen. Er sah sie nur an. Vor allem sah er Daan an. Lange, aufmerksam, so, wie man etwas ansieht, das man nicht erwartet hat und das plötzlich alles verändert.

Und Daan dachte an den Mann aus grauem Stein, vor dem er an diesem Abend gestanden hatte. An die leeren Hände.

Dieser hier hatte einen Bogen.

Ein Windstoss fuhr durch den Wald und riss die welken Blätter hoch, eine ganze Wolke davon, zwischen sie und den Schützen.

Und als die Blätter wieder zu Boden sanken, war die Stelle zwischen den Bäumen leer.

„Wir gehen weiter“, sagte Agatha. Ihre Stimme war fest wie immer. „Sofort.“

Aber Daan sah — er sah ja jetzt so vieles —, wie sie die Hand einen Moment zu lange an der Wange hielt. Wie ihr Blick, nur für einen Lidschlag, die Schärfe verlor.

Und er fragte sich, warum ein Dieb, den es nicht gab, einen Pfeil aus reinem Silber verschoss.

Und warum der Schnitt an Agathas Wange nicht rot war, sondern an den Rändern schon leise silbern schimmerte.

Was keiner sieht · Kapitel 8

Silber im Blut

Agatha log gut. Aber sie log nicht gut genug für jemanden, der neuerdings alles sah.

Sie gingen weiter, tiefer in den Wald, und Agatha sagte, es sei nichts.

Sie sagte es einmal, und Daan glaubte ihr fast. Sie sagte es ein zweites Mal, und er glaubte ihr nicht mehr. Beim dritten Mal sagte sie es zu einem Baum, weil sie den Weg nicht mehr ganz gerade vor sich sah.

Daan sah, was sie verbarg. Er sah es an den Schritten, die kürzer wurden. An der Hand, die einmal zitterte und sich dann mit Gewalt beruhigte. An dem feinen silbernen Netz, das sich von der Wunde her über ihre Wange zog, dünn wie Reif auf einem Fenster.

„Setzen Sie sich“, sagte er.

„Ich setze mich nicht.“

„Sie setzen sich, oder Sie fallen. Suchen Sie sich etwas aus.“

Sie setzte sich. Das allein sagte Daan mehr als alles andere.

„Es ist ein altes Gift“, sagte Agatha schliesslich. Ihre Stimme war noch fest, aber es kostete sie jetzt etwas, sie fest zu halten. „Silberzehr. Selten. Es frisst sich nicht durch das Fleisch. Es frisst sich durch die Kraft. Erst die Magie. Dann alles andere.“

„Und ein Gegenmittel?“

Sie schwieg so lange, dass Daan schon dachte, es gäbe keins.

„Ein Kraut“, sagte sie dann. „Mondkraut. Es wächst an einer einzigen Stelle in diesem Wald. Dort, wo ein alter Bach aus dem Fels tritt, unter einem Vorsprung, der nie die Sonne sieht.“ Sie schloss für einen Moment die Augen. „Eine Stunde von hier. Vielleicht weniger, wenn du schnell bist.“

„Dann hole ich es.“

„Nein.“

Es war das erste Mal, dass Daan Agatha etwas sagen hörte, das nicht wie ein Befehl klang, sondern wie Angst.

„Du bist ein Kind. Seit heute Abend erwählt. Du kennst diesen Wald nicht — und in diesem Wald ist heute Nacht etwas, das dich gesehen hat.“ Sie öffnete die Augen. „Ich gehe selbst.“

Sie versuchte aufzustehen.

Sie schaffte es bis zur Hälfte, dann liess das Bein sie im Stich, und Daan fing sie auf, ehe sie den Boden berührte. Sie war leichter, als er gedacht hatte. Menschen, die einem Angst machen, sind fast immer leichter, als man denkt.

„Sie schaffen keine hundert Schritte“, sagte er leise. Kein Witz. Er merkte selbst, dass diesmal keiner kam.

Agatha sah ihn an, von unten, und Daan sah, wie sehr sie das hasste. Nicht das Gift. Das Hilflossein.

„Ich weiss, dass er da draussen ist“, sagte Daan. „Der Silberne. Er hätte Sie töten können und hat es nicht getan — ich habe gesehen, wie seine Hand abgewichen ist. Aber er weiss jetzt, was ich kann. Er hat gesehen, dass ich den Pfeil kommen sah.“ Er sah in die Dunkelheit. „Und es gibt nur eine Stelle, an der das Kraut wächst. Er muss mich nicht suchen. Er muss nur dort stehen und warten.“

„Dann weisst du auch, dass du nicht gehen darfst.“

Er hatte den Pfeil kommen sehen und war zu spät gekommen.

Das hier konnte er.

„Ich weiss, dass Sie sterben, wenn ich es nicht tue.“

Darauf sagte Agatha nichts. Es war die Sorte Wahrheit, gegen die auch die stärkste Magierin des Reiches machtlos ist.

Er half ihr, sich an einen Stamm zu lehnen. Er sammelte trockenes Holz, so viel er in der Dunkelheit fand, und entzündete es — nicht mit Magie, er hatte keine, sondern mit dem Feuerstein aus Agathas Tasche und einer Geduld, die er gar nicht von sich kannte.

Als das Feuer brannte, hielt Agatha ihn am Ärmel fest. Ihr Griff war schwach. Ihre Augen nicht.

„Wenn du ihm begegnest“, sagte sie, „und du wirst ihm begegnen — dann hör nicht zu.“

„Warum nicht?“

„Weil er die Wahrheit sagt“, sagte Agatha. „Und weil seine Wahrheit tötet. Langsamer als jedes Gift. Aber gründlicher.“

Daan wartete, ob mehr kam. Ob sie sagen würde, woher sie das wusste. Woher sie ihn kannte — denn dass sie ihn kannte, das hatte Daan in ihrem Gesicht gelesen, in dem Augenblick, als die Blätter aufwirbelten und der Schütze verschwand.

Aber Agatha schloss die Augen und sagte nichts mehr.

Also nahm Daan sich einen brennenden Ast zur Fackel und den Käfer auf seiner Schulter, der nichts sagte und doch irgendwie bei ihm war, und ging in die Dunkelheit — in die Richtung, wo ein alter Bach aus dem Fels trat, unter einem Vorsprung, der nie die Sonne sah.

Dorthin, wo das Mondkraut wuchs.

Und wo, das wusste Daan so sicher, wie er je etwas gewusst hatte, ein Bogenschütze aus Silber auf ihn wartete.

Was keiner sieht · Kapitel 9

Der Silberne

Der Bach war dort, wo Agatha gesagt hatte.

Er trat aus dem Fels wie ein dünner silberner Faden, und darunter, im ewigen Schatten des Vorsprungs, wuchs das Mondkraut. Daan erkannte es sofort. Kleine, blasse Blätter, die ein eigenes, mildes Licht gaben, als hätten sie irgendwann einmal Mondlicht getrunken und es nie wieder losgelassen.

Er machte einen Schritt darauf zu.

„Ich würde warten“, sagte eine Stimme.

Er stand auf der anderen Seite des Baches, wo eben noch niemand gewesen war. Ganz in Silber, reglos, den Bogen in der Hand, aber nicht gespannt. Im Licht des Mondkrauts sah er aus wie etwas, das der Wald selbst geträumt hatte.

Daan blieb stehen. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Aber er hatte in seinem Leben so oft Angst gehabt und dabei so oft gelernt, dass man reden kann, während man sich fürchtet, dass die Worte fast von allein kamen.

„Sie haben ein Problem“, sagte Daan. „Sie könnten mich jetzt erschiessen. Aber dann hole ich das Kraut nicht — und Sie haben mich hergelockt, damit ich es nicht hole? Das ergibt keinen Sinn. Also wollen Sie etwas anderes.“

Der Schütze legte den Kopf ein wenig schief.

„Du hast meinen Pfeil gesehen“, sagte er. Es klang nicht wie eine Frage. Es klang, als hätte er die halbe Nacht gebraucht, um es zu glauben. „Die Ersten sollten gesehen werden — dafür schiesst man sie. Aber den silbernen sieht niemand. Keine Magierin. Kein Krieger. Niemand.“

„Ich dachte, es gäbe keine mehr von deiner Sorte.“

Und dann, leiser, fast zu sich selbst: „Der Junge, der sieht.“

„Sie haben gezögert“, sagte Daan.

„Wie bitte?“

„Bei Agatha. Ich habe es gesehen — ich sehe solche Dinge jetzt.“ Daan zwang seine Stimme ruhig. „Ihr Pfeil war schneller, als sie ihn je hätte kommen sehen. Sie hätten sie töten können, ohne dass sie es überhaupt gemerkt hätte. Und im letzten Herzschlag ist Ihre Hand abgewichen. Nur ein winziges Stück. Aber sie ist abgewichen.“

Er atmete aus.

„Ein Mörder zögert nicht. Sie sind keiner.“

Der Silberne stand ganz still.

„Und Sie stehen jetzt hier“, sagte Daan, „weil es nur diese eine Stelle gibt, an der das Kraut wächst. Sie mussten mich nicht suchen. Sie mussten nur warten.“

„Ich habe dich nicht hergelockt.“ Die Stimme des Schützen war leise. „Heute Nacht bin ich ihretwegen gekommen. Nur ihretwegen. Du warst nicht vorgesehen.“ Etwas darin klang beinahe müde. „Du bist mir passiert.“

Und Daan, der jetzt so vieles sah, sah auch das: dass der Mann mit keinem Wort erklärt hatte, warum seine Hand abgewichen war. Und dass er es auch nicht erklären würde.

Einen langen Moment sagte der Silberne nichts. Das Wasser lief. Irgendwo, weit weg, verrann Agathas Leben.

„Nimm das Kraut“, sagte der Schütze schliesslich.

Daan sah ihn an.

„Nimm es.“ Er trat einen Schritt zurück, weg vom Kraut. „Und während du pflückst, hörst du mir zu.“

„Wie lange?“

„So lange ich rede.“ Seine Stimme blieb ganz gleichmässig. „Ein guter Handel — für einen Jungen, der es eilig hat.“

Und da verstand Daan die Falle. Es war nie die gewesen, die er erwartet hatte. Er sollte nicht sterben. Er sollte hören.

Er kniete sich ans Wasser. Er begann, das Mondkraut zu pflücken, Blatt um Blatt, die Hände so ruhig, wie er sie halten konnte. Und er hörte zu — weil er keine Wahl hatte. Und weil ein Teil von ihm, genau der Teil, vor dem Agatha ihn gewarnt hatte, auch hören wollte.

„Sag mir“, begann der Schütze, „hat man dir erzählt, woher sie kommen? Die leuchtenden Wesen. Ihr Pferd, sein Drache —“

Eine winzige Pause.

„— und dein Käfer.“

Daans Hände hielten mitten in der Bewegung inne.

„Sie sehen ihn.“

„Selbstverständlich sehe ich ihn.“

„Ihn sieht niemand.“ Daan hörte selbst, wie schrill seine Stimme wurde, und es war ihm gleich. „Zweihundert Menschen an meiner Schule laufen jeden Tag an mir vorbei —“

„Genug.“ Der Silberne klang beinahe milde. „Ich habe vierzehn Jahre damit verbracht, Bindungen zu finden. Ich schlafe in Hecken, weil ich darauf warte, dass irgendwo ein Kind an einem Tier hängt. Ich sehe eine Naht auf dreihundert Schritt, im Regen, im Dunkeln, durch drei Reihen Menschen.“

Er legte den Kopf schief.

„Es ist mein Handwerk. Es ist das einzige, was ich habe.“

Und Daan begriff mit einem kalten Ruck, dass er die ganze Zeit einem Mann gegenübersass, der ihn nicht nur sah — sondern der ihn studierte, wie ein Zimmermann ein Brett studiert, an dem er gleich die Säge ansetzt.

„Woher sie kommen“, sagte der Schütze noch einmal. „Weisst du es?“

„Aus dem Wald.“

„Der Wald ist eine Tür. Nichts weiter. Etwas geht hindurch. Von dort. Zu uns.“ Seine Stimme war ruhig, fast sanft. „Und hat dir jemand gesagt, was es kostet? Jedes Jahr, wenn ihr Kinder in den Wald schickt und jubelt, sobald eines gewählt wird — hat dir jemand gesagt, wer dafür bezahlt?“

Daan pflückte weiter. Seine Hände wurden langsamer.

„Nein“, sagte der Schütze. „Natürlich nicht. Niemand fragt, was der Wald sucht. Niemand fragt, woher die Wesen kommen. Man fragt nur das eine.“ Ein bitteres Lächeln lag in seiner Stimme. „Wirst du gewählt.“

Und Daan, mitten in der Bewegung, erstarrte. Denn das waren die Worte, die er sein Leben lang gehört hatte — und aus dem Mund dieses fremden, silbernen Mannes klangen sie plötzlich wie eine Anklage.

Er liess die Hände sinken.

„Dann sagen Sie es mir“, sagte er. „Wer bezahlt?“

Der Schütze antwortete nicht. Das Wasser lief.

„Sie stellen die Frage.“ Daans Stimme wurde lauter, als er wollte. „Mitten in der Nacht, mit einem Bogen in der Hand. Dann beantworten Sie sie auch. Wer bezahlt?

„Wenn ich es dir jetzt sage“, sagte der Schütze langsam, „hörst du nur Worte. Und du glaubst sie nicht. Du hältst sie für die Lüge eines Mannes, der eben noch auf deine Direktorin geschossen hat.“

„Das ist keine Antwort.“

„Nein.“ Der Schütze sagte es ganz ruhig. „Manche Wahrheiten kann man nicht sagen. Man kann sie nur zeigen. Und ausgerechnet du wirst sie sehen — früher, als dir lieb ist.“

„Sagen Sie es mir jetzt.“

„Deine Direktorin stirbt, während wir hier stehen.“

Und das war das Grausamste, was dieser Mann an diesem Abend getan hatte. Grausamer als der Pfeil. Er hielt Daan die Antwort hin wie ein Stück Brot — und nahm sie im selben Atemzug wieder fort.

„Agatha hat gesagt, ich soll Ihnen nicht zuhören“, sagte Daan leise.

„Natürlich hat sie das.“ Etwas ging durch die Stimme des Schützen, ein Riss, kaum hörbar. „Sie weiss ja, dass ich recht habe. Und das ist das Schlimmste, was man über einen Menschen sagen kann. Nicht, dass er lügt. Sondern dass er die Wahrheit sagt — und man trotzdem nicht hinhören darf.“

Daan hatte das Kraut beisammen. Genug, um Agatha zu retten. Er hätte längst rennen müssen.

Er blieb knien. Nur einen Atemzug zu lange.

„Wer sind Sie?“, fragte er.

Und zum ersten Mal bewegte sich der Silberne wirklich. Er sah nicht Daan an, sondern über ihn hinweg, in eine Ferne, die es zwischen den Bäumen nicht gab.

„Jemand, der auch einmal gewählt wurde“, sagte er. „Und der zu spät gelernt hat, was das bedeutet.“

Dann straffte er sich, und das Weiche war fort.

„Geh“, sagte der Schütze. „Ich habe das Gift gemischt. Ich weiss, wie lange sie noch hat.“

Eine Pause.

„Sie ist eine gute Frau. Auch wenn sie einer schlechten Sache dient.“ Er hob den Bogen. Nicht auf Daan. Zum Gruss, beinahe. „Wir sehen uns wieder, Junge, der sieht. Und wenn wir uns wiedersehen, wirst du gekommen sein, um mich zu suchen. Nicht ich dich.“

Daan stand auf, das Mondkraut fest in der Faust, das Herz voll mit etwas, das schwerer war als Angst.

Er rannte.

Er rannte durch die Dunkelheit zurück — zu Agatha, zum Feuer, zum Leben —, und mit jedem Schritt lief eine Frage neben ihm her, die er nicht abschütteln konnte, so schnell er auch war.

Wer bezahlt?

Was keiner sieht · Kapitel 10

Wer bezahlt

Das Feuer war fast heruntergebrannt, als Daan die Lichtung erreichte.

Agatha lehnte am Stamm, dort, wo er sie gelassen hatte, aber sie war weiter gesunken, das Kinn auf der Brust, und das silberne Netz hatte sich über ihren Hals bis unter das Ohr gezogen. Für einen entsetzlichen Moment dachte Daan, er sei zu spät.

Dann bewegte sich ihre Hand. Kaum. Aber sie bewegte sich.

„Das Kraut“, krächzte sie. „Kau es. Leg es auf… die Wunde.“

Daan tat, was sie sagte. Das Mondkraut schmeckte nach kaltem Stein und nach etwas, das er nicht kannte — nach Nacht vielleicht —, und er zerkaute es, bis es weich war, und presste es auf den silbernen Schnitt an ihrer Wange und hielt es dort mit zwei Fingern, so behutsam, wie er noch nie im Leben etwas gehalten hatte.

Eine Weile geschah nichts.

Dann, ganz langsam, begann das Silber zu weichen. Es zog sich zurück, Faden um Faden, wie Reif, über den die Sonne kriecht. Agathas Atem wurde tiefer. Die Farbe kam zurück in ihr Gesicht — nicht viel, aber genug, dass Daan zum ersten Mal seit dem Bach wieder richtig Luft bekam.

„Du bist zurückgekommen“, sagte sie. Es klang, als hätte sie es nicht ganz erwartet.

„Sie hätten dagegen wetten sollen“, sagte Daan. „Ich hätte gute Quoten gegeben.“

Aber der Witz kam müde, und Agatha lachte nicht, und keiner von beiden tat so, als wäre das nötig gewesen.

Agatha sah ihn an.

Es war das erste Mal, dass sie ihn wirklich ansah, und sie tat es gründlich, so wie sie alles tat. Über das Gesicht. Über die Hände. Und dann, weil der alte Mann ausgerechnet diesen Jungen mit ihr in diesen Wald geschickt hatte, über die Schulter.

Der Käfer sass da, wo er den ganzen Abend gesessen hatte.

„Da ist nichts“, sagte Agatha.

„Nein“, sagte Daan. „Da ist nichts.“

Sie sassen eine Weile am Feuer, das Daan neu nährte. Der Wald war still geworden. Der silberne Mann war fort, so vollständig, als hätte es ihn nie gegeben — bis auf das, was er in Daan zurückgelassen hatte. Und das war nicht fort. Das würde nicht mehr fortgehen.

„Er hat mit mir geredet“, sagte Daan schliesslich.

Agatha schloss die Augen. „Ich habe dir gesagt, du sollst nicht —“

„Ich weiss, was Sie gesagt haben. Ich habe trotzdem zugehört. Ich höre eben zu — das ist ungefähr das Einzige, was ich kann.“ Er sah ins Feuer. „Er hat gefragt, woher die Wesen kommen. Und wer dafür bezahlt, dass wir sie bekommen. Und Sie —“ Er drehte den Kopf zu ihr. „Sie sind nicht überrascht. Sie fragen nicht, wovon ich rede. Sie wissen genau, wovon ich rede.“

Agatha öffnete die Augen und sah ins Feuer. Lange.

„Es gibt Dinge“, sagte sie schliesslich, „die ein Kind an seinem ersten Tag nicht tragen muss. Und Dinge, die zu sagen ich nicht frei bin. Beides trifft hier zu.“

„Das ist keine Antwort.“

„Nein“, sagte sie. „Es ist die einzige, die ich habe.“

Daan sah ins Feuer.

Zweimal in dieser Nacht hatte er dieselbe Frage gestellt. Einmal einem Mann, der auf Agatha geschossen hatte. Einmal Agatha selbst.

Beide hatten dasselbe geantwortet.

Daan liess es einen Moment stehen. Danach sagte er es leise, weil er wusste, dass er eine Tür berührte, die vielleicht besser geschlossen blieb.

„Sie kennen ihn.“

Agatha antwortete nicht. Aber ihre Hand ging, ganz ohne dass sie es zu bemerken schien, zu der Wange, wo der Schnitt gewesen war — nicht zu der Wunde, sondern höher, zu einer alten, unsichtbaren Stelle. So, wie man eine Narbe berührt, die man schon so lange trägt, dass man vergessen hat, dass sie einmal wehgetan hat.

„Er war einmal jemand anderes“, sagte sie schliesslich. Nur das. „Und der, der er war, ist schwerer zu retten als ich.“

Mehr sagte sie nicht, und Daan fragte nicht weiter — denn er begriff, dass hinter dieser Tür kein Geheimnis lag, sondern ein Kummer. Und Kummer stösst man nicht auf wie eine Tür.

Kurz vor Sonnenaufgang zerriss weit im Norden ein Licht den Himmel. Blau, hell, für einen Wimpernschlag — dann verglomm es.

„Das Zeichen“, murmelte Agatha, und zum ersten Mal lag etwas wie Erleichterung in ihrer Stimme. „Sie haben die Prinzessin erreicht. Liv und Richard. Sie leben.“

Und Daan, der die halbe Nacht nicht an Liv gedacht hatte, weil kein Platz dafür gewesen war, dachte nun an sie. An das blaue Pferd. An ihr weisses, erschrockenes Gesicht.

Er wusste noch nicht, dass er sie bald an einem stillen Teich wiedersehen würde, an einem Ort, wo die Welt dünn ist. Und dass er ihr dort helfen würde, das Schwerste zu tun, was ein Mensch tun kann: die Hand zu öffnen und etwas ziehen zu lassen, das man liebt.

Aber das ist eine andere Geschichte, und sie soll ein andermal erzählt werden.

Was keiner sieht · Kapitel 11

Der weisse Hirsch

Sie brauchten zwei Tage für einen Weg, den ein Drache in einer Nacht schafft.

Agatha ging langsam. Sie sagte, es gehe ihr gut. Daan sagte, er glaube ihr, und sie sagte, er lüge schlecht, und dann gingen sie schweigend weiter — und irgendwann bemerkte Daan, dass ihm dieses Schweigen nicht mehr unangenehm war.

Einmal, an einem Bach, sagte sie ohne Vorwarnung: „Du hättest sterben können.“

„Sie auch.“

„Ich bin die Direktorin. Ich darf das.“

Er lachte. Sie lachte nicht. Aber sie sah ihn an, kurz, von der Seite, mit etwas im Gesicht, für das Daan kein Wort hatte — weil ihn noch nie jemand so angesehen hatte.

Das Reich des Königs begann jenseits des Waldes, hinter den Hügeln, und es war reich und schön und vollkommen aus den Fugen.

Man hatte Fackeln aufgestellt, obwohl es Tag war. Menschen standen in Gruppen und redeten leise, so wie Menschen reden, wenn sie nicht wissen, wovor sie Angst haben sollen. Und über allem lag eine Stille, die nicht zu einem Schloss passte.

Vor dem Tor stand ein roter Drache und rupfte gelangweilt an einem Busch.

„DAAN!“

Richard kam über den Hof gerannt, alle Höflichkeit vergessen, und riss ihn in eine Umarmung, die Daans geprellte Schulter aufheulen liess.

„Ich hab gesagt, er lebt!“, brüllte er über die Schulter. „Ich hab's gesagt!“ Dann leiser, nur zu Daan: „Ich war mir überhaupt nicht sicher.“

„Danke.“

„Du siehst furchtbar aus.“

„Das höre ich in letzter Zeit oft.“

Und dann stand Liv da.

Sie kam nicht gerannt. Sie blieb ein paar Schritte entfernt stehen, die Hände vor sich, und sah ihn an — und Daan, der neuerdings alles sah, sah, dass sie ihn schon eine Weile beobachtet hatte, bevor er sie bemerkte.

„Du bist zu Fuss gegangen“, sagte sie.

„Ein netter Spaziergang. Ein bisschen Gift, ein bisschen Mord. Sehr abwechslungsreich.“

Sie lächelte nicht.

„Es tut mir leid“, sagte sie. „Wegen des Pferdes. Ich hätte —“

„Liv.“ Er hob die Hand. „Du hast nichts falsch gemacht.“

Sie sah ihn an, als wäre das nicht die Antwort, die sie gebraucht hätte. Aber sie sagte nichts mehr.

Es dauerte nicht lange, bis Daan begriff, warum der Hof so still war.

„Es gibt nichts“, sagte Richard — und zum ersten Mal, seit Daan ihn kannte, klang er wütend. „Verstehst du? Nichts. Kein Heer. Kein Ungeheuer. Kein Zauberer auf einem Turm. Wir sind hergeflogen, bereit, uns in irgendetwas zu stürzen —“ er machte eine hilflose Geste zum Drachen hinüber, „— und es gibt nichts, in das man sich stürzen könnte.“

„Und die Prinzessin?“

Richards Kiefer arbeitete.

„Sie stirbt“, sagte er. „Und niemand weiss, woran.“

Sie führten ihn hinauf.

Der Raum war zu warm und roch nach Kräutern, die nicht halfen.

Die Prinzessin war jung. Jünger, als Daan gedacht hatte — vielleicht in Livs Alter. Sie lag sehr still. Und sie war nicht bleich wie eine Kranke. Sie war bleich wie etwas, aus dem man langsam die Farbe zieht.

Neben ihrem Bett, den Kopf auf der Decke, lag ein Hirsch.

Er war weiss, und er war einmal gross und prächtig gewesen; das sah man noch. Sein Geweih warf einen letzten milchigen Schein an die Wand, kaum heller als eine Kerze. Er rührte sich nicht, als sie eintraten.

„Ihr Wesen“, sagte Agatha leise. „Sie wurde mit zwölf erwählt. Man sagte damals, es sei ein grosses Zeichen.“

Daan trat näher.

Und dann kam es. Nicht wie im Wald, nicht mit einem Schlag, kein Honig, keine Zeitlupe. Diesmal kam es langsam, fast höflich — so, wie etwas kommt, das niemanden erschrecken will.

Die Welt wurde still, und Daan sah.

Er sah, dass der Hirsch nicht krank war. Kranke Tiere haben trübe Augen; die Augen des Hirsches waren klar, so klar, dass es weh tat. Er sah, dass das Tier nicht schlief, sondern lauschte — den Kopf kaum merklich geneigt, die Ohren nach Norden gedreht, zu einem Fenster hin, hinter dem nichts war als Himmel. Er sah, wie es mit jedem Atemzug ein winziges Stück seines Lichtes verlor, und wie es sich nicht wehrte, überhaupt nicht, sondern es hingab, willig, so wie man etwas hingibt, das man nie hätte behalten dürfen.

Das Tier war nicht krank.

Das Tier hatte Heimweh.

Und dann sah Daan das Mädchen im Bett an.

Sie hatte die Augen offen. Sie sah in dieselbe Richtung. Zum selben Fenster. Zum selben Nichts.

Und sie verlor ihr Licht im selben Takt.

Daan trat einen Schritt zurück, stiess gegen einen Stuhl, und der Lärm riss ihn heraus. Die Welt kam zurück — warm und laut und nach nutzlosen Kräutern stinkend.

„Was?“, sagte Richard. „Was hast du gesehen? Du hast dein Gesicht gemacht.“

„Ich habe kein Gesicht.“

„Doch. Du hast ein Gesicht.“

Daan machte den Mund auf.

Und schloss ihn wieder.

Denn was hätte er sagen sollen? Das Tier will nach Hause. Und es nimmt sie mit. Sie würden ihn ansehen wie einen Verrückten. Oder — schlimmer — sie würden ihm glauben. Und dann würde Liv sich umdrehen, hinaus zum Hof, wo ihr blaues Pferd stand, und dieselbe Frage würde ihr ins Gesicht springen wie ein Hund.

Er sah zu Agatha.

Agatha sah ihn an.

Und in ihren Augen stand kein Erstaunen. Kein Was hast du gesehen. Nichts von alldem.

In ihren Augen stand: Sag es nicht.

Draussen im Hof wieherte ein Pferd. Blau und hell und lebendig.

Und in Daans Kopf stellte eine ruhige, silberne Stimme zum ersten Mal seit dem Wald wieder ihre Frage.

Wer bezahlt?

Was keiner sieht · Kapitel 12

Was es kostet

Er wartete, bis sie allein waren.

Agatha stand am Fenster des Vorzimmers, das Gesicht zum Hof. Daan sah, dass sie ihn kommen hörte und sich nicht umdrehte. Das allein war schon eine Antwort.

„Sie wussten es“, sagte er.

„Geh schlafen, Daan.“

„Sie wussten es, bevor wir das Zimmer betreten haben. Sie haben nicht einmal hingesehen.“ Er trat neben sie. „Sie haben mich angesehen. Und gehofft, dass ich es nicht sehe.“

Agatha schwieg.

„Das Tier hat Heimweh“, sagte Daan. „Es geht nach Hause. Und weil sie an ihm hängt, geht sie mit.“

Ihre Hand am Fensterbrett wurde weiss.

„Sag das nicht so laut.“

„Dann sagen Sie mir, dass ich mich irre.“

Sie drehte sich um. Und Daan, der so vieles sah, sah auch das: dass sie es nicht konnte. Dass sie nach einem Satz suchte, mit dem man einem Jungen die Wahrheit wieder wegnimmt — und keinen fand, weil man einem Sehenden nichts wegnehmen kann.

„Nein“, sagte sie schliesslich. „Du irrst dich nicht.“

Daan atmete aus.

„Dann trennen wir es“, sagte er. „Schicken Sie den Hirsch heim. Sofort. Dann lebt sie.“

„Ja.“

Es kam zu schnell. Ohne jedes Zögern. Und genau deshalb wusste Daan sofort, dass da noch etwas war.

„Aber“, sagte er.

Agatha sah wieder hinaus.

„Aber die Gabe geht mit“, sagte sie. „Die Bindung ist die Gabe, Daan. Es gibt nicht das eine ohne das andere. Wenn das Tier geht, nimmt es alles mit, was es ihr je geschenkt hat. Für immer.“

„Also wäre sie —“

„Ein gewöhnliches Mädchen.“ Agathas Stimme war ganz ruhig. „Keine Erwählte. Keine Beschützerin. Nie wieder. Eine Prinzessin, weiter nichts.“

Daan starrte sie an.

„Sie wäre am Leben.“

„Ja.“

„Dann verstehe ich das Problem nicht.“

Und da tat Agatha etwas, das er ihr nie zugetraut hätte. Sie lachte. Ein kurzes, hässliches, müdes Lachen.

„Weil du fünfzehn bist“, sagte sie, „und weil du dein Leben lang niemand warst. Frag sie doch. Sie war zwölf, als der Hirsch sie wählte. Sie kennt sich selbst gar nicht anders. Für dich ist die Gabe etwas, das du seit gestern hast. Für sie ist sie das, was sie ist.“

Daan schwieg.

„Menschen sterben lieber, als das aufzugeben“, sagte Agatha. „Das ist keine Redensart. Ich habe es gesehen.“

Etwas Kaltes kroch Daan den Rücken hinauf.

„Wie oft“, sagte er.

Agatha antwortete nicht.

„Wie oft, Agatha.“

„Oft genug, dass es einen Namen hat.“ Sie sagte es zum Fenster, nicht zu ihm. „Man nennt es das Verlöschen. Den Familien sagt man, das Wesen sei erkrankt. Man sagt, es sei ein Unglück gewesen.“ Sie schloss kurz die Augen. „Man sagt vieles.“

„Und warum weiss es keiner?“ Daan merkte, dass seine Stimme laut wurde, und es war ihm gleich. „Warum steht das nicht in jedem Buch, in jeder Schule, an jeder Wand des Reiches —“

„Weil es niemand hören will.“

Sie sagte es ohne jede Schärfe. So, wie man das Wetter sagt.

„Stell es dir vor. Du sagst es ihnen. Jedem Erwählten im Reich. Du sagst: Euer Wesen will nach Hause. Eines Tages wird es gehen, und dann geht ihr mit — es sei denn, ihr lasst es heute frei und seid für den Rest eures Lebens niemand.“ Sie sah ihn an. „Was glaubst du, wie viele es täten?“

Daan öffnete den Mund.

Und wusste die Antwort.

„Eben“, sagte Agatha.

„Warum gehen sie überhaupt?“, fragte er leise. „Warum jetzt? Warum alle?“

Agatha zögerte einen Augenblick zu lang.

„Sie werden gerufen“, sagte sie.

„Von wem?“

Und da war sie wieder, die Tür, die zublieb. Daan sah, wie sie sich schloss — in Agathas Gesicht, in der Art, wie ihre Schultern eine Spur höher gingen.

„Das“, sagte sie, „ist nicht meine Antwort zu geben.“

„Wessen dann?“

Sie sagte es nicht. Sie musste es nicht sagen. Daan dachte an einen alten Mann mit freundlichen Augen, der als Einziger den Käfer auf seiner Schulter gesehen hatte — und der nicht überrascht gewesen war.

„Sie tragen das“, sagte Daan langsam. „Seit Jahren. Und Sie sagen nichts.“

„Ja.“

„Wie halten Sie das aus?“

Agatha sah ihn an, und zum ersten Mal, seit er sie kannte, sah Daan nicht die Direktorin. Er sah eine Frau, die sehr müde war und die vor sehr langer Zeit aufgehört hatte, nach einer Antwort auf genau diese Frage zu suchen.

„Schlecht“, sagte sie.

Sie liess ihn eine Weile stehen. Dann:

„Wenn du es ihr sagst, Daan — wenn du in dieses Zimmer gehst und dem Mädchen die Wahl gibst —, dann sagst du es nicht nur ihr.“

Er wusste, was kam. Er wusste es, und es half nichts.

„Richard steht unten bei seinem Drachen“, sagte Agatha. „Und Liv steht neben ihrem Pferd.“

Daan ging zur Tür.

Seine Hand lag schon auf der Klinke, als Agatha noch einmal sprach. Ihre Stimme war jetzt nicht mehr die einer Direktorin. Nur noch die eines Menschen.

„Es gibt keine gute Wahl.“

Eine Pause.

„Nur die, mit der du leben kannst.“

Daan öffnete die Tür.

Im Gang, gegenüber, an die Wand gelehnt — als hätte sie schon eine ganze Weile dort gestanden — wartete Liv.

„Und mein Pferd, Daan?“, sagte sie.

Was keiner sieht · Kapitel 13

Was er nicht sagte

Er hätte lügen können. Gleich dort, im Gang, mit der Hand noch an der Klinke.

Er tat es nicht.

Er erzählte ihr alles. Den Hirsch, der lauschte. Das Fenster nach Norden. Das Licht, das im selben Takt verlosch. Die Bindung, die in beide Richtungen läuft. Und den Preis: dass man ein Wesen nur retten kann, indem man es gehen lässt — und dass es alles mitnimmt, was es je gegeben hat.

Er sagte es einfach. Ohne Polster. So, wie es ihm gesagt worden war.

Liv hörte zu, und ihr Gesicht veränderte sich nicht.

„Du lügst“, sagte sie.

„Nein.“

„Du hast dir das ausgedacht.“

„Warum sollte ich?“

„Weil du —“ Sie brach ab. Und Daan sah, wie sie den Satz in sich zurückschluckte, weil sie ihn nicht zu Ende bringen konnte, ohne grausam zu werden.

Er hätte ihr sagen können, dass er es trotzdem gehört hatte.

„Geh hinein“, sagte er stattdessen. „Sieh sie dir an. Und dann sag mir, dass ich mir das ausgedacht habe.“

Liv ging hinein.

Daan blieb im Gang stehen und zählte seine Atemzüge, weil er sonst nichts zu tun hatte. Er kam bis vierzig.

Dann ging die Tür auf, und Liv war weiss.

Sie ging an ihm vorbei, ohne ihn anzusehen. Die Treppe hinunter, durch die Halle, hinaus in den Hof. Sie ging nicht schnell. Sie ging wie jemand, der nicht sicher ist, ob der Boden noch da ist.

Daan folgte ihr.

Das Pferd stand mitten im Hof, und als es sie kommen sah, wurde sein Leuchten heller.

Das war das Schlimmste. Nicht der Hirsch oben im Zimmer. Nicht das Mädchen, aus dem die Farbe lief. Sondern dieses gesunde, glückliche, strahlende Tier.

Liv blieb stehen. Sie stand sehr lange.

Dann ging sie zu ihm und legte die Stirn an seinen Hals, genau so, wie sie es am ersten Tag getan hatte, am Bach, als der ganze Wald blau geworden war.

„Es geht ihm gut“, sagte sie in die Mähne. „Sieh es dir an. Es ist gesund. Es ist stark. Es ist —“

Ihre Stimme brach weg.

Dann drehte sie den Kopf. Und sah Daan an.

„Du siehst Dinge“, sagte sie. „Alle sagen das. Der Obermagier sagt das.“ Sie schluckte. „Dann sieh es dir an.“

„Ich war vorher niemand“, sagte sie. „Frag irgendwen.“

Eine Pause.

„Sag mir, dass ich recht habe.“

Und Daan sah hin.

Die Welt wurde still — langsam, höflich, so wie sie es jetzt tat. Und er sah alles.

Er sah, dass das Pferd stark war. Dass sein Licht tief und satt brannte, ohne Flackern. Dass es gesund war bis in die Hufe, und dass es sie liebte, auf jene einfache, ganze Art, wie Tiere lieben, ohne Vorbehalt und ohne Bedingung.

Und er sah, wie es einmal — nur einmal, während sie die Stirn an seinem Hals hatte und die Augen geschlossen — den Kopf hob.

Und nach Norden sah.

Einen Herzschlag lang. Vielleicht zwei.

Dann senkte es den Kopf wieder zu ihr und berührte mit den Nüstern ihr Haar, und Liv lächelte mit geschlossenen Augen, und sie hatte nichts gemerkt, gar nichts, und wie hätte sie auch.

Daan spürte den Käfer auf seiner Schulter. Klein und leicht und ganz still.

Er half ihm nicht. Er half ihm nie. Er zeigte ihm nur, was da war — und liess ihn allein damit, was er damit tun sollte.

Liv öffnete die Augen.

„Daan.“

Es lag alles in diesem einen Wort. Bitte. Bitte, bitte, sag es.

Und einen Lidschlag lang, ehe er etwas dagegen tun konnte, war da noch etwas anderes.

Nicht das Pferd. Nicht der Norden. Sondern das Gesicht, das sie machen würde, wenn er es sagte. Und die Tage danach, an denen sie ihn ansehen würde wie jemanden, den es gab.

Es war klein und warm und widerlich, wie eine Münze, die man in der Hand findet und nicht weiss, von wem.

Er drückte es weg. Er drückte es so schnell weg, dass er sich später einreden konnte, es sei nie da gewesen.

„Ihm fehlt nichts“, sagte Daan.

Und Liv lachte.

Es war ein hässliches, nasses, erlöstes Lachen, halb Schluchzen, und sie schlang die Arme um den Hals des Pferdes und lachte hinein, und das Tier stand geduldig da und leuchtete, und irgendwo weit oben, hinter dem Fenster nach Norden, lag ein sterbendes Mädchen neben einem Hirsch, der lauschte.

„Danke“, sagte Liv.

Es war das schlimmste Wort, das Daan je gehört hatte.

Er stand im Hof, bis sie gegangen war, das Pferd am Zügel, mit einem Schritt, der wieder leicht war.

Dann sah er hinauf.

Im Fenster des Vorzimmers stand Agatha und sah zu ihm herunter.

Sie sah nicht triumphierend aus. Sie sah nicht vorwurfsvoll aus. Sie sah aus wie jemand, der etwas wiedererkennt.

Vor einer Stunde hatte er sie gefragt, wie sie es aushalte.

Schlecht, hatte sie gesagt.

Daan hatte es für eine Antwort gehalten.

Jetzt wusste er, dass es eine Warnung gewesen war.

Was keiner sieht · Kapitel 14

Zwei Tode

Sie liessen ihn allein mit ihr hinein. Agatha blieb an der Tür. Liv stand im Gang und kam nicht weiter.

Der Hirsch hob nicht einmal den Kopf.

Daan setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett und erzählte einer sterbenden Prinzessin, woran sie starb. Er machte es kurz. Er hatte gelernt, dass Wahrheit nicht weicher wird, wenn man sie in Watte packt — nur länger.

Sie hörte zu.

Und sie war nicht erschrocken.

Das war es, was Daan nicht erwartet hatte. Kein Aufschrei, kein Weinen, kein Das kann nicht sein. Sie lag da, sehr blass, und nickte langsam, wie jemand, dem man endlich ein Wort für etwas gibt, das er längst kennt.

„Ich habe es gehört“, sagte sie. Ihre Stimme war nur noch Luft. „Nachts. Es klingt wie —“ Sie suchte. „Wie wenn jemand von sehr weit her deinen Namen ruft und du nicht sicher bist, ob du ihn wirklich gehört hast.“

Sie sah zum Fenster. Nach Norden.

„Ich dachte, ich träume“, sagte sie. „Ich habe mich gefreut.“

Daan sagte nichts.

„Und wenn ich ihn gehen lasse“, sagte sie, „dann lebe ich.“

„Ja.“

„Und ich bin nichts mehr.“

Er wollte widersprechen. Er wollte sagen, dass sie eine Prinzessin bleiben würde, dass sie ein Reich hätte, Menschen, ein ganzes Leben. Er sagte es nicht. Sie hätte es sofort durchschaut, und dann hätte er sie verloren.

„Du wärst keine Erwählte mehr“, sagte er.

Sie schloss die Augen.

„Ihr redet alle davon wie von einer Wahl zwischen Leben und Tod“, sagte sie. „Das ist es nicht. Ich war zwölf, als er kam. Alles, was ich seither bin, hat er mir gegeben.“ Sie atmete. Es kostete sie etwas. „Es ist eine Wahl zwischen zwei Toden. Ich darf nur einen davon überleben.“

Draussen, weit weg, rief jemand nach einem Pferd.

Dann drehte sie den Kopf auf dem Kissen und sah Daan an, und ihre Augen waren klar. So klar wie die des Hirsches.

„Du hast auch eines“, sagte sie.

„Einen Käfer.“

„Was tut er?“

„Er lässt mich Dinge sehen.“

Die Prinzessin lächelte, ganz schwach.

„Würdest du ihn gehen lassen?“

Und Daan öffnete den Mund.

Und da war nichts darin.

Kein Witz. Keine freche Antwort. Nicht einmal eine Lüge. Er sass auf einem Stuhl neben einem sterbenden Mädchen und suchte in sich nach einem einzigen ehrlichen Ja — und fand es nicht.

Die Prinzessin nickte, als hätte er geantwortet.

„Eben“, sagte sie.

Sie schwiegen eine Weile. Draussen, sehr weit weg, rief jemand nach einem Pferd.

„Weisst du, was das Schlimmste ist?“, sagte sie dann.

„Was?“

„Es hat noch nie jemand getan.“

Sie sagte es ganz ruhig, und Daan brauchte einen Moment, um zu verstehen, was sie meinte.

„Man hat mir keine Geschichte erzählt“, sagte Elin. „Es gibt keine. Es gibt kein Mädchen vor mir, von dem man sagen könnte: Sieh, die hat es auch getan, und sie ist immer noch da. Es gibt keinen Beweis. Es gibt niemanden, den ich fragen kann, ob es aufhört wehzutun.“

Sie sah zur Decke.

„Ich weiss nicht einmal, ob es richtig ist. Ich weiss nur, dass er sterben will und dass ich ihn festhalte.“

Und Daan, der neben ihrem Bett sass, begriff auf einmal, was diese Fünfzehnjährige hier eigentlich tat.

Sie ging als Erste.

Ohne Vorbild. Ohne Karte. Ohne einen einzigen Menschen auf der Welt, der ihr sagen konnte, was auf der anderen Seite dieser Entscheidung liegt.

Alle, die nach ihr kämen — jeder Einzelne, für alle Zeit —, würden es leichter haben. Weil es sie gegeben hatte.

„Wie heisst du?“, fragte sie.

„Daan.“

„Das meine ich nicht.“ Sie drehte den Kopf. „Wer bist du? Sie sagen, du siehst Dinge — der ganze Hof, seit ihr gekommen seid. Aber das ist nur ein Wort, das sie sich weitergeben. Es sagt mir nichts über dich.“

Daan sass da.

Und dann tat er etwas, das er noch nie getan hatte und für das er kein einziges Motiv nennen konnte, ausser dass sie sterben würde und dass es plötzlich nichts mehr kostete.

Er schob den Kragen zur Seite.

„Sieh hin“, sagte er.

Und Elin sah hin.

Sie sah lange hin, und Daan wartete darauf, dass sie nichts sah, so wie alle nichts sahen.

„Ich sehe ihn“, sagte sie.

Etwas in Daans Brust zog sich zusammen.

„Ja.“

„Und niemand sieht ihn.“

„Der Obermagier.“ Daan zog den Kragen wieder hoch. „Und jetzt du.“

Elin lächelte. Es war das erste Mal.

„Dann sind wir zwei Leute, an denen keiner hinsieht“, sagte sie.

Dann sagte sie sehr lange nichts. Der Hirsch atmete flach. Das Licht an der Wand wurde schwächer, während sie schwiegen — man konnte es sehen, wenn man wusste, wohin man schauen musste, und Daan wusste es jetzt.

„Hilf mir hoch“, sagte sie.

Er half ihr hoch.

Sie war leicht wie Agatha im Wald. Alle, dachte Daan. Alle sind leichter, als man denkt.

Sie kniete sich neben den Hirsch, und der Hirsch hob endlich den Kopf, und einen Moment sahen sich die beiden an, wie sich zwei ansehen, die dieselbe Sprache sprechen und wissen, dass sie sie zum letzten Mal sprechen.

„Ich weiss“, sagte sie zu ihm. „Ich weiss doch. Geh.“

Sie legte beide Hände in sein Fell.

Und öffnete sie.

Das Licht ging nicht aus. Es ging. Es floss aus dem Geweih und aus dem weissen Fell und aus den klaren Augen, nach oben, nach Norden, durch die Wand, als wäre die Wand nie dort gewesen — und einen Herzschlag lang war der Hirsch wieder so gross und prächtig, wie er einmal gewesen sein musste, und der ganze Raum stand in kaltem, mildem Licht.

Dann war er fort.

Kein Körper. Kein Fell auf dem Boden. Nur eine Mulde in der Decke, wo sein Kopf gelegen hatte.

Und ein Mädchen auf den Knien.

Daan wartete.

Er wartete darauf, dass etwas geschah. Dass sie zusammenbrach, dass sie schrie, dass sie weinte. Dass sie ihn ansah und sagte, es sei ein Fehler gewesen.

Nichts davon geschah.

Die Prinzessin kniete auf dem Boden ihres Zimmers, und die Farbe kam langsam in ihr Gesicht zurück, und ihre Hände hörten auf zu zittern, und sie atmete tief und regelmässig, zum ersten Mal seit Wochen.

Sie lebte.

Und sie war leer.

Daan sah sie an, und er sah — nichts. Kein Leuchten, kein Faden, keine zweite Anwesenheit hinter ihren Augen. Nur ein Mädchen. Ein gewöhnliches, gesundes, atmendes Mädchen auf einem kalten Steinboden.

Er hatte sein Leben lang geglaubt, gewöhnlich zu sein sei das Schlimmste, was einem passieren kann.

Jetzt sah er zu, wie es jemandem tatsächlich passierte.

„Es ist so still“, sagte sie.

Sie sagte es ohne Vorwurf. Fast verwundert. Wie ein Kind, das aus einem Zimmer kommt, in dem immer Musik gespielt hatte, und feststellt, dass das Haus die ganze Zeit leer gewesen war.

„So still.“

Daan kniete sich zu ihr auf den Boden. Er wusste nichts zu sagen. Zum ersten Mal in seinem Leben störte ihn das nicht.

Nach einer Weile hob sie den Kopf.

„Ich heisse Elin“, sagte sie.

Und dann, weil er sie nicht verstand, und weil sie sah, dass er sie nicht verstand:

„Das ist alles, was übrig ist.“

Als Daan sich umdrehte, stand die Tür offen.

Im Gang, ganz still, mit beiden Händen an der Wand, stand Liv.

Sie hatte alles gesehen.

Und Daan, der Dinge sah, die andere nicht sahen, brauchte seine Gabe nicht, um in ihrem Gesicht zu lesen, was dort geschrieben stand.

Niemals.

Was keiner sieht · Kapitel 15

Die Rechnung

Sie feierten nicht.

Das war das Merkwürdigste an diesem Reich: Ihre Prinzessin lebte, sie stand auf eigenen Beinen, sie ass und schlief und atmete — und niemand feierte.

Man war höflich. Man war dankbar. Man wusste nur nicht, wohin mit ihr. Vor einer Woche war sie eine Erwählte gewesen, ein Zeichen, ein Stolz. Jetzt war sie ein Mädchen. Und die Leute sahen sie an, wie man jemanden ansieht, der von einer sehr langen Reise zurückkommt und dabei etwas verloren hat, worüber man nicht spricht.

Elin brachte sie selbst zum Tor.

„Danke“, sagte sie zu Daan.

„Das haben schon einmal Leute zu mir gesagt“, sagte Daan. „Es endet selten gut.“

Sie lächelte nicht. Aber sie legte ihm kurz die Hand auf den Arm, und ihre Hand war warm und gewöhnlich und ganz und gar lebendig.

„Wenn du je jemandem dasselbe sagen musst“, sagte sie, „dann sag es früher. Ich hätte gern mehr Zeit gehabt, um mich davon zu verabschieden.“

Daan nickte.

Er sah nicht zu Liv hinüber. Er musste nicht. Er spürte, wie sie hinter ihm stand und nicht atmete.

Sie flogen und ritten und gingen zwei Tage zurück, und Richard redete die ganze Zeit.

„Ich sage euch, das war es!“, rief er vom Rücken seines Drachen herunter, während Daan und Agatha unten am Waldrand entlanggingen. „Erste Mission! Prinzessin gerettet! Man wird Lieder darüber schreiben. Schlechte Lieder, aber immerhin.“

„Richard —“

„Und weisst du, was das Beste ist?“ Er beugte sich so weit herunter, dass sein Drache empört schnaubte. „Ich habe überhaupt nichts getan. Gar nichts! Der beste Held ist der, der auftaucht und dann zusieht, wie ein Junge ganz ohne Wesen die Arbeit macht.“

Er lachte über seinen eigenen Witz, laut und breit und ohne jede Bosheit, und Daan sah zu ihm hinauf und dachte: Er weiss es nicht.

Er weiss nicht, dass der Drache, auf dem er sitzt, ihn eines Tages umbringen wird. Er weiss nicht, dass es das Freundlichste wäre, ihn zu verlassen. Er weiss gar nichts, und er ist der glücklichste Mensch im Umkreis von hundert Meilen.

„Richard“, sagte Daan noch einmal. „Ich muss dir etwas —“

Eine Hand schloss sich um sein Handgelenk.

„Nicht“, sagte sie.

Sie sagte es sehr leise. Ihr Griff war fest.

„Liv, er hat ein Recht —“

„Und dann?“ Ihre Augen waren trocken und hart. „Dann weiss er es. Und dann tut er es vielleicht. Er ist genau der Mensch, der es tun würde, Daan — der lacht und seinem Drachen auf die Nase klopft und ihn ziehen lässt und am Abend wieder Witze macht.“ Ihre Stimme zitterte ein einziges Mal. „Und dann bin ich die Einzige, die es nicht kann.“

Da war es.

Daan sah sie an, und sie liess seinen Arm los und wandte sich ab und tat, als müsste sie am Sattel etwas richten, das nicht falsch war.

„Liv.“ Er ging ihr nach. „Über dein Pferd. Als ich es angesehen habe — ich muss dir sagen, dass ich —“

„Nein.“

„Ich habe nicht —“

Nein, Daan.“

Sie drehte sich um. Und ihr Gesicht war ganz ruhig, und in ihren Augen stand genau das, was in Agathas Augen gestanden hatte, in einem Zimmer voller nutzloser Kräuter.

Sag es nicht.

Und Daan, der sich eine Stunde vorher geschworen hatte, nie wieder zu schweigen, schwieg.

So wurden sie zu zweit.

Die Schule empfing sie mit Glocken, und es war lächerlich, und Daan hasste jeden einzelnen Ton.

Die Anwärter standen am Rand des Hofes und starrten — dieselben, in deren stillem, äusserem Ring er drei Jahre lang gestanden hatte. Jetzt starrten sie ihn an. Den Jungen, der eine Prinzessin gerettet hatte.

Er hatte sich das ungefähr tausendmal vorgestellt.

Er hatte es sich schöner vorgestellt.

Der Obermagier wartete auf den Stufen.

Er lächelte, als sie kamen. Er lächelte immer. Und er sah Daan an, und Daan brauchte keine Gabe, um zu wissen, dass dieser alte Mann bereits alles wusste — jede Einzelheit, den Hirsch, das Fenster, die offenen Hände auf dem Steinboden.

Und Daan wusste, dass er auch die Lüge wusste.

„Sie lebt“, sagte der Obermagier.

„Sie ist leer“, sagte Daan.

Es kam heraus wie eine Anklage. Er hatte es nicht so gemeint. Doch, er hatte.

Der Obermagier nickte langsam, als wäre das eine sehr vernünftige Bemerkung.

„Ja“, sagte er. „Sie ist leer. Und sie ist am Leben.“ Er legte Daan die Hand auf die Schulter, dorthin, wo der Käfer sass, und sein Griff war leicht und warm und vollkommen ruhig. „Das ist die Rechnung, mein Junge. Sie geht nicht schön auf. Sie geht nur auf.“

„Und wenn ich sie nicht mag, Ihre Rechnung?“

„Dann bist du ein Mensch mit einem Gewissen“, sagte der Obermagier freundlich, „und ich beneide dich. Ich hatte auch einmal eines.“

Er sagte es ohne jede Bitterkeit. Das war das Schlimme daran.

Daan machte einen Schritt zurück, weg von der Hand auf seiner Schulter.

„Sie haben gewusst, was wir finden würden“, sagte er. „Sie haben uns hingeschickt. Sie haben mich hingeschickt. Damit ich es sehe.“

„Ja.“

Kein Zögern. Kein Ausweichen. Nur: ja.

Und irgendetwas an dieser Ehrlichkeit war schlimmer als jede Lüge, die man Daan an diesem Tag erzählt hatte — und man hatte ihm einige erzählt, und eine davon hatte er selbst gesagt.

„Warum?“, fragte er.

Der Obermagier sah eine Weile über den Hof, über die Anwärter, über die leuchtenden Wesen, die zwischen ihnen standen wie ein Wald aus Fackeln.

„Weil du es glauben musstest“, sagte er. „Und man glaubt nichts, was man nicht gesehen hat.“

Dann, ganz beiläufig, während er sich schon zum Gehen wandte:

„Die Prinzessin war übrigens nicht die Erste, die ihr Wesen gehen liess.“

Daan stand ganz still.

„In diesem Jahr“, sagte der Obermagier, „war sie die Dritte.“

Was keiner sieht · Kapitel 16

Der Fluss steht still

„Ein Bach“, sagte Liv.

„Ein Bach“, bestätigte Agatha.

„Wir haben eine Prinzessin gerettet.“

„Und jetzt rettet ihr einen Bach.“

Liv stand mitten im Hof, und Daan hätte für dieses Gesicht sein halbes Leben gegeben. Sie war fassungslos. Sie war so fassungslos, dass sie ganz vergass, schön zu sein, und stattdessen aussah wie ein sehr empörtes Kind.

„Wir sind Beschützer des Reiches“, sagte sie.

„Und das Reich“, sagte Agatha, „besteht zu einem beträchtlichen Teil aus Bächen.“

„Ich liebe Dörfer“, sagte Richard.

Alle drehten sich zu ihm um.

„Was denn?“ Er zuckte die Schultern. „Dörfer geben einem Kuchen. Das machen Prinzessinnen nie. Prinzessinnen liegen im Bett und sind dramatisch. Dörfer geben einem Kuchen und nennen einen junger Herr.“

„Du bist ein Idiot“, sagte Liv.

„Ich bin ein Idiot mit Kuchen.“

Und Liv lachte.

Es rutschte ihr heraus, gegen ihren Willen, ein kurzes helles Lachen, und dann sah sie zu Daan hinüber, um zu sehen, ob er es gehört hatte, und lächelte ihn an.

Sie lächelte ihn seit neun Tagen an.

Seit er ihr gesagt hatte, dass ihrem Pferd nichts fehlt.

Daan lächelte zurück.

„Ihr geht nicht allein“, sagte Agatha. „Alexia begleitet euch.“

Und da lief Daan zum ersten Mal seit Tagen etwas Warmes über den Rücken, das nicht wehtat.

Alexia lehnte an der Stalltür, wo sie vermutlich schon die ganze Zeit gestanden hatte, mit einem Becher Tee in der Hand.

Sie war vielleicht fünfzig. Sie hatte graue Strähnen und einen Besen aus Eschenholz über der Schulter, und sie sah aus, als könne sie nichts auf dieser Welt aus der Ruhe bringen.

„Guten Morgen, Wunderkinder“, sagte sie.

Es dauerte zwei Tage bis zu dem Dorf, und es waren die zwei besten Tage in Daans Leben.

Er wusste, dass das ein furchtbarer Satz war. Er wusste, dass er ihn irgendwann bezahlen würde. Er dachte trotzdem nicht daran, denn Richard sang falsch, und Liv warf ihm Äpfel an den Kopf, damit er aufhörte, und Alexia flog neben ihnen her, im Schneidersitz auf einem Besenstiel, und trank Tee.

„Wie machen Sie das?“, fragte Daan irgendwann.

„Was?“

„Der Tee. Sie fliegen. Er schwappt nicht.“

„Neunundzwanzig Jahre Übung“, sagte Alexia.

„Neunundzwanzig Jahre, um Tee nicht zu verschütten?“

„Neunundzwanzig Jahre, um überhaupt zu fliegen. Der Tee kam später.“ Sie trank einen Schluck. „Du bist seit zwei Wochen erwählt — von einem Glühwürmchen, sagt man —, und du siehst durch Wände. So ist es eingerichtet. Iss deinen Apfel. Er wird sonst braun.“

Sie sagte es ohne einen Funken Bitterkeit. Das war das Merkwürdige daran.

Und sie fragte nicht nach, was Daan dankbar zur Kenntnis nahm. Es fragte nie jemand nach. Man sah einen Jungen ohne Wesen, man dachte sich seinen Teil, und man ging weiter.

Das Dorf hiess Ellenbrück, und es hatte keinen Bach mehr.

Es hatte ein Bachbett — hübsch, sauber, mit runden Steinen und einer kleinen Brücke, unter der man sich hätte küssen können. Und darin war nichts als Staub.

Der Bürgermeister erklärte es umständlich. Die Mühle stehe. Die Ziegen hätten Durst. Es sei alles sehr schlimm.

Richard bekam Kuchen.

Sie gingen flussaufwärts.

Und nach einer Stunde wurde der Wald anders.

Daan spürte es zuerst, weil er alles zuerst spürte: den Käfer, der auf seiner Schulter kalt wurde. Die Vögel, die aufhörten. Das Licht, das zwischen den Bäumen hing — nicht golden, wie im Auswahlwald, sondern in einem sehr blassen, sehr müden Grün.

„Hier stimmt was nicht“, sagte Liv leise.

„Hier stimmt eine ganze Menge nicht“, sagte Alexia, und sie stieg von ihrem Besen, und sie stellte den Teebecher ab, und Daan begriff in diesem Moment, dass er den Ernstfall noch nie erlebt hatte.

Sie fanden es hinter der nächsten Biegung.

Der Damm war aus Ästen und Steinen, aus Wurzeln und Schlamm, und er war ungefähr so hoch wie Richard und so breit wie ein Haus.

Und er war schön.

Das war es, was Daan nicht in Worte fassen konnte. Er war nicht zusammengeworfen. Er war gebaut — die Steine lagen in Bögen, die Äste in Mustern, und in der Mitte, wo das Wasser sich sammelte, hatte jemand mit Kieseln eine Form gelegt, die Daan nicht kannte und die ihm trotzdem etwas tat.

Und auf dem Damm sass das Wesen.

Es war etwa so gross wie ein Hund. Es hatte zu viele Beine und viel zu grosse Augen, und es leuchtete in einem sanften, silbrig-grünen Licht, das im Wasser tanzte.

Es sah sie an.

Und es rührte sich nicht.

„Ein Wesen“, flüsterte Liv. „Ein leuchtendes Wesen. Aber — wem gehört es?“

„Niemandem“, sagte Alexia.

Sie sagte es ganz ruhig, und sie liess dabei den Blick nicht von dem Tier.

„Es kommt vor. Selten. Manche kommen aus dem Wald und werden nie gewählt.“ Sie legte den Kopf schief. „Dann wandern sie eben.“

„Und was tun die dann?“, fragte Richard.

„Nichts“, sagte Alexia. „Sie tun gar nichts. Sie sind einfach da.“

Richard, der niemals nachdachte und deshalb oft als Erster verstand, sah das kleine leuchtende Tier auf seinem grossen, sinnlosen, wunderschönen Damm an.

„Das ist das Traurigste, was ich je gehört habe“, sagte er.

Liv wollte es verjagen, und es liess sich nicht verjagen. Richard wollte mit ihm reden, und es antwortete nicht. Der Drache brüllte einmal versuchsweise, und das Wesen zuckte nicht einmal, was Richard tief kränkte.

Und dann tat Alexia etwas, wofür Daan sie nie vergessen würde.

Sie setzte sich ans Ufer, krempelte die Ärmel hoch und fing an, das Wasser umzuleiten.

Mit den Händen.

Zwei Stunden lang. Stein für Stein grub sie einen neuen Lauf, eine flache Rinne um den Damm herum, und wo der Boden zu hart war, legte sie die Handfläche darauf und murmelte etwas, und die Erde gab nach wie warmer Teig. Es war die unspektakulärste Magie, die Daan je gesehen hatte. Es sah aus wie Gartenarbeit.

Und als sie fertig war, floss der Bach.

Er floss um den Damm herum, unter der Brücke durch, zu den Ziegen und zur Mühle und zum Bürgermeister von Ellenbrück.

Und das Wesen sass immer noch auf seinem Damm, in seinem eigenen kleinen, stehenden Teich, den ihm niemand genommen hatte.

„Warum haben Sie es nicht einfach fortgejagt?“, fragte Liv.

Alexia wusch sich den Schlamm von den Händen.

„Weil es niemandem wehtut“, sagte sie. „Und weil es das Einzige ist, was es hat.“

Sie stand auf, nahm ihren Besen und ihren Tee, und ging.

Und die drei mächtigsten Kinder des Reiches, mit einem Drachen, einem leuchtenden Pferd und einem Käfer, der durch Wände sah, trotteten hinter ihrer Lehrerin her wie Enten.

Daan blieb als Letzter stehen.

Er drehte sich noch einmal um.

Das Wesen sass auf seinem Damm, mitten in seinem sinnlosen, sorgfältig gebauten, wunderschönen kleinen Nichts.

Und es sah nicht ihn an.

Es sah an ihm vorbei, zwischen den Bäumen hindurch, mit diesen viel zu grossen Augen, in eine Richtung, in der es nichts gab als Wald.

Nach Norden.

Daan runzelte die Stirn.

Dann rief Richard, dass es im Dorf Kuchen gebe, und er lief den anderen nach, und er dachte an das Wesen keinen einzigen Gedanken mehr.

Erst viel später, sehr viel später, in einem flachen schwarzen Wasser, würde er sich daran erinnern.

Was keiner sieht · Kapitel 17

Die Grenze

Die zweite Mission war noch langweiliger als die erste, und Daan hätte nie gedacht, dass er dafür einmal dankbar sein würde.

Sie sollten einen Wagen begleiten. Getreide, Zoll, Verträge — irgendetwas mit Siegeln. Zwei Tage nach Süden, an die Grenze, Übergabe, zurück. Agatha hatte es in vier Sätzen erklärt, und Daan hatte nach dem zweiten aufgehört zuzuhören.

„Warum wir?“, hatte Liv gefragt.

„Weil man Erwählte zeigt“, hatte Agatha gesagt. „So wie man einen Ring zeigt.“

Man hatte ihnen Pferde gegeben — gewöhnliche, geduldige Tiere, die weder leuchteten noch Feuer spuckten. Daans war das geduldigste von allen.

Sie ritten am zweiten Tag durch flaches Land, und Daan fragte Alexia, wem der Wald eigentlich gehöre.

Er fragte es aus keinem besonderen Grund. Er fragte es, weil er redete, wenn er zu Pferde sass, so wie andere Leute summen.

„Niemandem“, sagte Alexia.

„Wie, niemandem? Er liegt doch bei uns.“

„Er liegt zwischen uns.“ Sie deutete mit dem Teebecher nach Süden, dann nach Norden. „Vier Königreiche stossen dort zusammen. Der Wald gehört keinem davon. Es gibt einen Vertrag, er ist ungefähr tausend Jahre alt, und er sagt: Jedes Reich darf seine Anwärter schicken.“

Richard runzelte die Stirn. „Aber die anderen haben doch fast keine Erwählten.“

„Nein“, sagte Alexia. „Haben sie nicht.“

„Warum nicht?“

Alexia trank ihren Tee.

„Weil wir die Zeremonie ausrichten“, sagte sie.

Und dann sagte sie nichts mehr dazu, und Richard fragte, ob es an der Grenze auch Kuchen gebe, und Daan lachte, und der Satz fiel hinter ihnen ins Gras wie ein Stein in einen Brunnen, und keiner von ihnen hörte, wie tief er fiel.

Die Grenze war ein Fluss und eine Brücke und zwei Fahnen.

Auf der anderen Seite wartete die Abordnung des Königs.

Und Daan brauchte ungefähr drei Herzschläge, um zu begreifen, dass etwas nicht stimmte.

Es war nichts Offensichtliches. Sie waren höflich. Sie waren sogar sehr höflich. Ein Schreiber verbeugte sich, ein Hauptmann grüsste, die Siegel wurden verglichen.

Es waren die Soldaten.

Es standen zwölf von ihnen am Brückenkopf, und sie waren keine Magier — Daan sah es sofort, es war kein Licht in ihnen, nicht das kleinste Sickern —, und sie sahen aus wie Menschen, die sehr lange sehr harte Arbeit getan hatten. Narben. Ruhige Hände. Und Augen, die nicht auf Daans Gesicht landeten, sondern auf seiner Schulter, seinen Knien, seinem Sattelgurt.

Sie sahen ihn an, wie man ein Pferd ansieht, das man kaufen will.

Und sie sahen den Drachen an.

Das war das Schlimmste.

Richards Drache war ein Berg. Er war rot und riesig und er atmete, und in jedem Dorf, durch das sie kamen, rannten die Kinder weg und die Erwachsenen bekreuzigten sich.

Diese zwölf Männer sahen ihn an, und keiner von ihnen wich einen Schritt zurück.

„Ihr seid der Junge, der sieht“, sagte der Hauptmann.

„Berühmt in vier Königreichen“, sagte Daan. „Meine Mutter wäre stolz, wenn sie es noch erlebt hätte, dass mich jemand für etwas anderes als Frechheit kennt.“

Der Hauptmann lächelte nicht.

„Ihr habt unsere Prinzessin gerettet“, sagte er. „Das Reich ist Euch dankbar.“

„Es war eine Gemeinschaftsleistung.“

„Wie habt Ihr es gemacht?“

Es kam ganz beiläufig. Es kam so beiläufig, wie man nach dem Weg fragt.

„Der Hirsch“, sagte der Hauptmann. „Er ist fort, nicht wahr? Und die Prinzessin lebt. Man erzählt, sie sei jetzt —“ er suchte nach einem höflichen Wort und fand keines, „— ohne.“

„Sie ist am Leben“, sagte Daan.

„Gewiss. Aber wie löst man so etwas?“ Der Mann trat einen halben Schritt näher. „Trennt man es? Nimmt man es weg? Kann man das —“

„Hauptmann.“

Alexia hatte sich nicht bewegt. Sie sass auf ihrem Pferd, den Becher in der Hand, und ihre Stimme war so freundlich wie immer.

„Die Siegel stimmen. Das Getreide ist gezählt. Es war ein warmer Tag, und wir haben einen weiten Weg.“

Der Hauptmann sah sie an.

Dann verbeugte er sich, und das Lächeln kam zurück, und er sagte, natürlich, selbstverständlich, gute Reise.

Und Daan sah, dass der Mann sich jedes Wort gemerkt hatte.

Sie waren schon halb gewendet, als die Frau vortrat.

Sie war unter den Soldaten gewesen, und Daan hatte sie nicht bemerkt, was ihm nie passierte und ihm später noch oft durch den Kopf gehen würde. Sie war nicht gross. Sie war nicht auffällig. Sie hatte einen Bogen auf dem Rücken und graue Augen, die vollkommen ruhig waren.

Sie ging an Daan vorbei, ohne ihn anzusehen.

Sie ging zu Liv.

Und sie blieb vor dem blauen Pferd stehen und sah es an.

Nicht ehrfürchtig. Nicht ängstlich. Sie sah es an, wie ein Schmied ein Schwert ansieht: den Hals, die Sehnen, den Ansatz der Schulter. Sie ging einmal langsam um es herum. Liv sass ganz still im Sattel und wusste offensichtlich nicht, ob sie sich geschmeichelt oder bedroht fühlen sollte.

„Wie schnell ist es?“, fragte die Frau.

„Schneller als alles, was Sie je gesehen haben“, sagte Liv, und da war der alte Hochmut.

Die Frau nickte, als hätte sie eine nützliche Auskunft erhalten.

„Das dachte ich mir.“

Sie trat einen Schritt zurück und sah zu Liv hinauf, und zum ersten Mal veränderte sich etwas in ihrem Gesicht. Es war kein Lächeln. Es war etwas Wärmeres und viel Schlimmeres.

Es war Respekt.

„Ich habe mein Leben lang trainiert“, sagte sie. „Zweiunddreissig Jahre. Und ich werde nie so sein wie du.“

Liv sagte nichts.

„Das ist keine Klage“, sagte die Frau. „Es ist einfach so. Man bekommt, was man bekommt, und dann macht man das Beste daraus.“ Sie legte den Kopf ein wenig schief. „Wenn es je dazu käme — du und ich —, dann wärst du mir eine Ehre.“

Und dann, ganz beiläufig, im Weggehen:

„Ich heisse Mara. Merk es dir nicht. Es ist nur höflich.“

Sie ritten nach Norden, und es war ein schöner Abend.

Richard fand die ganze Sache grossartig. Zwölf Mann, sagte er immer wieder, und keiner sei zurückgewichen — das seien mal Männer. Liv war den halben Weg still und dann plötzlich sehr gesprächig, und Daan merkte, dass sie das Kompliment mit sich herumtrug wie einen warmen Stein.

Nur Alexia sagte nichts.

Sie ritt vorneweg, sehr aufrecht, und ihr Teebecher war leer, und sie füllte ihn nicht nach.

Daan trieb sein Pferd neben ihres.

„Was ist?“, sagte er.

„Nichts.“

„Alexia.“

Sie sah ihn an, und Daan, der Dinge sah, die andere nicht sahen, sah etwas in dem Gesicht seiner Lehrerin, das er dort noch nie gesehen hatte und von dem er nicht gewusst hatte, dass es dort überhaupt hineinpasste.

Angst.

„Zwölf Männer“, sagte Alexia, „stehen vor einem Drachen, und keiner rührt sich.“

Sie sah wieder nach vorn.

„Frag dich, wie oft man das üben muss.“

Was keiner sieht · Kapitel 18

Der alte Mann und sein Bär

„Es ist eine Ehre“, sagte Agatha.

„Es ist ein Höflichkeitsbesuch“, sagte Liv.

„Es ist beides. Junge Erwählte besuchen alte. So ist es immer gewesen.“ Agatha rollte die Karte auf. „Halvar. Sieben Tage nach Norden. Er ist seit fünfzig Jahren Beschützer des Reiches, und seit zwölf hat ihn niemand mehr gesehen.“

„Warum nicht?“

„Weil er nicht kommt, wenn man ihn ruft“, sagte Agatha, „und weil er alt genug ist, dass man ihn nicht zwingt.“

Der Norden war schön.

Daan hatte nicht gewusst, dass die Welt so gross war. Sie ritten sieben Tage lang, und das Land wurde weit und leer und kalt, die Wälder wurden dünner, die Himmel höher, und am fünften Abend sahen sie einen ganzen Schwarm von etwas Leuchtendem über einen zugefrorenen See ziehen, sehr hoch, sehr weit weg, und niemand konnte sagen, was es war.

Richard weinte fast.

„Ich wusste nicht, dass es so was gibt“, sagte er immer wieder. „Ich wusste das nicht.“

Am sechsten Tag sah Daan die Gestalt.

Sie stand zwischen zwei Bäumen am Kamm des Hügels, sehr weit oben, und sie war silbern, und sie stand vollkommen still.

„Da“, sagte Daan.

Alle drehten sich um.

Da war nichts. Nur Bäume und ein grauer Himmel.

„Da war jemand“, sagte Daan.

„Da war ein Baum“, sagte Liv.

„Er war silbern.“

„Bäume sind hier oben grau, Daan. Das ist ein bekanntes Phänomen.“

Richard lachte, und Liv lachte, und Daan sah noch einmal hinauf und sah nichts, und er ritt weiter und war sich nicht mehr sicher.

Nur Alexia sagte kein Wort und sah den ganzen Nachmittag nicht mehr zum Kamm hinauf.

Halvar wohnte in einer Kate am Ende eines Tales, und er hatte zwei Zähne, und er lachte, als er sie kommen sah.

„Kinder!“, brüllte er. „Sie schicken mir Kinder!“

Er war siebzig und krumm wie eine Wurzel, und er umarmte alle drei, ob sie wollten oder nicht, und er roch nach Rauch und nassem Hund, und in seiner Kate war es so warm, dass Daan sofort schläfrig wurde.

Er machte ihnen Suppe.

Er stellte Liv drei Fragen über ihr Pferd und hörte bei allen dreien wirklich zu. Er verwickelte Richard in eine Diskussion über Schafe, die eine Stunde dauerte und in der beide sehr glücklich waren.

Und dann, mitten im Satz, hörte er auf zu reden und sah Daan an.

Genauer: Er sah Daans Schulter an.

Er kniff die Augen zusammen, beugte sich vor, und dann pfiff er leise durch die Zahnlücke.

„Na“, sagte er. „Du bist ja mal was Kleines.“

Daan sass da, mit dem Löffel auf halbem Weg zum Mund, und rührte sich nicht.

Drei Menschen auf dieser Welt hatten den Käfer gesehen, ohne dass man sie mit der Nase darauf gestossen hätte. Der erste war der oberste Magier des Reiches. Der zweite hatte vierzehn Jahre lang nichts anderes getan, als Bindungen zu suchen.

Der dritte war ein siebzigjähriger Mann mit zwei Zähnen in einer Kate am Ende eines Tales.

„Sie sehen ihn“, sagte Daan.

„Natürlich sehe ich ihn.“

„Es sieht ihn keiner. Zweihundert Leute an meiner Schule sehen ihn nicht.“

Und Halvar löffelte seelenruhig weiter.

„Zweihundert Leute an deiner Schule schauen nicht hin, Junge“, sagte er. „Das ist ein Unterschied, und er ist grösser, als du glaubst.“

Und Daan mochte ihn von diesem Augenblick an mehr als die meisten Menschen, die er kannte.

Und in der Ecke, vor dem Feuer, lag der Bär.

Er war riesig. Er musste einmal ungeheuerlich gewesen sein — ein Tier, das man auf Wappen malt. Jetzt lag er auf einer Decke, mit dem Kopf auf den Pfoten, und atmete langsam.

Und er leuchtete kaum noch.

Daan sah ihn an.

Und der Raum und das Feuer rückten fort.

Und er sah, was er in einem überheizten Zimmer in einem fremden Schloss schon einmal gesehen hatte: die klaren Augen, die nicht trüb waren. Das Licht, das mit jedem Atemzug ein Stück dünner wurde. Und den Kopf, der ganz leicht zur Seite geneigt war, zur Wand hin, hinter der nichts war als Schnee.

Nach Norden.

Daan stellte den Löffel ab.

„Halvar“, sagte er. Seine Stimme klang seltsam. „Ihr Bär —“

„Ich weiss“, sagte Halvar.

Es war so einfach, dass Daan einen Moment brauchte.

„Sie —“

„Seit sechs Jahren“, sagte der alte Mann. Er blies auf seine Suppe. „Vielleicht sieben. Er hört es schon lange. Zuerst nur nachts. Jetzt immer.“

Liv sah von einem zum anderen. „Wovon redet ihr?“

Und Halvar sah sie an, und dann sah er Daan an, sehr genau, mit den Augen eines Menschen, der siebzig Jahre lang Leute angesehen hat.

„Nichts, Mädchen“, sagte er freundlich. „Iss deine Suppe.“

Später, als die anderen schliefen, sass Daan mit dem alten Mann am Feuer.

„Sie können ihn gehen lassen“, sagte Daan leise. „Es gibt einen Weg. Ich habe es gesehen. Man lässt ihn los, und er geht nach Hause, und man —“

„— und man lebt“, sagte Halvar. „Ja.“

„Sie wissen es.“

„Junge.“ Halvar lachte leise. „Ich bin seit fünfzig Jahren mit ihm zusammen.“

Daan sah ins Feuer.

„Dann verstehe ich nicht, warum Sie —“

„Weil ich siebzig bin.“

Der alte Mann streckte die Beine aus. In der Ecke seufzte der Bär und legte den Kopf anders.

„Wenn ich ihn heute gehen lasse, dann sitze ich hier noch drei Winter, vielleicht vier. Allein. Ohne Gabe, ohne ihn, mit kaputten Knien.“ Er zuckte die Schultern. „Oder ich gehe mit ihm. Er heim, ich fort. Am selben Tag. Nach fünfzig Jahren.“

Er sah Daan an.

„Das ist kein Opfer, Junge. Das ist ein guter Schluss. Verwechsle die beiden nicht.“

Und Daan sass da und hatte auf einmal einen Kloss im Hals, den er nicht erklären konnte.

„Aber ein Mädchen von sechzehn“, sagte Halvar, und seine Stimme wurde ernst, „mit fünfzig Jahren vor sich —“

Er beugte sich vor.

„Die muss loslassen. Die muss es tun. Und wenn du je dabei bist, wenn es jemandem passiert, dann hör mir jetzt gut zu.“

„Rede ihr nicht zu. Erklär ihr nichts. Sag ihr nicht, sie soll tapfer sein — es hat nichts mit Mut zu tun, und wer glaubt, er müsse tapfer sein, der macht es zu früh und bereut es sein Leben lang. Und wer wartet, bis er es nicht mehr aushält, der macht es zu spät.“

Das Feuer knackte.

„Es gibt genau einen richtigen Augenblick“, sagte Halvar. „Und er fühlt sich nach überhaupt nichts an.“

Er hob seine alte, schwere, zerschundene Hand, die Handfläche nach oben, und liess die Finger auseinandergehen. Ganz langsam. Ganz leicht.

„Wie eine Hand, die aufgeht“, sagte er. „Mehr ist es nicht.“

Daan sah auf die offene Hand des alten Mannes und verstand kein Wort.

Er würde noch monatelang nicht verstehen, was er da gehört hatte.

Er würde es erst begreifen, viel später, in einem flachen schwarzen Wasser, wenn ein Mädchen neben ihm stünde und ihre Finger sich in eine Mähne krallten, und er den Mund aufmachen wollte, um ihr zuzureden — und ihn wieder zumachte.

„Halvar“, sagte er.

„Hm.“

„Bereuen Sie es?“

Der alte Mann sah zu dem sterbenden Bären hinüber, der fünfzig Jahre lang neben ihm hergegangen war.

„Keine einzige Stunde“, sagte er.

Dann, nach einer Weile, ohne sich umzudrehen:

„Du trägst noch etwas, Junge.“

Daan erstarrte.

„Ich weiss nicht, was Sie —“

„Doch“, sagte Halvar. „Weisst du.“

Er stand ächzend auf, klopfte Daan im Vorbeigehen zweimal auf die Schulter — genau dort, wo der Käfer sass — und ging zu Bett.

Sie brachen im Morgengrauen auf.

Halvar stand vor der Kate und winkte, bis sie hinter dem Hügel verschwanden, und der Bär kam nicht heraus.

Richard weinte auf halber Höhe des Passes, ohne dass jemand etwas gesagt hätte, und schämte sich nicht dafür. Liv ritt sehr aufrecht und sagte drei Stunden lang kein Wort.

Dann, kurz vor dem Kamm, liess sie ihr Pferd zurückfallen, bis sie neben Daan war.

„Was hat er gesehen?“, sagte sie.

„Wie bitte?“

„Der alte Mann. Beim Essen. Er hat mitten im Satz aufgehört zu reden und deine Schulter angestarrt, und du bist weiss geworden.“ Sie sah geradeaus. „Ich bin nicht dumm, Daan.“

Und Daan ritt eine Weile schweigend weiter.

Er hätte einen Witz machen können. Er hatte drei im Kopf, und alle drei waren gut.

„Halt an“, sagte er.

Sie hielten an, am Rand eines Weges im Schnee, während Richard ahnungslos weiterritt und irgendwas über Schafe vor sich hin sang.

Daan schob den Kragen zur Seite.

„Sieh hin“, sagte er. „Sieh richtig hin.“

Und Liv beugte sich vor, und sie kniff die Augen zusammen, und dann sah Daan, wie sie ihn fand.

Sie sagte eine ganze Weile nichts.

„Das ist ein Käfer“, sagte sie schliesslich.

„Ja.“

„Das ist dein Wesen.“

„Ja.“

„Und alle glauben, dich hat ein Glühwürmchen gewählt.“

„Ja.“

Liv richtete sich im Sattel auf, und ihr Gesicht war ganz merkwürdig.

„Warum sagst du es ihnen nicht?“

„Weil sie ihn nicht sehen würden“, sagte Daan. „Ich könnte mich auf den Tisch stellen und schreien, und sie würden auf meine Schulter starren, und sie würden nichts sehen. Und dann hätte ich es versucht — und das ist schlimmer.“

Er zog den Kragen wieder hoch.

„Es ist leichter, ein Witz zu sein, den man selbst gemacht hat.“

Liv sah ihn an.

Und dann streckte sie die Hand aus und legte sie ihm ganz kurz auf die Schulter — genau dort, wo der Käfer sass, ohne ihn zu berühren, als wüsste sie das ganz genau.

„Ich sehe ihn“, sagte sie.

Und ritt weiter.

Und Daan sass noch einen Moment auf seinem Pferd im Schnee und musste sich zusammenreissen.

Und Daan drehte sich am Kamm noch einmal um.

Unten im Tal lag die Kate, klein und braun, mit ihrem dünnen Rauchfaden.

Und am Waldrand, keine hundert Schritte von der Tür entfernt, stand eine Gestalt in Silber und sah zu dem Haus hinüber.

Sie hob den Bogen nicht.

Sie stand einfach da, sehr lange, mit hängenden Armen, wie jemand, der gekommen ist, um etwas zu tun, und es nicht tut.

Dann ging ein Windstoss über den Kamm, und der Schnee wirbelte auf, und als er sich legte, war der Waldrand leer.

Was keiner sieht · Kapitel 19

Der Abstand

Berühmt zu sein war nicht das, was Daan erwartet hatte.

Vor allem, weil er es nicht war.

Berühmt waren Liv und Richard. Sie waren durch die Luft geflogen, um eine Prinzessin zu retten — ein blaues Pferd, ein roter Drache, zwei strahlende Sechzehnjährige. Man hatte im Hof drei Tage lang nichts anderes gehört.

Und Daan war der Junge, der nebenher gelaufen war.

„Warst du überhaupt dabei?“, fragte ihn ein Anwärter aus dem ersten Jahrgang, ganz ohne Bosheit, mit ehrlicher Neugier.

„Ich war der Erste im Zimmer“, sagte Daan.

„Und was hast du gemacht?“

Und Daan öffnete den Mund und schloss ihn wieder.

Ich habe hingesehen, dachte er. Ich habe hingesehen, und ich habe gesagt, was ich sah, und ein Mädchen hat einen Hirsch fortgeschickt und lebt jetzt.

Er sagte es nicht. Er konnte es nicht sagen, ohne alles zu sagen.

„Ich habe Suppe gekocht“, sagte er.

Der Junge lachte und lief davon, und in der Woche darauf erzählte man sich an der Schule, Daan habe der Prinzessin Suppe gekocht, und es hielt sich hartnäckig, und irgendwann fand Daan es sogar komisch.

Denn das war die Lage.

Es gab in diesem Reich vierzig Erwählte mit einem Wesen — und einen mit gar nichts.

Sie hatten es alle gesehen: Der freche Junge war mit einem Glühwürmchen in den Kreis getreten. Der Obermagier hatte gelacht und ihn nach dem Buchstaben des Gesetzes durchgehen lassen. Und das Glühwürmchen war noch am selben Abend davongeflogen, wie Glühwürmchen es tun.

Also war Daan ein Erwählter ohne Erwähltes.

Ein Formfehler mit Beinen.

Niemand war böse zu ihm. Das machte es schlimmer. Sie waren nett — auf jene besondere Art, mit der man mit jemandem umgeht, der bei einem Wettbewerb versehentlich einen Preis gewonnen hat und es noch nicht gemerkt hat.

Und der Käfer sass auf seiner Schulter, klein und schwarz und kaum grösser als ein Regentropfen, und niemand sah ihn.

Niemand sah ihn je.

Nicht, weil er sich versteckte. Er versteckte sich überhaupt nicht — er sass da, mitten auf seiner Schulter, jeden Tag, vor zweihundert Menschen.

Sie schauten einfach nicht hin.

Man schaut nicht hin. Nicht bei einem Käfer, nicht bei einem Kind im äusseren Ring, nicht bei einem Bauernmädchen im Graben.

Das war die erste Regel dieser Welt, und Daan hatte sie sein Leben lang am eigenen Leib gelernt, und jetzt trug er sie auf der Schulter herum.

Aber Daan schaute hin. Er konnte gar nicht anders; das war ja seine ganze Gabe.

Und deshalb bemerkte er in dieser Woche das Mädchen.

Sie war aus dem ersten Jahrgang und so klein, dass man sie für zwölf hielt, und sie stand immer dort, wo die anderen gerade nicht standen. Beim Essen sass sie am Ende der Bank. Im Hof lehnte sie an der Mauer. Sie sagte nichts, sie fragte nichts, sie lachte nicht mit, und wenn jemand in ihre Richtung sah, sah sie weg, schnell, wie jemand, der gelernt hat, dass Bemerktwerden nichts Gutes bedeutet.

Auf ihrem Finger sass ein Vogel, winzig und golden, kaum grösser als ein Daumen.

Sie hatte an dem Abend auf der Lichtung ganz hinten gestanden, im äusseren Ring, und auf ihre Schuhe gesehen.

Sie hatte den Vogel schon damals gehabt.

Er war nur zu klein gewesen, um von weitem zu leuchten, und niemand war näher gekommen.

Zweihundert Menschen liefen jeden Tag an ihr vorbei.

Daan wusste nicht einmal ihren Namen. Er fragte auch nicht. Er dachte nur, ganz kurz, im Vorbeigehen — so wie man einen Gedanken denkt, den man sofort wieder vergisst:

Da ist noch eine.

Dann ging er weiter, und der Käfer sass auf seiner Schulter, und keiner von beiden wurde gesehen.

Sie fragten ihn nach der Prinzessin. Sie fragten, ob es eine Schlacht gegeben habe. Und wenn er sagte, es habe kein Ungeheuer gegeben, gar nichts zu bekämpfen, dann nickten sie enttäuscht und gingen zu jemandem, der eine bessere Geschichte erzählte.

Niemand fragte, woran die Prinzessin gestorben wäre.

Natürlich fragte das niemand.

Richard fand die ganze Sache grossartig.

Daan hatte es ihm am Abend nach der Rückkehr gezeigt, hinter den Ställen, mit einer Feierlichkeit, die ihm selbst hinterher furchtbar peinlich war. Er hatte den Kragen zur Seite geschoben und gesagt: „Sieh hin. Sieh richtig hin.“

Und Richard hatte drei Sekunden lang blinzelnd auf seine Schulter gestarrt, und dann hatte er gesagt: „Das ist ein Käfer.“

„Ja.“

„Das ist ein Käfer, Daan.“

„Ich weiss.“

Und dann hatte Richard so gelacht, dass er sich hinsetzen musste.

Seitdem war es das Lieblingsthema seines Lebens.

„Zweihundert Leute“, sagte er beim Essen, mit vollem Mund, und deutete mit dem Löffel in den Saal. „Zweihundert Leute, und keiner von denen sieht ihn. Er sitzt da. Er sitzt seit sechs Wochen genau da.“ Er beugte sich vor. „Das ist der beste Witz, von dem die Welt nichts weiss.“

„Sag es keinem.“

„Ich sage es keinem“, sagte Richard beleidigt. Er stahl Daan das Brot vom Teller. „Sollen wir ihm einen Namen geben? Etwas Furchteinflössendes. Der Zermalmer.“

„Er ist einen Zentimeter gross.“

Der kleine Zermalmer.

Und Daan lachte, wirklich, zum ersten Mal seit dem Hof — und im selben Atemzug schnürte sich ihm die Kehle zu, weil Richards Drache draussen auf der Wiese lag und in der Sonne blinzelte, riesig und rot und vollkommen ahnungslos.

Sag es ihm, dachte Daan.

Am anderen Ende des Saals sass Liv und sah ihn an.

Er sagte es nicht.

Am Kamm im Schnee hatte sie ihm einmal die Hand auf die Schulter gelegt und Ich sehe ihn gesagt. Es war das eine Mal geblieben.

Liv sprach nicht mehr mit ihm. Nicht auf die laute Art — sie war höflich, sie grüsste, sie reichte ihm bei Tisch das Salz. Es war die andere Art. Die, bei der jemand einen Raum betritt, in dem du bist, und ihre Augen nirgendwo landen, wo du stehst.

Ihr Pferd war strahlend und gesund und schaute jeden Tag ein bisschen länger nach Norden.

Und Liv, die es fütterte und bürstete und nachts bei ihm sass, sah alles — nur das eine nicht. Oder sah es und liess es nicht herein.

Daan hatte aufgehört, hinzusehen.

Am fünften Tag liess Agatha ihn holen.

Sie stand auf dem alten Übungsplatz hinter den Ställen, wo das Gras kurz war und der Boden hart. Der Schnitt an ihrer Wange war verheilt und hatte eine feine, silbrige Narbe hinterlassen, die nie mehr weggehen würde.

„Zieh die Jacke aus“, sagte sie.

„Warum?“

„Weil sie sonst dreckig wird.“

Sie hob die Hand, und ein faustgrosser Erdklumpen stieg vom Boden auf und traf Daan in die Brust, ehe er auch nur das Wort Was zu Ende gedacht hatte.

Er sass im Gras.

„Wieder“, sagte Agatha.

Sie machten es zwanzigmal.

Und hier war das Seltsame, das Wütendmachende, das Unerträgliche: Er sah sie kommen. Jedes Mal. Die Welt wurde still und langsam und höflich, und Daan sah den Klumpen aufsteigen, sah die Bahn, sah die Drehung, sah den Punkt auf seiner Brust, an dem er treffen würde — er hätte den Fleck mit dem Finger markieren können —

und dann sass er im Gras.

„Wieder.“

Beim vierzehnten Mal warf er sich zur Seite und stolperte über die eigenen Füsse und schlug sich das Kinn auf.

„Immerhin Bewegung“, sagte Agatha. „Wieder.“

Beim zwanzigsten Mal blieb er einfach liegen.

„Es funktioniert nicht“, keuchte er in den Boden. „Ich sehe alles. Ich sehe alles. Und dann tue ich nichts. Was nützt es, wenn ich —“

„Steh auf.“

Er stand auf.

Agatha kam über den Platz auf ihn zu, und sie hob die Hand nicht.

„Weisst du, warum du zu langsam bist?“, fragte sie.

„Weil mein Körper —“

„Nein.“ Sie blieb vor ihm stehen. „Dein Körper ist fünfzehn und schnell und läuft dir vor Angst überallhin. Dein Körper ist nicht das Problem.“

Sie sah ihm ins Gesicht.

„Zwischen dem, was du siehst, und dem, was du tust, ist ein Abstand. Und in diesem Abstand“, sagte sie, „denkst du.“

Daan schwieg.

„Du siehst den Stein. Und dann fragst du dich: Springe ich? Ist es der Mühe wert? Sehe ich lächerlich aus? Und während du dich das fragst, trifft dich der Stein.“ Sie legte den Kopf schief. „Ein Krieger fragt nicht. Ein Krieger vertraut sich.“

„Und wenn ich mir nicht traue?“

Es rutschte ihm heraus. Er hätte es gern zurückgehabt.

Agatha sah ihn lange an.

„Ich weiss“, sagte sie.

Zwei Worte. Daan spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss.

„Ich stand am Fenster. Ich habe gesehen, wie du es ihr gesagt hast. Ich habe ihr Gesicht gesehen, als sie gelacht hat.“ Ihre Stimme wurde nicht härter. Das war das Schlimmste. „Seitdem traust du deinen eigenen Händen nicht mehr. Weil du nicht mehr weisst, was sie tun, wenn du sie lässt.“

Daan starrte auf das kurze, harte Gras.

„Es ist nicht dein Körper, der hinterherhinkt“, sagte Agatha. „Es ist dein Gewissen.“

Sie sah ihn an.

„Sehen ist leicht. Sehen tust du im Schlaf. Das Schwere ist, dem zu trauen, was du siehst — und dann die Hand danach auszustrecken, ohne zu zögern. Und eine Hand, die eine Lüge trägt, zögert immer. Sie weiss nicht mehr, was an ihr noch wahr ist.“

Sie liess ihn eine Weile so stehen. Dann drehte sie sich um und ging über den Platz, und Daan dachte, es sei vorbei.

„Agatha.“

Sie blieb stehen. Sie drehte sich nicht um.

„Der Silberne“, sagte Daan. „Was war er für Sie?“

Der Wind ging durch das kurze Gras. Irgendwo hinter den Ställen lachte jemand.

„Er war der Beste, den ich je unterrichtet habe“, sagte Agatha.

Und dann, nach einer Pause, die ein bisschen zu lang war:

„Und ich habe ihn belogen.“

Sie ging weiter.

„Genau wie du.“

Was keiner sieht · Kapitel 20

Das Richtige

Am neunten Tag sah Daan wieder hin.

Er hatte es sich verboten. Er hatte es sich neun Tage lang verboten, und am neunten Tag ging er über die Wiese, weil er es nicht mehr aushielt, und blieb am Zaun stehen und sah das blaue Pferd an.

Und der Hof hinter ihm verstummte.

Das Licht war noch da. Ein Fremder hätte nichts bemerkt — er hätte ein prächtiges Tier gesehen und wäre weitergegangen und hätte den ganzen Tag daran gedacht, wie schön es war.

Daan sah, dass es dünner geworden war. Nicht das Pferd. Das Licht. Als hätte jemand einen Vorhang eine Handbreit zugezogen.

Er sah, dass es nach Norden stand. Nicht zufällig. Es hatte den ganzen Hof zur Verfügung, Schatten, Wasser, Gras — und es stand mit der Brust nach Norden, so wie eine Kompassnadel steht, ohne dass sie es beschliesst.

Und er sah, dass Liv es fütterte, und dass es frass, und dass es dabei nicht einmal den Kopf zu ihr drehte.

„Es ist müde“, sagte Liv, ohne sich umzudrehen. „Der Ritt war weit.“

Der Ritt war neun Tage her.

„Liv.“

„Es ist müde, Daan.“

Sie sagte es zu dem Pferd, nicht zu ihm. Und Daan begriff, dass sie den Satz nicht ihm zuliebe sagte, und auch nicht dem Tier — sondern sich selbst, laut, jeden Tag, so wie man einen Zaun repariert, der jede Nacht wieder einfällt.

Er ging zum Obermagier.

Er fand ihn im Turmzimmer, wo die Fenster nach allen Seiten offen standen. Der alte Mann sass an einem Tisch, auf dem nichts lag, und sah hinaus, und Daan hatte den unangenehmen Eindruck, dass er schon eine Weile darauf wartete, dass jemand die Treppe heraufkam.

„Wer ruft sie?“, sagte Daan.

Keine Begrüssung. Er war es leid, höflich zu sein.

Der Obermagier drehte sich nicht um.

„Ich werde es dir nicht sagen“, sagte er.

Daan hatte mit vielem gerechnet. Mit einer Ausflucht. Mit einer Gegenfrage. Mit einem freundlichen, langen Satz, an dessen Ende er nichts wüsste und sich trotzdem gut fühlte.

Er hatte nicht damit gerechnet, dass der Mann einfach die Tür zumachen würde, vor seinen Augen, ohne sich dafür zu entschuldigen.

„Sie lügen nie“, sagte Daan. „Das haben alle gesagt.“

„Und ich lüge auch jetzt nicht.“ Der Obermagier wandte den Kopf. „Ich sage dir, dass ich es dir nicht sage. Das ist etwas anderes, als dir eine Geschichte zu erzählen. Merk dir den Unterschied, Daan. Er wird dir noch begegnen.“

„Warum?“

„Weil du dann täglich das Richtige tun würdest.“

Daan starrte ihn an.

„Ist das —“ Er lachte, kurz und ungläubig. „Ist das ein Vorwurf?“

„Es ist eine Vorhersage.“ Der alte Mann stand auf. Er ging zum Fenster, das nach Norden zeigte. „Du würdest zu jedem Erwählten des Reiches gehen und ihm die Wahrheit sagen. Du würdest es nicht lassen können; es liegt in deiner Natur wie das Sehen. Und die Guten unter ihnen — die wenigen, die tapfer genug wären — würden ihre Wesen freilassen.“

Er sah hinaus.

„Und dann hätte das Reich keine Beschützer mehr.“

„Dann gäbe es eben keine —“

„Und was, glaubst du, beschützen sie?“

Es kam sehr leise. Und Daan, der eine Antwort auf alles hatte, hatte darauf keine.

Der Obermagier liess die Frage im Raum stehen, bis sie schwer wurde.

„Nein“, sagte er dann. „Du weisst es nicht. Und ich werde es dir nicht sagen. Denn im Augenblick, in dem du es weisst, ist die Rechnung deine — und du bist fünfzehn, und ich möchte dir das noch ein Weilchen ersparen.“

Daan trat einen Schritt vor.

„Livs Pferd stirbt“, sagte er. „Sie stirbt mit ihm. Sie weiss es und sie will es nicht wissen. Und Sie —“ Seine Stimme kippte, und er liess sie kippen. „Sie stehen hier am Fenster und rechnen.“

„Ja.“

„Sie würden sie sterben lassen.“

Der Obermagier drehte sich um.

Und er tat Daan nicht den Gefallen, den Blick zu senken.

„Ja“, sagte er. „Wenn die Rechnung es verlangt, würde ich sie sterben lassen. Und ich würde es mein Leben lang bedauern. Beides ist wahr, und ich möchte, dass du weisst, dass ich das eine sage, ohne das andere zu heucheln.“

Der Wind ging durch das Turmzimmer.

„Ich sage es dir jetzt“, fuhr der alte Mann ruhig fort, „damit du später nicht überrascht bist. Ich werde dich nie belügen, Daan. Nicht ein einziges Mal. Aber ich werde tun, was das Gleichgewicht verlangt — auch dir gegenüber. Auch deinen Freunden gegenüber. Wenn du mich dafür hasst, ist das ein vernünftiger Gebrauch deines Hasses.“

Daan stand da.

Und das Widerwärtigste an diesem Augenblick war nicht der Zorn. Es war, dass er den alten Mann in genau diesem Moment mochte. Dass irgendetwas in ihm sich beruhigte, weil hier endlich, endlich jemand aussprach, was er dachte.

Zwei Menschen hatten ihn heute nicht belogen. Der eine war ein Bogenschütze, der auf Agatha geschossen hatte. Der andere stand vor ihm und würde Liv sterben lassen.

Alle anderen liebten ihn und logen.

„Geh jetzt“, sagte der Obermagier freundlich. „Du hast eine Entscheidung zu treffen, und ich möchte nicht im Raum sein, wenn du sie triffst.“

Daan ging.

Er ging die Treppe hinunter, über den Hof, an dem blauen Pferd vorbei, das mit der Brust nach Norden stand. Er ging in seine Kammer und wartete, bis es dunkel war und die Fenster der Schule eines nach dem anderen erloschen.

Dann band er sich die Stiefel.

Der Käfer sass auf seiner Schulter, klein und schwarz und ganz still, und Daan hob ihn mit einem Finger und setzte ihn sich auf den Handrücken und sah ihn an.

„Er hat gesagt, ich würde kommen“, sagte Daan.

Der Käfer sagte nichts.

„Ich hasse es, wenn Leute recht haben.“

Er stieg aus dem Fenster.

Was keiner sieht · Kapitel 21

Die andere Seite

Er ging zum Bach unter dem Felsvorsprung, weil es der einzige Ort war, den er kannte.

Das Mondkraut war nachgewachsen. Es leuchtete schwach und mild, und Daan setzte sich ans Wasser und wartete, und er hatte keine Ahnung, wie lange man auf jemanden wartet, der nicht kommen muss.

Es dauerte bis nach Mitternacht.

„Du bist gekommen“, sagte der Silberne.

Er stand wieder auf der anderen Seite des Baches, als hätte er dort die ganze Zeit gestanden, und vielleicht hatte er das.

„Sie hatten recht“, sagte Daan. „Es ärgert mich sehr.“

„Das glaube ich dir.“

Daan stand auf.

„Ich will die Wahrheit. Die ganze. Nicht Ihre Fragen. Nicht Ihre Andeutungen. Ich will wissen, wer sie ruft und warum, und ich will es jetzt, weil das Pferd, an dem meine —“

Er brach ab.

„Weil ein Pferd stirbt“, sagte er.

Der Schütze legte den Bogen ins Gras.

Das war das Erste, was er tat. Nicht sprechen. Er legte den Bogen weg — und Daan, der sah, was andere nicht sahen, verstand, dass das kein kleiner Vorgang war.

„Ich habe dir gesagt, dass man es nicht sagen kann“, sagte der Silberne. „Ich habe nicht gesagt, dass man es nicht zeigen kann.“

„Dann zeigen Sie es mir.“

„Es hat einen Preis.“

„Natürlich hat es das.“

„Nicht die Art Preis, die du meinst.“ Der Schütze kam durch den Bach herüber; das Wasser ging ihm bis über die Stiefel, und er achtete nicht darauf. „Ich will nichts von dir. Ich nehme dir nichts weg. Der Preis ist einfach dieser: Wenn du es gesehen hast, hast du es gesehen. Du kannst es nicht mehr nicht wissen. Du wirst nie wieder in diesem Hof stehen und die leuchtenden Wesen ansehen und stolz sein.“

Er blieb vor Daan stehen.

„Sie werden dich immer noch feiern. Aber du wirst nicht mehr dazugehören. Nie wieder. Das ist der Preis. Ich zahle ihn seit vierzehn Jahren, und ich sage dir ehrlich: Ich weiss nicht, ob ich ihn noch einmal zahlen würde.“

Daan dachte an Liv, die ihm bei Tisch das Salz reichte und nicht durch ihn hindurchsah, sondern an ihm vorbei.

„Ich gehöre schon nicht mehr dazu“, sagte er.

Der Silberne nickte langsam.

„Dann komm.“

Sie gingen fast eine Stunde, tiefer, als Daan je gewesen war, und der Wald wurde alt. Die Bäume standen weiter auseinander. Das Unterholz hörte auf. Es war, als ginge man durch einen Saal.

Und dann kamen sie auf eine Lichtung, und Daan blieb stehen, weil ihm der Käfer auf der Schulter kalt wie ein Tropfen Eis wurde.

In der Mitte lag ein Teich.

Er war schwarz und vollkommen glatt, und die Sterne lagen darin, ohne zu zittern. Es ging kein Wind, und doch hatte Daan das Gefühl, dass etwas hier atmete, sehr langsam, sehr tief, wie ein Haus atmet, in dem jemand schläft.

„Hier ist es dünn“, sagte der Schütze.

„Was ist dünn?“

„Alles.“

Er trat an den Rand des Wassers.

„Ihr nennt es den Wald“, sagte er. „Ihr sagt, die Wesen kommen aus dem Wald, so wie man sagt, das Brot kommt aus dem Ofen. Der Wald ist kein Ort. Der Wald ist eine Wand. Und an manchen Stellen ist die Wand dünn genug, dass man hindurchsehen kann.“ Er sah Daan an. „Die meisten Menschen sehen nichts. Ein paar sehen ein Flackern. Und du —“

Er machte eine kleine, fast höfliche Handbewegung zum Wasser hin.

„Du siehst.“

Daan trat an den Teich.

Er sah hinunter, und das Wasser und die Sterne und sein eigener Atem hielten inne.

Zuerst war da nur das schwarze Wasser und die Sterne. Dann verschoben sich die Sterne, ganz langsam, wie Dinge sich verschieben, wenn man aufhört, sie sehen zu wollen — und Daan begriff, dass es nicht die Spiegelung eines Himmels war, sondern ein Himmel. Ein anderer. Und darunter lag Land.

Er sah einen Wald.

Er sah seinen Wald — dieselben Bäume, dieselben Lichtungen, dieselbe Krümmung des Hügels im Süden, alles so vertraut, dass ihm der Atem stockte —

und es war dunkel.

Nicht Nacht-dunkel. Nicht Wolken-dunkel.

Leer-dunkel.

Da war kein Licht zwischen den Bäumen. Kein Goldstaub, der zwischen den Stämmen hing. Kein Schimmern in den Lichtungen. Kein Flackern, kein Funkeln, kein einziges kleines, müdes grünes Pünktchen unter einem Blatt.

Und es war still.

Daan hatte in seinem Leben viel Stille gehört. Die Stille des äusseren Rings, wenn ein Name aufgerufen wurde, der nicht seiner war. Die Stille, wenn sein Vater nicht antwortete. Die Stille, nachdem Liv „Danke“ gesagt hatte.

Nichts davon war wie das hier.

Das hier war die Stille eines Hauses, in dem jemand seit sehr langer Zeit auf jemanden wartet, der nicht kommt, und in dem die Uhren trotzdem weitergehen.

Und dann sah er die Lichter.

Sehr weit weg, am Rand des dunklen Landes, bewegten sich ein paar wenige, winzige Punkte. Sechs. Vielleicht sieben. Sie zogen langsam durch die Schwärze, alle in dieselbe Richtung, alle nach Hause.

Es waren nicht viele.

Für eine ganze Welt waren es überhaupt nicht viele.

„Alles, was bei euch leuchtet“, sagte der Silberne hinter ihm, und seine Stimme war ganz ruhig, „hat einmal dort geleuchtet.“

Daan konnte den Blick nicht abwenden.

„Jedes Jahr“, sagte der Schütze. „Ein Jahrgang nach dem anderen. Seit über tausend Jahren. Ihr stellt eure Kinder in den Wald, und ihr jubelt, wenn eines gewählt wird, und ihr nennt es eine Ehre.“ Eine Pause. „Und drüben geht ein Licht aus.“

Und da spürte Daan es.

Es kam nicht durch die Ohren. Es kam durch die Brust. Ein Ziehen, warm und tief und namenlos, so wie man Heimweh spürt, bevor man weiss, dass man Heimweh hat — und es war nicht böse, es war überhaupt nicht böse, es war das Traurigste, was Daan je gefühlt hatte, weil es keine Drohung war und keine Wut, sondern nur:

Kommt zurück.

Bitte kommt zurück.

Er taumelte einen Schritt zurück vom Wasser.

Und im selben Moment — er hätte nicht sagen können, wie — merkte es ihn.

Etwas auf der anderen Seite drehte sich zu ihm hin. Nicht mit Augen. Nicht mit einem Körper. Aber es wandte sich ihm zu, und es tastete an der dünnen Stelle entlang, dorthin, wo er stand, und Daan spürte, wie es ihn fand.

Und es war nicht wütend.

Es war froh.

Es hielt ihn für eines von seinen. Es dachte, endlich, endlich sei eines heimgekommen.

Daan riss sich los, warf sich herum, fiel ins Gras und lag da und atmete, als wäre er unter Wasser gewesen, und über ihm standen die Sterne seiner eigenen Welt, hell und satt und gestohlen.

Er weinte, und er merkte es nicht.

Der Silberne liess ihn liegen. Er sagte nichts Tröstliches. Er stand nur daneben, still, wie jemand, der weiss, dass es hier nichts zu sagen gibt, weil er selbst einmal genau so im Gras gelegen hat.

Nach einer langen Zeit setzte Daan sich auf.

„Vierzehn Jahre“, sagte er heiser. „Sie sagten, Sie zahlen den Preis seit vierzehn Jahren.“

„Ja.“

„Dann haben Sie es also auch gesehen.“ Daan wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht. „Sie haben da hineingesehen, und dann sind Sie zurückgegangen und haben Ihr Wesen freigelassen. Wie die Prinzessin.“

Der Silberne antwortete nicht.

Und Daan, der auf dem Boden sass, nass und zitternd und müde bis auf die Knochen, sah zu ihm auf.

Und sah ihn an.

Richtig an.

Zum ersten Mal.

Die Welt wurde still, und Daan sah den Mann in Silber — und er sah, dicht bei ihm, dort, wo der Schatten am tiefsten war, einen mageren, halb verloschenen Schein.

Etwas kauerte neben dem Bogenschützen.

Etwas Kleines. Etwas Sterbendes.

Etwas, das nach Norden sah.

Was keiner sieht · Kapitel 22

Der Falke

„Sie haben selbst eins“, sagte Daan.

Der Silberne stand ganz still.

Und dann tat er etwas, womit Daan nicht gerechnet hatte. Er stritt es nicht ab. Er ging nicht fort. Er drehte den Kopf zur Seite, zu dem tiefen Schatten neben sich, und sagte, sehr leise, in einem Ton, den Daan noch nie von ihm gehört hatte:

„Komm.“

Und aus dem Schatten kam ein Falke.

Er kam nicht geflogen. Er humpelte — auf einem Fuss, den anderen angezogen, einen Flügel schleifend, über das Gras, langsam, mit jener entsetzlichen Würde, die verletzte Tiere haben, wenn sie sich weigern, es einfach sein zu lassen.

Er war einmal silbern gewesen. Man sah es noch an den Schwungfedern, an denen ein letzter kalter Schimmer hing, wie Frost auf altem Metall.

Jetzt war er grau.

Er kam bis an den Stiefel des Bogenschützen und blieb dort stehen und drehte den Kopf und sah nach Norden.

Daan konnte nichts sagen.

„Sein Name“, sagte der Silberne, „geht dich nichts an.“

Er sagte es ohne Schärfe. Es klang wie das Letzte, was er noch besass.

„Er hat mir das Auge gegeben“, sagte er. „Die ruhige Hand. Die Bahn eines Pfeils, ehe der Pfeil sie nimmt.“ Er sah auf das graue Bündel zu seinen Füssen hinunter. „Den Rest habe ich mir selbst beigebracht. Das ist das Schlimmere. Er hätte vor vierzehn Jahren nach Hause gehen sollen.“

„Vierzehn —“

Daan hörte seine eigene Stimme brechen.

„Vierzehn Jahre?“

„Ja.“

„Sie halten ihn seit vierzehn Jahren hier?“ Daan stand auf, und das Zittern in seinen Beinen war jetzt etwas anderes als Erschöpfung. „Er stirbt. Er stirbt seit vierzehn Jahren. Er kann nicht mal mehr fliegen —“

„Ich weiss.“

„Sie gehen durch dieses Reich und schiessen auf Menschen, damit sie ihre Wesen freilassen! Sie haben Agatha vergiftet! Sie haben mir gesagt, ich soll sehen — und die ganze Zeit —“ Daan rang nach Luft. „Sie sind ein Heuchler.“

„Ja“, sagte der Silberne.

Und da war nichts mehr, wogegen Daan hätte schreien können.

Der Mann in Silber stand vor ihm und nahm es hin, wie man Regen hinnimmt.

„Ich habe es hundertmal versucht“, sagte er. „Ich habe ihn an dieses Wasser getragen, öfter, als du in deinem Leben Wochen gehabt hast. Ich habe die Hände auf ihn gelegt. Ich habe mit ihm geredet. Ich habe ihm gesagt, er soll gehen.“

Eine Pause.

„Und dann bin ich mit ihm nach Hause gegangen.“

Der Falke drückte den Kopf gegen seinen Stiefel. Ganz kurz. Fast wie ein Trost.

„Warum?“, sagte Daan. „Sie wissen es. Sie haben es gesehen. Warum können Sie es nicht?“

Und da hob der Silberne endlich den Kopf.

„Weil ich dann nichts mehr wäre“, sagte er. „Und weil das, was ich dann nicht mehr wäre, das Einzige ist, was ihnen drüben noch bleibt.“

Daan verstand nicht.

„Rechne es aus.“ Der Schütze machte eine kleine, müde Geste über das dunkle Wasser. „Wer sonst kämpft für sie? Kein König. Keine Schule. Kein Obermagier. Ich bin der Einzige. Und ich kann es nur, weil ich das Auge habe. Weil ich einen Pfeil durch ein Schlüsselloch schiesse. Weil ich eine Bindung durchtrenne, ehe der Erwählte weiss, dass ich im Wald stehe.“

Er sah auf den Falken hinunter.

„Wenn ich ihn gehen lasse, bin ich ein Mann mit einem Bogen, den er nicht mehr spannen kann. Dann sind es zwei Lichter mehr drüben — seines und meines — und danach nie wieder eines. Nie wieder.“ Seine Stimme wurde ganz leise. „Ich zerstöre das Einzige, was ich liebe, um viele zu retten. Und ich weiss genau, was ich tue.“

Der Wald schwieg.

Und Daan stand am Rand des schwarzen Teiches und spürte, wie sich etwas in ihm umdrehte, langsam, kalt, wie ein Schlüssel in einem alten Schloss.

„Sie sind er“, sagte er.

„Wie bitte?“

„Der Obermagier.“ Daan lachte, und es war kein schönes Lachen. „Er steht in seinem Turm und sagt: Ich würde sie sterben lassen. Die Rechnung geht nicht schön auf, sie geht nur auf. Und er meint es ehrlich. Und Sie stehen hier im Wald und sagen dasselbe.“ Er zeigte auf den Falken. „Er opfert Liv für das Reich. Sie opfern ihn für die andere Welt. Sie rechnen beide. Sie rechnen nur in verschiedene Richtungen.“

Zum ersten Mal, seit Daan ihn kannte, sah der Silberne aus, als hätte ihn etwas getroffen.

Er stand sehr lange da.

Dann bückte er sich, hob den Falken auf — behutsam, mit beiden Händen, wie man etwas hebt, das aus Glas ist — und trug ihn ans Wasser.

„Sieh zu“, sagte er.

Er kniete sich hin. Er setzte den Falken an den Rand des Teiches, wo das schwarze Wasser die Sterne hielt und den anderen Himmel darunter.

Der Falke hob den Kopf.

Und Daan sah, wie sich das Tier straffte, wie ein Zittern durch die grauen Federn lief, wie der geschundene Flügel sich ein Stück hob, ein einziges Stück, zum ersten Mal seit Jahren vielleicht — weil es den Ruf hörte, weil es ganz nah war, weil es nur einen Atemzug entfernt war von zu Hause.

Und der Silberne legte beide Hände in sein Gefieder.

„Geh“, sagte er.

Seine Hände zitterten.

„Geh. Bitte. Geh doch endlich.“

Und Daan sah — er sah es, er konnte gar nicht anders — wie sich die Finger des Mannes ins Gefieder krallten. Nicht öffneten. Krallten. Wie sie sich schlossen, hart und weiss und ohne dass ihr Besitzer es befahl, und wie der Falke stillhielt, geduldig, so wie er seit vierzehn Jahren stillhielt.

Der Silberne riss ihn an sich.

Er presste den Kopf in die grauen Federn und machte ein Geräusch, das Daan sein Leben lang nicht mehr loswerden würde, und er blieb so, gebeugt am Rand des schwarzen Wassers, und liess nicht los.

Daan sagte nichts.

Er hatte gelernt, dass es Kummer gibt, den man nicht kleiner redet.

Nach einer langen Zeit stand der Mann in Silber auf. Er trug den Falken zurück in den Schatten. Er richtete sich, und als er sich umdrehte, war sein Gesicht wieder das eines Bogenschützen.

„Jetzt weisst du es“, sagte er.

„Ja.“

„Und jetzt weisst du auch, warum es niemand tut.“ Er hob den Bogen aus dem Gras. „Nicht, weil sie es nicht glauben. Sondern weil ihre Hände es nicht tun.“

Er ging an Daan vorbei, in Richtung der Bäume.

Dann blieb er stehen.

„Warte.“

Daan drehte sich um.

„Wenn du je einen Menschen findest, der es kann“, sagte der Silberne, ohne sich umzudrehen, „dann bring ihn hierher. An dieses Wasser.“

Er brauchte einen Moment dafür.

„Ich will es einmal sehen. Ein einziges Mal. Ich will sehen, dass es geht.“

Und dann war er zwischen den Bäumen, und der Wald schloss sich hinter ihm, und Daan stand allein an einem schwarzen Teich, in dem eine sterbende Welt auf ihre Kinder wartete.

Was keiner sieht · Kapitel 23

Die gestohlene Zeit

Er kam im Morgengrauen zurück und ging nicht schlafen.

Er ging über die Wiese hinter den Ställen, weil er wusste, wen er dort finden würde. Richard war immer als Erster wach. Nicht aus Pflichtgefühl — er war einfach ein Mensch, der es kaum erwarten konnte, dass der Tag anfing.

Er sass im nassen Gras neben seinem Drachen, den Rücken an dessen Flanke gelehnt, und ass ein Stück Brot.

Der Drache schlief. Er war so gross wie ein Scheunentor und rot wie ein Sonnenuntergang, der beschlossen hatte, nicht unterzugehen, und bei jedem Atemzug hob sich Richard ein Stück und sank wieder herab, als läge er auf dem Meer.

„Du siehst aus wie etwas, das ein Hund ausgegraben hat“, sagte Richard fröhlich.

Daan setzte sich neben ihn ins nasse Gras.

„Ich muss dir etwas sagen.“

Und dann sagte er es.

Er sagte es ganz. Er liess nichts weg und polsterte nichts. Den Hirsch. Das Fenster nach Norden. Elin auf dem Steinboden und die Stille, die sie danach hörte. Die Bindung, die in beide Richtungen läuft. Den Preis. Die dritte Naht, die in diesem Jahr riss.

Er erzählte vom schwarzen Teich und von der dunklen Welt darunter, in der dieselben Bäume standen wie hier und kein einziges Licht mehr brannte. Von den sechs Punkten, die durch die Schwärze heimwärts zogen. Von dem Ziehen in seiner Brust, das nicht böse gewesen war, sondern nur einsam.

Er erzählte von einem grauen Falken, der seit vierzehn Jahren nicht sterben durfte.

Richard sagte kein Wort.

Er sass da, den Rücken an seinem Drachen, das Brot vergessen in der Hand, und als Daan fertig war, hörte man nur den Atem des grossen Tieres, ein, aus, ein, aus, ruhig wie die Brandung.

Daan wartete darauf, dass Richard etwas Richardhaftes sagte. Einen Witz. Irgendetwas.

Richard sagte:

„Weiss Liv das?“

Und Daan begriff in diesem Augenblick zwei Dinge auf einmal.

Das eine war, dass Richard mit keinem einzigen Gedanken an sich selbst gedacht hatte. Nicht an seinen Drachen. Nicht an seine Gabe. Nicht an sein Leben, das gerade ein Ablaufdatum bekommen hatte. Seine erste Frage galt einem anderen Menschen, und es war ihm nicht einmal aufgefallen.

Das andere war, dass er darauf keine Antwort hatte, mit der er weiterleben konnte.

Richard drehte den Kopf.

„Daan.“

„Sie hat mich gefragt“, sagte Daan zu seinen Händen. „Im Hof. Sie hat gesagt: Sieh es dir an. Sag mir, dass ich recht habe.

„Und?“

„Ich habe es angesehen.“

Die Sonne kam über den Stall. Sie legte sich in Streifen über das nasse Gras, und der Drache brummte im Schlaf.

„Es hatte schon angefangen“, sagte Daan. „Ganz wenig. Ein Kopfheben. Zwei Herzschläge nach Norden. Niemand hätte es gesehen.“ Er atmete. „Ich habe es gesehen.“

„Und du hast ihr gesagt —“

„Ich habe gesagt: Ihm fehlt nichts.“

Er hatte erwartet, dass Richard aufspringen würde. Dass er ihn schütteln würde, anschreien, vielleicht schlagen. Richard war gross, und Daan hätte es hingenommen und es beinahe angenehm gefunden.

Richard rührte sich nicht.

Er sah sehr lange über die Wiese, und als er endlich sprach, war seine Stimme ganz ruhig, und das war schlimmer als jedes Brüllen.

„Weisst du, was du ihr genommen hast?“

„Ich weiss, ich —“

„Nicht die Wahrheit.“ Richard schüttelte langsam den Kopf. „Die Wahrheit kriegt sie sowieso. Die kommt zu ihr, ob sie will oder nicht. Sie hat das Pferd. Sie wird zusehen.“

Er sah Daan an.

„Du hast ihr die Zeit gestohlen.“

Und Daan hörte, quer über zwei Reiche hinweg, eine sehr leise Stimme, die zu ihm gesagt hatte: Wenn du je jemandem dasselbe sagen musst, dann sag es früher. Ich hätte gern mehr Zeit gehabt, um mich davon zu verabschieden.

„Sie hätte neun Wochen gehabt“, sagte Richard. „Neun Wochen, um es anzusehen. Um sich zu gewöhnen. Um wütend zu sein und zu heulen und wieder wütend zu sein und irgendwann vielleicht — vielleicht — bereit.“ Er machte eine kleine Bewegung mit der Hand, als liesse er etwas fallen. „Die sind jetzt weg. Die gibst du ihr nie zurück.“

Daan sass im nassen Gras und sagte nichts.

„Ich habe sie geliebt“, sagte er schliesslich. Es klang erbärmlich. Es war das Erbärmlichste, was er je gesagt hatte.

„Ich weiss“, sagte Richard.

Und dann, sehr freundlich:

„Das ist ja das Schlimme daran.“

Der Drache schnaufte und drehte sich im Schlaf, und Richard rutschte ein Stück und fing sich mit der Hand.

Daan sah ihn an. Er wusste nicht, wie man diese Frage stellt, also stellte er sie einfach.

„Und du? Dein Drache. Er wird auch —“

„Ja.“ Richard sah nicht einmal hin. „Um mich kümmere ich mich später.“

Er sagte es so, wie man sagt, dass man das Fenster gleich zumachen wird. Ohne Pathos. Ohne einen einzigen Gedanken daran, dass er soeben etwas Ungeheuerliches getan hatte, indem er sich hintanstellte.

Dann stand er auf und klopfte sich das nasse Gras von der Hose.

„Komm“, sagte er.

„Wohin?“

„Zu Liv.“ Richard reichte ihm die Hand hinunter und zog ihn hoch, mühelos, wie er alles mühelos tat. „Du sagst es ihr. Heute. Jetzt. Und ich gehe mit, weil du sonst kneifst.“

„Sie wird mich hassen.“

„Ja“, sagte Richard. „Und dann sagst du es ihr trotzdem.“

Sie gingen um den Stall herum zur Koppel.

Sie sahen die Zaunlatte, an der Liv jeden Morgen lehnte, und sie war leer.

Sie sahen den Eimer, umgekippt, und das Wasser, das in der Morgensonne im Gras versickerte.

Und dann sahen sie Liv.

Sie kniete mitten auf der Koppel im nassen Gras, und ihre Arme lagen um den Hals des blauen Pferdes.

Und das Pferd lag.

Was keiner sieht · Kapitel 24

Was sie ihn fragte

Sie schrie nicht.

Das war das Erste, was Daan auffiel, als sie über die Koppel kamen: Liv schrie nicht, sie weinte nicht, sie rief nicht um Hilfe. Sie kniete im nassen Gras, hatte beide Arme um den Hals des Pferdes gelegt und redete leise auf es ein, in einem gleichmässigen, ruhigen Singsang, wie man mit einem Kind redet, das nicht einschlafen kann.

Sie war schon eine ganze Weile hier.

Das Pferd hatte die Beine unter sich gefaltet. Es hielt den Kopf noch oben, aber es hielt ihn mit Mühe, und sein Licht war nicht mehr blau. Es war die Farbe von Wasser unter Eis.

Und es sah nach Norden.

„Liv“, sagte Richard.

„Es ist gestürzt“, sagte sie, ohne aufzusehen. „Es ist nur gestürzt. Der Boden ist nass. Es steht gleich wieder auf.“

Daan ging in die Knie, zwei Schritte von ihr entfernt.

„Liv. Sieh mich an.“

„Es steht gleich wieder auf.“

„Ich habe dich angelogen.“

Die Hand in der Mähne hielt inne.

Und dann sagte er es. Alles. Er sagte es so, wie er es Richard gesagt hatte, ohne Polster, ohne Umweg — dass er im Hof hingesehen hatte, dass er den Kopf hatte hochgehen sehen, zwei Herzschläge nach Norden, und dass er gewusst hatte, was es bedeutet, und dass er trotzdem gesagt hatte: Ihm fehlt nichts.

Er sagte ihr vom schwarzen Teich und von der dunklen Welt darunter. Von den sechs Lichtern, die heimwärts zogen. Von dem Ruf, der nicht böse war, sondern einsam.

Er sagte ihr, dass sie ihr Pferd retten könne. Und was es koste.

Liv hörte zu, ohne sich zu rühren, das Gesicht an der Mähne.

Als er fertig war, war es sehr still auf der Koppel.

Dann richtete sie sich auf.

„Neun Wochen“, sagte sie.

„Liv —“

„Ich habe dich gefragt.“ Ihre Stimme war ganz ruhig, und darum war sie furchtbar. „Ich bin zu dir gekommen, im Hof, vor allen Leuten, und habe dich gefragt. Ich habe dich gebeten. Und weisst du, warum ausgerechnet dich, Daan?“

Er wusste es. Er wollte es nicht wissen.

„Weil du der Einzige warst, von dem ich dachte, dass er mich nicht anlügt.“

Sie stand auf. Sie war schmutzig bis zu den Knien, und ihre Hände zitterten, und sie hielt sie ganz still, indem sie sie zu Fäusten machte.

„Der Junge, der sieht“, sagte sie. „Alle reden davon. Der Obermagier redet davon. Der ganze Hof starrt dich an, als wärst du ein Wunder.“ Sie machte einen Schritt auf ihn zu. „Und du bist der grösste Feigling, den ich je getroffen habe.“

„Ja“, sagte Daan.

Es half nichts. Es machte alles nur schlimmer.

„Weisst du, was du bist?“ Ihre Stimme brach zum ersten Mal. „Du bist genau wie sie. Wie Agatha. Wie der Obermagier. Ihr steht alle da und wisst alles und sagt nichts, und ihr nennt es Liebe oder Vernunft oder die Ordnung —“

„Liv —“

„— und am Ende steht immer jemand anderes im Gras und hält etwas Sterbendes im Arm!“

Das Pferd rührte sich bei dem Lärm. Es versuchte, den Kopf zu heben, und schaffte es nicht ganz.

Liv sah es an. Alle Wut ging aus ihr heraus wie Luft aus einem Balg.

Sie sank wieder ins Gras.

„Sag mir, was ich tun soll“, sagte sie.

„Du musst es gehen lassen.“

„Und dann bin ich nichts.“

„Und dann lebst du.“

Liv lachte. Es war ein kleines, hässliches Geräusch, und es hatte mit Belustigung nichts zu tun.

Dann hob sie den Kopf und sah ihn an, und ihre Augen waren rot und trocken und vollkommen klar.

„Daan“, sagte sie. „Dein Käfer.“

Etwas in ihm wurde kalt.

„Er ist doch von dort, oder? Wie alle. Er hört den Ruf auch. Er will auch nach Hause.“ Sie legte den Kopf schief, ganz leicht, so wie das blaue Pferd es getan hatte, an dem allerersten Tag. „Er ist nur klein, also merkt es keiner.“

„Liv, das ist nicht —“

Würdest du ihn gehen lassen?

Und Daan öffnete den Mund.

Und da war nichts darin.

Kein Witz. Keine Antwort. Nicht einmal eine Lüge — er suchte danach, er suchte ehrlich nach einer, und er fand keine.

Er hatte diese Frage schon einmal gehört. Von einem Mädchen, das im Sterben lag und danach nichts mehr war.

Damals hatte er auch nichts gesagt.

Liv nickte langsam.

„Nein“, sagte sie. „Natürlich nicht.“

Sie wandte sich ab.

„Aber ich soll.“

Sie legte die Hände unter den Kopf des Pferdes.

„Steh auf“, sagte sie zu ihm. „Steh auf. Bitte. Bitte, steh auf.“

Und das blaue Pferd — weil Tiere geduldig sind, weil sie tun, was man von ihnen erbittet, weil es sie liebte auf jene einfache, ganze Art, mit der Tiere lieben —

stand auf.

Es brauchte lange. Es zitterte. Zweimal knickte ein Hinterbein ein, und beim dritten Mal warf es sich hoch und stand, schwankend, keuchend, mit gesenktem Kopf.

Und es leuchtete. Schwach. Kalt. Aber es leuchtete.

„Siehst du“, sagte Liv.

Sie sagte es nicht zu Daan. Sie sagte es zu niemandem.

„Siehst du. Es geht ihm besser.“

Sie nahm es am Halfter und führte es über die Koppel, langsam, Schritt für Schritt, und das Pferd folgte ihr.

An der Zaunlatte blieb sie stehen.

„Komm mir nicht nach“, sagte sie, ohne sich umzudrehen.

Dann waren sie fort.

Daan blieb im nassen Gras sitzen. Die Sonne war jetzt ganz über dem Stall, und es wurde ein schöner Tag, ein lächerlich schöner Tag.

Richard setzte sich neben ihn, und sie sagten eine Weile nichts.

„Richard.“

„Hm.“

Daan sah geradeaus.

„Könntest du es? Deinen Drachen. Gehen lassen.“

Und Richard tat etwas, das Daan ihm nie verzeihen würde.

Er dachte darüber nach.

Er sass da, kaute auf der Unterlippe, sah hinüber zu dem grossen roten Tier, das in der Morgensonne döste und dessen Flanke sich hob und senkte wie das Meer — und er dachte wirklich darüber nach, ehrlich, ohne Pose, so wie er alles tat.

„Ich weiss es nicht“, sagte er schliesslich.

Dann zuckte er die Schultern.

„Aber ich glaube schon.“

Und Daan sah ihn an — richtig an, mit allem, was der Käfer ihm gab, mit jedem Faden und jedem Zittern und jeder winzigen Wahrheit unter der Haut.

Und er sah, dass Richard nicht log.

Was keiner sieht · Kapitel 25

Wen niemand ruft

In der Nacht ging er zurück zum Teich.

Niemand hielt ihn auf. Das war das Merkwürdige an Ruhm: Man durfte auf einmal überallhin, und niemand fragte, wohin.

Der schwarze Teich lag zwischen den Bäumen wie ein herausgefallenes Stück Himmel, und die Sterne darin zitterten nicht.

Daan setzte sich ans Ufer.

„Also gut“, sagte er.

Er hob den Käfer von seiner Schulter. Er tat es vorsichtig, mit zwei Fingern, so wie man etwas anfasst, das kostbar ist — und dann sass das Tier auf seiner offenen Handfläche, klein und schwarz und ganz und gar unscheinbar, und rührte sich nicht.

„Ich habe dich noch nie richtig angesehen“, sagte Daan.

Der Käfer sagte nichts. Er sagte nie etwas.

„Sie fragen mich, ob ich dich gehen lasse. Alle fragen mich das. Ein sterbendes Mädchen hat mich gefragt, und Liv hat mich gefragt, und ich habe zweimal nichts gesagt, und ich bin es leid, ein Mensch zu sein, der zweimal nichts sagt.“

Er sah auf das schwarze Wasser.

„Also. Wir machen das jetzt.“

Seine Kehle war eng. Er hatte nicht gewusst, dass sie eng sein würde.

„Es ist ja nicht so, dass wir uns lange kennen“, sagte Daan. „Zehn Wochen. Du bist ein Käfer. Du hast noch nie ein Wort gesagt.“

„Und trotzdem bist du der Erste, mit dem ich rede.“

Er lachte kurz und nass.

„Nicht so wie sonst. Ich rede ja dauernd. Ich rede so viel, dass sie mich aus dem Unterricht werfen. Ich meine das andere Reden. Das, nach dem man weniger allein ist.“

Er streckte die Hand über das Wasser.

„Da unten ist dein Zuhause. Ich habe es gesehen. Es ist dunkel, und es wartet, und es ist sehr, sehr einsam.“

Er atmete aus.

„Geh.“

Er öffnete die Hand ganz.

Und der Käfer blieb sitzen.

„Geh“, sagte Daan wieder.

Nichts.

Er kippte die Hand ein wenig, zum Wasser hin, und der Käfer krabbelte drei Schritte — und drehte um, und krabbelte zurück in die Mitte seiner Handfläche, und blieb dort sitzen.

„Nein“, sagte Daan. „Nein, nein, so geht das nicht. Ich mache es dir doch leicht. Ich halte dich nicht fest. Sieh her —“ Er hielt die Hand tiefer, bis sie das Wasser fast berührte, dort, wo es dünn war, dort, wo eine ganze Welt wartete. „Da. Das ist es. Da musst du hin. Geh nach Hause.“

Der Käfer sass auf seiner Hand.

Etwas riss in Daan.

GEH DOCH ENDLICH!

Seine Stimme schlug gegen die Bäume und kam zurück, und irgendwo flog ein Vogel auf, und Daan sass mit ausgestrecktem Arm über einem schwarzen Teich und schrie einen Käfer an, und dann hörte er auf, weil er merkte, dass ihm die Tränen übers Gesicht liefen.

Er zog die Hand zurück an die Brust.

Und dann — endlich — sah er hin.

Die Welt wurde still.

Und Daan sah den Käfer, und der Käfer war nicht wie das Pferd.

Er war nicht wie der Hirsch, der lauschte. Er war nicht wie der graue Falke, der sich streckte, sobald er dem Wasser nahe kam. Er war nicht wie das blaue Pferd, das mit der Brust nach Norden stand, wie eine Nadel, ohne dass es das beschloss.

Der Käfer war einfach ein Käfer.

Er zog nicht. Er lauschte nicht. Er drehte sich nicht.

Er wartete nicht darauf, dass Daan die Hand öffnete, denn Daan hatte die Hand die ganze Zeit offen gehabt, und er war nicht gegangen.

Nichts an ihm wollte irgendwohin.

Und Daan sass sehr still und sah in das schwarze Wasser und auf die dunkle Welt darunter, in der irgendwo etwas Grosses und Einsames nach seinen Kindern rief, und er begriff.

Es ruft ihn nicht.

Sechs Lichter zogen durch die Schwärze, heimwärts. Ein Pferd stand nach Norden. Ein Hirsch war gegangen, und ein Falke wartete seit vierzehn Jahren darauf, gehen zu dürfen.

Und um diesen einen, kleinen, schwarzen, unscheinbaren Käfer weinte niemand.

Er war zu klein.

Man hatte drüben nicht bemerkt, dass er fort war.

Niemand hatte seinen Platz frei gelassen. Niemand hatte in der Dunkelheit die Hände gefaltet und gewartet. Niemand rief seinen Namen über die Wand zwischen den Welten, weil niemand je gemerkt hatte, dass er einen hatte.

Daan sass am Ufer, die Hand an der Brust, und weinte, und diesmal wusste er ganz genau, warum.

„Sie haben dich auch nicht vermisst“, flüsterte er.

Der Käfer krabbelte über seinen Daumen und blieb dort stehen.

„Drei Jahre“, sagte Daan. „Drei Jahre habe ich im äusseren Ring gestanden. Und keiner hat gemerkt, dass ich da war, und keiner hätte gemerkt, wenn ich nicht mehr da gewesen wäre.“

Er lachte, kurz und nass.

„Du hast mich nicht wegen der Gabe gewählt. Oder?“

Der Käfer sass da.

„Du hast mich wiedererkannt.“

Und über dem schwarzen Wasser, unter den Sternen zweier Welten, sass ein Junge, den nie jemand gewählt hatte, mit einem Wesen, nach dem nie jemand rief, und keiner von beiden ging irgendwohin.

Er brauchte lange, um wieder klar denken zu können.

Und als er es konnte, war der erste Gedanke kein tröstlicher.

Ich muss nie zahlen.

Liv würde alles verlieren. Richard würde alles verlieren. Der Silberne zerstörte seit vierzehn Jahren das Einzige, was er liebte.

Und Daan würde nichts verlieren. Gar nichts. Er konnte losgehen und kämpfen und alles tun, was getan werden musste, und am Ende sässe dieser Käfer immer noch auf seiner Schulter, weil ihn niemand heimrief.

Er hatte geglaubt, das sei ein Trost.

Es war das Gegenteil.

Denn wer nichts zu verlieren hat, hat auch keine Ausrede.

Daan stand auf.

Er wusste jetzt, dass er Liv nicht überreden konnte. Er würde es nie können. Er hatte kein Recht dazu, und es war ohnehin der Weg des Silbernen — Bindungen kappen, Menschen ausbluten lassen, damit eine Welt weiterlebt. Und der Weg des Obermagiers war derselbe, nur andersherum.

Beide rechneten. Beide opferten. Beide hatten recht.

Und Daan wollte keinen von beiden.

Er ging durch den nachtschwarzen Wald zurück, und je näher er der Schule kam, desto klarer wurde die Frage in ihm — die eine, die niemand gestellt hatte, die im Turmzimmer stehen geblieben war wie ein umgestossener Stuhl.

Und was, glaubst du, beschützen sie?

Er blieb am Waldrand stehen.

Drei Jahre lang hatte man ihm beigebracht, ein Beschützer des Reiches zu werden. Drei Jahre Unterricht, drei Jahre Prüfungen, drei Jahre Ehre.

In drei Jahren hatte ihm kein einziger Mensch gesagt, wovor.

Was keiner sieht · Kapitel 26

Die leeren Seiten

Die Bibliothek der Schule lag im Ostflügel, und Daan war in drei Jahren genau zweimal dort gewesen, beide Male unfreiwillig.

Sie roch nach Staub und kaltem Stein. Niemand sass an den langen Tischen. Auf dem Pult des Bibliothekars lag ein Buch, das seit Monaten auf derselben Seite offen stand, und man sah es daran, dass der Staub die Ränder schon zu einem grauen Rahmen gezogen hatte.

„Erstaunlich“, sagte Daan in die Stille. „Man hat mir immer gesagt, ich sei der Faulste an dieser Schule.“

Er fing bei der Geschichte an.

Es gab reichlich Geschichte. Es gab Bände über die Gründung des Reiches, über die Könige, über die Ernten, über einen Streit mit den Kaufleuten, in dem es hauptsächlich um Zölle auf Salzheringe gegangen war und der offenbar dreissig Jahre gedauert hatte. Es gab drei ganze Bücher über Zeremonien.

Es gab Listen der Erwählten, Jahrgang für Jahrgang, tausend Jahre zurück. Namen und Wesen, Namen und Wesen, säuberlich in Spalten.

Und es gab keine Kriege.

Daan las sich durch drei Jahrhunderte, bevor er begriff, dass ihm etwas fehlte, und es dauerte noch eine weitere Stunde, bis er sagen konnte, was.

In tausend Jahren hatten die Beschützer des Reiches nichts beschützt.

Kein Heer war gekommen. Kein Ungeheuer war aus dem Wald gestiegen. Kein Zauberer hatte einen Turm besetzt. Es gab keine einzige Schlacht, keine Belagerung, keinen Angriff — nichts, wogegen ein Mensch auf einem Drachen jemals hätte fliegen müssen.

Sie wurden gewählt. Sie wurden gefeiert. Sie ritten in den Dienst, sie wurden alt, sie starben.

Und in der Spalte daneben stand, bei manchen, ein einziges kleines Wort.

Verloschen.

Daan sass an dem langen, leeren Tisch, und ihm war kalt.

Er zählte sie.

Er zählte, bis er nicht mehr wollte, und dann zählte er trotzdem weiter, weil er wissen wollte, wie gross das Wort war, das man ihnen gegeben hatte.

Es war ein sehr grosses Wort.

Dann fand er die alten Bände.

Sie standen ganz hinten, in einem Regal, an das man einen Schrank geschoben hatte — nicht versteckt, nur unbequem, was viel wirksamer ist. Das Leder war schwarz geworden. Die Schrift war eckig und altertümlich, und Daan musste jedes Wort zweimal lesen.

Er las von der Gründung. Von den ersten Anwärtern. Von einem Wald, der damals noch anders hiess.

Und dann kam eine Seite, auf der der Satz mitten im Wort aufhörte.

Daan drehte um.

Die nächste Seite war nicht die nächste Seite.

Er hielt das Buch näher an die Lampe, und da sah er es: den feinen, sauberen Grat am Bund, wo ein Messer gesessen hatte. Kein Riss. Kein Ausriss. Jemand hatte sich Zeit genommen. Jemand hatte die Seiten herausgeschnitten, sorgfältig, eine nach der anderen, mit ruhiger Hand.

Es waren viele.

Er ging die Bände durch, alle sieben, und in jedem einzelnen fehlte etwas, und immer an derselben Stelle: dort, wo der Text von den ersten Bindungen sprach.

Nur einmal, ganz am Rand einer Seite, die man übersehen hatte, weil sie zur Hälfte von einer Wasserader unleserlich war, stand ein halber Satz.

Daan las ihn dreimal.

… und solange die Bindungen halten, hält die Wand.

Er lehnte sich zurück.

Die Wand. Der Silberne hatte das Wort benutzt, dort am Teich. Der Wald ist kein Ort. Der Wald ist eine Wand.

Solange die Bindungen halten, hält die Wand.

Und wenn sie nicht halten?

„Ich hatte gehofft, du wärst zu faul dafür.“

Daan fuhr herum.

Agatha stand zwischen den Regalen. Er hatte sie nicht kommen hören — und das, dachte er später, sagte mehr über sie aus als alles andere.

Ihr Blick ging an ihm vorbei auf den Tisch. Auf die sieben schwarzen Bände. Auf das offene Buch mit dem sauberen Schnitt am Bund.

Und Daan sah, wie ihr Gesicht sich veränderte.

Es wurde nicht wütend. Es wurde nicht streng.

Es wurde alt.

„Wer hat die Seiten herausgeschnitten?“, sagte Daan.

Agatha antwortete nicht.

„Er war es. Der Obermagier.“

„Leg das weg, Daan.“

„In tausend Jahren“, sagte Daan, und seine Stimme wurde laut in der leeren Bibliothek, „hat kein einziger Beschützer je etwas beschützt. Es gab nie einen Krieg. Es gab nie einen Feind. Nicht einen einzigen!“ Er schlug mit der flachen Hand auf die Liste, auf die Spalten mit den Namen. „Wir werden ausgebildet, um gegen nichts zu kämpfen. Und dafür stirbt drüben eine ganze Welt.“

Agatha kam langsam an den Tisch.

Sie sah auf die Listen hinunter. Auf die kleinen, ordentlichen Wörter in der Spalte am Rand.

Verloschen. Verloschen. Verloschen.

„Es gibt keinen Feind“, sagte sie leise. „Da hast du recht. Es hat nie einen gegeben.“

„Dann —“

„Und trotzdem“, sagte Agatha, „ist das die dümmste Frage, die du je gestellt hast.“

Daan starrte sie an.

„Du fragst, wovor wir das Reich beschützen.“ Sie legte die Fingerspitzen auf den halben Satz am Seitenrand, sehr sanft, so wie man etwas berührt, das man auswendig kennt. „Das ist die falsche Frage. Ich habe sie mir auch gestellt, als ich so alt war wie du, und ich habe zwanzig Jahre gebraucht, um zu merken, dass sie falsch ist.“

Sie sah ihn an.

„Frag lieber, was geschieht“, sagte sie, „wenn die Letzten von ihnen nach Hause gehen.“

Die Lampe knisterte.

Draussen, auf der Koppel, wieherte ein Pferd, dünn und heiser, und es klang nicht mehr wie ein Pferd.

Und Daan begriff, mit einer Kälte, die ihm bis in die Finger lief, dass der silberne Bogenschütze — der Mann, der recht hatte, der Mann, der für eine sterbende Welt kämpfte, der einzige Ehrliche in diesem ganzen verfluchten Reich —

dass dieser Mann seit vierzehn Jahren mit aller Kraft daran arbeitete, die Wand einzureissen.

Daan trug den schwersten der sieben Bände die Turmtreppe hinauf und legte ihn dem Obermagier auf den leeren Tisch.

Er schlug ihn auf, dort, wo der Satz mitten im Wort aufhörte, und drehte ihn herum, damit der alte Mann den sauberen Schnitt am Bund sehen konnte.

„Sie haben ruhige Hände“, sagte Daan.

Der Obermagier betrachtete das Buch.

Und dann tat er etwas, das Daan die Sprache verschlug.

Er lächelte. Nicht das freundliche Lächeln. Ein anderes — müde, warm, fast stolz, so wie ein Mann lächelt, der seit langer Zeit auf etwas gewartet hat und nun sieht, dass es endlich eingetroffen ist.

„Endlich“, sagte er.

Endlich?

„Setz dich, Daan.“

„Ich will mich nicht —“

„Setz dich. Du wirst es gleich wollen.“

Daan setzte sich.

„Ich habe dir gesagt, dass ich es dir nicht sage“, begann der Obermagier. „Und ich habe es nicht gesagt. Ich habe dich in das Reich des Königs geschickt, damit du einen Hirsch nach Norden lauschen siehst. Ich habe dich mit einer Frau in den Wald geschickt, von der ich wusste, dass sie dir die halbe Wahrheit nicht verweigern kann, wenn es sie das Leben kostet. Und ich habe dich in einer Bibliothek suchen lassen, in der die entscheidenden Seiten fehlen — weil ein Mensch nichts glaubt, was man ihm sagt.

Er lehnte sich zurück.

„Aber was er selbst gefunden hat, das lässt er nie wieder los. Und jetzt hast du es gefunden. Also frag.“

Daan brauchte einen Moment, um seine Stimme wiederzufinden.

„Was ist die Wand?“

„Genau die richtige Frage.“ Der Obermagier stand auf und ging zum Nordfenster. „Sie ist keine Mauer, wenn du das denkst. Man kann sie nicht sehen und nicht anfassen, und sie steht nirgendwo. Sie ist das, was zwei Welten daran hindert, dieselbe zu werden.“

„Und woraus ist sie?“

Der alte Mann schwieg lange.

„Aus ihnen“, sagte er.

Daan verstand nicht. Und dann verstand er doch, und es war, als hätte ihm jemand den Boden weggezogen.

„Die Wesen.“

„Jedes leuchtende Wesen, das zu uns kommt und sich an einen Menschen bindet, gehört von diesem Augenblick an zu beiden Welten“, sagte der Obermagier. „Es ist von dort. Und es ist bei uns. Es ist eine Naht, Daan. Ein Stich. Und tausend Jahre lang haben wir Stich um Stich gesetzt, Jahrgang um Jahrgang, Kind um Kind — und daraus ist die Wand geworden, die uns trennt.“

Er drehte sich um.

„Wir haben unsere Wand aus den Kindern der anderen Welt genäht.“

Daan sass ganz still.

„Das ist die Wahrheit, die auf den Seiten stand, die ich herausgeschnitten habe“, sagte der Obermagier. „Und jetzt weisst du, warum.“

„Und wenn die Nähte reissen?“, sagte Daan. „Wenn die Letzten nach Hause gehen?“

„Dann fällt die Wand.“

„Und dann kommt was? Ein Heer? Ein Ungeheuer? Was kommt durch, verdammt noch mal?“

„Nichts kommt durch“, sagte der Obermagier ruhig. „Das ist es ja.“

Er kam zurück an den Tisch, und zum ersten Mal, seit Daan ihn kannte, setzte er sich schwer.

„Stell dir zwei Krüge vor. In dem einen ist Wasser. In dem anderen ist keines. Und zwischen ihnen ist eine Wand.“ Er legte die Handflächen aneinander. „Nimm die Wand weg — und der volle Krug greift nicht an. Er tut gar nichts. Er ist einfach kein voller Krug mehr.“

Er zog die Hände auseinander.

„Sie werden uns nicht überfallen, Daan. Sie sind nicht böse. Sie sind leer. Und Leere greift nicht an. Leere füllt sich.“

Und Daan sah es vor sich, so deutlich, als stünde er wieder am schwarzen Teich: den goldenen Staub, der zwischen den Bäumen hing. Das blaue Pferd. Die Wiese. Richards Drache, der in der Sonne döste, riesig und rot und lebendig.

Und dann alles davon — grau.

Nicht zerstört. Nicht verbrannt. Nur ausgeglichen. Zwei Welten, die sich zu einer einzigen, dämmrigen, halblebendigen Ebene verlaufen, in der es nirgendwo mehr richtig hell und nirgendwo mehr richtig dunkel ist, und in der niemand mehr singt, weil keiner mehr genug Licht hat, um zu singen.

„Beide“, sagte er heiser. „Beide Welten.“

„Beide.“

„Der Silberne weiss das nicht.“

„Nein.“ Der Obermagier faltete die Hände. „Er glaubt, er rettet sie. Er ist der anständigste Mensch in diesem Reich, und er wird uns alle umbringen, und er wird es aus Liebe tun. So etwas kommt häufiger vor, als man denkt.“

Daan starrte auf den aufgeschnittenen Band.

„Und Sie“, sagte er langsam. „Sie lassen eine Welt sterben.“

„Ja.“

„Langsam. Über tausend Jahre. Damit unsere lebt.“

„Ja“, sagte der Obermagier. „Ich habe es so gehalten, und die vor mir haben es so gehalten, und ich werde es weiter so halten, bis ich tot bin. Es ist die schlechteste Rechnung, die je aufgestellt wurde.“

Er sah Daan an.

„Sie hat nur den Vorzug, die einzige zu sein, die aufgeht.“

Draussen zog eine Wolke vor die Sonne, und das Turmzimmer wurde für einen Moment dunkel.

Daan sass da, fünfzehn Jahre alt, mit einem Käfer auf der Schulter, und in ihm drehte sich etwas.

Denn irgendetwas stimmte nicht.

Nicht in der Rechnung. Die Rechnung stimmte. Sie war grauenhaft und sie stimmte, und der alte Mann hatte sie tausend Jahre lang gehalten wie ein Mann, der einen Balken trägt, damit ein Haus nicht einstürzt.

Es war etwas anderes.

Es war etwas, das niemand gefragt hatte.

„Warum“, sagte Daan langsam, „muss eine Bindung ewig sein?“

Der Obermagier sagte nichts.

„Elin hat ihren Hirsch gehen lassen. Der Hirsch ist heimgegangen. Ein Stich weniger, ja — aber das Wesen ist nicht tot. Es ist zu Hause. Es lebt.“ Daan beugte sich vor. „Warum kommt es nicht wieder?“

Die Stille im Turmzimmer wurde sehr gross.

„Warum wählen sie einen Menschen für ein ganzes Leben?“, sagte Daan. „Warum nicht für ein Jahr? Für zehn? Warum nicht — hingehen, heimgehen, wiederkommen? Warum ist es ein Diebstahl und kein —“

Er suchte nach dem Wort.

„— kein Besuch?“

Der Obermagier hatte sich nicht bewegt.

Er sass sehr still, und Daan sah, dass die Hände des alten Mannes auf dem Tisch lagen und dass sie ganz leicht zitterten, und in tausend Jahren hatte vermutlich niemand diese Hände zittern sehen.

„Sie müsste nicht ewig sein“, sagte der Obermagier.

Es war fast ein Flüstern.

„Sie müsste es nicht. Nein.“

Er hob den Kopf, und sein Blick war der eines Mannes, der einen sehr weiten Weg sieht und weiss, dass er zu alt ist, um ihn zu gehen.

„Aber dafür“, sagte er, „müssten sie alle loslassen. Alle. Jeder Erwählte in diesem Reich. Jedes Jahr. Immer wieder. Sie müssten hergeben, was sie besonders macht, und dann als gewöhnliche Menschen weiterleben und im nächsten Jahr zusehen, wie ein anderes Kind das bekommt, was sie verloren haben.“

Er lächelte, und es war das traurigste Lächeln, das Daan je gesehen hatte.

„Nenne mir einen einzigen Menschen, mein Junge, der freiwillig aufhört, besonders zu sein.“

Und Daan stand auf.

„Zwei“, sagte er.

Und ging die Treppe hinunter, um Liv zu suchen.

Was keiner sieht · Kapitel 27

Ein Besuch

Sie hatte das Pferd in den alten Stall gebracht, weil es die Koppel nicht mehr schaffte.

Es stand in der hintersten Box, den Kopf über die halbe Tür gelegt, und es leuchtete kaum noch. Wenn man von der anderen Seite des Stalls kam, sah man erst nichts, und dann sah man ein mattes, kaltes Schimmern, wie Mondlicht auf nassem Stein.

Liv sass auf einem umgedrehten Eimer daneben. Sie hatte Stroh im Haar. Sie hatte seit Tagen nicht geschlafen; Daan sah es an ihr, als stünde es geschrieben.

Richard lehnte am Türrahmen und sagte nichts.

„Ich habe die Wahrheit“, sagte Daan.

Liv sah nicht auf.

Und Daan erzählte es. Die Wand. Die Nähte. Tausend Jahre. Die zwei Krüge und das Wasser, das sich ausgleicht, wenn man die Wand fortnimmt. Die graue, halbe Welt, in der niemand mehr singt.

Und dann die Frage, die niemand gestellt hatte.

„Es muss nicht für immer sein“, sagte er. „Das ist der Punkt, Liv. Das war es immer. Elins Hirsch ist nicht gestorben — er ist nach Hause gegangen. Er ist dort. Er lebt.“ Er ging in die Hocke, vor ihrem Eimer, damit sie ihn ansehen musste. „Und niemand — niemand, in tausend Jahren — hat je gefragt, ob eines von ihnen wiederkommt.“

Liv hob langsam den Kopf.

„Wiederkommt“, sagte sie.

„Lass es heimgehen. Lass es sich sattatmen, in seiner eigenen Welt, in seinem eigenen Licht. Und dann —“

„Und dann kommt es zurück.“

„Ja.“

„Woher weisst du das?“

Und da war die Stelle, an der Daan hätte lügen können. Es wäre so leicht gewesen. Er sah es genau vor sich, den ganzen Satz, fertig und rund: Ich habe es gesehen.

Er hatte diesen Satz schon einmal gesagt.

„Ich weiss es nicht“, sagte er.

Die Stille im Stall war entsetzlich.

„Ich weiss es nicht, Liv. Niemand weiss es. Es hat es noch nie jemand versucht. Kein Erwählter in tausend Jahren hat je ein Wesen freiwillig gehen lassen und dann darauf gewartet, ob es wiederkommt — weil keiner es freiwillig gehen lässt.“

Liv stand auf.

Sie stand sehr langsam auf, so wie jemand aufsteht, dem alles wehtut.

„Du kommst hierher“, sagte sie, „in diesen Stall, in dem mein Pferd nicht mehr laufen kann. Und du bittest mich, es fortzuschicken. Damit ich alles verliere, was ich bin.“ Ihre Stimme war ganz leise. „Auf ein Vielleicht.“

„Ja.“

„Und wenn es nicht wiederkommt?“

„Dann bist du gewöhnlich und dein Pferd ist zu Hause und lebendig.“

„Und ich habe nichts“, sagte Liv. „Gar nichts. Nicht einmal ein Grab.“

Daan hätte schweigen können. Sie hatte recht. Sie hatte in allem recht, seit Wochen, und es war zum Verrücktwerden.

Er schwieg nicht.

„Das stimmt nicht“, sagte er. „Du hast nicht nichts. Du hast nur nichts, was die anderen sehen können.“

„Das ist dasselbe.“

„Nein, das ist —“

Und dann sah er sie an.

Er wollte es nicht. Es passierte, wie es immer passierte: Die Welt wurde still, höflich, und zeigte ihm, was da war. Die Hand an der Mähne, die nicht streichelte, sondern festhielt. Die Schultern. Der Winkel des Kinns, den sie erst hatte, seit man sie gewählt hatte.

„Du hältst es nicht, weil du es liebst“, sagte Daan.

Liv wurde ganz still.

„Doch, du liebst es. Aber deshalb hältst du es nicht.“ Er hörte sich selbst zu, wie man einem Fremden zuhört, und er hörte nicht auf. „Du hältst es, weil du ohne das Pferd wieder das Mädchen bist, an dem alle vorbeigehen. Du kennst das seit ein paar Wochen nicht mehr. Ich kenne es seit fünfzehn Jahren.“

Es war die Wahrheit.

Er hatte sie nicht gesucht. Er hatte hingesehen, und da war sie gewesen, wie immer — und er hatte sie genommen und geworfen, weil sie das Einzige war, was er besass, das wehtut.

Der Stall war sehr still.

„Du siehst Dinge“, sagte Liv.

Es war derselbe Satz, mit dem sie ihn im Hof gebeten hatte, ihr recht zu geben. Sie sagte ihn diesmal anders.

„Liv —“

„Und du benutzt sie.“

Liv drehte sich zu ihrem Pferd um und legte die Stirn an seinen Hals.

„Geh weg, Daan.“

„Liv —“

Geh weg.

„Also gut“, sagte Richard vom Türrahmen her. „Dann machen wir's mit meinem.“

Liv hob den Kopf.

Richard stand da, die Arme verschränkt, und sah aus, als hätte er gerade vorgeschlagen, zum Bäcker zu gehen. Er hatte alles gehört, jedes Wort, von Anfang an. Daan wusste es, weil Richard ihn nicht ansah.

„Was?“, sagte Daan.

„Na, irgendjemand muss doch nachsehen.“ Er zuckte die Schultern. „Ihr steht hier und streitet euch um ein Vielleicht. Ein Vielleicht ist eine ziemlich blöde Sache, um sich darum zu streiten. Also finden wir raus, ob es ein Ja oder ein Nein ist.“

„Richard.“ Daan war aufgestanden, ohne es zu merken. „Richard, wenn er nicht zurückkommt, dann bist du —“

„Ein grosser Kerl ohne Drachen. Ich weiss.“

„Du verlierst alles.“

„Ich verliere ein Feuer, das ich nie gebraucht habe.“ Richard löste sich vom Türrahmen. „Daan, ich bin ein hervorragender Reiter, ein passabler Kämpfer und der beliebteste Mensch, den ich kenne. Ich war das alles schon, bevor mir ein Drache begegnet ist. Ich hatte nie das Problem, dass mich niemand sieht.“

Er sagte es ohne jede Spitze. Er merkte gar nicht, was er gesagt hatte.

Und Daan spürte, wie ihm etwas in der Kehle wehtat.

„Und Liv?“, sagte Richard und sah zu ihr hinüber, die noch immer die Stirn an der Mähne hatte. „Wenn es klappt, kriegt sie ihr Pferd wieder. Wenn es nicht klappt, weiss sie es wenigstens, bevor sie sich entscheiden muss.“ Er schob die Hände in die Taschen. „So oder so ist es besser, wenn ich es bin.“

Liv drehte sich um. Ihr Gesicht war nass.

„Das kannst du nicht tun“, sagte sie.

„Doch.“

„Richard, das ist dein Drache. Du liebst ihn.“

„Ja“, sagte Richard. „Sehr sogar.“

Und dann sagte er es, ganz einfach, wie man das Wetter sagt, und Daan wusste in diesem Augenblick, dass er den Satz sein Leben lang nicht mehr vergessen würde:

„Und wenn er nicht zurückkommt — dann ist er wenigstens zu Hause.“

Niemand sagte etwas.

Das kranke Pferd atmete in der hintersten Box, und draussen, über der Wiese, lag ein grosses rotes Tier in der Abendsonne und ahnte nichts.

„Wann?“, sagte Daan schliesslich.

„Morgen früh.“ Richard grinste, und es war ein schiefes, tapferes Grinsen, das Daan direkt in die Brust traf. „Ich will nicht drüber schlafen. Sonst denke ich womöglich nach, und das endet bei mir selten gut.“

Er ging hinaus in den Hof.

Daan sah ihm nach.

Und ganz weit hinten in seinem Kopf, an einem schwarzen Teich, unter Bäumen, die älter waren als das Reich, hörte er eine ruhige, müde Stimme, die vor vielen Nächten zu ihm gesagt hatte:

Wenn du je einen Menschen findest, der es kann — dann bring ihn hierher. Ich will es einmal sehen. Ein einziges Mal. Ich will sehen, dass es geht.

Daan schloss die Augen.

„Ich habe ihn“, sagte er leise.

Was keiner sieht · Kapitel 28

Der rote Drache

Sie brachen auf, als es noch dunkel war.

Der Drache flog nicht. Er hätte fliegen können, aber Richard ging zu Fuss, und deshalb ging der Drache zu Fuss, und er ging hinter ihm her wie ein sehr grosser, sehr zufriedener Hund, der nicht recht weiss, wohin es geht, und dem das vollkommen gleichgültig ist, solange es zusammen ist.

Es war der lächerlichste und der schönste Anblick, den Daan je gesehen hatte.

Liv kam mit. Sie sagte kein Wort auf dem ganzen Weg.

Der Wald wurde alt. Die Bäume standen weiter auseinander. Und dann lag die Lichtung vor ihnen, und in ihrer Mitte der schwarze Teich, glatt wie geschliffener Stein, mit den Sternen zweier Welten darin.

Der Silberne trat zwischen den Bäumen hervor.

Liv machte einen Schritt zurück und griff nach etwas, das sie nicht hatte. Richard stellte sich, ohne nachzudenken, halb vor sie.

„Sie haben auf meine Direktorin geschossen“, sagte Richard freundlich. „Verzeihen Sie, wenn ich nicht in Jubel ausbreche.“

Der Silberne sah ihn an — den grossen, breiten Jungen mit dem schiefen Grinsen, und hinter ihm das rote Tier, das so gross war wie ein Scheunentor.

„Du bist es also“, sagte er.

„Sieht so aus.“

„Weisst du, was du verlierst?“

„Ja“, sagte Richard. „Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, also weiss ich es ungefähr sechshundertmal.“

Er ging an dem Mann in Silber vorbei, an den Rand des Wassers, und der Drache trottete hinter ihm her und legte den grossen Kopf ins Gras.

Und dann kniete Richard sich neben ihn.

Es dauerte lange.

Er sagte nichts Grosses. Das war das Schlimmste daran. Daan stand fünf Schritte entfernt und hörte jedes Wort, und es war nichts Feierliches dabei, gar nichts.

„Du hast mir die Nase verbrannt“, sagte Richard. „Weisst du noch? Gleich am ersten Tag. Ich habe eine ganze Woche wie ein gekochter Krebs ausgesehen.“

Er kratzte dem Drachen die Stelle unter dem Kiefer, wo die Schuppen dünn waren.

„Du schnarchst. Furchtbar. Und du frisst Schafe, obwohl du weisst, dass du keine Schafe fressen sollst, und dann guckst du mich an, als wäre das Schaf von selbst gekommen.“

Der Drache brummte, tief, zufrieden.

„Danke für den Wind“, sagte Richard.

Seine Stimme brach ein einziges Mal, ganz kurz, und dann war sie wieder in Ordnung.

„Das war das Beste. Nicht das Fliegen. Der Wind. Wenn wir oben waren und alles klein war und mir das Zeug aus den Augen lief. Ich habe nie jemandem gesagt, wie sehr ich das —“

Er brach ab.

„Tut mir leid“, sagte er. „Dass ich es nicht früher gemerkt habe. Dass es dir schlecht ging. Ich hätte hinsehen sollen. Ich sehe ja nie hin, ich bin da nicht so gut drin.“

Er legte beide Hände auf den grossen roten Kopf.

„Geh nach Hause“, sagte er.

Und dann, als wäre ihm eben noch etwas eingefallen, in genau dem Ton, in dem er Daan jeden Morgen das Brot vom Teller stahl:

„Und wenn du magst — komm mich mal besuchen. Ja?“

Er öffnete die Hände.

Der Drache hob den Kopf.

Er sah nach Norden, und dann sah er Richard an, sehr lange, mit diesen grossen, dummen, treuen Augen — und dann stand er auf, und die Erde bebte ein wenig, und er ging ins Wasser.

Der Teich warf keine Welle.

Das rote Licht stieg auf. Es floss aus den Schuppen und aus den Flügeln und aus dem gewaltigen Brustkorb, nach oben, nach Norden, durch die Luft, als wäre die Luft nie dort gewesen — und einen Herzschlag lang stand der ganze Wald in Rot, jeder Stamm, jedes Blatt, Livs nasses Gesicht, das Silber des Bogenschützen —

und der Drache war so schön, wie er nie gewesen war, seit Daan ihn kannte.

Dann war er fort.

Und es war dunkel, und der Teich lag schwarz und still, und im Gras war eine grosse, warme Mulde, in der nichts mehr lag.

Richard kniete am Wasser.

Daan sah es, weil er nicht anders konnte: Er sah, wie es aus ihm herausging. Nicht wie Blut. Eher wie Wärme aus einem Raum, in dem das Feuer ausgeht. Das Grosse, das Selbstverständliche, das Mehr, das immer um Richard herum gewesen war und das man erst bemerkte, wenn es fehlte.

Als er sich umdrehte, war er ein Junge.

Ein grosser, kräftiger, ganz gewöhnlicher Junge mit nassen Knien und Stroh am Ärmel.

Er stand auf, klopfte sich die Hose ab, und sah sie an.

„Also“, sagte er. „Das war's dann wohl.“

Und Daan brach zusammen.

Nicht Richard. Richard nicht. Daan stand im Gras und hielt sich die Hand vor den Mund und weinte wie ein Kind, und Richard kam herüber, ein bisschen unbeholfen, und legte ihm den Arm um die Schultern und sagte: „Hey. Hey. Ist doch gut“, und tröstete ihn.

Er tröstete ihn.

Liv stand mit beiden Händen vor dem Gesicht und rührte sich nicht.

Und der Mann in Silber —

Der Mann in Silber stand am Rand der Lichtung, und der Bogen fiel ihm aus der Hand.

Er kam über das Gras. Langsam. Wie jemand geht, dem der Boden fremd geworden ist.

„Wie“, sagte er.

Richard drehte sich um. „Wie bitte?“

„Wie hast du das gemacht?“ Die Stimme des Bogenschützen war ganz dünn. „Ich versuche es seit vierzehn Jahren. Ich stehe jede Woche an diesem Wasser. Ich lege die Hände auf ihn und ich sage ihm, er soll gehen, und meine Finger —“ Er hob sie und sah sie an, als gehörten sie ihm nicht. „Meine Finger machen sich zu. Jedes Mal. Jedes einzelne Mal.“

Der Silberne stand vor Richard, und er war einen halben Kopf grösser, und er sah aus wie ein Bettler.

Wie hast du das gemacht?

Und Richard — der niemals nachdachte, der immer als Erster wach war, der sein ganzes Leben lang alles bekommen hatte und deshalb nie etwas hatte festhalten müssen —

Richard zuckte die Schultern.

„Ich hab ihn einfach gehen lassen“, sagte er.

Der Silberne schloss die Augen.

„Das ist keine Antwort.“

„Doch“, sagte Richard sanft. „Das ist die einzige, die es gibt.“

Sie warteten bis zum Mittag.

Sie sassen im Gras um den schwarzen Teich, alle vier, und keiner sprach viel. Die Sonne kam über die alten Bäume und legte sich auf das Wasser, und das Wasser blieb schwarz, weil es kein Wasser war.

Nichts kam.

Kein Licht. Kein Rot. Kein Beben in der Erde.

Der Teich lag da wie ein Loch in der Welt, und darunter, sehr weit weg, zog ein neues Licht durch eine dunkle Ebene nach Hause, und niemand hier oben konnte es sehen.

Liv stand irgendwann auf und ging.

Sie sagte nichts. Sie sah niemanden an. Sie ging einfach zurück in den Wald, dorthin, wo in einem dunklen Stall ein Pferd stand, das nicht mehr laufen konnte, und Daan wusste genau, was sie dachte, weil er es auch dachte.

Siehst du. Es kommt nicht zurück.

Richard sah ihr nach.

Dann lehnte er sich zurück ins Gras, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und sah in den Himmel, in dem nichts war.

„Na ja“, sagte er.

Und nach einer Weile:

„Dann warten wir halt.“

Was keiner sieht · Kapitel 29

Ein gewöhnlicher Junge

Es sprach sich schneller herum, als Daan für möglich gehalten hätte.

Am zweiten Tag wusste es die halbe Schule. Am dritten wich man Richard auf den Gängen aus.

Nicht aus Bosheit. Das war das Bittere daran. Sie hatten ihn geliebt — sie liebten ihn immer noch, irgendwie, in derselben Weise, in der man einen Menschen liebt, der eine sehr peinliche Krankheit hat. Sie senkten die Stimmen, wenn er kam. Sie lächelten zu breit. Ein Anwärter aus dem dritten Jahrgang klopfte ihm auf die Schulter und sagte: „Tut mir leid, Alter“, so wie man es bei einem Todesfall sagt, und ging dann sehr schnell weiter.

Und ein paar von ihnen — und das war das Schlimmste — sahen ihn an, als hätte er etwas Ansteckendes.

Denn er hatte etwas getan, das keiner von ihnen dachte tun zu können. Und solange niemand es tat, war es keine Frage. Jetzt war es eine.

Richard trug es mit einer Fröhlichkeit, die Daan fast wahnsinnig machte.

„Ich habe jetzt viel mehr Zeit“, sagte er beim Essen. „Weisst du, wie lange man braucht, um einen Drachen zu füttern? Ich habe praktisch ein zweites Leben.“

„Richard.“

„Und die Wäsche riecht besser. Er hat nach Schwefel gestunken. Alles hat nach Schwefel gestunken. Meine Socken haben nach Schwefel gestunken.“

Richard.

„Was?“

Daan sah ihn an und fand kein einziges Wort.

Am zehnten Tag fand er ihn auf der Wiese hinter den Ställen.

Richard sass im Gras. Nicht mittendrin — am Rand. Er sass genau dort, wo er immer gesessen hatte, mit dem Rücken an einer Flanke, die nicht mehr da war, und vor ihm lag eine grosse, flache, plattgedrückte Stelle im Gras, in der Form eines schlafenden Tieres.

Das Gras richtete sich langsam wieder auf. Man sah die Form noch. In ein paar Tagen würde man sie nicht mehr sehen.

Richard sagte nichts, als Daan sich neben ihn setzte.

Sie sassen eine Weile.

„Ich höre ihn nachts“, sagte Richard.

Daan sah ihn an.

„Nicht — nicht so, wie du denkst. Ich meine, ich höre nichts. Das ist es ja.“ Er zupfte einen Grashalm heraus. „Er hat immer geschnarcht. Die ganze Zeit. Man hat es bis in den Schlafsaal gehört, alle haben sich beschwert.“ Er drehte den Halm zwischen den Fingern. „Und jetzt liege ich da und warte drauf, und es kommt nicht, und dann bin ich wach.“

„Richard —“

„Es ist in Ordnung“, sagte Richard schnell. „Ich würde es wieder tun. Sofort.“

Und dann, sehr leise, zu dem Grashalm:

„Ich hätte nur gern gewusst, ob er gut angekommen ist.“

Daan sass neben ihm und wusste, dass es nichts gab, was er sagen konnte, und er hasste sich dafür, dass er trotzdem nach etwas suchte.

Der Obermagier liess ihn am Abend rufen.

„Du hast eine Naht gelöst“, sagte er, ohne Begrüssung.

„Ich weiss.“

„Eine der wenigen, die zwei Welten auseinanderhalten. Du hast sie herausgezogen, weil du eine Theorie hattest.“ Der alte Mann sah ihn an, und zum ersten Mal lag etwas in seinem Gesicht, das nicht freundlich war. „Und wo ist der Drache, Daan?“

Daan sagte nichts.

„Ein Junge, der niemandem je etwas getan hat, hat alles hergegeben, was ihn ausmachte. Für deine Theorie. Und deine Theorie ist —“ Der Obermagier hielt inne. „Sag du es.“

„Unbewiesen“, sagte Daan.

„Unbewiesen.“

Es war schlimmer, als angeschrien zu werden. Es war viel schlimmer.

Daan stand in dem Turmzimmer, in dem er vor einer Woche noch triumphiert hatte, und spürte, wie ihm die Wände entgegenkamen.

„Und trotzdem“, sagte der Obermagier.

Daan hob den Kopf.

Der alte Mann war ans Nordfenster getreten. Er stand dort mit dem Rücken zu ihm, sehr aufrecht, sehr alt.

„Ich halte diese Wand seit sechzig Jahren“, sagte er. „Ich spüre jede Naht. Ich habe sie reissen gespürt, Daan — dreimal in diesem Jahr, dreimal ein Schnitt, den man im Rückgrat fühlt, wie wenn ein Seil unter Last bricht.“

Er drehte sich um.

„Vor zehn Tagen, als dein Drache hinüberging, habe ich nichts dergleichen gespürt.“

„Sie —“

„Sie ist nicht gerissen.“ Der Obermagier sagte es langsam, als traute er den Wörtern nicht. „Sie hat sich gebogen. Sie hat sich gedehnt, wie etwas, das nachgibt und dann wieder zurückschwingt. Ich habe das in sechzig Jahren nicht ein einziges Mal gespürt, und ich weiss nicht, was es bedeutet.“

Und Daan sah, dass die Hände des alten Mannes wieder zitterten.

„Ich weiss es nicht“, sagte der Obermagier noch einmal, fast staunend. „Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit weiss ich etwas nicht.“

Daan trat einen Schritt vor.

„Dann könnte es bedeuten, dass er wiederkommt.“

„Es könnte bedeuten, dass ein alter Mann müde ist und sich etwas eingebildet hat.“

„Aber es könnte —“

„Ja“, sagte der Obermagier. „Es könnte.“

Er setzte sich, schwer, und sah auf seine Hände.

„Und weil es könnte“, sagte er, „bin ich jetzt ein Mann, der hofft. Weisst du, wie gefährlich das ist? Ich habe tausend Jahre Arithmetik im Rücken und ich fange an zu hoffen, wie ein Bauer, der in den Himmel guckt.“

Er sah auf.

„Bring mir den zweiten.“

Daan wurde kalt.

„Liv.“

„Ihr Pferd stirbt ohnehin. Ich sage das nicht, um grausam zu sein; ich sage es, weil es wahr ist und weil du dich nachher nicht belügen sollst.“ Der Obermagier faltete die Hände. „Sie hat noch Tage. Vielleicht eine Woche. Danach ist die Frage nicht mehr, ob sie loslässt. Danach ist die Frage, ob wir sie begraben.“

Daan rannte.

Er rannte die Turmtreppe hinunter, über den dunklen Hof, an den Ställen vorbei, und er riss die Tür des alten Stalls auf, und der Riegel schlug gegen die Wand.

Die hinterste Box stand offen.

Der umgedrehte Eimer lag im Stroh.

Und die Box war leer.

Was keiner sieht · Kapitel 30

Die offene Hand

„Vielleicht ist sie nach Hause“, keuchte Richard, während sie über den dunklen Hof rannten. „Zu ihrer Familie. Vielleicht will sie nur, dass es dort —“

„Nein“, sagte Daan.

Er wusste es. Er wusste es mit einer Sicherheit, die ihm den Magen umdrehte, und er hätte nicht sagen können, ob es der Käfer war oder ob es einfach das war, was er selbst getan hätte.

Es gab nur einen Ort.

Sie rannten in den Wald.

Ein sterbendes Pferd geht langsam. Das war das Einzige, worauf Daan hoffen konnte, und er hasste sich für den Gedanken, während er ihn dachte.

Sie fanden die Spur nach einer halben Stunde: einen Huf im weichen Boden, dann noch einen, dann eine Stelle, wo etwas Schweres gestrauchelt und sich wieder aufgerappelt hatte. Sie war nicht geritten. Sie hatte es geführt. Schritt für Schritt, die ganze Nacht, durch einen Wald, in dem sie sich nicht auskannte, mit einem Tier, das kaum noch stehen konnte.

Richard blieb einmal stehen, die Hände auf den Knien.

„Warum?“, keuchte er. „Warum in Gottes Namen bringt sie es dorthin?“

Und Daan, der rannte und rannte und dem die Luft riss, hörte sich selbst antworten, und er wusste erst, was er sagte, als er es gesagt hatte.

„Weil sie mitgehen will.“

Richard richtete sich auf.

Dann rannten sie schneller, als sie je gerannt waren.

Der Morgen war grau, als sie die Lichtung erreichten.

Der Teich lag schwarz zwischen den alten Bäumen, und im flachen Wasser am Rand stand Liv.

Sie stand bis über die Knie darin, in ihrem Umhang, mit dem Halfter in der Hand, und neben ihr, mit hängendem Kopf, die Hufe im Wasser, stand das blaue Pferd.

Es leuchtete kaum noch. Es war nur ein Schimmern, eine Ahnung von Farbe, wie ein Hauch auf kaltem Glas.

„LIV!“

Sie drehte sich nicht um.

Daan rannte über die Lichtung, und der Käfer auf seiner Schulter brannte kalt, und er wusste in dem Augenblick, in dem seine Stiefel das Wasser trafen, dass er zu langsam war. Er war immer zu langsam. Das war der Fluch seines ganzen verfluchten Lebens: alles sehen und immer, immer einen halben Herzschlag zu spät kommen.

„Liv, tu das nicht!“

„Geh weg.“

Ihre Stimme war ganz ruhig.

„Es ist tief, Liv — es ist nicht Wasser, du weisst nicht, was —“

„Ich weiss genau, was es ist.“ Sie sah auf das schwarze Wasser hinunter, in dem ein anderer Himmel lag. „Es ist da, wo es hinwill.“

Sie zog leicht am Halfter.

„Komm“, sagte sie zu dem Pferd. „Wir gehen zusammen.“

Und Daan stand im flachen Wasser, fünf Schritte entfernt, und begriff, dass es nichts gab, was er sagen konnte. Keine Wahrheit. Kein Argument. Er hatte alles gesagt, was ein Mensch sagen kann, und sie hatte alles gehört, und sie ging trotzdem.

„Liv, bitte —“

Warum sollte ich hierbleiben?“ Sie fuhr herum, und zum ersten Mal war ihre Stimme nicht ruhig, sondern roh und wund und laut. „Wofür? Damit ich gewöhnlich bin? Damit ich zusehe, wie im nächsten Jahr irgendein Kind mein Leben bekommt? Damit ich alt werde und mich erinnere?“ Ihr Gesicht war nass. „Ich habe nichts, Daan. Ich habe nur das. Und wenn es geht, dann geht es nicht ohne mich.“

Sie wandte sich wieder um.

Und sie ging tiefer.

Das Wasser stand ihr an den Hüften. Zwei Schritte weiter fiel der Grund ab; Daan sah es, er sah die Kante unter der schwarzen Oberfläche, er sah alles, wie immer, wie immer.

„Komm“, sagte Liv und zog am Halfter.

Das Pferd ging nicht.

Sie zog fester.

„Komm doch. Wir gehen nach Hause. Zusammen.“

Das Pferd rührte sich nicht.

Es stand im flachen Wasser, den Kopf gesenkt, die Beine zitternd vor Schwäche — und es setzte keinen einzigen Huf nach vorn.

„Bitte“, sagte Liv, und ihre Stimme kippte. „Bitte, ich lasse dich doch gehen. Siehst du? Ich lasse dich ja gehen. Ich komme nur mit. Ich komme mit —“

Und dann hob das blaue Pferd den Kopf.

Daan sah es kommen.

Er sah, wie sich die Muskeln unter dem stumpfen Fell strafften. Wie sich die Nüstern blähten. Wie das Tier all das, was ihm an Kraft noch geblieben war, in eine einzige Bewegung sammelte — dieselbe Bewegung, die es vor vielen Wochen auf einem Schulhof gemacht hatte, gegen einen frechen Jungen, der ihm zu nahe gekommen war.

Es stiess sie weg.

Es warf den Kopf und traf sie an der Schulter, nicht hart genug, um sie zu verletzen, aber hart genug — und Liv verlor den Halt und fiel rückwärts ins flache Wasser, und das Halfter riss ihr aus der Hand.

Sie schrie auf.

Sie kam hoch, prustend, das Haar im Gesicht.

„Was —“

Und das Pferd stand zwischen ihr und dem tiefen Wasser.

Es hatte sich gedreht. Es stand quer, mit dem Leib zwischen ihr und der Kante, und es sah sie an.

Liv kroch auf den Knien darauf zu.

„Nein“, sagte sie. „Nein, nein, nein — geh zur Seite. Geh zur Seite!

Sie schlug mit der flachen Hand aufs Wasser. Sie versuchte, sich an ihm vorbeizuzwängen, und das Pferd machte einen einzigen Schritt und stand wieder im Weg, und es tat ihr nichts, es drängte sie nicht einmal — es stand nur.

Und dann senkte es den Kopf und berührte mit den Nüstern ihr Haar.

So wie am ersten Tag. Am Bach. Als der ganze Wald blau geworden war.

Liv erstarrte.

Und Daan, der im flachen Wasser stand und dem die Tränen übers Gesicht liefen, sah, was sie sah, und er hätte alles darum gegeben, es nicht zu sehen:

Das Tier war fast tot. Es zitterte, es konnte kaum stehen, sein Licht war beinahe erloschen, und die Tür in seine eigene Welt war zwei Schritte entfernt, und es hörte den Ruf, es hörte ihn seit Wochen, es wollte nach Hause, so sehr, wie Daan noch nie einen Wunsch gesehen hatte —

und es ging nicht.

Weil sie sonst mitgekommen wäre.

Liv sass im flachen Wasser, das Gesicht an den Beinen ihres sterbenden Pferdes, und ihr Schrei war kein Wort und keine Klage; er war einfach ein Geräusch, das aus einem Menschen kommt, wenn ihm das Letzte genommen wird, das er noch hatte:

die Möglichkeit, sich zu belügen.

Es wollte nicht, dass sie mitkam.

Es wollte, dass sie lebt.

Daan ging durch das flache Wasser zu ihr.

Er ging langsam. Er wusste nicht, warum — es gab nichts mehr zu erschrecken, es war schon alles kaputt —, aber er ging so, wie man in einen Raum geht, in dem jemand schläft.

Er setzte sich neben sie ins Wasser.

Es war eiskalt. Er merkte es kaum.

Eine lange Zeit sagte keiner von beiden etwas. Über ihnen wurde der Himmel heller. Der Wald begann zu erwachen, ein Vogel, dann noch einer, als wäre nichts, als wäre das hier nicht der Morgen, an dem eine Welt zu Ende ging.

Das blaue Pferd stand über ihnen, den Kopf gesenkt, und atmete flach.

„Es hat mich weggestossen“, sagte Liv.

„Ich weiss.“

„Es will nicht, dass ich mitkomme.“

„Nein.“

„Ich habe ihm alles gegeben.“ Ihre Stimme war ganz klein. „Ich habe nicht geschlafen. Ich habe es gefüttert, als es nicht mehr fressen wollte. Ich habe die halbe Nacht mit ihm geredet, jede Nacht, seit Wochen. Und es will nicht, dass ich mitkomme.“

Sie sah zu Daan hinüber, und ihre Augen waren rot und vollkommen leer.

„Was ist denn falsch an mir?“

Und Daan hätte ihr in diesem Augenblick alles gesagt. Jede Lüge, jeden Trost, jedes schöne, warme, falsche Wort, das ihr die nächsten fünf Minuten leichter gemacht hätte.

Er hatte es schon einmal getan.

„Nichts“, sagte er.

Er sagte es sehr einfach.

„Richard konnte es leicht, weil er nie festgehalten hat. Er hat seinen Drachen geliebt wie einen Sommer. Schön, solange er dauert.“ Er sah sie an. „Du hast dein Pferd geliebt wie deinen eigenen Namen. Und wer könnte seinen Namen fortgehen lassen, ohne dass es weh tut?“

Liv weinte nicht. Sie sass nur da, das Wasser bis zur Hüfte, und hörte zu.

„Dein Schmerz ist kein Fehler, Liv“, sagte Daan. „Er ist nicht dein Versagen.“

Eine Pause.

„Er ist das Mass.“

Hinter ihnen bewegte sich das Wasser.

Richard kam herüber und liess sich auf der anderen Seite von Liv ins flache Wasser fallen, mit einem Platschen, das vollkommen unpassend war, und Daan hätte ihn dafür umarmen können.

„Ich sag dir was“, sagte Richard, „und ich sag es dir, weil ich der Einzige hier bin, der es weiss.“

Liv sah ihn nicht an.

„Es hört nicht auf wehzutun.“ Richard sah geradeaus auf das schwarze Wasser. „Das erzählen sie einem immer, dass es irgendwann aufhört. Es ist jetzt elf Tage her, und es tut immer noch weh, und ich glaube, es wird immer weh tun, wenn ich morgens aufwache und es zu still ist.“

Er zuckte die Schultern.

„Aber er ist zu Hause. Und das ist mehr, als er hatte, als er bei mir war.“

Liv hob langsam den Kopf.

„Und wenn er nicht wiederkommt?“

„Dann kommt er nicht wieder“, sagte Richard. „Dann habe ich einen Freund, der es gut hat, und ich sehe ihn nie wieder. Das ist scheusslich.“ Er sah sie zum ersten Mal an. „Es ist trotzdem besser, als ihn hier verrecken zu sehen.“

Das blaue Pferd hob den Kopf.

Nicht viel. Es hatte nicht mehr viel. Aber es sah nach Norden, über das schwarze Wasser hinweg, dorthin, wo unter den Sternen zweier Welten ein leerer Wald wartete — und Daan, dessen Welt in diesem Augenblick still und langsam und gnadenlos scharf wurde, sah, dass in dem Tier nichts mehr war ausser diesem einen Blick.

Es hatte keine Kraft mehr für Angst. Es hatte keine Kraft mehr für Schmerz.

Es hatte gerade noch genug, um sich zu sehnen.

Liv stand auf.

Sie stand auf wie jemand, dem alles wehtut, und sie ging die zwei Schritte durch das Wasser, und sie legte beide Hände in die Mähne.

„Ich kann das nicht“, sagte sie.

„Ich weiss“, sagte Daan.

„Ich kann das nicht.“

„Ich weiss.“

Sie stand sehr lange so.

Und Daan sah — er konnte nicht anders, er sah alles — wie sich ihre Finger in die Mähne krallten. Weiss und hart. Wie die Finger eines Mannes in graues Gefieder.

Und er sagte nichts. Er redete ihr nicht zu. Er zog nicht an ihr, und er nahm ihr nichts ab, und er machte es ihr nicht leichter, weil man es einem Menschen nicht leichter machen kann und weil jeder Versuch nur eine Art wäre, es sich selbst leichter zu machen.

Er blieb einfach im Wasser stehen und sah sie an.

Und irgendwann, sehr viel später, hörte er, wie Liv anfing zu atmen. Anders. Tiefer.

Sie legte die Stirn an den Hals des Pferdes.

„Es tut mir leid“, sagte sie. „Es tut mir so leid. Ich habe dich festgehalten, und du warst die ganze Zeit —“

Sie brach ab.

„Geh nach Hause“, sagte sie.

Und sie öffnete die Hände.

Das Pferd hob den Kopf.

Und dann ging es.

Es ging in das schwarze Wasser, und das Wasser warf keine Welle, und es ging ohne Zögern und ohne einen Blick zurück, weil Tiere nicht zurückblicken, wenn sie endlich heimdürfen.

Und einen Herzschlag lang flammte sein Licht auf.

Blau. Voll und tief und blau, so wie an jenem allerersten Morgen an einem Bach, als es aus dem Wald getreten war und der ganze Wald zu brennen schien und ein Mädchen geweint hatte, weil etwas zu schön war, um wahr zu sein.

Der ganze Teich stand in Blau. Die alten Bäume. Das Wasser. Livs Gesicht.

Und dann nahm der dünne Ort es auf, sanft, wie das Meer einen Fluss aufnimmt.

Und es war dunkel.

Liv stand bis zur Hüfte im schwarzen Wasser, mit leeren Händen, und rührte sich nicht.

Daan sah, wie es aus ihr herausging.

Er sah es genau, weil er verflucht dazu war, alles genau zu sehen: das Leuchten, das nie in ihr gewesen war und immer um sie herum, das Etwas, das sie schöner gemacht hatte als jeden anderen Menschen, den er kannte — und wie es nach oben stieg und nach Norden ging und mit dem Pferd verschwand.

Als sie sich umdrehte, war sie ein Mädchen.

Ein nasses, zitterndes, sehr müdes Mädchen mit Stroh im Haar.

Und dann brach sie zusammen, und Daan fing sie auf, und sie schlug ihm mit beiden Fäusten gegen die Brust, wieder und wieder, und weinte, wie Daan noch nie einen Menschen hatte weinen hören, und er hielt sie fest und liess sie schlagen und sagte kein einziges Wort.

Er hatte gelernt, dass es Kummer gibt, den man nicht kleiner redet.

Und dann, hinter ihnen, im flachen Wasser am Rand der Lichtung, gab jemand ein Geräusch von sich.

Daan sah auf.

Der silberne Bogenschütze stand im Wasser.

Er musste die ganze Zeit dort gestanden haben. Der Bogen hing lose in seiner Hand, und er sah auf die Stelle, an der das blaue Licht gewesen war, und sein Gesicht war das Gesicht eines Mannes, der etwas sieht, an das er seit vierzehn Jahren nicht mehr geglaubt hat.

Er sah zu Daan hinüber.

„Sie hat es gekonnt“, sagte er.

Seine Stimme war ganz dünn.

„Sie ist sechzehn. Und sie hat es gekonnt.“

Und dann sank der Mann in Silber im flachen Wasser auf die Knie und drückte die Hände vors Gesicht, und in dem Schatten hinter ihm, am Ufer, sass ein grauer Falke und sah nach Norden.

Was keiner sieht · Kapitel 31

Umsonst

Richard brachte Liv ans Ufer und wickelte sie in seinen Mantel, und sie liess es geschehen wie eine Puppe.

Daan ging durch das flache Wasser zu dem knienden Mann.

„Stehen Sie auf“, sagte er.

Der Silberne nahm die Hände nicht vom Gesicht.

„Stehen Sie auf. Ich muss Ihnen etwas sagen, und ich will dabei nicht auf Sie hinuntersehen.“

Langsam, mit der Mühe eines alten Mannes, kam der Bogenschütze auf die Füsse.

Und Daan sagte es ihm.

Er sagte es so, wie es ihm gesagt worden war: ohne Polster, ohne Umweg, ohne einen einzigen Versuch, es weicher zu machen. Die Wand. Die Nähte. Tausend Jahre. Die beiden Krüge und das Wasser, das sich ausgleicht, wenn man die Wand fortnimmt.

Und was geschieht, wenn die letzte Naht reisst.

„Nichts kommt durch“, sagte Daan. „Das ist es ja. Sie greifen nicht an. Sie sind nicht böse. Sie sind leer. Und Leere greift nicht an, sie füllt sich.“

Der Silberne stand ganz still im Wasser.

„Beide Welten werden grau“, sagte Daan. „Nicht zerstört. Nur — ausgeglichen. Bis nirgendwo mehr genug Licht ist, damit irgendwer noch singt.“

„Du lügst“, sagte der Bogenschütze.

„Nein.“

Du lügst.“ Er kam einen Schritt näher, und das Wasser schwappte. „Er hat es dir eingeredet. Der alte Mann im Turm. Das ist es, was sie immer tun — sie erfinden ein Ungeheuer, damit du still hältst, während sie dich ausbluten —“

„Sehen Sie mich an“, sagte Daan.

Und der Silberne sah ihn an.

Und Daan sah zurück, ruhig, mit allem, was ihm ein kleines schwarzes Tier auf seiner Schulter je gegeben hatte, und liess ihn suchen.

Der Mann in Silber begann zu zittern.

„Nein“, sagte er.

„Doch.“

Nein.

Er wandte sich ab. Er ging zwei Schritte durchs Wasser, blieb stehen, drehte sich wieder um, und Daan sah, wie in einem Menschen etwas einstürzte, langsam, von innen, wie ein Haus, dessen Balken nachgeben.

„Ich habe siebzehn Bindungen durchtrennt“, sagte der Bogenschütze.

Seine Stimme war ganz sachlich. Das war das Furchtbare.

„Siebzehn. In vierzehn Jahren. Ich weiss jeden einzelnen Namen. Ich habe sie mir aufgeschrieben, damit ich sie nicht vergesse, denn ich habe mir geschworen, dass ich mir wenigstens die Namen merke, wenn ich ihnen schon das Leben nehme, das sie kannten.“

Er sah auf seine Hände hinunter.

„Ein Mädchen namens Ines. Sie war vierzehn. Sie hat mich angeschrien, sie hat geschrien, bis ihre Stimme weg war, und ich habe dagestanden und gewartet, bis sie fertig war, weil ich dachte —“

Er brach ab.

„Ich dachte, ich rette eine Welt.“

Daan sagte nichts.

„Siebzehn Nähte“, sagte der Silberne. „Ich habe siebzehn Nähte aus der Wand gezogen. Mit ruhiger Hand. Und ich war stolz darauf.“

Er lachte. Es war ein entsetzliches Geräusch.

„Ich bin nicht der Held dieser Geschichte“, sagte er. „Ich bin nicht einmal ihr Bösewicht. Ich bin der Idiot.“

Am Ufer sass der graue Falke.

Er hatte den Kopf gedreht. Er sah nach Norden, wie immer, wie seit vierzehn Jahren, mit dieser unendlichen, geduldigen Sehnsucht, die keine Klage kannte.

Daan sah den Falken an, dann den Mann.

„Lassen Sie ihn gehen“, sagte er leise.

Der Bogenschütze folgte seinem Blick.

Und etwas in seinem Gesicht wurde hart.

„Nein“, sagte er.

Daan trat auf ihn zu.

„Sie haben gerade gesehen, dass es geht. Ein Mädchen von sechzehn hat es getan, in diesem Wasser, vor Ihren Augen. Sie brauchen den Bogen nicht mehr. Sie brauchen das Auge nicht mehr. Es gibt nichts mehr zu durchtrennen —“

„Ich sagte nein.“

„Warum?“ Daan schrie es. „Sie sind frei! Sie haben es gerade selbst gesagt — Ihr ganzer Krieg war ein Irrtum, es ist vorbei, es ist vorbei, Sie müssen nur die Hand aufmachen —“

Und der Silberne fuhr herum, und sein Gesicht war so nah, dass Daan die feinen Narben darin sah.

Weil dann alles umsonst war!

Es hallte über den Teich.

Die Vögel im alten Wald verstummten.

Der Bogenschütze stand im flachen Wasser und atmete schwer, und als er weitersprach, war seine Stimme ganz ruhig, und das war schlimmer als das Brüllen.

„Solange ich ihn halte“, sagte er, „bin ich ein Mann, der ein Opfer bringt. Ich zerstöre, was ich liebe, für eine Sache. Es ist grauenhaft, aber es hat einen Namen. Es hat einen Sinn. Vierzehn Jahre haben einen Sinn.“

Er sah zu dem grauen Falken hinüber, und einen Augenblick lang zerbrach sein Gesicht vollkommen.

„Und wenn ich ihn jetzt gehen lasse“, sagte er, „dann bin ich nur noch ein Mann, der ein Tier vierzehn Jahre lang gequält hat. Und siebzehn Kinder ruiniert. Für nichts.“

Er schloss die Augen.

„Ich kann das nicht sein. Ich kann alles sein, aber das nicht.“

Und Daan stand im Wasser und begriff, mit einer Klarheit, die ihm die Luft nahm, dass er einen Fehler gemacht hatte.

Er hatte geglaubt, der Mann halte den Falken fest, weil er ihn brauche.

Das war einmal wahr gewesen.

Jetzt hielt er ihn fest, weil das Loslassen ihn zwingen würde, in den Spiegel zu sehen.

Und das ist eine ganz andere Art von Griff. Man kann jemandem das Werkzeug nehmen. Man kann ihm sogar die Sache nehmen, für die er kämpft.

Man kann ihm nicht die Scham nehmen.

Der Silberne bückte sich und hob den Bogen aus dem Wasser.

„Was werden Sie jetzt tun?“, sagte Daan.

Der Mann in Silber sah ihn an.

„Ich weiss es nicht“, sagte er.

Und das war das Erschreckendste, was Daan an diesem ganzen Morgen gehört hatte — erschreckender als der Schrei, erschreckender als die siebzehn Namen. Denn ein Mann mit einer Sache ist berechenbar, auch wenn seine Sache falsch ist.

Ein Mann ohne Sache ist alles Mögliche.

Der Bogenschütze ging ans Ufer. Der graue Falke humpelte ihm entgegen, mühsam, treu, wie seit vierzehn Jahren, und der Mann bückte sich und hob ihn auf und barg ihn in der Armbeuge.

An den Bäumen blieb er stehen.

„Sie war gut, deine Freundin“, sagte er, ohne sich umzudrehen. „Sag ihr das. Es wird ihr nichts nützen, aber sag es ihr trotzdem.“

Dann war er fort.

Und Daan stand bis zu den Knien im schwarzen Wasser und dachte: Ich habe ihm gerade das Einzige genommen, was er noch hatte.

Und ich habe ihm nichts dafür gegeben.

Was keiner sieht · Kapitel 32

Die Jäger

Sie gingen zu dritt durch den Wald zurück, und keiner von ihnen sprach.

Liv ging in der Mitte. Sie trug immer noch Richards Mantel, und ihre Haare waren nass, und sie hatte seit einer Stunde kein Wort gesagt. Sie ging nicht langsam. Sie ging einfach — so, wie Menschen gehen, wenn der Körper weiterläuft, weil ihm keiner gesagt hat, dass er aufhören darf.

Richard versuchte es zweimal.

„Weisst du, was mir hilft“, sagte er, „ist an Kuchen zu denken.“

Nichts.

„Ich denke sehr viel an Kuchen. Seit elf Tagen. Es ist beinahe ein Problem.“

Und Liv drehte den Kopf, und sie sah ihn an — und Daan sah, wie sie versuchte, etwas zu tun, das einmal ein Lächeln gewesen war, und wie es nicht ging, und wie Richard sie trotzdem anstrahlte, als hätte es funktioniert.

Der Wald war schön.

Das war das Widerwärtigste daran. Es war später Vormittag, und die Sonne stand schräg zwischen den alten Stämmen, und irgendwo sang ein Vogel, und die Welt hatte nicht die geringste Absicht, so zu tun, als sei etwas geschehen.

Dann wurde der Käfer kalt.

Daan blieb stehen, so plötzlich, dass Richard in ihn hineinlief.

„Was —“

„Sei still.“

Die Welt wurde langsam.

Und Daan sah.

Er sah den Vogel, der nicht mehr sang, und er sah, wo er nicht mehr sang: hinten links, dreissig Schritte, hinter einem umgestürzten Stamm. Er sah einen Zweig, der sich bewegte, obwohl kein Wind ging — vorne rechts, weiter weg, jemand, der zu schnell atmete. Er sah einen Streifen Schatten, der eine Handbreit zu gerade war, um ein Schatten zu sein.

Er zählte.

Er kam auf sechs.

Und dann sah er, wie sie standen, und ihm wurde kalt bis in die Zähne — denn sie standen nicht wie Menschen, die sich verstecken. Sie standen wie Menschen, die eine Karte gelesen haben.

Zwei hinten. Zwei an den Flanken. Einer weit vorn, auf dem Weg, den sie nehmen mussten.

Und einer, der sich überhaupt nicht versteckte.

Mara trat auf den Weg.

Sie hatte den Bogen in der Hand, aber nicht gespannt. Sie trug kein Wappen. Sie sah genauso aus wie an der Brücke — nicht gross, nicht auffällig, mit ruhigen grauen Augen, in denen nichts stand.

„Guten Tag“, sagte sie.

„Sie sind sechs“, sagte Daan sehr schnell, zu Richard, ohne den Blick von der Frau zu nehmen. „Sechs. Zwei hinter uns. Einer rechts, hinter dem Fels. Einer links, bei den Birken. Einer weit vorn, auf dem Weg. Und die Frau.“

Mara neigte anerkennend den Kopf.

„Es stimmt also“, sagte sie. „Du siehst wirklich.“

„Sie sind weit weg von zu Hause.“

„Ja.“

„Es gibt einen Vertrag.“

„Es gibt viele Verträge“, sagte Mara. Sie sagte es ohne Spott. „Ich habe keinen davon geschrieben, und ich werde keinen davon brechen. Ich bin nicht hier.“ Ein winziges Achselzucken. „Frag hinterher irgendwen. Niemand war hier.“

Richard hatte sich vor Liv geschoben. Er hatte es getan, ohne nachzudenken, so wie er alles tat, und er war immer noch gross und breit und vollkommen wehrlos, und Daan hätte in diesem Moment weinen können.

„Was wollen Sie?“, sagte Richard.

Und Mara sah ihn an — den grossen Jungen, der sich vor ein Mädchen stellte —, und einen Augenblick lang tat ihr Gesicht etwas Merkwürdiges.

„Der Drache“, sagte sie.

„Ist weg.“

„Das haben wir gesehen.“

Daan wurde eiskalt.

„Wir haben es gesehen“, sagte Mara ruhig. „Vor elf Tagen. Vom Kamm aus. Man kann das ganze Wasser von dort oben überblicken, wenn man weiss, wo man liegen muss.“

Sie sah zu Liv hinüber.

„Und heute früh auch.“

Die Stille im Wald war entsetzlich.

Sie hatten zugesehen.

Sie hatten oben am Kamm gelegen, im nassen Gras, mit ruhigem Atem, und hatten zugesehen, wie ein Junge seinen Drachen fortschickte. Wie ein Mädchen im flachen Wasser die Hände öffnete. Sie hatten das Blau aufflammen sehen und wieder verlöschen, und sie hatten es sich notiert.

Und dann hatten sie elf Tage gewartet, weil sie sicher sein wollten.

Mara ging zwei Schritte auf sie zu.

Sie sah Liv an.

Sie sah sie sehr lange an — das nasse Haar, den zu grossen Mantel, die leeren Hände, das Gesicht, in dem nichts mehr leuchtete.

Und Daan sah in dem Gesicht der Kriegerin etwas aufsteigen, das er nicht erwartet hatte und das ihm schlimmer vorkam als Hass.

Es war Kummer.

Mara schloss kurz die Augen.

„Ich hatte mich vorbereitet“, sagte sie. „Zweiunddreissig Jahre.“

Dann öffnete sie die Augen wieder, und was auch immer darin gewesen war, war fort, und übrig blieb eine Frau, die einen Auftrag hatte.

„Trennt sie“, sagte sie.

Der Wald explodierte.

Es kam von allen Seiten gleichzeitig, und es war kein Angriff, es war Arbeit — kein Geschrei, kein Kriegsruf, nichts von dem, was in den Liedern vorkam. Sechs Menschen bewegten sich schnell und leise und in exakt aufeinander abgestimmten Winkeln, und ihr einziges Ziel war nicht, jemanden zu töten.

Es war, sie auseinanderzutreiben.

Ein Pfeil schlug rechts in einen Stamm — nicht auf sie gezielt. In den Boden vor Richard. In den Weg. Sie bauten Wände aus Angst und Pfeilen und trieben sie voreinander weg wie Vieh.

„LAUFT!“, brüllte Daan.

Und dann rannten sie, und das war genau das, was die sechs gewollt hatten.

Er sah es. Natürlich sah er es. Er sah, wie sie getrieben wurden, sah die Zange, sah den Keil, den ein Mann links von ihnen bildete — und er wusste in dem Moment, in dem er es sah, dass er es nicht ändern konnte, weil man einen Fluss nicht dadurch aufhält, dass man ihn versteht.

Er brüllte Richards Namen.

Er sah Richard noch einmal, weit rechts, zwischen den Stämmen, gross und breit und ohne Waffe.

Er sah Livs Mantel links durch das Unterholz.

Dann waren beide fort.

Und Daan rannte allein durch einen Wald, den er sein Leben lang gekannt hatte, und hinter ihm lief jemand, der nicht schneller wurde und nicht langsamer, sondern einfach lief — ruhig, gleichmässig, ohne Eile.

So wie jemand läuft, der weiss, dass er alle Zeit der Welt hat.

Was keiner sieht · Kapitel 33

Ein halber Herzschlag

Daan rannte zwölf Minuten lang.

Er wusste, dass es zwölf Minuten waren, weil er alles wusste, weil er jeden Wurzelknoten sah und jeden Stein und jede Lücke im Unterholz, weil sein Blick ihm die schnellste Linie durch den Wald zeigte wie eine helle Schnur — und weil er nach zwölf Minuten begriff, dass es keinen Unterschied machte.

Der Mann hinter ihm wurde nicht müde.

Er wurde auch nicht schneller. Er blieb einfach dort, wo er war: dreissig Schritte zurück, gleichmässig atmend, ohne Hast. Zweimal versuchte Daan, ihn abzuschütteln — einmal über einen Bachlauf, einmal durch ein Dickicht, in dem ein Erwachsener kaum durchkam.

Beide Male stand der Mann danach wieder dreissig Schritte hinter ihm.

Er trieb ihn. Er trieb ihn irgendwohin.

Und Daan, dem die Lunge brannte, dachte an Alexia, die auf einem Pferd gesessen und in ihren leeren Becher gesehen hatte, und an das, was sie gesagt hatte.

Frag dich, wie oft man das üben muss.

Er blieb stehen.

Er drehte sich um, und er stellte sich in den Weg, mitten auf die Lichtung, auf die man ihn getrieben hatte, weil er es sowieso nicht mehr geschafft hätte und weil er lieber stehend keuchte als rennend starb.

Der Mann kam aus den Bäumen.

Er war nicht besonders gross. Er war vielleicht vierzig. Er hatte ein Gesicht wie ein Bauer und eine Narbe am Kinn und einen kurzen, hässlichen, sehr praktischen Knüppel in der Hand, und er sah Daan an, ohne die geringste Wut.

„Klug“, sagte er. „Rennen wäre schlimmer geworden.“

„Ich habe keine Waffe.“

„Ich weiss.“

Er blieb drei Schritte entfernt stehen und musterte Daan, nicht unfreundlich, so wie ein Handwerker eine Arbeit mustert, die er gleich erledigen wird.

„Nimm's nicht persönlich, Junge“, sagte er. „Ich hab nichts gegen dich. Ich weiss nicht mal, wie du heisst. Ich hab zu Hause einen, der ist ungefähr so alt wie du, und der kann auch nicht kochen.“ Er zuckte die Schultern. „Es ist ein Befehl. Mehr ist es nicht. Halt still, dann geht es schnell, das ist das Freundlichste, was ich dir anbieten kann.“

„Das ist die schlechteste Werbung, die ich je gehört habe.“

„Ja“, sagte der Mann. „Ich mach das auch nicht der Werbung wegen.“

Und dann kam er.

Und die Welt wurde langsam.

Honig. Wieder Honig. Und Daan sah alles: die Verlagerung des Gewichts auf den linken Fuss, die Drehung der Schulter, den Bogen, den der Knüppel nehmen würde, den Punkt an seiner Schläfe, an dem er auftreffen würde, in achtundvierzig Hundertsteln einer Sekunde —

und sein Körper kam einen Wimpernschlag zu spät.

Der Knüppel traf ihn an der Schulter statt am Kopf, und die Welt wurde weiss, und dann lag er im Laub.

„Steh auf“, sagte der Mann.

Daan stand auf.

Der Mann schlug wieder. Und wieder sah Daan es kommen — jedes Mal, jedes einzelne verfluchte Mal —, und jedes Mal war seine Hand einen halben Herzschlag zu langsam, und beim vierten Mal spuckte er Blut, und beim sechsten ging er auf ein Knie und stand nicht mehr auf.

Der Mann trat einen Schritt zurück und wartete geduldig.

„Du siehst es“, sagte er, beinahe freundlich. „Man merkt es. Deine Augen gehen immer zuerst dorthin, wo ich hinschlage.“ Er drehte den Knüppel in der Hand. „Es nützt dir nichts, oder?“

Und Daan kniete im Laub, mit einem Auge, das zuschwoll, und hörte eine ganz andere Stimme.

Weisst du, warum du zu langsam bist?

Agatha. Auf einem harten, kurzen Übungsplatz hinter den Ställen.

Zwischen dem, was du siehst, und dem, was du tust, ist ein Abstand. Und in diesem Abstand denkst du.

Ein Krieger fragt nicht. Ein Krieger vertraut sich.

Und wenn ich mir nicht traue?

Es ist nicht dein Körper, der hinterherhinkt. Es ist dein Gewissen.

Daan spuckte ins Laub.

Und dachte: Ich habe es ihr gesagt.

Er hatte im flachen Wasser gestanden und die perfekte, warme, tröstende Lüge im Mund gehabt, und er hatte sie heruntergeschluckt und die Wahrheit gesagt.

Er hatte nichts mehr zu verbergen.

Zum ersten Mal seit neun Wochen war er ein Mensch, dessen Hände tun durften, was sie wollten.

Er stand auf.

„Nochmal“, sagte er.

Der Mann zuckte die Schultern und kam.

Und in dem Augenblick, in dem er kam, in dem die Welt in Honig kippte und Daan die Drehung der Schulter sah und den Bogen des Knüppels und den Punkt an seiner Schläfe —

flackerte zwischen den Bäumen etwas Blaues auf.

Es war nichts. Es war ein Wimpernschlag. Ein kaltes, sattes, unmögliches Blau, weit hinten im Wald, wo überhaupt nichts sein konnte.

Und die Augen des Mannes gingen hin.

Nur die Augen. Nur einen halben Herzschlag lang.

Und Daans Körper war da.

Er dachte nicht. Zum ersten Mal in seinem Leben dachte er überhaupt nicht — er sah den offenen Winkel unter dem erhobenen Arm, sah das Gewicht auf dem vorderen Fuss, sah den nassen Wurzelknoten, auf dem dieser Fuss stand, und sein Körper ging hinein, ohne zu fragen, ohne zu zögern, ohne diesen entsetzlichen, lebenslangen Abstand.

Er trat dem Mann gegen das Knie.

Es war nicht schön. Es war nicht heldenhaft. Es war ein hässlicher, präziser, tiefer Tritt gegen ein Gelenk, das gerade das ganze Gewicht eines erwachsenen Mannes trug, und der Wurzelknoten tat den Rest.

Das Geräusch war schrecklich.

Der Mann ging zu Boden, und er schrie nicht, und das war das Furchtbarste — er machte nur ein kurzes, überraschtes Geräusch und griff nach dem Knüppel, und Daan, der immer noch in dieser langsamen, klaren, gnadenlosen Welt stand, sah genau, wo die Hand hingreifen würde, und war vorher da.

Er schlug ihm den Knüppel gegen die Schläfe.

Einmal.

Der Mann fiel um und blieb liegen.

Und die Zeit kam zurück, alles auf einmal, mit Lärm und Vogelgezwitscher und dem Schmerz in Daans Schulter, der jetzt erst wirklich anfing.

Er stand über dem bewusstlosen Mann und zitterte.

Und ihm wurde übel.

Nicht, weil er ihn geschlagen hatte.

Sondern weil er in diesem einen halben Herzschlag noch etwas anderes gesehen hatte. Er hatte die Stelle unter dem Ohr gesehen. Die Stelle an der Kehle. Den Punkt, an dem der Nacken in die Schulter geht.

Er hatte in diesem einen, langsamen, entsetzlich klaren Augenblick genau gesehen, wo man einen Menschen anfassen muss, damit er nie wieder aufsteht.

Und er hatte es nicht getan.

Aber er hatte es gesehen.

Und Daan stand in einem stillen Wald über einem Mann, der atmete, und begriff zum ersten Mal, wovor der Obermagier eigentlich Angst hatte.

Dann hob er den Kopf.

Zwischen den Bäumen, dreissig Schritte entfernt, stand ein Pferd.

Es war blau.

Es war so blau, dass der ganze Wald blau war, dass jeder Stamm und jedes Blatt und jeder Atemzug blau war, und es stand vollkommen ruhig da und sah ihn an, mit gesenktem Kopf, und es leuchtete, wie es an dem allerersten Morgen an einem Bach geleuchtet hatte.

Daan konnte sich nicht rühren.

„Du bist —“ Seine Stimme brach. „Du bist zurückgekommen.“

Das Pferd sah ihn an.

Und dann tat es etwas, das Daan die Knie weich werden liess, etwas so Einfaches und so Ungeheuerliches, dass er einen Moment brauchte, um zu verstehen, was es bedeutete.

Es kam auf ihn zu.

Nicht zu Liv.

Zu ihm.

Es blieb vor ihm stehen, senkte den Kopf, und wartete.

Und in Daan stieg etwas hoch, heiss und schnell und vollkommen ungefragt.

Mich.

Es hat mich gewählt. Nicht sie. Mich.

Drei Jahre äusserer Ring. Ein Glühwürmchen. Ein Formfehler mit Beinen. Und jetzt stand das schönste Tier der Welt vor ihm und senkte den Kopf, und ein paar hundert Schritt weiter kniete ein Mädchen im Dreck, das vielleicht gerade starb, und Daan war für zwei Herzschläge lang der glücklichste Mensch, den es je gegeben hatte.

Zwei Herzschläge. Er zählte sie später oft nach.

Dann wurde ihm heiss vor Scham, und er suchte sich sehr schnell eine andere Erklärung.

Und Daan, der sah, was andere nicht sahen, begriff es in dem Augenblick, in dem er es sah, und es zerriss ihm das Herz:

Das Tier war nicht zu Liv gegangen.

Weil Liv auch mit ihm verloren hätte.

Es war zu dem gekommen, der schnell genug sehen konnte, um sie beide am Leben zu halten.

Daan griff in die blaue Mähne und schwang sich hinauf.

„Bring mich zu ihr“, sagte er.

Was keiner sieht · Kapitel 34

Der Ritt

Daan hatte in seinem Leben dreimal auf einem Pferd gesessen, und alle drei Male hatte es geendet, wie es enden musste.

Das hier war kein Reiten.

Das blaue Pferd ging von null auf alles, in einem einzigen Satz, und der Wald kam ihnen entgegen wie eine Wand.

Und die Welt wurde langsam, und Daan sah.

Er sah die Lücke zwischen den beiden Buchen, drei Herzschläge bevor sie da war, und er verlagerte das Gewicht, und das Pferd ging hindurch. Er sah den tiefhängenden Ast, ehe er ihn sehen konnte, und legte sich flach an den Hals, und der Ast strich ihm über den Rücken. Er sah den Wurzelteppich, der zwei Schritte weiter zu Bruch und Beinbruch geworden wäre, und er lenkte, und sie waren daran vorbei.

Er sah den ganzen Wald.

Nicht Bäume — Wege. Der Wald war voller Wege, er war immer voller Wege gewesen, und jeder Mensch, der je zwischen diesen Stämmen gelaufen war, hatte sie nicht gesehen, weil kein Mensch schnell genug sah, um sie zu sehen.

Daan sah sie.

Und das Pferd, das schneller war als alles, was jemals durch diesen Wald gegangen war, tat, was er sagte, ohne zu zögern, ohne einen einzigen Fehltritt, weil zum ersten Mal seit tausend Jahren jemand auf seinem Rücken sass, der so schnell dachte wie es lief.

Und Daan, dem das Blut aus der Lippe lief und dem die Schulter brannte, dessen beste Freundin vielleicht schon tot war —

Daan lachte.

Er konnte nichts dafür. Es brach aus ihm heraus, hell und wild und vollkommen unpassend, und der Wald flog vorbei, und der Käfer sass auf seiner Schulter und hielt sich fest, und der Junge, den keiner gewählt hatte, ritt durch das Unmögliche und lachte.

Das ist es, dachte er. Dafür ist es da.

Und dann hörte er auf zu denken.

Nicht so, wie man aufhört, an etwas zu denken. So, wie ein Rad aufhört, sich zu drehen.

Der Abstand war weg.

Agatha hatte ihn ihm auf einem harten, kurzen Übungsplatz erklärt, und er hatte ihn nie gefunden, und jetzt war er einfach nicht mehr da. Zwischen dem, was Daan sah, und dem, was Daan tat, lag nichts. Kein Zögern. Kein Wort. Nicht einmal ein Name für das, was vorbeiflog.

Und es flog vorbei.

Der Wald wurde zu Fäden. Grüne Fäden, braune Fäden, ein Streifen Himmel, der sich zwischen den Kronen mitzog. Rehe brachen aus dem Unterholz und wurden zur Seite geworfen wie Blätter. Das Gebüsch legte sich flach, ehe sie da waren, und richtete sich hinter ihnen wieder auf. Zweimal brach über ihnen ein Ast, und Daan hörte es erst, als sie längst hundert Schritte weiter waren.

Der Lärm kam immer zu spät.

Er war unsterblich.

Er wusste, dass das nicht stimmte, und er wusste es nicht wirklich, weil Wissen ein Gedanke ist und er keine mehr hatte. Er war fünfzehn, ihm lief das Blut aus der Lippe, er sass auf dem schnellsten Tier, das je über diese Erde gegangen war, und nichts konnte ihn treffen, weil er alles kommen sah. Er lachte in den Fahrtwind hinein, bis ihm die Luft wegblieb, und dann lachte er weiter.

Dann kam ein Bild.

Es kam von selbst, so wie die Äste gekommen waren: Liv am Bach, die Hand in einer blauen Mähne, als traute sie dem Glück noch nicht ganz.

Und noch eines. Liv im Hof. Liv, die Danke sagte.

Und das Rad drehte sich wieder.

Der Abstand war zurück, und in dem Abstand stand ein einziger Satz, und er war so kalt, dass Daan im Sitzen zusammenzuckte.

Du hast sie vergessen.

Nicht einen Augenblick lang. Die ganze Zeit.

Er riss den Kopf hoch.

Der Wald war nicht mehr da.

Er war auf einem Feld. Offenes, flaches, fremdes Land, ein Weg, ein Zaun, ein Hof in der Ferne — und weit hinten eine Kette Hügel, die er noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Daan kannte jeden Hügel um seine Schule. Diese hier gehörten jemand anderem.

Am Zaun stand ein Mädchen mit einem Eimer.

Sie war vielleicht zehn. Sie hatte den Eimer fallen lassen, das Wasser lief ihr über die Füsse, und sie merkte es nicht, weil sie mit offenem Mund ein blaues Pferd anstarrte, das mitten auf einem fremden Weg stand und leuchtete wie ein heruntergefallenes Stück Himmel.

„Sag es niemandem“, sagte Daan.

Das Mädchen nickte, ohne den Mund zuzumachen.

Dann wendete er das Pferd.

Der Rückweg dauerte kaum länger als ein Atemzug. Er hatte die ganze Zeit gehabt, die er brauchte. Er hatte sie nur nicht dafür gebraucht, an Liv zu denken.

Diesmal lachte er nicht.

Er roch das Blut, bevor er die Lichtung sah.

Das Pferd wurde langsamer, ganz von selbst, und Daan glitt herunter, ehe es stand, und die Welt war immer noch still und scharf, und er sah alles.

Er las es im Boden wie eine Schrift.

Hier hatte es begonnen — der Absatz eines Stiefels, der sich tief eingedreht hatte. Hier war Liv gefallen; der Abdruck einer Hand, Finger gespreizt. Hier war sie aufgestanden. Hier war sie zurückgewichen, sieben Schritte, und hier hatte sie sich einen Ast genommen, und der Ast lag jetzt zerbrochen im Laub.

Und hier war sie wieder gefallen.

Und wieder aufgestanden.

Zweimal.

Dann hörte er das Laub.

Am Rand der Lichtung stemmte sich Liv zum dritten Mal aus dem Boden.

Es sah nicht aus wie in den Geschichten. Sie kam schief hoch, über ein Knie, den linken Arm eng am Körper, und sie brauchte lange dafür.

Dann stand sie. Zwei Atemzüge lang.

Dann gingen die Knie weg, und sie blieb, wo sie war.

Ein Mädchen ohne Gabe, ohne Waffe, ohne den kleinsten Funken Licht — gegen eine Frau, die zweiunddreissig Jahre lang nichts anderes getan hatte.

Daan stand in dem zertretenen Laub und hätte heulen können vor Stolz.

Sie hielt sich den linken Arm. Ihr Gesicht war blutig, und sie sah furchtbar aus, und sie war am Leben.

Und Mara stand vor ihr.

„Warum“, sagte Mara.

Sie hatte den Bogen längst weggelegt. Sie hielt ein kurzes Messer, und sie hielt es locker, und sie machte keine Anstalten, es zu benutzen, weil sie offensichtlich etwas anderes wollte.

„Ich habe es weggeschickt“, sagte Liv.

„Das habe ich gesehen. Ich frage, warum.“

„Weil es nach Hause wollte.“

Mara stand ganz still.

„Es war das schnellste Tier, das je über diese Erde gegangen ist“, sagte sie. „Es hätte dich getragen. Du hättest mich abhängen können, ohne dass ich auch nur den Bogen von der Schulter bekomme. Du wärst fortgeritten.“

„Ja.“

„Und du hast es fortgeschickt.“

„Ja.“

Warum?

Und Daan, der zwanzig Schritte entfernt im Schatten stand und noch nicht gesehen worden war, hörte, wie Liv Luft holte.

„Weil es sonst gestorben wäre“, sagte sie.

Mara sah sie an.

Sie sah eine Sechzehnjährige an, die im Dreck kniete, mit gebrochenem Arm, mit nichts, überhaupt nichts mehr — und Daan sah, wie diese Frau ehrlich, aufrichtig, mit ganzer Kraft versuchte, es zu begreifen.

Und es nicht konnte.

„Ich verstehe das nicht“, sagte Mara.

Es klang beinahe verzweifelt.

„Ich weiss“, sagte Liv.

Mara hob das Messer.

„Du wärst mir eine Ehre gewesen“, sagte sie.

Und dann kam das Pferd auf die Lichtung.

Es kam nicht schnell. Es ging.

Es trat zwischen den Bäumen hervor, und es leuchtete, und die ganze Lichtung wurde blau — das Laub, das Blut, das zerbrochene Astende, Maras graues Haar, alles.

Liv sah es zuerst.

Sie kniete im Dreck, mit gebrochenem Arm, unter einer Frau mit einem Messer, und sie sah an dieser Frau vorbei — und alles, was in ihrem Gesicht gewesen war, die Angst und der Trotz und der Schmerz, fiel einfach ab.

Daan sah zu, wie es abfiel.

Er sah einen einzigen Gedanken bei ihr ankommen, langsam, wie Wasser in eine Vertiefung läuft, und er musste nichts raten, weil ihr ganzes Gesicht ihn buchstabierte.

Es lebt.

Es lebt. Es ist gesund.

Sie vergass Mara. Sie vergass das Messer. Für ein paar Herzschläge gab es auf dieser Lichtung nichts als ein Mädchen und ein blaues Tier.

Mara erstarrte.

Dann drehte sie sich um.

Und Daan sah, dass es sie erwischte wie jeden anderen auch — dass eine Frau, die zweiunddreissig Jahre lang gelernt hatte, leuchtende Wesen zu töten, einen Moment lang einfach nur dastand und ein Pferd ansah.

Daan trat neben das Pferd, und seine Hand lag in der Mähne, und er zitterte am ganzen Leib und liess sich nichts anmerken.

„Es ist zurückgekommen“, sagte er.

Und dann sah er zu Liv hinüber.

Er tat es, ohne nachzudenken. Er tat es, weil er ein fünfzehnjähriger Junge war, der gerade das Unmögliche erlebt hatte, und weil das Erste, was ein Mensch tun will, wenn ihm etwas Wunderbares passiert, ist, das Gesicht seines Freundes zu sehen.

Und es kam über ihn, ungefragt.

Er wollte es nicht. Er hatte es nie gewollt. Es passierte einfach, wie es immer passierte — dass er hinsah und alles sah, ob er es aushielt oder nicht.

Und er sah, wie über Livs Gesicht etwas ging.

Es dauerte weniger als einen Wimpernschlag. Es war kein Ausdruck; es war die Vorstufe von einem. Ein Zucken um den Mundwinkel, ein Verengen der Pupille, ein winziges, unwillkürliches Kippen des Kopfes, das jeder andere Mensch auf dieser Welt für nichts gehalten hätte.

Daan hielt es nicht für nichts.

Er las es, ohne es zu wollen, so wie er die Spuren im Laub gelesen hatte.

Es ist nicht zu mir gekommen.

Ich habe es gehen lassen. Ich habe alles gegeben, was ich hatte, ich habe die Hände geöffnet, ich habe im Wasser gekniet und es sterben sehen wollen und es trotzdem gehen lassen —

— und als es zurückkam, ist es an mir vorbei zu dir gegangen.

Dann war es fort.

Es war so schnell fort, dass es nie da gewesen sein konnte, und was übrig blieb, war ein sechzehnjähriges Mädchen mit gebrochenem Arm, das im Dreck kniete und weinte vor Erleichterung, weil das Tier lebte, das sie mehr geliebt hatte als sich selbst.

Beides war wahr.

Beides war gleichzeitig wahr, und Daan wusste in diesem Augenblick, dass sie sich dafür hassen würde, tiefer und länger, als sie ihn je hassen könnte.

Und dann sah Liv ihn an.

Und sie sah, dass er es gesehen hatte.

Zwei Herzschläge lang sahen sie einander an, über eine Lichtung voller zertretenem Laub hinweg, und keiner von beiden sagte ein Wort.

Darauf drehte Daan den Kopf weg.

Er tat es langsam, ohne Eile, als hätte ihn etwas anderes abgelenkt, und er sah zu Mara hinüber und tat, als hätte er nichts bemerkt, und er beschloss in diesem Augenblick, dass er es niemals, unter keinen Umständen, für den Rest seines Lebens erwähnen würde.

Er hatte in einem Stall gelernt, was er anrichten konnte, wenn er aussprach, was er sah.

Es war das Anständigste, was er je getan hatte.

Und es half überhaupt nichts.

Mara wartete auf etwas.

Sie wartete darauf, dass er sie ansah wie einen Gegner. Dass er drohte. Dass er irgendetwas tat, was ein Sieger tut.

Daan sah an ihr vorbei, zu Liv hinunter, die im Dreck kniete und atmete.

Mara sah das Tier an. Sie sah es lange an. Sie sah den Jungen an, der daneben stand, mit einem zugeschwollenen Auge.

Und Daan, der sah, was andere nicht sahen, konnte ihr beim Rechnen zusehen.

Ein Junge, der jede Bewegung sieht, bevor sie geschieht. Auf einem Tier, das schneller ist als alles, was ich kenne. In einem Wald, in dem er jeden Weg kennt und ich keinen.

Ihre Hand mit dem Messer sank.

„Sie kommen also zurück“, sagte sie.

Es war keine Frage.

„Ja“, sagte Daan.

Mara nickte langsam, ein einziges Mal, so wie sie an der Brücke genickt hatte, als sie eine nützliche Auskunft erhalten hatte.

Dann steckte sie das Messer weg.

„Das ist etwas anderes“, sagte sie, mehr zu sich selbst als zu ihnen. „Das ist etwas völlig anderes.“

„Zwei Dinge“, sagte sie.

Sie sah Liv an.

„Du bist dreimal aufgestanden. Ohne alles.“ Etwas ging über ihr Gesicht — kein Lächeln, aber die Stelle, an der eines gewesen wäre. „Ich habe mich geirrt. Du wärst mir immer noch eine Ehre gewesen.“

Dann sah sie Daan an, und ihr Blick blieb einen Moment auf seiner Schulter hängen, dort, wo ein Käfer sass, den sie nicht sehen konnte und von dem sie doch zu wissen schien, dass da etwas war.

„Weisst du, was du mir gerade genommen hast?“, sagte sie.

Daan antwortete nicht.

„Zweiunddreissig Jahre. Ich habe zweiunddreissig Jahre gelernt, wie man ein Wesen von einem Menschen trennt. Und du hast mir gerade gezeigt, dass sie zurückkommen.“ Sie sah zu dem blauen Pferd hinüber, das neben Liv stand. „Alles, was ich bin, ist eben in diesem Wald nutzlos geworden. Ich danke dir nicht dafür.“

Sie hängte den Bogen über die Schulter.

„Das hier war der leise Weg“, sagte sie. „Mein König mag den leisen Weg. Sechs Leute im Wald, kein Aufsehen, niemand war da.“ Etwas in ihrem Gesicht wurde hart. „Er mag es nicht, wenn der leise Weg fehlschlägt. Das ist alles, was ich dir sage, und ich sage es umsonst, weil ich es dem Mädchen schulde, das dreimal aufgestanden ist.“

Sie ging rückwärts zum Waldrand.

An den Bäumen blieb sie stehen und sah Daan noch einmal an — lange, prüfend, wie man jemanden ansieht, von dem man weiss, dass man ihm wieder begegnen wird.

„Wir sehen uns wieder, Junge, der sieht. Und ich weiss ehrlich noch nicht, ob ich dann versuche, dich zu töten, oder ob ich neben dir stehe.“ Sie neigte den Kopf. „Wenn dich das beunruhigt: Mich beunruhigt es auch.“

Und dann war sie fort.

Das blaue Pferd senkte den Kopf.

Es ging über die Lichtung, an Daan vorbei, langsam, über das zertretene Laub und den zerbrochenen Ast und all die Stellen, an denen sie gefallen und aufgestanden war.

Und es blieb vor Liv stehen.

Sie hob den Kopf.

Sie sah es an, und ihr Gesicht tat etwas, für das es kein Wort gibt — weil sie nichts mehr hatte, keine Bindung, keine Gabe, kein Leuchten, weil sie eine gewöhnliche Sechzehnjährige mit gebrochenem Arm war, die im Dreck kniete.

Und das Tier, das ihr nicht mehr gehörte und nie wieder gehören würde, senkte den Kopf und berührte mit den Nüstern ihr Haar.

So wie am ersten Tag. Am Bach. Als der ganze Wald blau geworden war.

Liv machte kein Geräusch.

Sie legte die Stirn an seinen Hals und hielt sich mit ihrer einen heilen Hand daran fest, und sie blieb so, sehr lange, und niemand störte sie.

Und Daan stand am Rand der Lichtung und sah, dass das Pferd nicht leuchtete, weil es zu ihr gehörte.

Es leuchtete, weil es zu Besuch war.

Was keiner sieht · Kapitel 35

Richard

Sie ritten zu zweit.

Liv sass vor ihm, den gebrochenen Arm an den Leib gepresst, und sie sagte kein Wort, aber sie hielt sich mit der heilen Hand in der Mähne fest, und Daan spürte, dass sie zitterte, und es lag nicht am Fieber.

Sie ritten nach Osten, dorthin, wo er Richard zuletzt gesehen hatte.

Und es war still.

Das war das Schlimmste. Kein Schrei. Kein Krachen. Nichts. Nur ein Wald am späten Vormittag, in dem die Vögel wieder sangen, und Vögel singen nicht, wenn gekämpft wird, und sie hatten längst wieder angefangen.

Das hiess, es war vorbei.

Daan sagte es nicht. Liv sagte es nicht. Das Pferd lief.

Sie fanden ihn auf einer Lichtung, und Daan sah zuerst das Blut.

Es war überall. Es war im Laub, an den Stämmen, in einem breiten, verschmierten Streifen quer über den Boden, und Daan war schon halb vom Pferd, als er begriff, dass mitten in diesem ganzen Schlachtfeld jemand sass.

Richard sass im Dreck, mit dem Rücken an einer Buche.

Er hatte kein Hemd an. Sein Gesicht war eine einzige Schwellung, sein linkes Auge war zu, seine Rippen standen falsch, und er atmete flach und vorsichtig, wie man atmet, wenn Atmen wehtut.

Und drei Schritte weiter lag ein Mann.

Er war gross. Er war viel grösser als Richard und viel älter und viel besser, das sah Daan sofort und mit einem Blick, an den Muskeln, an den Narben, an der Art, wie die Hände selbst im Liegen noch halb geschlossen waren.

Er war bewusstlos.

Und um seinen Oberschenkel, fest und ordentlich und mit einem sauberen Knoten, war Richards Hemd gebunden.

Daan blieb stehen.

„Du hast ihn verbunden“, sagte er.

„Er hat geblutet“, sagte Richard, als sei das eine Erklärung.

„Er wollte dich umbringen.“

„Ja, aber dann hätte er ja verblutet.“ Richard verzog das Gesicht und griff sich an die Rippen. „Kann ich bitte gleich weitermachen mit dem Diskutieren? Ich glaube, ich habe eine Rippe drin, wo keine hingehört.“

Liv rutschte vom Pferd, fiel fast, ging zu ihm und liess sich neben ihm in den Dreck fallen, und dann fing sie an zu weinen, zum ersten Mal seit dem schwarzen Wasser, und sie weinte so, dass es wehtat, sie zu hören.

Richard legte ihr den unverletzten Arm um die Schulter.

„Ist ja gut“, sagte er. „Ist ja gut. Guck mal, wie ich aussehe. Das ist doch komisch. Ich sehe aus wie eine getretene Aubergine.“

„Wie“, sagte Daan.

Seine Stimme kam von sehr weit weg.

„Richard. Wie?“

„Ach das.“ Richard zuckte die Schultern und bereute es sofort. „Weiss auch nicht so genau. Er war besser. Er war viel besser. Ehrlich gesagt hat er mich ungefähr zwanzigmal getroffen.“

„Und dann?“

„Und dann ist er irgendwann müde geworden.“

Daan starrte ihn an.

„Er ist müde geworden?“

„Ja.“ Richard sah ihn aus seinem einen offenen Auge an, ehrlich verwundert. „Was denn sonst? Ich hatte ja keine Chance. Ich konnte nur weitermachen.“

Und dann sah Daan sich um.

Er hatte es nicht tun wollen. Er hatte es sein Leben lang nicht gewollt, dieses verfluchte Sehen, das ihm alles zeigte, ob er es aushielt oder nicht.

Die Welt wurde still.

Und die Lichtung erzählte es ihm.

Er sah, wo es angefangen hatte: dort drüben, am Rand, wo Richard aus dem Unterholz gekommen war. Er sah den ersten Treffer, an der Stelle, wo das Laub weggewischt war und Blut lag.

Er sah, wo Richard gefallen war.

Und er sah, wo er aufgestanden war, und dann sah er es wieder, und wieder, und wieder — ein Muster aus Abdrücken, Blut und weggetretenem Laub, das sich über die ganze Lichtung zog wie eine Handschrift.

Elf Mal.

Richard war elfmal zu Boden gegangen.

Und elfmal aufgestanden.

Aber das war es nicht, was Daan die Luft nahm.

Es war die Richtung.

Denn er stand in der Mitte der Lichtung und las die Spuren wie eine Schrift, und die Spuren sagten alle dasselbe, elfmal hintereinander, ohne eine einzige Ausnahme:

Richard hatte nicht zurückgeschlagen.

Richard hatte nicht gedeckt, nicht ausgewichen, nicht getänzelt, nicht einen einzigen Schritt zur Seite gemacht, um sich zu retten.

Er war jedes Mal nach Westen gegangen.

Nach Westen — dorthin, wo Liv war. Wo Liv gerade vor einer Frau kniete, die zweiunddreissig Jahre trainiert hatte.

Er hatte gar nicht gekämpft.

Er hatte nur versucht, an dem Mann vorbeizukommen.

Elfmal war er aufgestanden und nach Westen gegangen. Elfmal hatte der Mann ihn niedergeschlagen. Und beim zwölften Mal —

Daan drehte sich um und sah die Stelle, an der der grosse Mann lag.

Beim zwölften Mal hatte der Mann sich nicht mehr rechtzeitig gedreht.

Weil er müde war.

Weil er zwanzig Minuten lang einen Jungen geschlagen hatte, der nicht aufhörte, nach Westen zu gehen. Weil er zwanzig Jahre gelernt hatte, wie man Drachenreiter tötet — wie man tief bleibt, wie man die Sichtlinie bricht, wie man das Herz eines grossen Tieres findet — und nichts, überhaupt nichts davon half ihm gegen einen sechzehnjährigen Jungen ohne Waffe, der einfach immer wieder aufstand und in ihn hineinlief.

Er hatte nicht gegen einen Gegner gekämpft.

Er hatte gegen eine Richtung gekämpft.

Daan stand in der Mitte der Lichtung, und die Welt kam zurück, und er hörte, wie Richard hinter ihm mit Liv redete.

„— und deswegen sage ich ja, Kuchen ist strategisch. Man hat immer Kuchen dabei, dann kann man —“

„Richard.“

„Hm?“

Daan drehte sich um.

„Du wolltest zu ihr.“

Richard sah ihn an.

Und zum ersten Mal, seit Daan ihn kannte, wurde sein Gesicht ganz ernst.

„Natürlich wollte ich zu ihr“, sagte er.

Er sagte es so, wie man sagt, dass Wasser nass ist.

„Sie war ganz allein, Daan.“

Und Daan stand in einem Wald voller Blut, neben einem Pferd, das aus einer anderen Welt zurückgekommen war, und sah seinen besten Freund an — einen gewöhnlichen, kaputten, halb bewusstlosen Jungen, der einen Berufsmörder besiegt hatte, ohne ein einziges Mal zurückzuschlagen —

und er dachte an ein Reich, das sich vor Nachbarn fürchtete, weil es seine Drachen verlor.

Und er dachte: Wir schaffen das.

Herrgott. Wirklich.

Was keiner sieht · Kapitel 36

Die Frage

Sie kamen bei Sonnenuntergang durch das Tor.

Daan ging zu Fuss und führte das Pferd. Auf dem Pferd sass Richard, weil er nicht mehr laufen konnte und weil er sich zwanzig Minuten lang geweigert hatte, aufzusteigen, bis Liv ihn angeschrien hatte. Und neben dem Pferd ging Liv, mit dem Arm in Daans Gürtel geschient, dreckig, blutig, sechzehn Jahre alt und vollkommen gewöhnlich.

Der Hof war voller Menschen.

Es war die Stunde vor dem Essen; die Anwärter standen in Gruppen, die Erwählten hatten ihre Wesen bei sich, es war laut, es war ein ganz normaler Abend.

Und dann sahen sie das Pferd.

Daan hatte in seinem Leben eine Menge Stille erlebt. Er war ein Fachmann für Stille. Aber er hatte nie eine gehört wie diese: zweihundert Menschen, die zur selben Sekunde aufhörten zu atmen.

Denn sie kannten es alle.

Sie hatten alle im Hof gestanden, an dem Morgen, an dem Liv das blaue Pferd aus dem Wald geführt hatte. Sie hatten es sterben sehen. Sie hatten geflüstert, wochenlang, über das Mädchen im alten Stall, so wie man über eine Familie flüstert, in der jemand im Sterben liegt.

Und jetzt ging es über den Hof.

Es leuchtete. Es leuchtete tief und satt und blau, und es war gesund, und es ging neben einem Mädchen, in dem kein Funke Licht mehr war.

„Das ist —“, sagte jemand.

„Das ist ihr Pferd.“

„Sie hat es doch —“

„Sie hat es gehen lassen. Alle haben gesagt, dass sie —“

„Aber sie hat kein Licht mehr. Seht sie doch an. Sie hat kein —“

„Und warum ist es dann hier?“

Und dann brach es los.

Es war kein Jubel. Daan hatte mit Jubel gerechnet und war darauf vorbereitet gewesen, ihn zu hassen. Was er nicht erwartet hatte, war die Angst.

Er sah es in ihren Gesichtern, während der Hof zu brüllen anfing, und er sah es sehr deutlich, weil er alles sehr deutlich sah: Sie hatten keine Angst vor dem Pferd.

Sie hatten Angst vor der Frage.

Denn wenn ein Wesen zurückkommen konnte — wenn es wirklich, wirklich zurückkommen konnte —, dann gab es keine Ausrede mehr. Dann war das Ding, das sie alle in ihrem Bauch mit sich herumtrugen und niemals aussprachen, plötzlich eine Aufgabe.

Ein Junge im zweiten Jahrgang, mit einem leuchtenden Fuchs an der Ferse, drehte sich um und ging weg. Sehr schnell. Ohne sich noch einmal umzusehen.

Der Obermagier kam die Stufen herunter.

Er kam langsam. Er sah nicht auf die Menge und nicht auf Daan.

Er sah nur das Pferd an.

Er blieb davor stehen, ein sehr alter Mann in einem staubigen Hof, und er hob die Hand und legte sie dem Tier an den Hals, und er schloss die Augen.

„Es ist ganz“, sagte er.

„Ja.“

„Es ist heimgegangen und wieder heraufgekommen, und es ist ganz.“ Seine Stimme war seltsam. „Ich fühle die Naht nicht. Da ist keine Naht. Es ist frei, und es ist hier.“

Er öffnete die Augen und sah Liv an.

„Und Sie, Kind?“

„Ich habe nichts“, sagte Liv.

„Nein.“ Er nickte langsam. „Sie haben nichts. Und es ist trotzdem gekommen.“

Er stand da und sah auf einen Punkt zwischen seinen Füssen.

„Nicht Besitz“, sagte er. „Besuch.“

Und Daan sah, dass die Hände des ältesten Mannes im Reich zitterten wie die eines Betrunkenen.

Er erzählte ihm alles.

Oben, im Turmzimmer, mit Agatha an der Tür und Alexia am Fenster — die zum ersten Mal in ihrem Leben nichts zu sagen hatte —, erzählte Daan es. Die sechs im Wald. Wie sie sie getrennt hatten. Die Frau namens Mara, die vom Kamm aus zugesehen hatte, elf Tage lang.

Er erzählte, wer sie gewesen waren. Keine Diebe, keine Wegelagerer — Berufssoldaten, sechs davon, aus dem Reich des Königs, die genau gewusst hatten, wie man drei Erwählte auseinandertreibt und einzeln jagt. Menschen, die man dafür ausgebildet hatte. Und die Frau namens Mara, die zweiunddreissig Jahre gelernt hatte, Wesen von Menschen zu lösen.

Als er fertig war, sagte lange niemand etwas.

„Fremde Soldaten“, sagte Agatha schliesslich. „In unserem Wald. Die üben, wie man unsere Kinder tötet.“

„Es war kein Überfall“, sagte Alexia leise vom Fenster. „Es war eine Probe. Und man probt nur für etwas, das man vorhat.“

Es wurde kühl im Turmzimmer, und keiner sprach aus, warum.

Und Daan trat mitten in den Raum.

„Dann müssen wir es jetzt tun“, sagte er.

Alle sahen ihn an.

„Sie haben es gesehen. Sie haben es mit der Hand angefasst. Es kommt zurück, es ist ganz, es ist frei, es ist kein Diebstahl mehr!“ Er drehte sich zum Obermagier. „Sagen Sie es ihnen. Morgen früh. Jedem Erwählten im Reich. Sagen Sie die Wahrheit, lassen Sie sie wählen, und dann gehen sie heim, alle, und die andere Welt hört auf zu sterben.“

„Und dann sind wir wehrlos“, sagte der Obermagier, „in genau dem Augenblick, in dem der König zum ersten Mal seit tausend Jahren die Zähne zeigt.“

Es war so still im Turm, dass man den Wind hörte.

„Denk nach, mein Junge“, sagte der alte Mann sanft. „Ich bitte dich. Denk zu Ende, ehe du redest.“

Er hob eine Hand und zählte an den Fingern ab, ruhig, gründlich, so wie er alles tat.

„Ich trete vor sie hin. Ich sage die Wahrheit. Die Hälfte glaubt mir nicht. Von der anderen Hälfte lässt vielleicht — vielleicht — ein Drittel wirklich los, denn du hast gesehen, wie schwer es ist, du hast es selbst gesehen.“ Er sah Liv an. „Und die, die es tun, sind für Wochen nichts. Verwundete. Leere. Menschen wie dieses Mädchen mit einem gebrochenen Arm. Und draussen wartet ein König, der gerade sechs Berufsmörder in unseren Wald geschickt hat, um zu üben.“

Er liess die Hand sinken.

„Wir tun es“, sagte der Obermagier. „Hörst du mich? Wir tun es. Du hast recht, und ich habe unrecht gehabt, und ich bin ein alter Mann, der sich zum ersten Mal seit sechzig Jahren freut.“

Er lächelte sogar.

„Wir tun es, wenn wir sicher sind.“

Und Daan stand ganz still.

Es war der vernünftigste Satz, den er je gehört hatte.

Er war klug. Er war ehrlich. Er war fürsorglich. Jeder Mensch in diesem Raum atmete auf, als er fiel — Agatha nickte, Alexia liess die Schultern sinken, sogar Daan spürte, wie etwas in seiner Brust sich lösen wollte, wie warmes Wasser, wie Erlaubnis.

Wenn wir sicher sind.

Und dann, ganz langsam, wurde ihm eiskalt.

„Wie oft“, sagte er.

„Wie bitte?“

„Wie oft ist dieser Satz schon gesagt worden?“

Der Obermagier sah ihn an.

„In tausend Jahren“, sagte Daan, und seine Stimme wurde lauter, und er konnte nichts dagegen tun. „In tausend Jahren, in denen es Ernten gab und Seuchen und Zölle und Grenzstreitigkeiten und Thronfolgen — wie oft hat in diesem Turm ein kluger, guter, vernünftiger alter Mann gestanden und gesagt: Ja. Wir tun es. Aber nicht jetzt?“

Niemand antwortete.

„Es gab nie einen Krieg“, sagte Daan. „Ich habe es in Ihren Büchern gelesen — in denen, aus denen Sie die Seiten geschnitten haben. Tausend Jahre, kein einziger Krieg. Und trotzdem hat es niemand getan.“

Er sah den alten Mann an.

„Es braucht keine Gefahr, um zu sagen: Wenn wir sicher sind. Es braucht nur einen guten Grund. Und einen guten Grund gibt es immer.“

Der Wind ging durch das Turmzimmer.

Der Obermagier stand sehr aufrecht, und sein Gesicht war das eines Mannes, dem gerade jemand in den Spiegel geleuchtet hat.

„So“, sagte er endlich, ganz leise, „stiehlt man also eine Welt.“

Und in diesem Augenblick schrie unten im Hof jemand.

Daan war als Erster am Fenster.

Ein Pferd kam durch das Tor gestürmt, schaumbedeckt, halb tot, und der Reiter fiel eher herunter, als dass er abstieg, und richtete sich auf und stand schwankend im Hof, und zweihundert Menschen wichen zurück.

Es war ein Mädchen.

Sie hatte keinen Umhang, kein Wappen, keine Wache und kein Licht.

„Ich muss zum Obersten Magier!“, schrie Elin. „Sofort!

Was keiner sieht · Kapitel 37

Das Mädchen, das nichts war

Sie hatte sechs Tage gebraucht.

Sie sass im Turmzimmer auf einem Stuhl, den ihr jemand hingeschoben hatte, und sie hielt einen Becher Wasser mit beiden Händen, weil sie ihn sonst fallen gelassen hätte. Ihre Innenseiten waren aufgerieben bis aufs Fleisch. Sie hatte drei Pferde verbraucht. Sie hatte in Scheunen geschlafen.

„Wie sind Sie durchgekommen?“, fragte Agatha. „Über die Grenze. Ohne Papiere.“

Und Elin lachte.

Es war ein hässliches, erschöpftes, ehrliches Lachen, und Daan bekam eine Gänsehaut davon.

„Wissen Sie, wie viele Leute mich aufgehalten haben?“, sagte sie. „Auf sechs Tagen? Durch drei Königreiche?“

Sie hob einen Finger.

„Einer. Ein Zöllner. Er wollte drei Kupfer.“

Sie sah in ihren Becher.

„Als ich noch eine Erwählte war, konnte ich nicht auf den Markt gehen, ohne dass mir vier Wachen folgten. Wenn ich hustete, schrieb es ein Schreiber auf. Jetzt —“ Sie zuckte die Schultern, und es tat ihr weh. „Jetzt bin ich ein Mädchen auf einem Pferd. Niemand sieht mich. Niemand hält mich an. Niemand hat es überhaupt bemerkt, als ich weg war.“

Sie sah auf.

„Ich bin sechs Tage lang durch drei Länder geritten, und der einzige Grund, warum ich hier sitze und Sie warnen kann, ist der, dass ich nichts bin.“

Niemand sagte etwas.

Daan stand am Fenster und spürte, wie ihm die Kehle eng wurde.

„Sie kommen“, sagte Elin.

Sie stellte den Becher ab.

„Vierzehntausend Mann. Sie stehen seit zwei Wochen im Süden, angeblich für ein Manöver. Mein Vater hat es Manöver genannt, seit dem Tag, an dem seine Kundschafter von einem Kamm aus zugesehen haben, wie ein Junge seinen Drachen fortschickte.“

Alexia schloss die Augen.

Und Daan verstand, warum sie für einen Weg, den er selbst in zwei Tagen gegangen war, sechs gebraucht hatte. Sie war um vierzehntausend Mann herumgeritten.

„Und der Bericht der Frau“, sagte Elin, „ist vor drei Tagen angekommen. Ich stand hinter einem Vorhang, als er verlesen wurde. Niemand hat mich bemerkt.“ Ihr Mund verzog sich. „Ich stehe oft hinter Vorhängen. Es ist erstaunlich, was man hört.“

„Was stand darin?“, fragte der Obermagier.

Elin sah ihn an.

„Dass eure Wesen zurückkommen“, sagte sie. „Und dass ihr es noch nicht öffentlich gemacht habt.“

Der alte Mann nickte langsam.

„Und darum marschieren sie jetzt. Ehe noch mehr zurückkommen.“

„Nein“, sagte Elin.

Und Daan sah, wie sich in diesem kleinen, schmutzigen, hohlwangigen Gesicht etwas aufrichtete, das keine Gabe brauchte.

„Sie marschieren jetzt, weil sie Angst haben, dass ihr es öffentlich macht.“

Die Stille im Turmzimmer war anders als vorher.

„Erklärt es“, sagte Agatha.

„Mein Vater will euer Land nicht.“ Elin sprach schnell jetzt, mit der Präzision von jemandem, der sechs Tage lang die Sätze im Kopf sortiert hat. „Es ist ihm gleich. Er hat genug Land, und er hat Schulden, und ein Krieg um Äcker wäre das Dümmste, was er tun könnte.“

Sie beugte sich vor.

„Er will den Wald.“

Und Daan, der am Fenster stand, spürte, wie ihm der Boden wegkippte.

„Er will die Zeremonie“, sagte Elin. „Er will das Tor. Tausend Jahre lang habt ihr bestimmt, wer wann hineingeht und wie lange er bleiben darf, und alle wussten es, und niemand konnte etwas machen, weil ihr Drachen hattet.“ Sie sah in die Runde. „Jetzt habt ihr keine mehr. Und jetzt nimmt er sich das Tor.“

Niemand widersprach.

Das war das Schlimmste.

„Und wenn er es hat“, sagte Elin leise, „dann macht er genau das, was ihr gemacht habt. Tausend Jahre lang. Und die andere Welt —“

Sie brach ab.

Und Daan begriff, in einem einzigen kalten Schwall, wie vollkommen die Falle war, in der sie sassen.

Sie konnten das Reich nicht fallen lassen.

Wenn Elins Vater das Tor bekam, dann ging der Diebstahl weiter — nur unter einer neuen Fahne. Dann war Richards Drache umsonst gegangen und Livs Pferd umsonst und Elins Hirsch umsonst, und die dunkle Welt würde weiter ausbluten, und in tausend Jahren würde irgendein anderer Junge in einer anderen Bibliothek sitzen und Seiten finden, aus denen jemand die Wahrheit geschnitten hatte.

Sie mussten gewinnen.

Sie mussten diesen verfluchten Krieg gewinnen, damit sie danach das Richtige tun durften.

Nach dem Krieg, dachte Daan, und ihm wurde schlecht.

Elin sass auf ihrem Stuhl und sah ihre Hände an.

„Es ist meine Schuld“, sagte sie.

„Was?“

„Sie haben es an mir gelernt.“ Ihre Stimme war ganz ruhig, und das machte es unerträglich. „Vor meinem Bett. In meinem Zimmer. Der halbe Hof stand im Gang, als ich meinen Hirsch gehen liess, und sie haben zugesehen, und ich habe gedacht, sie sehen zu, weil sie um mich weinen.“

Sie hob den Kopf.

„Sie haben gelernt, dass ein Erwählter sich selbst entwaffnen kann.“

„Und dann hat er sechs Leute in euren Wald geschickt, die nachsehen sollten, ob es bei euch auch so weit ist.“

„Elin —“

„Ich habe mein Herz weggegeben“, sagte sie. „Und sie haben eine Waffe daraus gemacht.“

Und Daan ging durch das Turmzimmer und kniete sich vor ihren Stuhl, so wie er sich vor vielen Wochen neben ihr Bett gesetzt hatte, in einem Zimmer, das nach nutzlosen Kräutern roch.

„Nein“, sagte er.

„Doch.“

Nein.“ Er nahm ihr den Becher aus der Hand, weil sie ihn sonst zerdrückt hätte. „Hör mir zu. Du hast etwas Schönes getan. Das Schönste, was ich je gesehen habe. Und sie haben danebengestanden und nichts begriffen — kein einziges Wort, keine Silbe.“

Er sah zu ihr hoch.

„Das ist nicht dein Versagen, Elin. Das ist ihres.

Elin sah ihn an, und ihre Augen liefen über, und sie machte kein Geräusch dabei, und Daan dachte, dass er noch nie einen Menschen so still hatte weinen sehen.

Und dann stand jemand auf.

Liv hatte die ganze Zeit an der Wand gesessen, den geschienten Arm im Schoss, und hatte kein einziges Wort gesagt. Jetzt kam sie herüber. Langsam. Sie ging immer noch, als täte ihr alles weh, und das tat es auch.

Sie blieb vor Elins Stuhl stehen.

Zwei Mädchen, die einmal die Strahlendsten in zwei Königreichen gewesen waren.

Man hatte sie früher von weitem kommen sehen. Beide.

Jetzt musste man hinsehen, um sie zu finden.

Und Liv streckte ihre heile Hand aus, mit der Handfläche nach oben.

Und liess die Finger auseinandergehen.

Ganz langsam. Ganz leicht.

Elin sah auf die offene Hand.

Dann fing sie an zu lachen — ein zerbrochenes, nasses, ungläubiges Lachen —, und sie legte ihre Hand hinein, und die beiden hielten sich fest, und keine von ihnen sagte ein Wort, weil es kein Wort gab, das zwei Menschen sagen könnten, die dasselbe getan haben und dafür alles verloren haben und beide noch da sind.

Daan stand auf und trat zurück.

Er hatte in seinem Leben viele Dinge gesehen, die andere nicht sahen.

Das hier war das Erste, wofür er keine Gabe brauchte.

„Vierzehntausend Mann“, sagte Alexia leise vom Fenster her. „Und in drei Wochen sind sie hier.“

„Zwei“, sagte Elin, ohne Livs Hand loszulassen.

Sie sah nicht auf.

„Sie sind vor vier Tagen aufgebrochen.“

Was keiner sieht · Kapitel 38

Der Rat

Der Krieg fing mit Papier an.

Daan hatte immer gedacht, ein Krieg fange mit Trompeten an. In Wahrheit fing er mit Karten an, mit Listen, mit einem Hauptmann im Sold der Kaufleute, der drei Tage später eintraf und aussah, als hätte er seit einem Jahr nicht geschlafen, und mit sehr viel Zählen.

Sie zählten im grossen Saal.

„Achttausend“, sagte der Hauptmann. „Wenn meine Herren die Handelszüge ohne Bedeckung lassen — und sie werden sie lassen müssen —, dann achttausend, in zehn Tagen hier.“

„Sie haben vierzehn“, sagte Agatha.

„Ja.“

„Und die sind besser.“

„Ja.“

Alexia stand am Kartentisch und rechnete leise und sachlich vor sich hin, so wie sie einen Bach umgeleitet hatte.

„Magier“, sagte sie. „Im ganzen Reich, wenn wir alle rufen, die etwas taugen: einundvierzig. Davon können vielleicht sechzehn im Feld etwas ausrichten, das über Nebel und Pferdeschreck hinausgeht. Die anderen sind Uhrmacher und Hebammen und Leute, die Regen machen.“

„Und die Erwählten?“, fragte der Hauptmann.

Es wurde still.

„Vierundvierzig“, sagte der Obermagier.

Der Hauptmann sah auf.

„Dann steht es doch gar nicht so —“

„Vierundvierzig, von denen sechs im letzten Jahr verloschen sind, ohne dass wir es den Familien gesagt haben.“ Der alte Mann sagte es ohne jede Regung. „Von den achtunddreissig, die bleiben, sind neun Kinder unter sechzehn. Und alle achtunddreissig haben in den letzten zwei Wochen ein blaues Pferd über unseren Hof gehen sehen und wissen seither, dass ihr Wesen sie eines Tages umbringen wird.“

Der alte Mann sah den Hauptmann an.

„Wie viele von ihnen glauben Sie werden für dieses Reich sterben, Hauptmann?“

Der Mann antwortete nicht.

„Sie werden trotzdem kommen“, sagte Agatha. „Die meisten. Sie sind gut erzogen.“

„Ja“, sagte der Obermagier. „Und sie werden dabei sterben.“

Er beugte sich über die Karte.

„Diese vierzehntausend Männer sind nicht irgendwelche Bauern mit Piken. Sie sind dreihundert Jahre lang für eine einzige Frage ausgebildet worden: wie man ein Kind auf einem Drachen tötet. Sie haben Netze. Sie haben Winden. Sie haben Kettenschuss und Fallgruben und Formationen, deren Namen wir nicht kennen. Wir werden ihnen achtunddreissig leuchtende Kinder entgegenschicken —“

Er richtete sich auf.

„— und sie werden sie ernten.“

Und da stand Daan auf.

Er hatte die ganze Zeit an der Wand gestanden, zwischen Liv, deren Arm noch geschient war, und Richard, der auf einem Stuhl sass, weil Stehen wehtat, und Elin, die drei Tage geschlafen hatte und immer noch aussah wie der Tod.

„Dann schicken wir sie nicht“, sagte er.

Alle drehten sich um.

„Wir lassen sie los“, sagte Daan. „Alle. Jetzt. Vor der Schlacht.“

Der Hauptmann lachte.

Er lachte wirklich — ein kurzes, ungläubiges Bellen —, und dann sah er sich um und merkte, dass sonst niemand lachte, und hörte auf.

„Denkt doch nach!“ Daan trat an den Tisch. „Sie haben dreihundert Jahre gelernt, wie man Erwählte tötet. Alles, was sie haben, ist dafür gebaut. Die Netze, die Winden, die Formationen — jede einzelne Sache in diesem Heer ist gegen einen Drachen gedacht.“

Er schlug mit der flachen Hand auf die Karte.

„Und wenn keiner da ist?“

Niemand sagte etwas.

„Richard hat einen ihrer Besten geschlagen“, sagte Daan, und seine Stimme wurde lauter. „Einen ihrer Besten. Ohne Waffe, ohne Gabe, mit gebrochenen Rippen. Wisst ihr, warum? Weil der Mann zwanzig Jahre lang gelernt hat, wie man einen Jungen von einem Drachen holt — und dann stand da ein Junge ohne Drachen, der einfach nicht aufhörte, auf ihn zuzugehen, und er wusste nicht, was er tun soll!“

„Das war ein Mann“, sagte Agatha ruhig. „Das hier sind vierzehntausend.“

„Das ist doch dasselbe —“

„Nein“, sagte der Obermagier.

Er sagte es freundlich.

Und Daan wusste, in dem Augenblick, in dem er es hörte, dass er verloren hatte.

„Setz dich, Daan. Nein — bleib stehen. Du sollst es hören, und du sollst es im Stehen hören, weil es dir gebührt.“

Der alte Mann kam um den Tisch herum.

„Du hast recht“, sagte er. „In allem. Ihre Waffen sind für einen Feind gebaut, den es dann nicht mehr gäbe. Ihre Doktrin wäre wertlos. Ein Teil ihrer Offiziere würde tatsächlich nicht wissen, was er tun soll.“

Er blieb vor ihm stehen.

„Und dann“, sagte er, „würden sie es trotzdem tun.“

„Was?“

„Was Soldaten seit Anbeginn tun, wenn ihre klugen Pläne nicht gebraucht werden. Sie würden in einer Linie kommen. Vierzehntausend Mann in einer Linie, mit Speeren, gegen achttausend, die schlechter sind, und gegen sechzehn Magier, die Nebel machen.“

Er legte Daan die Hand auf die Schulter, dorthin, wo der Käfer sass.

„Sie brauchen keine Netze, um uns zu schlagen, mein Junge. Die Netze waren nur für die Drachen. Für uns anderen reicht ein Speer.“

Daan stand da und suchte nach etwas.

Er suchte mit allem, was er hatte, mit dem Käfer und mit der Wut und mit dem verfluchten, gnadenlosen Blick, der ihm sein Leben lang alles gezeigt hatte, was er nicht sehen wollte.

Und er fand nichts.

Weil der alte Mann recht hatte.

„Ich glaube dir“, sagte der Obermagier leise. „Ich glaube dir jedes Wort. Und wenn ich hundert Jahre Zeit hätte, würde ich es tun. Aber ich habe zehn Tage.“

Er drückte kurz zu.

„Wir behalten die Wesen. Wir werden mit ihnen kämpfen, und viele von ihnen werden sterben, und wir werden vielleicht verlieren. Und wenn wir gewinnen, dann tun wir das Richtige.“

Er ging zurück an den Tisch.

„Nach dem Krieg.“

Daan ging aus dem Saal.

Er ging über den Hof, an den Ställen vorbei, an dem blauen Pferd vorbei, das ihm nachsah, und hinter ihm rief jemand seinen Namen.

„Daan!“

Er ging weiter.

Daan.“ Liv holte ihn kurz vor dem Tor ein, den geschienten Arm am Leib, ausser Atem. „Was hat er gesagt?“

„Dass er recht hat.“

„Und?“

„Und er hat recht.“

„Dann gehen wir noch einmal zu ihm. Dann gehen wir zu Agatha, dann —“

Wir?

Es kam heraus, bevor er denken konnte.

Und er wusste, während er weitersprach, dass es falsch war. Er sah es sogar. Er sah ihre Schulter kippen, bevor sie kippte, er sah den Satz landen, bevor er landete, er sah alles, wie immer.

Er sagte ihn trotzdem.

„Du redest über Loslassen wie jemand, der weiss, wie das geht. Du hast losgelassen, schon gut. Und dann kam es zurück.“ Er hörte die eigene Stimme und mochte sie nicht. „Nur nicht zu dir.“

Der Hof wurde sehr still.

Es gab genau eine Sache auf dieser Welt, von der Daan geschworen hatte, sie niemals zu erwähnen, unter keinen Umständen, für den Rest seines Lebens.

Er hatte es keine Woche ausgehalten.

Liv sagte nichts. Ihr Gesicht tat nichts — es lag einfach da, so wie es auf der Lichtung dagelegen hatte.

Dann nickte sie einmal, kurz, als hätte sie etwas bestätigt bekommen, das sie ohnehin gewusst hatte, und ging zurück über den Hof.

Es waren vierzig Schritt. Daan stand am Tor und ging sie nicht.

Er ging durch das Tor und über die Wiese und in den Wald.

Er lief, bis er nicht mehr konnte, und dann sass er im Moos und atmete, und der Käfer sass auf seiner Schulter und sagte nichts.

„Er hat recht“, sagte Daan.

Der Wald schwieg.

„Er hat recht, und ich habe recht, und beides zusammen geht nicht, und in zehn Tagen sterben achtunddreissig Kinder.“

Er drückte die Handballen in die Augen.

Und dann, ganz langsam, hob er den Kopf.

Denn irgendwo, ganz hinten in seinem Schädel, hatte sich ein Gedanke aufgesetzt und sah ihn an.

Sie sind dreihundert Jahre lang für eine einzige Frage ausgebildet worden: wie man Erwählte tötet.

Daan stand auf.

Es gab auf dieser Welt genau einen Menschen, der dieselbe Frage vierzehn Jahre lang studiert hatte. Der jede Schwäche eines Erwählten kannte. Der wusste, wo die Netze reissen und wo die Winden klemmen und was ein Mann fürchtet, der ausgebildet wurde, Kinder von Drachen zu holen.

Genau einen Menschen, der das Handwerk des Feindes von innen kannte.

Und dieser Mensch sass irgendwo in diesem Wald, allein, mit einem sterbenden Falken und ohne einen einzigen Grund, morgen früh aufzustehen.

Daan wischte sich das Gesicht ab.

„Also gut“, sagte er zu dem Käfer.

„Suchen wir ihn.“

Was keiner sieht · Kapitel 39

Siebzehn

Er brauchte zwei Tage, und am Ende musste er ihn gar nicht finden.

Er ging einfach zum Teich, in der zweiten Nacht, und setzte sich ans Ufer, und wartete.

Es war das, was ein Mann tut, der nirgendwo mehr hingehen kann: Er geht dorthin, wo das Einzige ist, das er nicht bekommt.

Der Silberne kam vor Sonnenaufgang.

Er sah furchtbar aus. Er trug denselben Umhang, aber er hatte sich nicht rasiert, und er ging nicht mehr so, wie er früher gegangen war — dieser ruhige, sparsame Gang, der Daan an eine Katze erinnert hatte. Jetzt ging er wie jeder andere Mann. Er ging einfach.

Und in seiner Armbeuge lag der Falke.

Das Tier lebte noch. Daan sah es sofort, und er wünschte, er hätte es nicht gesehen: das graue Gefieder, der eine Flügel, der schleifte, der Kopf, der zur Seite gedreht war. Nach Norden.

Der Schütze blieb stehen, als er ihn sah. Dann kam er zum Wasser und setzte sich, drei Schritte entfernt, und beide sahen sie in den schwarzen Teich.

„Man hat euch gejagt“, sagte er.

„Ja.“

„Das Mädchen?“

„Sie lebt. Gebrochener Arm.“

„Und der Grosse?“

„Hat gewonnen“, sagte Daan.

Der Silberne drehte den Kopf.

„Er hat was?“

„Er hat gewonnen. Ohne Waffe. Er ist elfmal niedergeschlagen worden und elfmal aufgestanden, und er hat kein einziges Mal zurückgeschlagen — er wollte nur an dem Mann vorbei, weil Liv auf der anderen Seite war.“ Daan sah aufs Wasser. „Und dann hat er ihm das Bein verbunden.“

Der Schütze sagte lange nichts.

„Natürlich hat er das“, sagte er schliesslich.

Und Daan hörte etwas in seiner Stimme, das er dort noch nie gehört hatte, und es dauerte einen Augenblick, bis er es erkannte.

Es war Zärtlichkeit.

„Vierzehntausend Mann kommen“, sagte Daan. „In acht Tagen. Sie wollen den Wald. Sie wollen die Zeremonie.“

„Ich weiss.“

„Sie wissen es?“

„Ich lebe seit vierzehn Jahren in diesem Wald, und ich schlafe nicht viel.“ Der Silberne zuckte die Schultern. „Ich habe ihre Kundschafter zweimal gesehen. Ich habe nichts gesagt. Wem hätte ich es sagen sollen?“

„Sie hätten es mir sagen können!“

„Und du hättest gefragt, warum es mich kümmert.“ Er sah wieder aufs Wasser. „Es kümmert mich ja auch nicht. Wenn dieses Reich morgen untergeht, ist das kein Verlust für die Welt.“

„Und wenn Elins Vater das Tor kriegt?“

Der Silberne wurde ganz still.

„Dann macht er tausend Jahre lang genau dasselbe“, sagte Daan. „Nur mit einer anderen Fahne. Und drüben geht das Licht weiter aus, Jahrgang für Jahrgang, und alles, was Sie getan haben, war umsonst.“

„Es war umsonst.“

„Nein.“

Daan drehte sich zu ihm um.

„Und deswegen bin ich hier.“

Er holte Luft.

„Ihre siebzehn“, sagte er. „Die Bindungen, die Sie durchtrennt haben. Die siebzehn Menschen, deren Namen Sie sich aufgeschrieben haben, damit Sie sie nicht vergessen.“

„Hör auf.“

„Wo sind ihre Wesen jetzt?“

Der Silberne rührte sich nicht.

„Sagen Sie es“, sagte Daan. „Wo sind sie? Die siebzehn leuchtenden Wesen, die Sie mit Gewalt losgerissen haben — wo sind sie in diesem Augenblick?“

Der Mann in Silber öffnete den Mund.

Und schloss ihn wieder.

„Zu Hause“, sagte Daan.

Er sagte es ganz leise.

„Sie sind zu Hause. Alle siebzehn. Sie sind heimgegangen, sie sind da, sie sind ganz, und sie sind wahrscheinlich die einzigen Wesen dieser Welt, die in den letzten vierzehn Jahren ihre eigene Welt wiedergesehen haben.“

Der Falke bewegte sich in der Armbeuge des Mannes.

„Sie haben geglaubt, Sie hätten siebzehn Kinder ruiniert“, sagte Daan. „Sie haben siebzehn Wesen gerettet. Sie haben es falsch gemacht. Sie haben es grausam gemacht, Sie haben es hinter ihrem Rücken und ohne ihre Erlaubnis gemacht, und dafür schulden Sie ihnen etwas bis an Ihr Lebensende.“

Er beugte sich vor.

„Aber Sie waren der Einzige in tausend Jahren, der überhaupt etwas getan hat.“

Und der silberne Bogenschütze, der auf Agatha geschossen hatte, der seit vierzehn Jahren ein sterbendes Tier in den Armen trug, der sich selbst den Idioten dieser Geschichte genannt hatte —

fing an zu weinen.

Er machte kein Geräusch dabei. Er sass am Rand eines schwarzen Teiches, in dem eine sterbende Welt lag, und die Tränen liefen ihm in den Bart, und er hielt den Falken fest, und er sagte kein einziges Wort.

Daan liess ihn.

Er hatte gelernt, dass es Kummer gibt, den man nicht kleiner redet.

Nach einer sehr langen Zeit sagte der Mann:

„Was willst du.“

„Ihr Wissen.“

Daan stand auf.

„Vierzehntausend Männer kommen, und hinter jedem einzelnen von ihnen stehen dreihundert Jahre, die einer einzigen Frage galten: Wie tötet man einen Erwählten?“ Er sah auf den Mann hinunter. „Und es gibt auf dieser Welt genau einen Menschen, der sich dieselbe Frage vierzehn Jahre lang jeden einzelnen Tag gestellt hat.“

Der Silberne sah nicht auf.

„Sie wissen, wo die Netze reissen“, sagte Daan. „Sie wissen, wie eine Winde klemmt. Sie wissen, was ein Mann fürchtet, der ausgebildet wurde, Kinder von Drachen zu holen. Sie kennen jede Schwäche, die ein Beschützer hat, weil Sie sie siebzehnmal ausgenutzt haben.“

„Und was soll ich damit?“

„Uns beibringen“, sagte Daan, „wie man ohne sie überlebt.“

Der Wald war vollkommen still.

Der Silberne hob den Kopf.

Und Daan sah zu, wie in dem zerstörten Gesicht dieses Mannes etwas geschah, das er nur einmal zuvor gesehen hatte — auf den Stufen eines Turms, in den Händen eines sehr alten Mannes, die zu zittern angefangen hatten, weil ihm jemand eine Frage gestellt hatte, die niemand je gestellt hatte.

„Vierzehn Jahre“, sagte der Bogenschütze langsam, „habe ich gelernt, wie man Beschützer zerstört.“

„Ja.“

„Und du willst, dass ich damit ein Reich rette.“

„Ich will, dass Sie damit achtunddreissig Kinder retten“, sagte Daan. „Das Reich ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal.“

Und der Mann in Silber lachte.

Es war das erste Mal. Es war ein rostiges, hässliches, ungeübtes Geräusch, wie eine Tür, die seit Jahren nicht geöffnet wurde.

Er stand auf.

Er stand langsam auf, mit dem Falken in der Armbeuge, und er sah über den schwarzen Teich, und dann sah er Daan an.

„Es gibt eine Sache, die du wissen musst“, sagte er.

„Was?“

„Ich kann euch beibringen, wie ihr sie aufhaltet.“ Er strich dem Falken mit einem Finger über den Kopf. „Ich kann euch nicht beibringen, wie ihr sie besiegt. Dafür sind es zu viele.“

„Was brauchen wir denn, um sie zu besiegen?“

Und der Silberne sah lange auf das Wasser, in dem die Sterne zweier Welten lagen.

„Hilfe“, sagte er.

„Von wem?“

Der Mann in Silber antwortete nicht.

Er sah nur auf das schwarze Wasser hinunter, sehr lange, und Daan sah, wie sich seine Arme ganz langsam um den grauen Falken schlossen — und wie er es merkte — und wie er sie mit Gewalt wieder lockerte.

Was keiner sieht · Kapitel 40

Was Agatha getan hat

Sie kamen am Nachmittag durch das Tor, und Daan ging voran, weil er wusste, was passieren würde, wenn er es nicht tat.

Es dauerte vier Sekunden.

Der erste Wachmann sah das Silber. Der zweite schrie. Und dann standen elf Männer im Hof mit gezogenen Waffen, und die Anwärter rannten, und irgendwo läutete jemand die Glocke, und der silberne Bogenschütze stand mitten in dem Ganzen, den Bogen ungespannt über der Schulter, mit einem sterbenden Falken in der Armbeuge, und rührte sich nicht.

„Er ist bei mir!“, brüllte Daan. „ER IST BEI MIR!

Es half nicht besonders.

Was half, war die Frau, die auf die Stufen trat.

Sie kam nicht schnell. Sie kam so, wie sie immer kam — den Rücken gerade, den Blick überall —, und im Hof wurde es still, weil es im Hof immer still wurde, wenn Agatha kam.

Sie blieb auf der obersten Stufe stehen.

Und sah ihn an.

Daan hatte in diesem Jahr viele Menschen sehr genau angesehen. Er hatte gesehen, wie ein alter Mann seinen Bären ansah, und wie ein Mädchen ihr Pferd ansah, und wie eine Kriegerin ein Schwert ansah.

Er hatte noch nie gesehen, wie ein Mensch so aussah wie Agatha in diesem Augenblick.

Der silberne Bogenschütze setzte den Falken vorsichtig ins Gras.

Dann richtete er sich auf.

„Direktorin“, sagte er.

Und Agatha sagte:

„Levin.“

Der ganze Hof hielt den Atem an, und Daan spürte, wie ihm das Blut in den Ohren rauschte, denn in den elf Wochen, in denen dieser Mann durch sein Leben gegangen war wie ein Schatten aus Metall, hatte niemand ihn je bei einem Namen genannt.

Er hatte einen Namen.

Natürlich hatte er einen Namen.

„Legt die Waffen weg“, sagte Agatha, ohne den Blick von ihm zu nehmen.

„Frau Direktorin, dieser Mann hat —“

Legt sie weg.

Sie kam die Stufen herunter.

Sie ging über den Hof, an den Wachen vorbei, an Daan vorbei, und blieb drei Schritte vor ihm stehen. Und Daan sah, dass ihre Hände zitterten, und er sah, dass sie es wusste, und dass sie sie nicht versteckte, und irgendwie war das das Schlimmste.

Sie sah auf den Falken im Gras.

Sehr lange.

„Er lebt noch“, sagte sie.

„Ja.“

„Nach vierzehn Jahren.“

„Ja.“

Agatha schloss die Augen.

„Das ist meine Schuld“, sagte sie.

Und der Mann, den sie Levin genannt hatte, machte ein Geräusch, das kein Lachen war.

Jetzt sagst du es.“

„Ich habe es immer gesagt.“ Sie öffnete die Augen. „Ich habe es vierzehn Jahre lang jeden Morgen gesagt, wenn ich aufgewacht bin. Ich habe es nur nie dir gesagt, und das ist etwas anderes, und ich weiss es.“

Im Hof stand niemand mehr, der sich bewegte.

„Was hat sie getan?“, sagte Daan.

Er sagte es zu leise. Niemand hörte ihn.

Was hat sie getan?

Und Levin drehte den Kopf und sah ihn an, und in seinen Augen war etwas so Müdes, dass Daan zurückweichen wollte.

„Ich war neunzehn“, sagte er. „Ich war der Beste. Sie hat es allen erzählt — dem ganzen Reich, dem Obermagier, meiner Mutter. Der beste Schüler, den ich je hatte.

Er sah wieder zu Agatha.

„Und dann fing mein Falke an zu verlöschen.“

Der Wind ging über den Hof.

„Ich kam zu ihr“, sagte Levin. „Ich war ein Kind, ich hatte Angst, und ich kam zu der einzigen Person auf dieser Welt, von der ich glaubte, dass sie mich nicht anlügt.“

Daan stand ganz still.

Etwas in seiner Brust war eiskalt geworden.

„Und sie hat mich angesehen“, sagte Levin, „und sie hat gelächelt, und sie hat gesagt: Es ist nichts, Lev. Er ist nur müde. Er wird wieder.

Agatha stand da und sagte kein Wort.

„Drei Jahre“, sagte Levin. „Drei Jahre hat sie mich das glauben lassen. Drei Jahre, in denen ich Zeit gehabt hätte. Zeit, mich daran zu gewöhnen. Zeit, mich zu verabschieden. Zeit, es zu tun, solange er noch fliegen konnte —“

Seine Stimme brach.

„Solange er noch fliegen konnte, Agatha.“

Und Daan stand mitten im Hof seiner Schule, und um ihn herum drehte sich die Welt, und er hörte eine andere Stimme, an einem anderen Ort, in einem staubigen Hof unter einer lächerlich schönen Sonne.

Sieh es dir an. Sag mir, dass ich recht habe.

Ihm fehlt nichts.

Danke.

Er musste sich an der Mauer festhalten.

„Warum?“, sagte Levin.

Es klang nicht wütend. Es klang wie die Frage eines Neunzehnjährigen, der immer noch, nach vierzehn Jahren, keine Antwort bekommen hat.

Warum?

Und Agatha, die stärkste Magierin des Reiches, die einen Pfeil aus der Luft schlug, ohne hinzusehen, stand in ihrem eigenen Hof vor ihrem eigenen Schüler und sagte die Wahrheit.

„Weil ich es nicht ertragen habe“, sagte sie.

Sie sagte es ganz einfach.

„Weil du neunzehn warst und stolz und so verdammt begabt, und weil du mich angesehen hast wie einen Menschen, der alles reparieren kann. Und weil ich in dein Gesicht sehen und dir sagen sollte, dass du alles verlierst, was du bist.“

Sie hob das Kinn.

„Ich habe es nicht über die Lippen gebracht. Und ich habe mir eingeredet, es sei Güte.“

Sie sah auf den grauen Falken im Gras.

„Es war Feigheit“, sagte sie. „Es war die reinste Feigheit, die ich in meinem Leben begangen habe, und ich habe sie einem Kind angetan, und es hat vierzehn Jahre gedauert, und es dauert noch.“

Niemand im Hof atmete.

„Ich habe dir nicht die Wahrheit gestohlen, Levin“, sagte Agatha. „Die hättest du sowieso bekommen.“

Sie sah ihn an.

Ich habe dir die Zeit gestohlen.

Und Daan, der an der Mauer lehnte, weil seine Beine ihn nicht mehr trugen, sah zu Richard hinüber, der auf einer Bank sass mit seinen kaputten Rippen — und Richard sah ihn an, und in seinem Gesicht war kein Vorwurf, überhaupt keiner, nur eine unendliche, freundliche Traurigkeit.

Denn Richard hatte diesen Satz schon einmal gesagt.

Zu ihm — über neun Wochen, die er Liv gestohlen hatte.

Levin stand sehr lange da.

Dann bückte er sich, hob den Falken auf und barg ihn in der Armbeuge, so wie er es tausendmal getan hatte.

„Ich vergebe dir nicht“, sagte er.

„Nein“, sagte Agatha. „Das sollst du auch nicht.“

„Aber ich bleibe.“

Sie sah ihn an.

„In acht Tagen kommen vierzehntausend Mann“, sagte Levin, „die genau das können, was ich kann. Und ihr habt achtunddreissig Kinder, die keine Ahnung haben, was auf sie zukommt.“

Er ging an ihr vorbei, auf das Schulgebäude zu.

„Ruf sie zusammen“, sagte er. „Alle. In einer Stunde. Ich fange mit den Netzen an.“

Was keiner sieht · Kapitel 41

Die Netze

Achtunddreissig Erwählte standen auf dem Übungsplatz hinter den Ställen, und achtunddreissig leuchtende Wesen standen bei ihnen, und es war der prächtigste Anblick, den Daan je gesehen hatte.

Ein Luchs aus grünem Licht. Ein Eber, gross wie ein Ochse, der silbern glomm. Drei Falken. Ein Wolf. Ein Hirsch, der Daan das Herz zusammenzog. Ein Mädchen aus dem ersten Jahrgang mit einem winzigen goldenen Vogel auf dem Finger, das aussah, als würde es gleich weinen.

Und vor ihnen stand ein Mann in einem staubigen Umhang, mit einem Sack in der Hand, und sah sie an, als hätte man ihm einen Karren Kohl geliefert.

„Ihr seid alle tot“, sagte Levin.

Ein Junge lachte.

Levin griff in den Sack, und irgendetwas flog, und dann schrie das Mädchen aus dem ersten Jahrgang, weil ihr goldener Vogel plötzlich am Boden lag, gefangen in einem Netz aus dünnem, grauem Draht, so gross wie ein Taschentuch.

Es war in einer Sekunde vorbei.

„Das kostet einen halben Kupfer“, sagte Levin. „Ich habe siebzig davon in diesem Sack. Ein Bogenschütze im Feld trägt zwanzig.“

Er ging zu dem Mädchen und befreite den Vogel mit ein paar geübten Griffen und gab ihn ihr zurück, und sie starrte ihn an wie ein Gespenst.

„Er hat nichts“, sagte er freundlich. „Aber du hast fünf Sekunden gebraucht, um zu begreifen, dass es passiert ist. Fünf Sekunden. Der Mann, der es geworfen hat, braucht drei, um dich zu erreichen.“

Er drehte sich zu den anderen um.

„Noch einmal: Ihr seid alle tot.“

Und dann sagte er den Satz, der die drei folgenden Tage erklärte.

„Ich bringe euch nicht bei zu kämpfen“, sagte Levin.

Er liess den Sack auf den Boden fallen.

„Ich bringe euch bei, warum ihr es nicht könnt.“

Es waren die schlimmsten drei Tage in Daans Leben, und Daan hatte in diesem Jahr eine ganze Menge schlimme Tage gehabt.

Levin zeigte ihnen die Winden — kleine, hässliche Dinger aus Eisen und Sehne, mit denen zwei Männer einen Drachen im Flug an einem Bein festmachen und herunterreissen. Er erklärte in einem gleichmütigen, sachlichen Ton, wie lange ein Drache braucht, um sich am Boden totzuschlagen, wenn niemand ihm hilft.

„Also fliegt ihr nicht“, sagte er. „Nie. Nicht ein einziges Mal in Reichweite einer Formation.“

Er zeigte ihnen, warum ein leuchtendes Wesen nachts die dümmste Waffe der Welt ist.

„Ihr seid eine Fackel“, sagte er. „Ihr seid eine Fackel, die glaubt, sie sei ein Schwert. Ein Bogenschütze braucht kein Ziel zu suchen, das von selbst leuchtet.“ Er sah in die Runde. „Also versteckt ihr euch nicht. Ihr könnt euch nicht verstecken. Merkt euch das, es ist die halbe Wahrheit über euch.“

Er zeigte ihnen den Kettenschuss und was er mit Flügeln macht.

„Also bleibt euer Wesen ausser Schussweite. Immer.“

Und am zweiten Tag zeigte er ihnen die schlimmste Lektion, und die ging so:

Er stellte einen Jungen und dessen leuchtenden Wolf zwanzig Schritte auseinander. Dann fragte er die Zuschauer, was ein feindlicher Hauptmann täte, wenn er beide sähe.

Niemand antwortete.

„Er tötet den Wolf“, sagte Levin.

Der Junge fuhr auf, und Levin hob die Hand.

„Nicht den Jungen. Der Junge ist unwichtig. Der Junge ist ein Sechzehnjähriger mit einem Speer.“ Er sah sie alle an. „Aber wenn du das Wesen vor seinen Augen tötest, dann hast du in derselben Sekunde auch den Jungen. Er kämpft nicht mehr. Er schreit. Er rennt darauf zu. Er tut alles, was ein Mensch tut, dem gerade jemand das Herz herausgenommen hat — und keins davon ist Krieg.“

Er liess es wirken.

„Ihr seid der Köder für euch selbst.“

Ein Mädchen fing an zu weinen, und niemand machte sich darüber lustig, weil alle anderen kurz davor waren.

Und dann rechnete Daan es zusammen, und er sah, dass die anderen es auch taten, einer nach dem anderen, überall auf dem Platz, wie ein Feuer, das durch trockenes Gras läuft.

Fliegt nicht. Versteckt euch nicht — ihr könnt es nicht. Haltet sie ausser Schussweite. Sie sind der Köder für euch selbst.

Jede einzelne Lektion zeigte in dieselbe Richtung.

Und keiner von ihnen sprach es aus.

Am dritten Tag stellte das Mädchen mit dem goldenen Vogel die Frage.

Sie war vierzehn. Sie hatte drei Tage lang kein Wort gesagt.

„Wie haben Sie es gemacht?“, fragte sie. „Bei den siebzehn?“

Der ganze Platz erstarrte.

Levin stellte den Sack ab.

„Silberzehr“, sagte er.

Er zog einen Pfeil aus dem Köcher und hielt ihn hoch, und die Spitze war matt und grau und sah aus wie nichts.

„Es ist ein sehr altes Gift. Es frisst sich nicht durch das Fleisch. Es frisst sich durch die Kraft.“ Er drehte den Pfeil zwischen den Fingern. „Und in einem Erwählten ist das Stärkste, das Magischste, das Erste, was es findet —“

Er sah das Mädchen an.

„— die Bindung.“

Niemand atmete.

„Ein Streifschuss. Mehr braucht es nicht. Innerhalb von Minuten ist die Bindung fort, und das Wesen ist frei und geht heim. Und dann“, sagte Levin ruhig, „fängt das Gift an, den Menschen zu fressen. Das dauert Stunden.“

„Und dann sterben sie“, sagte das Mädchen.

„Nein.“ Levin steckte den Pfeil zurück. „Dann finden sie das Mondkraut. Es wächst an einer Stelle in diesem Wald, unter einem Vorsprung, wo ein alter Bach aus dem Fels tritt.“

Er sagte es sehr genau. Wie eine Wegbeschreibung.

„Ich habe siebzehnmal an diesem Wasser gesessen“, sagte er, „und zugesehen, wie jemand um sein Leben pflückte, den ich eine Stunde vorher angeschossen hatte.“

Das Mädchen mit dem goldenen Vogel sah ihn an.

„Warum haben Sie ihnen gesagt, wo es wächst?“

Und Levin, der siebzehn Kinder ruiniert hatte, sagte:

„Weil ich sie nicht töten wollte. Ich wollte ihre Wesen nach Hause bringen.“ Er hob den Sack wieder auf. „Ich bin kein Mörder, Kind. Ich bin etwas Schlimmeres. Ich bin ein Mann, der genau weiss, was er tut.“

Sie hassten ihn.

Sie hassten ihn abgrundtief, alle achtunddreissig, und am dritten Tag stellte sich ein grosser Junge aus dem letzten Jahrgang vor ihn und sagte ihm, er sei ein Mörder und ein Verräter, und was er hier eigentlich wolle.

Levin sah ihn an.

„Ich will, dass in fünf Tagen weniger von euch sterben, als sterben müssten“, sagte er.

„Und was, wenn wir das nicht wollen? Von Ihnen?“

„Dann sterbt ihr eben genau so viele, wie sterben müssten.“ Levin zuckte die Schultern. „Das ist mir gleich. Ich bin nicht hier, um gemocht zu werden. Ich habe siebzehn Leute wie euch ruiniert, und ich werde dafür bezahlen, bis ich tot bin, und keiner von euch kann mir etwas antun, was ich mir nicht schon selbst angetan habe.“

Er hob den nächsten Sack.

„Aber solange ich hier stehe, lernt ihr. Netze. Wieder.“

Am dritten Nachmittag machte er einen Fehler.

Er wollte zeigen, wie leicht es ist. Er suchte sich das kleinste, harmloseste Ziel auf dem Platz — das vierzehnjährige Mädchen mit dem winzigen goldenen Vogel, das in drei Tagen genau eine Frage gestellt hatte und aussah, als würde es bei einem lauten Wort zerbrechen.

Daan hatte sie schon einmal gesehen. Im Jahr davor, am Rand eines Kreises, ganz hinten, wo er selbst drei Jahre lang gestanden hatte. Damals hatte nichts an ihr geleuchtet.

„Sie“, sagte Levin und deutete auf sie. „Komm her. Ich zeige den anderen, wie schnell es geht.“

Das Mädchen kam. Es zitterte. Der goldene Vogel sass auf seiner Schulter und zitterte mit.

Levin erklärte, während er um sie herumging, jeden einzelnen Schritt: wie er das Netz führen würde, wie das Wesen fiele, wie das Kind in genau dem Moment aufhörte, ein Gegner zu sein, und nur noch ein schreiendes Ding wäre. Er sagte es sachlich, wie er alles sagte. Er hob den Arm.

Und das Mädchen, das seit drei Tagen kein Wort gesagt hatte, machte den Mund auf.

Der goldene Vogel sang.

Es war nicht laut. Es war das Gegenteil von laut — ein einziger, heller, sehr reiner Ton, kaum mehr als ein Atemzug, und Daan, der zwanzig Schritt entfernt stand, spürte, wie ihm die Nackenhaare aufstanden, ohne dass er hätte sagen können, warum.

Und Levins Arm blieb stehen.

Nicht, weil er ihn anhielt. Daan sah es genau — er sah, mit vollkommener, gnadenloser Klarheit, dass Levin den Arm senken wollte und dass der Arm nicht gehorchte. Dass da für einen Herzschlag, für zwei, für drei etwas anderes die Hand dieses Mannes hielt als sein eigener Wille. Der gefährlichste Bogenschütze des Reiches stand mit erhobenem Arm auf einem Übungsplatz und konnte ihn nicht bewegen, und sein Gesicht war das eines Menschen, dem gerade jemand in den eigenen Körper gegriffen hat.

Dann brach der Ton ab.

Das Mädchen schlug sich die Hände vor den Mund. Der Vogel duckte sich. Und beide, das Kind und der Mann, starrten einander an, gleich weiss, gleich erschrocken, und Daan begriff, dass von den beiden das Mädchen die grössere Angst hatte — denn Levin wusste jetzt wenigstens, was ihm geschehen war, und das Mädchen wusste nur, dass es das getan hatte und nicht, wie, und nicht, ob es aufhören konnte.

Levin liess den Arm sinken. Von selbst, diesmal.

Er sah das Mädchen sehr lange an.

„Wie heisst du?“, fragte er.

„Gwen“, flüsterte sie.

„Weiss jemand, dass du das kannst, Gwen?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich auch nicht“, sagte sie, und ihre Stimme brach. „Ich wollte nur, dass Sie aufhören.“

Und Levin — der siebzehn Bindungen durchtrennt hatte, der auf einem Feld drei Tage lang erklärt hatte, warum diese Kinder tot seien — kniete sich vor das vierzehnjährige Mädchen in den Staub, damit sein Kopf nicht mehr über ihrem war, und sagte etwas sehr Leises, das Daan nicht verstand, und das Mädchen fing an zu weinen, aber es war ein anderes Weinen als vorher.

Daan fand sie später, hinter dem Futterschuppen, wo niemand hinsah.

Sie sass im Dreck, den Rücken an der Bretterwand, die Arme um die Knie. Der goldene Vogel sass neben ihr und rührte sich nicht. Sie weinte nicht mehr. Sie starrte auf ihre eigenen Hände, so wie Levin auf seine gestarrt hatte, als er von den siebzehn erzählte.

Daan setzte sich zwei Schritt entfernt hin, ohne zu fragen.

Lange sagte keiner etwas.

„Ich wollte das nicht“, sagte sie schliesslich.

„Ich weiss.“

„Ich habe nur gedacht: hör auf. Ich habe es nur gedacht.“ Ihre Stimme war ganz dünn. „Und dann hat sein Arm —“

Sie brach ab und sah ihre Hände wieder an.

„Was, wenn ich es wieder denke?“

Und Daan hätte alles Mögliche sagen können. Dass es nicht ihre Schuld war. Dass sie es nicht wusste. Dass es vorbeigeht.

Er sagte nichts davon, weil nichts davon wahr war.

Er dachte an eine Lichtung und an einen Mann, der im Laub lag und atmete, und an das, was er in dem einen langsamen, gnadenlos klaren Augenblick ausserdem gesehen hatte: die Stelle unter dem Ohr. Die Stelle an der Kehle. Den Punkt, an dem der Nacken in die Schulter geht.

Er hatte es nicht getan. Aber er hatte es gesehen. Und seither wusste er, dass er es jederzeit wieder sehen würde.

„Ich weiss nicht, was du tun sollst“, sagte Daan.

Das Mädchen sah ihn an. Zum ersten Mal.

„Aber ich weiss, wie es ist“, sagte er. „Wenn man etwas kann, das man nicht will.“

Sie sagte nichts. Aber sie rückte ein Stück näher, ganz wenig, so wie man näher rückt, wenn es kalt ist.

Und die beiden sassen hinter einem Futterschuppen, zwei Kinder mit einer Gabe, vor der sie sich fürchteten, und der winzige goldene Vogel putzte sich, und auf Daans Schulter sass ein Käfer, den keiner sah, und niemand störte sie, weil niemand hinsah.

Danach war das Training nicht mehr dasselbe.

Es war Daan, der es zuerst merkte, weil er merkte, was andere übersahen: dass Levin aufgehört hatte, „ihr“ zu sagen. Er sagte jetzt Namen. Er wusste sie alle, alle achtunddreissig, und Daan hatte nicht gesehen, wann er sie gelernt hatte, aber Levin sagte Gwen und Tam und der grosse Junge heisst Bertok, und er hat eine Schwester im Dorf, die ihm jeden Sonntag schreibt, und je mehr Namen er sagte, desto langsamer und schwerer wurde seine Stimme.

Am Abend fand Daan ihn allein am Rand des Platzes, den Blick auf die Kinder, die im letzten Licht Netze übten, ungeschickt, lachend, sich gegenseitig fangend, weil Kinder aus allem ein Spiel machen, sogar aus dem Lernen des eigenen Todes.

„Ich habe sie nie gesehen“, sagte Levin.

Daan sagte nichts.

„Vierzehn Jahre. Siebzehn davon. Ich habe ihre Namen aufgeschrieben, damit ich sie nicht vergesse — aber ich habe sie nie gesehen, verstehst du? Sie waren Bindungen. Sie waren ein Ziel und ein Wesen und die drei Sekunden dazwischen, in denen ich schiessen musste.“ Er sah zu, wie ein Junge einen anderen umrannte und beide im Gras landeten. „Es waren Kinder. Es waren die ganze Zeit Kinder, die eine Schwester haben, die ihnen schreibt.“

Er drückte die Handballen in die Augen.

„Was habe ich getan.“

Und Daan, der neben ihm stand, sagte das Einzige, das wahr war und das nichts besser machte.

„Sie haben sie nach Hause gebracht“, sagte er. „Und jetzt bringen Sie diese hier durch fünf Tage. Das ist nicht genug. Aber es ist nicht nichts.“

Und am Abend des dritten Tages, als sie alle im Gras sassen und niemand mehr die Kraft hatte, ihn zu hassen, sagte der grosse Junge aus dem letzten Jahrgang es endlich laut.

Er sagte es nicht zu Levin. Er sagte es in die Luft, so wie man etwas sagt, das man die ganze Zeit gewusst und drei Tage lang nicht ausgesprochen hat.

„Sie dürfen gar nicht dabei sein.“

Niemand widersprach.

„Das ist es doch, oder?“ Er sah nicht auf. „Das ist das Einzige, was Sie uns die ganze Zeit sagen. Wir dürfen nicht fliegen. Wir können uns nicht verstecken. Wir müssen sie ausser Schussweite halten. Wenn sie sterben, sind wir keine Soldaten mehr, sondern nur noch Leute, die schreien.“

Er hob den Kopf.

„Es gibt gar keinen Platz auf diesem Schlachtfeld, an dem ein Wesen stehen kann.“

Levin sagte nichts.

Er packte seine Netze in den Sack, einen nach dem anderen, ruhig, gründlich, und dann warf er ihn sich über die Schulter und ging über den Platz davon.

An der Ecke der Ställe blieb er stehen.

„Drei Tage“, sagte er, ohne sich umzudrehen. „Ich habe drei Tage gebraucht, um euch das beizubringen.“

Der Sack hing schwer an seiner Schulter.

„Ich habe vierzehn Jahre dafür gebraucht.“

Am vierten Abend sassen sie im Kartenzimmer: der Obermagier, Agatha, Alexia, der Hauptmann, Levin. Und Daan, den niemand hineingebeten hatte und den niemand hinauswarf.

Und Levin sagte, was er herausgefunden hatte.

Zuerst eine Sache, die niemanden interessierte.

„Er hat das Heer geliehen“, sagte er. „Vierzehntausend Mann kosten mehr, als sein Reich in einem Jahr einnimmt. Irgendwo sitzt einer, dem er das schuldet.“

„Was geht uns das an?“, sagte der Hauptmann.

„Heute nichts“, sagte Levin.

Dann sagte er die Sache, für die sie ihn geholt hatten.

„Ihr gewinnt nicht.“

Der Hauptmann fuhr auf. Levin hob die Hand.

„Ich sagte, ihr gewinnt nicht. Ich sagte nicht, ihr verliert.“

Er beugte sich über die Karte.

„Hier ist der Engpass. Zwischen dem Waldrand und dem Fluss.“ Er tippte auf die Karte. „Vierzehntausend Mann können dort nicht vierzehntausend Mann sein. Sie können immer nur zwölfhundert sein, und der Rest wartet und wird ungeduldig. Wer diesen Engpass hält, muss nicht gewinnen. Er muss nur bleiben.“

„Mit welchen Truppen?“, sagte der Hauptmann.

„Achttausend Mann. Sechzehn Magier. Und Augen.“

„Augen.“

„Alles hängt an den Augen“, sagte Levin. „Vierzehntausend Mann in einem Engpass sind kein Heer, sondern eine Schlange. Und eine Schlange kann man schlagen, wenn man weiss, wo ihr Kopf gerade ist — und zwar vorher. Ihr braucht Menschen, die sehen, wohin sie sich bewegen, ehe sie es tun, und die es rechtzeitig melden.“

Der Hauptmann sah auf.

„Also die Erwählten. Ein Drache in der Luft sieht alles.“

„Ein Drache in der Luft“, sagte Levin, „ist am zweiten Tag ein Haufen Fleisch mit einer Winde im Bein, und der Junge, der auf ihm sass, ist ein schreiendes Kind, das über ein Feld rennt.“

Es wurde sehr still.

„Ich habe es Ihren Kindern drei Tage lang beigebracht, Hauptmann. Es gibt auf diesem Schlachtfeld keinen einzigen Platz, an dem ein leuchtendes Wesen stehen kann. Nicht in der Luft, nicht in der Linie, nicht dahinter. Es leuchtet.

„Und wer sind dann Ihre Augen?“

Und Levin sah zum ersten Mal an diesem Abend auf.

Er sah nicht den Hauptmann an.

Er sah Elin an, die in der Ecke sass, in einem geborgten Hemd, mit aufgeriebenen Beinen, und die die ganze Zeit kein Wort gesagt hatte.

„Wie viele Leute haben Sie aufgehalten?“, fragte er.

Elin blinzelte.

„Einen“, sagte sie. „Einen Zöllner.“

„Sechs Tage. Drei Königreiche. Ein Zöllner.“ Levin drehte sich zum Kartentisch zurück. „Sie ist die Tochter eines Königs, der gerade ein Heer aufstellt. Sie ist durch seine eigenen Linien geritten, an seinen eigenen Kundschaftern vorbei, und niemand hat sie auch nur angesehen.“

Er tippte wieder auf die Karte.

„Weil sie nichts ist.“

Und Daan, der am Ende des Tisches stand, spürte, wie ihm die Haare am Arm aufstanden.

„Geben Sie mir dreissig Kinder“, sagte Levin, „die kein Licht mehr haben. Keine Wappen, keine Uniformen, keine Wesen. Kinder, die aussehen wie Bauernkinder, weil sie Bauernkinder sind, sobald man ihnen das Leuchten nimmt. Und ich setze sie in jeden Graben und auf jeden Baum und in jede Scheune zwischen hier und dem Engpass.“

Am Tisch rührte sich niemand.

„Und der Feind wird durch sie hindurchmarschieren und sie nicht sehen. Weil man Kinder nicht sieht. Das ist der Grund, warum ich vierzehn Jahre in diesem Wald leben konnte, ohne dass mich je einer gefunden hat: Ich habe aufgehört, jemand zu sein.

Der Hauptmann starrte ihn an.

„Sie wollen unsere Erwählten entwaffnen“, sagte er, „um sie als Spione zu benutzen.“

„Ich will sie am Leben lassen“, sagte Levin. „Das mit den Spionen ist nur der Nebeneffekt.“

Er richtete sich auf.

„Mit den Magiern im Engpass, achttausend Mann in der Enge und dreissig unsichtbaren Kindern in den Hecken —“

Er sah in die Runde.

„— haltet ihr sie drei Tage.“

Stille.

„Drei Tage“, sagte Agatha.

„Drei Tage. Vielleicht vier, wenn es regnet.“

„Und dann?“

„Und dann“, sagte Levin, „sind es immer noch vierzehntausend.“

Der Hauptmann liess sich auf einen Stuhl fallen und starrte auf die Karte.

„Drei Tage nützen uns nichts“, sagte er tonlos. „Es kommt keine Verstärkung. Wir sind die Verstärkung. Es gibt niemanden mehr.“

„Doch“, sagte Daan.

Alle sahen ihn an.

Er stand am Ende des Tisches, fünfzehn Jahre alt, mit einem Käfer auf der Schulter, und er hatte drei Tage lang nichts anderes gedacht, und seine Stimme zitterte trotzdem.

„Es gibt achtunddreissig Wesen in diesem Reich“, sagte er. „Und drüben gibt es eine ganze Welt.“

Der Hauptmann verstand nicht.

Der Obermagier verstand sofort.

Daan sah es in seinem Gesicht — er sah, wie der alte Mann es begriff, und er sah, wie ihm dabei das Blut aus den Wangen wich.

„Wir lassen sie heimgehen“, sagte Daan. „Alle achtunddreissig. Jetzt. Vor der Schlacht.“

„Mein Junge —“

„Und wir bitten sie, wiederzukommen.“

Er sah in die Runde.

„Nicht als Besitz. Nicht gebunden. Wir bitten sie. Wie man einen Freund bittet. Und sie gehen heim, und sie erzählen es, und sie kommen zurück —“

Er atmete.

„— und sie bringen jemanden mit.“

Niemand sagte etwas.

Draussen ging die Sonne unter, und im Kartenzimmer wurde es dunkel, und keiner stand auf, um eine Lampe anzuzünden.

„Und wenn sie nicht kommen?“, sagte Agatha schliesslich.

„Dann kommen sie nicht“, sagte Daan.

„Dann stehen achttausend Mann und sechzehn Magier in einem Engpass gegen vierzehntausend Berufssoldaten“, sagte Agatha, „und wir haben unsere Wesen weggeschickt, und es ist vorbei.“

„Ja.“

„Und du willst, dass wir alles darauf setzen. Ein ganzes Reich. Auf eine Bitte.“

„Ja“, sagte Daan.

Und dann drehte er sich zu dem alten Mann um, der am Fenster stand und sich nicht bewegt hatte.

„Sie haben Ihr Leben lang gerechnet“, sagte er. „Sechzig Jahre. Und die Rechnung ist immer aufgegangen, und die andere Welt ist trotzdem gestorben.“

Er ging um den Tisch herum.

„Sie können nicht ausrechnen, ob sie kommen. Das können Sie nicht. Es gibt keine Zahl dafür.“

Er blieb vor ihm stehen.

„Das nennt man Vertrauen. Und Sie haben es noch nie in Ihrem Leben getan.“

Der Obermagier stand ganz still am Fenster.

Und Daan sah — er sah es genau, weil er alles genau sah — wie die Hände des ältesten Mannes im Reich sich langsam auf dem Fensterbrett schlossen.

Und wieder öffneten.

Was keiner sieht · Kapitel 42

Die Bitte

Er rief sie am nächsten Morgen zusammen.

Nicht nur die Erwählten. Alle. Die Anwärter, die Lehrer, die Köche, die Stallburschen, die Wachen, die Bauern aus den drei Dörfern, die vor Angst schon seit einer Woche jeden Tag zum Tor kamen und fragten, ob es stimme.

Sie standen im Hof, sechshundert Menschen, und der oberste Magier des Reiches stellte sich auf die Stufen und sagte ihnen die Wahrheit.

Er sagte sie ganz.

Er sprach eine Stunde lang, ohne ein einziges Mal die Stimme zu heben, und er liess nichts weg. Der Wald war eine Wand. Die Wesen kamen von drüben. Jede Bindung war eine Naht, und die Wand war aus ihnen genäht, und drüben lag eine Welt, in der seit tausend Jahren ein Licht nach dem anderen ausging, weil man ihre Kinder holte und nie zurückgab.

Er sagte ihnen, was das Verlöschen war.

Er sagte ihnen, wie viele.

Und dann sagte er, dass er in seiner Bibliothek sieben Bände aufgeschnitten und die Seiten herausgeschnitten habe, mit ruhiger Hand, vor sechsundvierzig Jahren, und dass er es wieder täte, und dass er sich dafür schäme, und beides sei wahr.

Niemand im Hof machte ein Geräusch.

„Und jetzt“, sagte der Obermagier, „kommen vierzehntausend Mann, um sich das Tor zu holen, damit sie es tausend Jahre lang genauso machen können wie wir.“

Er sah über sie hin.

„Ich habe einen Plan. Er ist wahnsinnig. Er stammt von einem Fünfzehnjährigen, und ich habe drei Nächte gebraucht, um zu begreifen, dass er der einzige ist, der uns bleibt.“

Er hob die Hand, und alle sahen sie an.

Eine alte, fleckige, offene Hand.

„Wir schicken sie heim“, sagte er. „Alle. Heute Nacht. Und dann bitten wir sie, wiederzukommen.“

Der Hof brach auseinander.

Es dauerte lange, bis es wieder still wurde. Es wurde gebrüllt und geweint und geflucht, und ein Bauer aus Ellenbrück schrie, dass man sie alle umbringen werde, und ein Vater packte seinen erwählten Sohn am Arm und zerrte ihn zum Tor, und der Junge riss sich los.

Der Obermagier wartete.

Als es leiser wurde, sagte er:

„Ich befehle es nicht.“

Und da wurde es ganz still.

„Hört mir zu, ihr achtunddreissig.“ Er sah sie an, einen nach dem anderen, und Daan sah, dass er sich für jeden von ihnen Zeit nahm. „Ich könnte es befehlen. Ich habe das Recht dazu. Und ich werde es nicht tun, denn eine Bindung, die man auf Befehl löst, ist ein Diebstahl mit besseren Manieren.“

„Wer es nicht kann, der kann es nicht. Das ist keine Schande. Es gibt Menschen in diesem Hof, die es nicht können, und sie sind nicht schlechter als die anderen — sie sind nur nicht so weit, und niemand hat das Recht, sie deswegen anzusehen.“

Er richtete sich auf.

„Heute Nacht, bei Sonnenuntergang, gehe ich zum schwarzen Teich. Wer kommen will, kommt.“

Sie gingen bei Sonnenuntergang.

Es war ein langer Zug durch den Wald, still, ohne Fackeln, weil man keine Fackeln braucht, wenn achtunddreissig leuchtende Wesen mit einem gehen.

Daan ging vorn. Neben ihm ging Liv, die nichts mehr hatte, und Richard, der nichts mehr hatte, und Elin, die nichts mehr hatte.

Sie hatten nichts zu geben.

Sie kamen trotzdem.

„Warum eigentlich?“, hatte Richard am Nachmittag gefragt, während er sich mühsam die Stiefel band. „Wir sind doch ganz nutzlos.“

Und Liv hatte gesagt: „Weil sie gleich das Schwerste tun, was ein Mensch tun kann. Und weil sie nicht wissen, wie es geht.“

Sie hatte den geschienten Arm angesehen.

„Und wir wissen es.“

Der schwarze Teich lag zwischen den alten Bäumen, und die Sterne darin zitterten nicht.

Achtunddreissig Erwählte standen am Ufer, und achtunddreissig leuchtende Wesen standen bei ihnen, und der Wald war so hell wie an einem Sommermittag, und es war das Schönste und das Schrecklichste, was Daan je gesehen hatte.

Der Obermagier trat ans Wasser.

„Ich kann euch nicht sagen, wie es geht“, sagte er. „Ich habe nie eines gehabt. Ich habe sechzig Jahre lang zugesehen, wie andere Menschen etwas hatten, das ich nicht verstand, und ich habe es in Zahlen aufgeschrieben.“

Er sah über die achtunddreissig Gesichter.

„Aber es sind Leute hier, die es können.“

Und dann traten Liv und Richard und Elin ans Wasser.

Sie hielten keine Rede.

Liv ging zu einem Mädchen aus dem zweiten Jahrgang, das schon seit zehn Minuten weinte und den Kopf ihres leuchtenden Luchses umklammert hielt, und sie sagte kein einziges Wort. Sie setzte sich neben sie ins Gras und legte ihr die heile Hand auf den Rücken und blieb dort.

Richard ging zu dem grossen Jungen aus dem letzten Jahrgang, der ihn drei Tage lang einen Verräter genannt hatte, und sagte: „Es hört nicht auf wehzutun. Falls dir das irgendjemand anderes erzählt, ist er ein Lügner.“ Und der Junge sah ihn an, und Richard zuckte die Schultern und stellte sich neben ihn und sagte nichts mehr.

Elin ging von einem zum anderen, sehr ruhig, ein Mädchen ohne Rang und ohne Licht, und sie sagte jedem einzelnen denselben Satz, und Daan hörte ihn irgendwann zum vierten Mal und musste weggehen, weil er es nicht aushielt.

„Es ist danach sehr still“, sagte sie. „Das ist alles. Es ist nur sehr still.“

Und dann fingen sie an.

Es dauerte die halbe Nacht.

Es war nicht feierlich. Es war das Ungeordnetste, Peinlichste, Menschlichste, was Daan je erlebt hatte: Leute, die zehn Minuten lang dastanden und die Hände nicht aufbekamen. Leute, die es taten und dann zusammenbrachen und angeschrien werden mussten, damit sie aufhörten, ins Wasser zu gehen. Ein Junge, der lachte, während er es tat, und danach nicht mehr aufhören konnte zu lachen, bis Alexia ihn festhielt.

Und das Licht.

Immer wieder das Licht. Grün und silbern und golden und rot, das aufflammte und nach Norden ging, eines nach dem anderen, und jedes Mal wurde der Wald ein bisschen dunkler.

Daan zählte, weil er nicht anders konnte.

Bei neunzehn ging ein Junge ans Wasser, blieb eine Stunde stehen und ging dann zurück in den Wald, und sein Wolf trottete hinter ihm her, und niemand sagte etwas, und niemand sah ihm nach, weil der Obermagier sie alle vorher angesehen hatte, sehr genau, und sie es verstanden hatten.

Bei siebenundzwanzig kniete Agatha neben einem Mädchen, das nicht aufhören konnte zu zittern, und flüsterte ihr etwas ins Ohr, und Daan wusste, was es war, weil er es an ihrem Gesicht sah.

Ich weiss, wie es ist, wenn man es nicht sagt. Bitte tu es.

Bei dreissig kam Gwen an die Reihe.

Sie machte kein Aufheben. Sie hob die Hand, und der Vogel stieg auf, und das kleine goldene Licht ging nach Norden wie all die anderen, und sie sah ihm nach, bis es fort war.

Und während sie ihm nachsah, ging das Gold auch aus ihr heraus. Es dauerte etwa so lange, wie man braucht, um dreimal zu atmen.

Dann stand sie da.

Und Daan sah es auch bei ihr — und es war nicht das, was er erwartet hatte.

Sie weinte. Natürlich weinte sie; sie hatte gerade ihren einzigen Freund fortgeschickt.

Aber darunter, tief darunter, war noch etwas anderes, etwas, das sonst an diesem Ufer niemand hatte, und Daan brauchte einen Moment, bis er es benennen konnte, weil es an einen Ort wie diesen so wenig hingehörte.

Es war Erleichterung.

Sie war das einzige Kind in dieser Nacht, das froh war.

Und Daan verstand es sofort, und es machte ihn nicht ruhiger, sondern kälter: Sie war nicht ihr Wesen losgeworden. Sie war das losgeworden, was sie mit ihrem Wesen tun konnte.

Er sagte es niemandem.

Kurz vor Morgengrauen war es vorbei.

Einunddreissig.

Einunddreissig leuchtende Wesen waren nach Hause gegangen, und sieben standen noch am Ufer, bei sieben Menschen, die es nicht gekonnt hatten, und keiner von ihnen konnte irgendjemandem in die Augen sehen.

Der Wald war dunkel.

Er war so dunkel, wie er seit tausend Jahren nicht gewesen war, und die einunddreissig, die es getan hatten, standen im Gras und waren gewöhnliche Menschen, und einige von ihnen hielten sich an den Händen, weil sie nichts anderes mehr hatten, woran sie sich halten konnten.

Und ganz am Rand, unter den Bäumen, stand ein Mann in Silber.

Er hatte die ganze Nacht dort gestanden.

Der graue Falke sass in seiner Armbeuge.

Und Daan hatte gesehen, wie Levin dreimal in dieser Nacht auf das Wasser zugegangen war.

Und dreimal umgekehrt.

Niemand sagte ein Wort darüber.

Der Obermagier stand am schwarzen Wasser, in dem jetzt keine Farbe mehr war, und sah in die Sterne einer anderen Welt.

„Wir haben getan, was wir konnten“, sagte er.

Und dann setzte sich der oberste Magier des Reiches ins nasse Gras, wie ein alter Mann, der müde ist.

„Jetzt“, sagte er, „warten wir.“

Was keiner sieht · Kapitel 43

Der Engpass

Nichts kam.

Nicht am ersten Tag. Nicht am zweiten. Nicht am dritten.

Der schwarze Teich lag zwischen den alten Bäumen, still und leer, und die einunddreissig gingen jeden Morgen hin und standen am Ufer und sahen ins Wasser, und jeden Abend gingen sie zurück, und keiner sagte etwas.

Am vierten Tag marschierten sie.

Achttausend Mann bewegen sich langsamer, als Daan gedacht hatte, und sie riechen schlechter, und sie singen nicht. Er hatte immer geglaubt, Soldaten würden singen. In Wahrheit fluchten sie über ihre Stiefel und stritten darüber, wer den Karren zog, und einer von ihnen erzählte drei Tage lang denselben Witz.

Es waren keine Helden. Es waren Schuster und Bauern und Fischer mit Speeren.

Und dazwischen gingen einunddreissig Kinder ohne Licht.

Levin verteilte sie unterwegs.

Er tat es persönlich, jedes einzelne, und er nahm sich Zeit dafür, und Daan sah zu, wie ein Mann, der siebzehn Leben zerstört hatte, sich vor einem vierzehnjährigen Mädchen in die Hocke setzte und ihr erklärte, in welchem Graben sie liegen und wann sie den Kopf heben durfte.

„Du bist keine Kundschafterin“, sagte er zu ihr. „Kundschafter erschiesst man. Du bist ein Bauernmädchen, das Beeren sucht.“

„Und wenn sie mich fragen?“

„Dann sagst du, du suchst Beeren. Sie glauben dir. Sie werden dir immer glauben.“ Er sah sie an. „Sie sehen dich nicht, Kind. Das ist das Schlimmste, was ihnen jemals passieren wird.“

Sie liessen sie zurück, einen nach dem anderen, in Hecken und Scheunen und Bachbetten, dreissig Meilen weit gestreut, und jedes Mal, wenn eines von ihnen verschwand, wurde die Kolonne ein bisschen stiller.

Der Engpass war eine Enttäuschung.

Daan hatte sich Felsen vorgestellt, Schluchten, so etwas wie in den Liedern. In Wahrheit war es ein flaches Stück Land zwischen einem Waldrand und einem Fluss, ungefähr sechshundert Schritt breit, mit ein paar Weiden darauf.

Man hätte dort ein Fest feiern können.

„Sechshundert Schritt“, sagte der Hauptmann, fast liebevoll. „Sie haben vierzehntausend Mann, und sie kriegen nur zwölfhundert davon gleichzeitig auf mich drauf.“

Sie gruben zwei Tage.

Und dann kamen sie.

Daan sah sie vor allen anderen, weil er alles vor allen anderen sah.

Er stand auf dem kleinen Hügel hinter der Linie, wo man ihn hingestellt hatte, weil er dort am nützlichsten war — der Junge, der sieht, das Auge des ganzen verfluchten Heeres — und er sah zuerst den Staub, weit im Süden, und dann die Bewegung darin, und dann, als die Welt still und langsam und gnadenlos scharf wurde, sah er alles.

Er sah die Standarten und die Zugordnung und die Karren mit den Winden. Er sah die Bogenschützen an den Flanken und die Netzträger in der dritten Reihe, sauber, ordentlich, jeder mit seinem Sack.

Er sah eine Armee, die für den falschen Krieg ausgerüstet war, und er wusste, dass es keinen Unterschied machte.

„Wie viele?“, sagte der Hauptmann neben ihm.

„Alle“, sagte Daan.

Sie brauchten den ganzen Tag, um sich aufzustellen.

Und Daan stand auf seinem Hügel und sah zu, wie sich das Feld gegenüber füllte, und er hatte in seinem Leben viele hässliche Dinge gesehen, aber er hatte noch nie etwas gesehen, das so ordentlich war.

Es war kein Ungeheuer. Es war kein Zauberer auf einem Turm. Es war kein Heer aus Schatten.

Es waren vierzehntausend Männer, die einen Beruf hatten.

Am Abend ging er die Linie ab.

Er fand Richard in der dritten Reihe, zwischen zwei Fischern aus dem Süden, mit einem Speer, den er kaum halten konnte, weil seine Rippen noch nicht verheilt waren.

„Du solltest nicht hier sein“, sagte Daan.

„Ich weiss.“ Richard grinste schief. „Das haben mir heute schon vier Leute erklärt. Einer davon war ein Hauptmann.“

„Du kannst nicht mal atmen.“

„Ich kann stehen.“ Er sah die Linie entlang, auf die Männer neben sich, die ihn ansahen wie ein grosses, freundliches, unerklärliches Wunder. „Sie sind alle furchtbar aufgeregt, weil ein Erwählter bei ihnen steht. Ich habe dreimal gesagt, dass ich keiner mehr bin.“

Er zuckte die Schultern, und es tat ihm weh.

„Es interessiert sie nicht. Sie fühlen sich besser. Also stehe ich hier.“

Und Daan sah ihn an, den grossen, kaputten, gewöhnlichen Jungen mit dem Speer, und ihm wurde die Kehle eng.

„Richard.“

„Sag es nicht.“

„Was?“

„Was immer du gerade sagen wolltest. Es klingt, als wäre es ein Abschied, und ich hasse Abschiede, ich bin schrecklich darin.“ Richard sah ihn an. „Sag es mir übermorgen. Beim Kuchen.“

Elin sass auf einem Karren am Rand des Lagers und versuchte, etwas zu essen.

Daan setzte sich neben sie, weil sie ihn gesehen hatte und weil man dann schlecht weitergeht.

„Was ist das?“, fragte er.

„Man hat es mir als Brot verkauft.“ Elin drehte den Klumpen in der Hand. „Ich glaube, es ist ein Stein, der eine schwere Kindheit hatte.“

Daan lachte.

Er lachte, ohne es zu wollen, und es überraschte ihn, weil er nicht gewusst hatte, dass er das noch konnte.

„Richard isst so was“, sagte er.

„Richard isst alles. Ich habe gesehen, wie er heute einem Fischer die Zwiebel weggegessen hat, und der Fischer hat sich bedankt.“

„Er kann das. Er hat es einmal einem Drachen abgeschaut.“

Und Elin lachte — ein hässliches, schnaubendes Lachen, das ihr selbst peinlich zu sein schien und das Daan von diesem Augenblick an sehr mochte.

Sie sassen eine Weile auf dem Karren und sagten nicht viel.

Es war leicht.

Das war es, was Daan erst später begreifen würde, viel später, wenn es zu spät war, um noch irgendetwas daran zu ändern: Es war leicht.

Zwischen ihm und diesem Mädchen lag nichts. Keine Lüge. Keine neun Wochen. Kein Wimpernschlag auf einer Lichtung. Sie hatte ihn nie um etwas gebeten, das er ihr nicht geben konnte, und er hatte ihr nie etwas genommen, und wenn sie nebeneinander sassen und über einen Steinbrotklumpen lachten, dann war das einfach — nur das.

Zwei Leute, die lachten.

Es kostete nichts.

Und zwanzig Schritt entfernt, zwischen zwei Zelten, stand ein Mädchen mit einem geschienten Arm und sah ihnen zu.

Sie stand dort vielleicht zehn Sekunden.

Sie sagte nichts, und sie kam nicht näher, und ihr Gesicht tat nichts Dramatisches — es tat überhaupt nichts, es lag einfach da, so wie ein Gesicht daliegt, wenn ein Mensch etwas begreift, das er nicht begreifen wollte.

So kann er sein.

Er kann so sein.

Nur mit mir nicht mehr.

Dann drehte sie sich um und ging zurück auf ihren Hügel.

Und der Junge, der sah, was andere nicht sahen — der einen Kampf aus zertretenem Laub las, der einen Wimpernschlag auf vierzig Schritt entzifferte, der jede winzige Wahrheit unter jeder Haut fand, ob er es aushielt oder nicht —

sah sie natürlich.

Er sah sie sofort. Am Rand des Blickfelds, zwischen zwei Zelten, ein Umriss, den er auf hundert Schritt erkannt hätte. Und er sah, was ihr Gesicht tat, weil er gar nicht anders konnte.

Er drehte den Kopf nicht.

Es dauerte zehn Sekunden. Zehn Sekunden, in denen ein Blick gereicht hätte. Ein Winken. Ein Komm her, setz dich zu uns, sie haben Elin einen Stein als Brot verkauft.

Er tat es nicht.

Denn wenn er den Kopf drehte, war es nicht mehr leicht. Dann waren da wieder die neun Wochen und der Wimpernschlag auf der Lichtung und ein Hof, in dem er einen Satz gesagt hatte, den er nicht hatte sagen dürfen. Dann war er wieder jemand, der etwas gutzumachen hatte.

Für zehn Sekunden wollte er das nicht sein.

Also lachte er weiter über den Steinbrotklumpen, bis die Schritte hinter ihm fort waren.

Und redete sich, während er sie noch hörte, ein, dass er sie nicht gehört hatte.

Liv fand er auf dem Hügel, wo sie mit den Läufern sass.

Ihr Arm war noch geschient. Sie würde nicht kämpfen. Sie würde rennen — von Daans Hügel zum Hauptmann und zurück, den ganzen Tag, mit allem, was Daan sah.

Sie sass im Gras und sah nach Norden.

„Es kommt nicht“, sagte sie.

Daan setzte sich neben sie.

„Vier Tage“, sagte Liv. „Wenn sie kommen wollten, wären sie längst da.“

„Vielleicht ist es weit.“

„Vielleicht wollen sie nicht.“ Sie riss ein Büschel Gras aus. „Und ehrlich gesagt, Daan — warum sollten sie? Wir haben sie tausend Jahre lang gestohlen. Und jetzt schicken wir sie heim und sagen: Kommt bitte wieder, wir brauchen euch, es ist dringend.“ Sie lachte. Es war kein gutes Lachen. „Ich würde nicht kommen.“

Daan sagte nichts, weil er nichts hatte.

Sie sassen eine Weile.

„Ich träume von ihm“, sagte Liv leise. „Jede Nacht. Nicht davon, wie er weggeht. Von dem Bach. Vom ersten Tag.“

Sie sah in die Dunkelheit im Norden.

„Ich bereue es nicht“, sagte sie. „Ich will nur, dass du weisst, dass ich es nicht bereue. Falls morgen —“

„Liv.“

„Falls morgen etwas passiert“, sagte sie fest, „sollst du wissen, dass ich es nicht bereue. Nicht eine Sekunde. Es war das Einzige in meinem ganzen Leben, das wirklich meins war — die Entscheidung. Nicht das Pferd. Die Entscheidung.“

Und dann drehte sie den Kopf und sah ihn an, und Daan sah, dass sie geweint hatte und dass es ihr gleichgültig war.

„Und wenn es nicht kommt, dann kommt es nicht.“

Am Rand des Lagers, ganz aussen, wo das Licht der Feuer nicht mehr hinreichte, sass ein Mann in Silber mit einem grauen Falken in der Armbeuge und sah nach Norden.

Er sass dort die ganze Nacht.

Daan wachte zweimal auf, und beide Male war die Gestalt da, unbeweglich, ein Umriss gegen die Sterne.

Und beim zweiten Mal sah er, dass Levin den Kopf des Falken in beiden Händen hielt und mit ihm redete, ganz leise, so wie man mit jemandem redet, den man um etwas Ungeheuerliches bitten muss.

Im Morgengrauen bliesen sie die Hörner.

Was keiner sieht · Kapitel 44

Was er sah

Am ersten Tag funktionierte es.

Das war das Schlimmste daran — dass es funktionierte, und dass es sich anfühlte wie ein Spiel.

Daan stand auf seinem Hügel, und die Welt wurde still und langsam und gnadenlos scharf, und er sah alles.

Er sah, wie die vierte Kompanie am linken Flügel eine halbe Drehung machte, drei Herzschläge bevor sie es tat — an den Schultern, an den Füssen, an der Art, wie ein Hauptmann den Kopf drehte. Er brüllte es, und Liv rannte, und der Hauptmann verschob zweihundert Mann, und als der Stoss kam, traf er auf Speere statt auf Rücken.

Er sah, wo sie schwach waren, ehe sie es wussten.

Er sah einen Wall aus Schilden auseinandergehen, weil ein Mann in der zweiten Reihe hinkte.

Er sah den Nebel, den die Magier legten, und er sah, wo er dünn war, und er sah, welchen Weg der Feind hindurchsuchen würde, und er sagte es, und sie warteten dort auf ihn.

Und die Kinder in den Hecken meldeten.

Den ganzen Tag über kamen sie an — schmutzige, verstörte, gewöhnliche Kinder, die durch die Linien liefen, weil niemand sie aufhielt, und die dem Hauptmann sagten, wo drei Karren mit Winden standen und welche Kompanie kein Wasser hatte und dass der Kommandant auf einem Schimmel ritt und immer weiter links als rechts.

Der Feind sah sie nicht. Nicht ein einziges Mal.

Sie hatten dreihundert Jahre gelernt, wie man leuchtende Kinder vom Himmel holt.

Es kam ihnen nicht in den Sinn, das Bauernmädchen anzusehen, das im Graben Beeren suchte.

Am Abend des ersten Tages hatten sie neunhundert Mann verloren und der Feind zweitausend, und die Männer im Lager brüllten Daans Namen, wenn er vorbeiging, und ein Fischer aus dem Süden griff nach seinem Ärmel und weinte und sagte, er habe ein Kind zu Hause.

Levin sass am Feuer und rührte in einem Topf.

„Ihr habt heute gewonnen“, sagte er. „Es wird euch morgen umbringen.“

„Wie bitte?“

„Sie sind nicht dumm.“ Er sah nicht auf. „Sie haben heute den ganzen Tag verloren, weil sie taten, was sie geübt haben. Heute Nacht wird ein sehr wütender Mann in einem Zelt sitzen und begreifen, dass er nichts von dem tun darf, was er gelernt hat.“

Er zog den Topf vom Feuer.

„Und dann fängt er an nachzudenken. Und ein Feind, der nachdenkt, ist etwas ganz anderes.“

Am zweiten Tag hörte es auf zu funktionieren.

Sie kamen nicht in Formationen. Sie kamen in Klumpen, ungeordnet, an fünfzehn Stellen gleichzeitig, ohne Standarten und ohne Muster, und sie taten Dinge, die keinen Sinn ergaben — sie warfen Männer weg, sie liefen in Lücken, die keine waren, sie zogen sich zurück, wo sie gewannen.

Und Daan sah alles.

Er sah jeden einzelnen Mann, jeden Schritt, jede Bewegung, mit einer Klarheit, die ihm die Augen brennen liess.

Und es nützte ihm nichts.

Denn man kann fünfzehn Dinge auf einmal sehen und nur eines davon sagen.

„LINKS!“, brüllte er, und Liv rannte, und der Hauptmann warf achthundert Mann nach links, und während sie liefen, sah Daan, wie in der Mitte ein Keil aufbrach, den er nicht gemeldet hatte, weil er den Mund nur einmal aufmachen konnte.

Er sah Männer sterben, weil er das Falsche zuerst gesagt hatte.

Er sah es genau. Er sah jedes Gesicht.

„MITTE! MITTE, VERDAMMT —“

Und Liv rannte, und sie war schnell, aber sie war ein sechzehnjähriges Mädchen mit einem geschienten Arm, und der Weg vom Hügel zum Hauptmann war zweihundert Schritt, und ein Mann braucht zum Sterben ungefähr zwei.

Und dann sah Daan es geschehen, und er konnte nichts tun ausser sehen.

An der geborstenen Flanke, dort, wo die Linie am dünnsten war, brach ein Soldat durch — nicht auf den Hauptmann zu, nicht auf die Fahne, sondern quer, dorthin, wo eine rennende Gestalt mit einem geschienten Arm über das offene Feld hetzte. Ein Läufer. Unbewaffnet. Das leichteste Ziel, das ein Feld zu bieten hat.

Er hob den Speer.

Liv sah ihn nicht. Sie sah nichts als den Hauptmann, zweihundert Schritt entfernt, und die Nachricht in ihrem Kopf, und sie rannte weiter, geradewegs in den Speer hinein.

Daan schrie. Es war sinnlos. Alle schrien.

Und dann, aus den Reihen des Feindes, aus der falschen Richtung, kam ein Pfeil.

Er kam nicht auf Liv zu. Er kam auf den Mann mit dem Speer zu, quer über das eigene Feld, aus den eigenen Linien, ein einziger, ruhiger, unmöglich genauer Schuss — und der Soldat mit dem Speer sackte zusammen, drei Schritte vor einem Mädchen, das im Weiterrennen nicht einmal begriff, dass es gerade gestorben und nicht gestorben war.

Daan drehte den Kopf, und der Lärm der Schlacht fiel von ihm ab.

Weit hinten, in den Reihen der Angreifer, auf einem kleinen Hügel, stand eine Frau mit grauen Augen und einem Bogen. Sie hatte ihn eben erst gesenkt. Sie sah nicht triumphierend aus und nicht erschrocken; sie sah aus wie ein Mensch, der gerade etwas getan hat, das gegen jeden Befehl und gegen jede Vernunft und gegen zweiunddreissig Jahre Ausbildung verstösst, und der noch nicht weiss, was das über ihn aussagt.

Mara hielt Daans Blick, über das ganze brüllende Feld hinweg, einen einzigen Herzschlag lang.

Dann drehte sie sich um, hob den Bogen wieder, und schoss auf einen von Daans Männern.

Und traf.

Und Daan verstand, dass es Menschen gibt, die auf zwei Seiten gleichzeitig stehen, weil die Welt sie in eine Uniform gesteckt hat, ehe sie gefragt wurde, wer sie eigentlich sein wollen — und dass ein solcher Mensch der gefährlichste und der hoffnungsvollste Verbündete ist, den man haben kann, und dass er noch nicht wusste, welches von beidem Mara sein würde.

Um die Mittagszeit brach die linke Flanke.

Daan sah es kommen, wie er alles kommen sah, und er sah auch, wer sie hielt.

Alexia.

Sie stand in der Bresche, wo der Schlamm knietief war, und sie tat, was sie immer tat: Sie arbeitete.

Kein Feuer. Keine Blitze. Nichts von dem, was in den Liedern vorkommt. Sie stand bis zu den Waden im Dreck, die Ärmel hochgekrempelt, und legte die Handflächen auf die Erde, und die Erde vor ihr wurde weich wie warmer Teig, und dreihundert Männer sanken bis zur Hüfte ein und kamen nicht mehr vorwärts.

Es war die unspektakulärste Magie der Welt.

Es sah aus wie Gartenarbeit.

Sie hielt die Bresche eine Stunde lang, ganz allein, eine fünfzigjährige Frau, die neunundzwanzig Jahre gebraucht hatte, um fliegen zu lernen.

Und Daan sah, wie sie starb.

Er sah es von vierhundert Schritt Entfernung, auf einem Hügel, mit der Klarheit eines Gottes und der Macht eines Kindes.

Er sah den Mann, der von rechts kam. Er sah, dass Alexia ihn nicht sehen konnte, weil sie die Hände in der Erde hatte und nicht loslassen durfte. Er sah den Speer, und er sah den Winkel, und er sah den Punkt zwischen der siebten und der achten Rippe, an dem er treffen würde, und die Welt war so langsam wie Honig, und Daan hatte alle Zeit der Welt.

Er hatte alle Zeit der Welt und vierhundert Schritt Entfernung.

Er schrie ihren Namen.

Sie hörte ihn nicht. Natürlich hörte sie ihn nicht. Zwischen ihnen brüllten achttausend Männer.

Alexia hob den Kopf, ganz kurz, so wie man den Kopf hebt, wenn man glaubt, jemand hätte etwas gesagt.

Dann traf sie der Speer.

Sie sackte nicht sofort zusammen. Das war das Unerträglichste. Sie kniete noch einen Moment im Schlamm, mit den Händen in der Erde, und die Erde blieb weich, und die dreihundert Männer steckten weiter fest, weil sie nicht losliess.

Dann fiel sie zur Seite.

Die Erde wurde hart.

Und die Bresche brach.

Sie schlossen sie mit vierhundert Mann und mit Agatha, die in den Schlamm ging wie ein Wintermorgen, und am Abend stand die Linie noch, und niemand sprach darüber.

Daan sass in der Dunkelheit hinter dem Hügel und übergab sich, bis nichts mehr kam.

Dann sass er einfach da.

Liv fand ihn irgendwann. Sie setzte sich neben ihn und sagte kein Wort, und er war ihr dafür so dankbar, dass er es nicht aushielt.

„Ich habe es gesehen“, sagte er.

„Ich weiss.“

„Ich habe es kommen sehen. Ich habe die Rippe gesehen, Liv. Ich habe genau gesehen, wo er treffen würde, und ich habe alle Zeit der Welt gehabt, und ich stand vierhundert Schritt weit weg.“

Er drückte die Handballen in die Augen.

„Wozu ist das gut? Wozu ist das gut, wenn ich es nur zusehen kann?“

Und Liv sagte nichts, weil sie eine der wenigen Menschen auf dieser Welt war, die gelernt hatte, dass man Kummer nicht kleiner redet.

Sie legte ihm nur die heile Hand in den Nacken und liess sie dort.

Am Rand des Lagers, im Dunkeln, sass ein Mann in Silber und sah nach Norden.

Der Hauptmann kam gegen Mitternacht mit den Zahlen.

Zweitausendvierhundert Tote. Von achttausend.

Neun Magier von sechzehn.

„Und morgen?“, fragte der Obermagier.

„Morgen brechen wir“, sagte der Hauptmann. Er sagte es sachlich. Er hatte keine Kraft mehr für irgendetwas anderes. „Vormittag. Vielleicht Mittag, wenn es regnet.“

Niemand sagte etwas.

Draussen, im Norden, lag ein schwarzer Teich in einem alten Wald, und in ihm waren die Sterne einer anderen Welt, und nichts, überhaupt nichts, bewegte sich darin.

Was keiner sieht · Kapitel 45

Was seine Hände taten

Er kam kurz nach Mitternacht.

Daan lag wach — er hatte gar nicht erst versucht zu schlafen —, und dann stand ein Schatten über ihm, und er wusste, wer es war, bevor er die Augen aufmachte.

„Komm mit“, sagte Levin.

„Wohin?“

„Das weisst du.“

Daan setzte sich auf.

„Warum ich?“

Und der silberne Bogenschütze stand im Dunkeln, mit einem grauen Falken in der Armbeuge, und sagte:

„Weil ich nicht weiss, ob ich es kann.“

Eine Pause.

„Und weil ich es nicht allein tun will.“

Sie gingen zwei Stunden durch den nachtschwarzen Wald.

Hinter ihnen brannten die Feuer von achttausend Männern, die morgen sterben würden, und vor ihnen war nichts als Bäume, und der Falke lag still in Levins Arm und sah nach Norden, wie seit vierzehn Jahren.

Sie redeten lange nicht.

Darauf sagte Daan:

„Warum haben Sie auf Agatha geschossen?“

Levin ging weiter.

„Sie haben es nie gesagt“, sagte Daan. „Nicht am Bach. Nicht im Hof. Sie haben nie erklärt, warum Ihre Hand abgewichen ist, und ich habe es für Gnade gehalten.“

Er sah ihn von der Seite an.

„Es war keine Gnade. Oder?“

Sie gingen dreissig Schritte.

„Ich bin gekommen, um sie zu töten“, sagte Levin.

Er sagte es ohne jede Betonung.

„Nicht wegen des Systems. Nicht wegen der Wesen. Nicht wegen der Wand.“ Ein Ast knackte unter seinem Stiefel. „Wegen eines Satzes. Es ist nichts, Lev. Er ist nur müde.

Daan sagte nichts.

„Vierzehn Jahre habe ich in diesem Wald gelebt und nichts getan. Und dann, an dem Tag davor, stand ich am Waldrand und habe zugesehen, wie sie die Zeremonie leitete.“

Er blieb stehen.

„Zum vierzehnten Mal, Daan. Sie stand in ihrem Hof, aufrecht wie ein Stock, und rief Kinder in den Kreis, und lächelte, und sagte die feierlichen Worte. Und sie weiss genau, was sie ihnen umhängt.

Er ging weiter.

„Ich habe vierzehn Jahre gebraucht, um es nicht mehr ertragen zu können.“

„Und dann?“

„Und dann“, sagte Levin, „hat meine Hand mich verraten.“

Der Wald war sehr still.

„Ich hatte sie im Bogen. Ich hatte sie so sicher, wie ich noch nie etwas hatte. Und in dem Herzschlag, in dem ich hätte loslassen sollen —“ Er sah nach vorn. „— hat meine Hand etwas anderes getan. Sie hat den Schuss gemacht, den ich siebzehnmal gemacht habe. Streifen. Nicht töten.“

Er lachte, kurz und hässlich.

„Nur ist Agatha keine Erwählte. Sie hat keine Bindung, die das Gift zuerst frisst. Ich habe meine Lehrerin fast umgebracht, weil meine Hand barmherzig sein wollte.“

Daan blieb stehen.

„Sie konnten es nicht.“

„Nein.“

„Sie konnten sie nicht töten. Und Sie können ihn nicht gehen lassen.“ Daan sah ihn an. „Zweimal hat Ihre Hand sich geweigert. Und beide Male —“

„Sag es nicht.“

„— beide Male war es Liebe“, sagte Daan.

Levin blieb stehen.

Er stand sehr lange im Dunkeln, und Daan hörte, wie er atmete.

„Ich habe es Versagen genannt“, sagte er.

„Ich weiss.“

Der schwarze Teich lag zwischen den alten Bäumen, und die Sterne einer anderen Welt lagen darin, und sie zitterten nicht.

Levin ging ans Wasser.

Er kniete sich hin, so wie er sich hundertmal hingekniet hatte, und setzte den grauen Falken an den Rand.

Und der Falke straffte sich.

Daan sah es — er sah, wie ein Zittern durch die stumpfen Federn lief, wie der geschundene Flügel sich ein Stück hob, ein einziges Stück, wie das alte, kaputte Tier den Kopf hob und nach Norden sah, dorthin, wo es zu Hause war, zwei Schritte entfernt, seit vierzehn Jahren zwei Schritte entfernt.

Und Levin legte beide Hände in sein Gefieder.

„Hör mir zu“, sagte er.

Seine Stimme war ganz ruhig.

„Du gehst jetzt nach Hause. Und wenn du dort bist, dann sag ihnen etwas von mir.“

Der Falke rührte sich nicht.

„Sag ihnen, dass sie kommen sollen. Nicht für das Reich — das Reich hat es nicht verdient, und ich würde es keinem verübeln, wenn er uns verrecken lässt.“ Er beugte sich vor. „Sag ihnen, sie sollen für die Kinder kommen. Für das Mädchen mit dem Pferd. Für den Grossen mit dem Drachen. Für die einunddreissig, die euch gehen liessen, obwohl es sie alles gekostet hat.“

Er schloss die Augen.

„Und wenn sie fragen, warum sie einem Menschen glauben sollen — dann sag ihnen, wer dich schickt.“

Seine Stimme brach.

„Sag ihnen, du kommst von dem Mann, der dich vierzehn Jahre lang festgehalten hat. Und dass er dich am Ende gehen liess. Und dass sie ihm deshalb glauben können.“

Und dann sagte Levin nichts mehr.

Daan stand fünf Schritte hinter ihm und sah zu und sagte kein Wort, und er redete ihm nicht zu und erklärte ihm nichts und sagte ihm nicht, er solle tapfer sein.

Er stand einfach da.

Und er sah.

Er sah, wie sich die Finger des Mannes ins Gefieder krallten. Weiss und hart, wie hundertmal zuvor, wie an jedem einzelnen Abend seit vierzehn Jahren.

Er sah, wie Levin zu zittern anfing.

Er sah einen Mann, der stärker war als alle in diesem Wald, der einen Pfeil durch ein Schlüsselloch schoss, der einer Direktorin und einem Obermagier ins Gesicht gesehen und nicht geblinzelt hatte — und der am Rand eines schwarzen Teiches kniete und mit seinen eigenen Händen kämpfte und verlor.

„Ich kann nicht“, sagte Levin.

„Ich weiss“, sagte Daan.

„Ich kann nicht.“

„Ich weiss.“

Und dann — nach einer Zeit, die Daan sein Leben lang nicht würde messen können, es war eine Minute oder eine Stunde oder ein Jahr —

bewegte sich der Falke.

Er drehte den Kopf. Ganz langsam. Weg von Norden.

Und er sah den Mann an, der ihn festhielt.

Und dann legte er den grauen, zerzausten, alten Kopf gegen Levins Handgelenk.

Und blieb so.

Es war nicht viel. Es war eine winzige, alltägliche, hundertmal gesehene Geste, wie ein Hund sie macht, wie ein Pferd sie macht, wie jedes Tier auf der Welt sie macht, das seinen Menschen liebt.

Und Daan, der sah, was andere nicht sahen, sah, was sie bedeutete:

Es ist gut. Ich bin nicht böse. Lass los.

Und die Hände des Bogenschützen öffneten sich.

Sie öffneten sich einfach.

Kein Krampf. Kein Ringen. Sie gingen auf, wie eine Hand aufgeht, mehr war es nicht — und ein alter Mann in einer Kate im Norden hatte das vor sehr langer Zeit einem Jungen gezeigt, und der Junge hatte kein Wort davon verstanden, und jetzt verstand er es.

„Geh“, flüsterte Levin.

Der Falke ging ins Wasser.

Er watete. Er konnte nicht fliegen; er watete in das schwarze Wasser, mit einem schleifenden Flügel, kleiner und grauer und erbärmlicher als alles, was Daan je gesehen hatte.

Und dann schloss sich das schwarze Wasser über ihm.

Kein Aufflammen. Kein Licht. Der Teich warf keine Welle und gab kein Zeichen; er nahm den grauen Falken einfach, wie er alles nahm, still und ohne Antwort, und wo eben noch ein Tier gewatet war, waren jetzt nur die Sterne einer anderen Welt, die nicht zitterten.

Levin starrte weiter ins Wasser.

Und Daan, der neben ihm kniete, verstand, was der Mann dachte, weil es in seinem Gesicht stand: Er konnte nicht fliegen. Und drüben ist eine Welt so gross wie diese.

Niemand wusste, ob ein Falke, der nicht fliegen kann, eine ganze Welt durchquert.

Niemand konnte es wissen.

Das war der Preis, den Halvar nie genannt hatte: dass man die Hand öffnet und dann nicht erfährt, ob es richtig war. Dass das Loslassen und die Gewissheit nie zusammen zu haben sind. Man tut es blind, oder man tut es gar nicht.

Levin hatte es blind getan.

Und dann kniete dort nur noch ein Mann.

Ein magerer, sehniger Mann mit einem Bogen, den er nie wieder würde spannen können, am Ufer eines schwarzen Teiches, mit leeren Händen.

Er machte kein Geräusch.

Daan ging zu ihm und kniete sich neben ihn in den Schlamm und legte ihm den Arm um die Schultern, und Levin sackte gegen ihn, und der Junge, den keiner gewählt hatte, hielt den gefährlichsten Mann des Reiches fest, während dieser weinte.

Es war fast Morgen.

Sehr weit weg, im Süden, klang ein Horn.

Was keiner sieht · Kapitel 46

Der dritte Tag

Sie schafften es bei Sonnenaufgang zurück.

Levin sagte auf dem ganzen Weg kein Wort. Er ging aufrecht, und er ging schnell, und zweimal blieb er stehen und griff sich ins Leere, dorthin, wo seit vierzehn Jahren ein Gewicht in seiner Armbeuge gelegen hatte.

Als sie ins Lager kamen, sah Agatha ihn an.

Sie sah nur sein Gesicht, und seine leeren Arme, und sie sagte nichts.

Sie ging zu ihm und nahm ihn in den Arm, und Levin liess es geschehen, steif und ungelenk, wie ein Mann, der nicht mehr weiss, wie das geht.

Dann bliesen sie zum dritten Mal die Hörner.

Der dritte Tag war kein Kampf.

Es war eine Arbeit, die vierzehntausend Männer an dem verrichteten, was von achttausend übrig war, und sie verrichteten sie gründlich.

Daan stand auf seinem Hügel, und die Welt war still und langsam und gnadenlos scharf, und er sah alles, und er sah, dass alles zu Ende ging.

Er sah, wie die rechte Flanke sich bog, nicht brach — bog, langsam, wie ein Zweig unter Schnee.

Er sah die Lücken in der eigenen Linie, wo gestern noch Männer gestanden hatten.

Er sah, dass von den Kindern in den Hecken nur noch vier meldeten.

Er hatte aufgehört zu fragen, wo die anderen waren. Am Vormittag hatte ein Junge aus dem zweiten Jahrgang die Nachricht gebracht, dass Gwen — vierzehn, mit ernstem Gesicht, die Levin selbst in den Beeren-Graben gesetzt hatte und die gefragt hatte, was sie sagen solle, wenn man sie fände —, nicht mehr an ihrem Platz lag, und Daan hatte genickt und weitergebrüllt, weil er sonst nichts hätte tun können, und irgendwo in ihm war eine Tür zugegangen, die er später wieder öffnen musste, wenn er noch lebte.

Er brüllte den ganzen Tag.

Er brüllte, bis seine Stimme fort war, und dann brüllte er weiter, und Liv rannte, und rannte, und rannte, mit einem geschienten Arm und Blut an den Beinen, weil sie irgendwann gestürzt war und niemand Zeit gehabt hatte, es zu bemerken.

Es half nicht.

Es half einfach nicht mehr.

Gegen Mittag brach die Linie in der Mitte.

Und Daan sah, wie der Obermagier in die Bresche ging.

Ein alter Mann. Sechsundachtzig Jahre alt, mit einem Stock, der kein Stock war, und er stellte sich in eine Lücke, in der zweihundert Männer gestorben waren, und die Erde vor ihm hob sich wie eine Welle und warf einhundert Soldaten zurück wie Kegel.

Und dann noch einmal.

Und dann sank er auf ein Knie und stützte sich auf, und Daan sah — er sah es bis auf den Grund —, dass in dem alten Mann nichts mehr war.

Er hatte sechzig Jahre lang gerechnet.

Und jetzt gab er alles aus, in einer einzigen Stunde, weil es nichts mehr zu rechnen gab.

Sie holten ihn heraus. Er lebte. Er war leer bis auf den Grund, aber er lebte, und er lag auf einem Karren am Fuss des Hügels und sah in den Himmel, und Daan konnte nicht hinsehen.

Um zwei Uhr sagte der Hauptmann, dass es vorbei sei.

Er sagte es ganz ruhig. Er hatte einen Verband um den Kopf und einen um die linke Hand, und er sagte: „Wir halten noch eine Stunde. Vielleicht zwei. Schicken Sie die Kinder weg, Direktorin. Sofort.“

„Sie bleiben“, sagte Agatha.

„Frau Direktorin —“

„Sie bleiben.“ Ihre Stimme war fest. Ihr Gesicht war es nicht. „Es gibt nichts mehr, wohin man sie schicken könnte.“

Daan ging den Hügel hinunter.

Er wusste nicht, warum. Es gab nichts mehr zu sehen, was er sehen wollte, und alles, was er nicht sehen wollte, sah er ohnehin. Also ging er zu dem einen Menschen im Lager, der noch stiller war als er.

Levin stand am Rand, wo das Gras aufhörte, und sah nach Norden.

Er hatte den Bogen nicht in der Hand. Er hatte ihn seit drei Tagen nicht in der Hand gehabt — er konnte ihn nicht spannen —, und er hatte trotzdem drei Tage lang eine Verteidigung gelenkt, mit nichts als seinem Kopf und vierzehn Jahren Wissen darüber, wie man Erwählte tötet, gegen Männer, die dasselbe wussten. Jetzt gab es nichts mehr zu lenken.

Also sah er einfach nach Norden.

Daan stellte sich neben ihn, und weil er zu müde war, um aufs Feld zu sehen, sah er den Mann an.

Und es dauerte einen Moment, bis er begriff, was fehlte.

Das Silber war weg.

Nicht das Wams — das war noch da, stumpf und verdreckt. Das andere. Das, weswegen man ihn auf hundert Schritt erkannt hatte, und weswegen nie jemand hatte fragen müssen, wer dort steht.

Ein grauer Mann stand am Rand des Grases und sah nach Norden, und man hätte an ihm vorbeigehen können.

Und weil er Daan war, weil er nicht anders konnte, las er das Gesicht des Mannes wie eine Seite.

Er sah, dass Levin nicht auf die Schlacht sah, sondern über den Wald hinweg, dorthin, wo vor vier Tagen ein grauer Falke ins schwarze Wasser gewatet war, weil er nicht mehr fliegen konnte.

Er sah Levin rechnen — nicht mit Zahlen, wie der Obermagier, sondern auf die schlichte, grausame Art eines Mannes, der die Wahrheit nicht mehr abwehren kann: Er konnte nicht fliegen. Er ist ins Wasser gegangen, und er konnte nicht fliegen, und drüben ist eine Welt so gross wie diese, und er war alt und kaputt und müde.

Er sah Levin begreifen, dass sein Falke es nicht geschafft hatte.

Dass das Letzte, was er in vierzehn Jahren getan hatte, gewesen war, das Einzige, das er liebte, in ein schwarzes Wasser zu schicken — damit es dort für eine Botschaft starb, die niemand je hören würde.

Und Daan sah, wie einem Mann, der auf Agatha geschossen hatte, der siebzehn Bindungen durchtrennt hatte, der nicht geblinzelt hatte, als eine Direktorin seinen Namen sagte, die Tränen übers Gesicht liefen — lautlos, während er nach Norden sah.

„Es tut mir leid“, sagte Levin.

Er sagte es nicht zu Daan. Er sagte es über den Wald hinweg, sehr leise, zu einem Tier, das ihn nicht mehr hören konnte.

„Ich hätte dich früher gehen lassen sollen. Solange du noch fliegen konntest.“

Seine Stimme brach.

„Es tut mir so leid.“

Und dann verengten sich seine Augen.

Daan folgte seinem Blick.

Weit weg, sehr weit weg, über den schwarzen Wipfeln der ältesten Bäume des Reiches, bewegte sich ein Punkt.

Er war winzig. Er war ein Nichts, ein Fussel im Abendlicht, etwas, das man für einen Vogel halten konnte oder für müde Augen, die zu lange in denselben Himmel gestarrt hatten.

Levin stand ganz still.

„Nein“, sagte er.

Er sagte es, wie man etwas sagt, das man sich verbietet. Er wusste, was die Sehnsucht mit den Augen macht. Er wusste, dass ein Mann, der etwas verzweifelt genug vermisst, es überall zu sehen beginnt.

„Nein. Bild dir das nicht ein. Nicht.“

Der Punkt kam näher.

Die Sonne stand tief und fiel schräg über den Wald, und einen Herzschlag lang fing der Punkt das Licht —

und glitzerte.

Silbern.

Hart und hell und silbern, wie eine Klinge im Mondlicht, so wie er einmal gewesen sein musste, als ein neunzehnjähriger Junge ihn zum ersten Mal auf dem Arm getragen hatte und dachte, ihm gehöre die Welt.

Und der Falke — der vor vier Tagen nicht hatte fliegen können, der ins schwarze Wasser gewatet war mit einem schleifenden Flügel — zog über dem sterbenden Wald einen weiten, ruhigen, mühelosen Bogen, wie etwas, das sein ganzes Leben lang nichts anderes getan hat.

„Er fliegt“, flüsterte Levin.

Er sagte es, als wäre es das einzige Wort, das ihm geblieben war.

„Daan. Er fliegt.

Und dann warf der silberne Falke den Kopf zurück und stiess einen einzigen, langen, kreischenden Schrei aus — einen Schrei, der über das ganze Feld hallte, über vierzehntausend Männer und über den Rest von achttausend, sodass jeder Kopf sich hob und jede Klinge einen Herzschlag lang innehielt —

und der Himmel hinter ihm wurde dunkel.

Was keiner sieht · Kapitel 47

Der Himmel

Sie kamen über die Bäume.

Sie kamen nicht in einer Linie und nicht in einer Formation, weil sie keine Soldaten waren und nie welche gewesen waren. Sie kamen wie ein Sturm kommt, wie ein Wetter, ungeordnet, in einer Breite von einer halben Meile, und sie füllten den ganzen nördlichen Himmel.

Es waren nicht einunddreissig.

Es waren Hunderte.

Daan stand mit offenem Mund auf einem Hügel und sah eine Welt kommen.

Er sah Dinge, die er nie gesehen hatte und für die es in keiner Sprache des Reiches ein Wort gab. Er sah einen Vogel mit vier Flügeln, dessen Federn wie Regen aussahen. Er sah etwas, das lief, ohne den Boden zu berühren. Er sah Hirsche in einer Farbe, die es hier nicht gibt, und einen Schwarm winziger Lichter, so dicht wie Bienen, und irgendetwas Grosses, Langsames, unerträglich Schönes, das ganz oben zog und für das er einfach kein Wort hatte, und es tat ihm weh, es anzusehen.

Und Daan begriff, während er hinaufsah, dass die meisten von ihnen noch nie hier gewesen waren.

Es waren nicht einunddreissig heimgekehrte Wesen und ihre Freunde. Der grösste Teil dieses Himmels hatte diese Welt in seinem ganzen Leben nie betreten — hatte keinen Menschen, kein Reich, keine einzige Naht, die es hätte hierherziehen können. Sie hatten keinen Grund zu kommen. Sie schuldeten diesem Ort nichts als tausend Jahre gestohlener Kinder.

Und sie waren trotzdem gekommen.

Weil ein Falke heimgekehrt war und erzählt hatte, dass drüben ein paar Menschen das Schwerste getan hatten, was man tun kann — dass sie losgelassen hatten, ohne zu wissen, ob etwas zurückkäme —, und weil in einer sterbenden Welt, in der seit tausend Jahren nur genommen worden war, zum ersten Mal jemand gefragt hatte.

Und da war offenbar etwas, das durch keine Wand und keine Naht ging und das man doch nicht aufhalten konnte, wenn es einmal begann. Etwas, das man nur beschreiben konnte, indem man ein sehr kleines, sehr menschliches Wort dafür nahm.

Sie kamen aus Solidarität.

Und ganz unten, ganz vorn, dicht über den Wipfeln, kam ein silberner Falke.

Der ganze Wald leuchtete auf.

Auf dem Feld hörte der Krieg auf.

Er hörte nicht sofort auf. Aber er hörte auf, wie Lärm aufhört, wenn jemand eine Tür schliesst: erst in der Mitte, dann an den Rändern, dann überall. Vierzehntausend Männer und der Rest von achttausend hoben zur selben Sekunde den Kopf.

Und dann kamen sie herunter.

Sie fielen nicht über das Heer her.

Das war es, was Daan sein Leben lang nicht vergessen würde — es war kein Angriff, es gab keinen Angriff, sie taten überhaupt nichts, was man in einem Lied besingen könnte.

Sie kamen einfach.

Sie strichen tief über die Linien, hundert, zweihundert, unmöglich zu zählen, und der Wind ihrer Flügel warf Standarten um, und das Licht war so hell, dass die Männer die Arme vor die Augen rissen, und irgendwo in der vierten Reihe warf jemand seinen Speer weg und rannte.

Und die Netzträger standen mit ihren Netzen da.

Und wussten nicht, wohin damit.

Daan sah es. Er sah es von seinem Hügel aus, in aller Deutlichkeit, und er begriff es in derselben Sekunde, und es war das Schönste, was ihm je aufgegangen war.

Dreihundert Jahre Doktrin.

Netze — um ein Wesen von seinem Menschen zu trennen.

Winden — um ein Wesen aus der Luft zu holen, damit sein Mensch bricht.

Kettenschuss — um Flügel zu brechen, vor den Augen dessen, der daran hängt.

Jede einzelne Waffe. Jede einzelne Übung. Jede Formation, jedes Handbuch, jede Stunde von dreihundert Jahren war für eine Sache gebaut:

Töte das Wesen, und du hast den Menschen. Töte den Menschen, und du hast das Wesen.

Und über sie hinweg kamen jetzt Hunderte von Wesen, die zu niemandem gehörten.

Es gab keinen Reiter, den man herunterholen konnte.

Es gab keine Bindung, die man durchschneiden konnte.

Es gab keinen Menschen, den man ihnen wegnehmen konnte, weil sie keinen hatten — weil man von etwas, das niemandem gehört, nichts erpressen kann.

Sie waren frei.

Und deshalb waren sie unangreifbar.

Die Linie des Feindes bog sich.

Und dann brach sie.

Nicht mit einem Schlag. So bricht ein Heer nicht. Es bricht wie ein Deich bricht — irgendwo hinten dreht sich ein Mann um, und dann zwei, und dann sind es zwanzig, und dann ist es niemand mehr, der befiehlt, sondern nur noch elftausend Männer, die alle gleichzeitig festgestellt haben, dass sie nach Hause wollen.

Die Weiden zwischen dem Waldrand und dem Fluss waren voller rennender Menschen.

Und mitten in dem Ganzen, mitten in dem Licht und dem Staub und dem Gebrüll, geschahen die kleinen Dinge.

Ein Luchs aus grünem Licht landete neben einem Mädchen aus dem zweiten Jahrgang, das im Schlamm sass und die Hände vors Gesicht schlug und heulte wie ein kleines Kind.

Der Luchs setzte sich neben sie.

Er band sich nicht an sie. Er leuchtete nicht in ihr. Er sass einfach da, mit dem Rücken an ihrem Rücken, und leckte sich die Pfote.

Ein Junge, der drei Tage lang im Graben gelegen und Beeren gesucht hatte, wurde von einem Wolf umgerannt und lag lachend und schreiend im Dreck, während das Tier ihm das ganze Gesicht abschleckte.

Und Daan sah einen blauen Blitz über das Feld gehen.

Er kam von Norden, und er war schneller als alles, was je über diese Erde gegangen war, und er ging durch die Rennenden hindurch wie ein Messer durch Wasser, und er hielt am Fuss des Hügels, bei einem sechzehnjährigen Mädchen, das dort sass, weil es nicht mehr laufen konnte.

Liv sah auf.

Und das blaue Pferd senkte den Kopf und berührte mit den Nüstern ihr Haar.

Und Daan drehte sich weg, weil manche Dinge einem Menschen allein gehören.

Richard stand in der dritten Reihe.

Er stand da, wo er drei Tage lang gestanden hatte, mit gebrochenen Rippen und einem Speer, den er kaum halten konnte, und um ihn herum rannten elftausend Männer davon, und er sah nach oben.

Über ihm war der Himmel voller Licht.

Grün und silbern und golden und weiss, Flügel und Federn und Dinge ohne Namen, ein ganzer Himmel voller Wunder, die aus einer sterbenden Welt gekommen waren, weil man sie gebeten hatte.

Und dann, ganz hinten, ganz oben —

etwas Rotes.

Es kam über den Wald wie ein Sonnenuntergang, der beschlossen hatte, nicht unterzugehen. Es war so gross wie ein Scheunentor. Es zog einen Kreis über dem Schlachtfeld, an dem Tausende von Männern nach oben starrten, und dann legte es die Flügel an und ging herunter, mitten durch das Licht, mitten durch den Lärm, mitten durch alles —

und landete mit einem Krachen, das die Erde beben liess, in der dritten Reihe der linken Flanke, direkt vor einem sechzehnjährigen Jungen mit gebrochenen Rippen.

Der Drache senkte den grossen, dummen, roten Kopf.

Und Richard —

Richard liess den Speer fallen.

Er stand da, in einem Feld voller rennender Männer, unter einem Himmel voller Wunder, und er sah seinen Drachen an, und dann fing er an zu lachen.

Er lachte, bis er sich die Rippen halten musste, und dann lachte er weiter, obwohl es offensichtlich entsetzlich wehtat, und dann fiel er auf die Knie und legte beide Arme um die Schnauze des grössten Raubtiers des Reiches und lachte in die roten Schuppen hinein.

„Du bist gekommen“, sagte er.

Der Drache schnaubte ihm heisse Luft ins Gesicht.

„Ich habe gesagt, du sollst mich mal besuchen“, sagte Richard, „aber ich habe es nicht so gemeint, du Idiot —“

Und dann konnte er nicht mehr reden.

Und Daan stand oben auf dem Hügel, blutig, heiser, halb blind vor Erschöpfung, und sah zu, wie sein bester Freund mitten in einer verlorenen Schlacht kniete und lachte und heulte und einen Drachen umarmte, der zurückgekommen war, weil man ihn höflich gefragt hatte.

Und er dachte:

Das ist es.

Das ist die ganze Sache. Das ist alles, was es je war.

Wir haben tausend Jahre lang genommen.

Und er hat einfach gefragt.

Was keiner sieht · Kapitel 48

Was übrig blieb

Niemand jubelte.

Daan hatte gedacht, es würde Jubel geben. In den Liedern gibt es immer Jubel. In Wahrheit standen achttausend Männer — oder das, was von ihnen übrig war — auf einem Feld voller Toter und sahen sich um und wussten nicht, wohin mit den Händen.

Ein paar setzten sich einfach hin.

Einer fing an, ordentlich seine Ausrüstung zusammenzusuchen, Riemen für Riemen, als wäre es ein Übungstag, und niemand hielt ihn auf.

Über ihnen kreisten die Wesen.

Sie blieben. Das war das Merkwürdigste an diesem Nachmittag: Sie flogen nicht davon. Sie sassen auf den Karren und in den Weiden und auf dem zertretenen Gras, Hunderte von ihnen, und leuchteten, und sahen zu, wie Menschen ihre Toten einsammelten.

Sie halfen nicht. Sie konnten nicht helfen.

Sie blieben einfach da.

Und Daan, der über das Feld ging und nach Gesichtern suchte, merkte irgendwann, dass die Männer aufhörten, sie anzustarren, und dass ein alter Fischer aus dem Süden sich ohne ein Wort neben einen leuchtenden Wolf setzte und anfing, seine Stiefel auszuziehen.

Sie fanden Alexia am späten Nachmittag.

Sie lag da, wo sie gefallen war, in dem Schlamm, den sie selbst weich gemacht hatte, mit den Ärmeln bis über die Ellenbogen hochgekrempelt.

Agatha kniete neben ihr und schloss ihr die Augen und blieb dann eine lange Zeit so.

„Neunundzwanzig Jahre“, sagte sie irgendwann.

„Was?“

„Sie hat neunundzwanzig Jahre gebraucht, um fliegen zu lernen.“ Agatha stand auf. Ihr Gesicht war vollkommen ruhig, und Daan hatte noch nie einen Menschen so gesehen. „Sie hat es mir dreimal die Woche erzählt. Vierundzwanzig Jahre lang.“

Sie wischte sich die Hände an der Hose ab.

„Ich hätte ihr sagen sollen, dass es mich beeindruckt hat.“

Von den einunddreissig Kindern in den Hecken kam jedes zurück.

Eines fanden sie erst am zweiten Tag.

Gwen lag noch an ihrem Platz, wo sie drei Tage gelegen und Beeren gesucht hatte, reglos, das Meldeholz in der Hand, mit dem sie hätte melden sollen, was sie sah — und für einen entsetzlichen Moment dachte Levin, was alle dachten.

Dann bewegte sich ihre Hand.

Sie hatte sich nicht gerührt, drei Tage lang, keinen Finger. Weil ein Mann ihr gesagt hatte, man werde sie nicht sehen — und weil sie ihm geglaubt hatte. Sie war vierzehn, halb verhungert und steif vor Kälte, und sie hatte den ganzen Krieg über sich hinweggehen lassen, ohne den Kopf zu heben. Niemand hatte sie gesehen. Genau das hatte sie gerettet.

Levin trug sie selbst zurück.

Er liess es sich nicht abnehmen. Er trug ein vierzehnjähriges Mädchen zwei Meilen weit über ein Schlachtfeld, ganz vorsichtig, als wäre sie aus etwas, das bricht. Einmal, nur einmal, sah sie zu ihm hoch. „Ich habe nichts gemeldet“, flüsterte sie. „Ich habe mich nicht getraut.“ Und Levin, der siebzehn Kinder ruiniert hatte, sagte: „Das war das Klügste, was du tun konntest.“

Und über ihnen, hoch oben, zog ein silberner Falke seine Kreise, und kam nicht herunter, und flog nicht weg.

Daan fand Mara am Flussufer.

Sie sass auf einem Stein, allein, ohne Waffen. Sie hatte einen tiefen Schnitt über der Braue und einen Arm in einem Tuch, und sie sass einfach da und sah aufs Wasser.

Er setzte sich neben sie, weil er zu müde war, um vorsichtig zu sein.

Sie sagten eine Weile nichts.

„Zweiunddreissig Jahre“, sagte Mara schliesslich.

Daan wartete.

„Ich habe zweiunddreissig Jahre gelernt, wie man Erwählte tötet. Ich habe geschlafen mit dem Kopf voller Netze. Ich habe meine Tochter nicht aufwachsen sehen, weil ich in Lagern war und Winden geübt habe.“

Sie sah aufs Wasser.

„Und dann kommt ein Himmel voller Wesen, die niemandem gehören, und mein ganzes Leben ist —“

Sie machte eine kleine, hilflose Bewegung mit der Hand.

„— nichts. Es ist einfach nichts. Es gibt nichts mehr, wofür ich ausgebildet bin.“

„Ich weiss, wie sich das anfühlt“, sagte Daan.

Mara sah ihn an.

„Nein“, sagte sie. „Das tust du nicht.“

„Da drüben sitzt ein Mann, der vierzehn Jahre gelernt hat, wie man Bindungen durchtrennt“, sagte Daan. „Es gibt keine mehr zu durchtrennen. Und er hat heute Nacht ein Kind aus einem Graben getragen, das sich drei Tage lang nicht gerührt hat, weil er ihm gesagt hat, dass man es nicht sieht.“

Er zog die Knie an.

„Es sitzen heute Abend eine Menge Leute an diesem Fluss, deren Leben nicht mehr gebraucht wird.“

Mara lachte. Es war ein kurzes, hässliches, ehrliches Geräusch.

„Ihr habt nicht gewonnen“, sagte sie nach einer Weile.

„Wir haben —“

„Ihr habt eine Schlacht gewonnen. Ihr habt elftausend Männer nach Hause gejagt, und die Hälfte von ihnen wird in vier Wochen wieder stehen, und mein König sitzt in seinem Zelt und ist ein gedemütigter Mann.“ Sie sah ihn an. „Und ein gedemütigter König ist gefährlicher als ein gieriger.“

„Und was sollen wir tun?“

„Ihm etwas geben.“

„Wir haben nichts.“

„Doch“, sagte Mara. „Ihr habt das, was er wollte.“

Und Daan sah sie an, und irgendwo in seinem Kopf ging eine Tür auf.

Er stand auf.

Er blieb einen Moment stehen, weil ihm schwindlig wurde, und dann sagte er:

„Kommen Sie mit.“

„Wohin?“

„Zu einem alten Mann auf einem Karren.“

Der Obermagier lag auf dem Karren am Fuss des Hügels, wo sie ihn hingelegt hatten, und über ihm hockte auf der Deichsel ein Vogel mit vier Flügeln, den er die ganze Zeit ansah.

Er war zu erschöpft, um sich zu rühren.

„Ah“, sagte er, als Daan kam. „Der Junge, der sieht.“

„Wie geht es Ihnen?“

„Ich habe heute Morgen in einer einzigen Stunde ausgegeben, was ich in sechzig Jahren gespart habe.“ Der alte Mann lächelte. „Ich bin ausgezeichnet gelaunt. Es ist verwirrend.“

Daan kniete sich neben den Karren.

„Elins Vater will den Wald“, sagte er.

„Ja.“

„Er will die Zeremonie. Er will bestimmen, wer hineingeht und wann.“

„Ja.“

„Und solange irgendjemand das bestimmt“, sagte Daan, „fängt es wieder von vorne an. Nur mit einer anderen Fahne.“

Der Obermagier sah ihn an.

Und Daan sah, wie in dem uralten, zerbrochenen Gesicht etwas aufwachte.

„Sag es“, sagte der alte Mann leise.

Und Daan sagte es.

„Wir geben es weg.“

Der Wind ging über das Feld.

„Nicht an ihn“, sagte Daan. „An alle. An alle vier Königreiche. Kein Reich richtet die Zeremonie mehr aus. Keiner hält das Tor. Keiner bestimmt, wer hineingeht.“

Er beugte sich vor.

„Man kann uns den Wald nicht wegnehmen, wenn er uns nicht gehört.“

Der Obermagier lag sehr still.

Und dann fing der oberste Magier des Reiches, der sechzig Jahre lang gerechnet und tausend Jahre Diebstahl verwaltet hatte, auf einem Karren am Rand eines Schlachtfelds an zu lachen — ein trockenes, keuchendes, schmerzhaftes Lachen, das ihn schüttelte, bis Agatha herbeilief und dachte, er stürbe.

„Tausend Jahre“, keuchte er. „Tausend Jahre haben wir uns gefragt, wie wir es behalten.“

Er sah zu Daan hinauf, und seine Augen waren nass.

„Und die Antwort war die ganze Zeit dieselbe wie bei allem anderen auch.“

Er hob eine zitternde, fleckige, alte Hand.

Und öffnete sie.

Was keiner sieht · Kapitel 49

Der König

Sie gingen zu fünft.

Agatha, weil jemand mit Rang dabei sein musste. Mara, weil ihr König ihr glaubte. Daan, weil der Obermagier gesagt hatte, er solle gehen, und weil niemand ihm widersprach, was Daan zutiefst beunruhigte. Liv, weil sie damals zu Elin geritten war, auf einem Pferd, das es nicht mehr gab.

Und Elin.

Sie hatten ihr ein sauberes Hemd gegeben, und sie hatte es abgelehnt.

„Ich gehe so“, hatte sie gesagt.

Und so ging sie: in einem geborgten Männerhemd, mit aufgeriebenen Beinen, dreckig, mager, ohne Wappen, ohne Schmuck, ohne einen Funken Licht.

Das Zelt des Königs stand drei Meilen südlich, und man liess sie eine Stunde warten, was, wie Mara trocken bemerkte, ein gutes Zeichen sei — man lasse nur Leute warten, die man ernst nehme.

Der König war ein grosser Mann.

Er war vielleicht fünfzig, und er hatte ein müdes, kluges, gerötetes Gesicht, und er sass hinter einem Feldtisch, auf dem eine Karte lag, die er nicht mehr brauchte.

Er sah Elin an, als sie hereinkam.

Er sah sie sehr lange an.

„Du bist geritten“, sagte er.

„Ja.“

„Durch meine eigenen Linien.“

„Ja.“

„Sechs Tage.“ Er lehnte sich zurück. „Meine Hauptleute haben mir versichert, dass niemand durch diese Linien kommt.“

„Sie haben mich nicht gesehen“, sagte Elin.

Und dann, in die Stille hinein, ganz ruhig:

„Du hast mich auch nicht gesehen. Seit einem Jahr nicht.“

Der König sagte nichts.

Daan sah, wie sich in seinem Gesicht etwas bewegte und wieder zur Ruhe kam, so wie Wasser sich glättet, und er begriff, dass dieser Mann seine Tochter liebte und dass er nicht die geringste Ahnung hatte, was er mit ihr anfangen sollte, seit sie aufgehört hatte, etwas Besonderes zu sein.

„Setz dich“, sagte der König.

„Ich stehe.“

Er verhandelte gut.

Das war das Unangenehme daran: Er war kein Narr und kein Ungeheuer. Er war ein Mann mit Schulden und einem geschlagenen Heer und elftausend Soldaten, die in vier Wochen wieder marschieren konnten, und er wusste genau, wie stark er noch war.

„Ihr habt eine Schlacht gewonnen“, sagte er. „Mit — verzeiht — Glück. Mit etwas, das ihr selbst nicht versteht und nicht wiederholen könnt. Und ihr habt zweitausendvierhundert Mann verloren, und ich habe elftausend, die noch atmen.“

Er beugte sich vor.

„Sagt mir, warum ich nicht in vier Wochen wiederkomme.“

„Weil dann nichts mehr da ist, das man holen könnte“, sagte Daan.

Der König sah ihn zum ersten Mal richtig an.

„Du bist der Junge.“

„Ja.“

„Der Junge, der sieht.“ Er musterte ihn. „Du bist fünfzehn.“

Daan hatte den Namen zum ersten Mal in einem dunklen Wald gehört, von einem Mann mit einem Bogen, der ihn leise vor sich hin gesagt hatte, als spräche er zu niemandem. Jetzt sagte ihn ein König.

„Ich habe es auch nicht ausgesucht.“

Und da lachte der König — kurz, überrascht, gegen seinen Willen —, und Daan wusste, dass er den nächsten Satz sagen durfte.

„Sie wollen den Wald“, sagte er. „Sie wollen die Zeremonie. Sie wollen bestimmen, welche Kinder wann hineingehen, damit Ihre Kinder gewählt werden und nicht unsere.“

„Und?“

„Sie können ihn haben.“

Die Stille im Zelt war vollkommen.

Agatha rührte sich nicht. Mara hatte die Augen geschlossen.

„Was?“, sagte der König.

„Nicht Sie allein“, sagte Daan. „Alle vier Königreiche. Der Wald gehört ab heute niemandem. Kein Reich richtet die Zeremonie aus. Keins hält das Tor. Keins bestimmt, wer hineindarf. Jedes Kind aus jedem Land, jedes Jahr, ohne Anmeldung, ohne Erlaubnis, ohne Kalender.“

Er legte die Hände auf den Tisch.

„Wir geben es weg.“

Der König starrte ihn an.

„Das ist keine Verhandlung“, sagte er langsam. „Das ist eine Kapitulation.“

„Nein“, sagte Daan. „Eine Kapitulation wäre, wenn Sie es bekämen.“

Er sah dem König in die Augen, und er war fünfzehn Jahre alt und heiser und dreckig und hatte in drei Tagen zweitausend Menschen sterben sehen, und er hatte keine Angst mehr vor irgendetwas in diesem Zelt.

„Weil es Ihnen nichts nützen würde. Das ist der Punkt, den Sie noch nicht verstanden haben.“

„Erklär es mir.“

„Die Wesen sind frei“, sagte Daan. „Sie kommen nicht mehr, weil man sie fängt. Sie kommen nicht, weil man ein Kind in einen Kreis stellt und feierliche Worte spricht. Sie kommen, weil man sie fragt, und sie gehen wieder heim, wann sie wollen, und sie kommen wieder, wenn sie wollen.“

Er beugte sich vor.

„Sie können den Wald erobern. Sie können jeden Baum darin besitzen. Und in dem Augenblick, in dem Sie ein Wesen zwingen wollen, zu bleiben — kommt keines mehr.“

Er richtete sich auf.

„Man kann einen Freiwilligen nicht erobern.“

Der König sass sehr still.

„Sie haben tausend Jahre lang auf ein Tor gestarrt“, sagte Daan, „und geglaubt, wer es besitzt, besitzt die Wunder dahinter. Und wir haben es besessen, tausend Jahre lang, und wissen Sie, was wir dafür bekommen haben?“

Er sah zu Agatha hinüber.

„Eine Spalte in einem Buch. Verloschen. Verloschen. Verloschen.

Der König sah auf die Karte, die er nicht mehr brauchte.

„Und was hindert mich daran“, sagte er endlich, „euer Angebot anzunehmen — und dann trotzdem zu marschieren?“

„Nichts“, sagte Daan.

„Nichts?“

„Gar nichts. Sie können jederzeit kommen. Sie werden fünftausend erschöpfte Männer finden und ein paar hundert Wesen, die niemandem gehören und die keine Netze fürchten.“ Daan zuckte die Schultern. „Und Sie werden gewinnen, wahrscheinlich. Und dann stehen Sie mitten in einem Wald, der niemandem gehört, und die Wesen kommen nicht, und Sie haben elftausend Männer für einen Haufen Bäume ausgegeben.“

Er trat einen Schritt zurück.

„Sie können uns überrennen, Majestät. Sie können uns nicht bestehlen. Es ist nichts mehr da.“

Der König schwieg sehr lange.

Und dann sagte Elin:

„Vater.“

Er sah auf.

„Der Hirsch ist zu Hause“, sagte sie. „Er lebt. Ich habe es gesehen — nicht mit den Augen, aber ich weiss es, seit heute Morgen, ich kann es nicht erklären.“ Ihre Stimme war ganz ruhig. „Und wenn ich ihn eines Tages bitte, wiederzukommen, dann wird er vielleicht kommen. Nicht weil ich eine Prinzessin bin. Sondern weil ich ich bin.“

Sie sah ihren Vater an.

„Du hast mich angesehen, als wäre ich kaputt“, sagte sie. „Seit dem Tag, an dem der Hirsch gegangen ist. Du hast mich in ein Zimmer gesetzt und nicht mehr gewusst, wozu ich gut bin.“

„Und dann bin ich sechs Tage durch dein Reich geritten, an deinen Kundschaftern vorbei, und habe deinen Krieg verloren, bevor er anfing. Und ich habe es getan, weil ich nichts bin.“

Sie liess es stehen.

„Nimm das Angebot an, Vater. Und dann komm nach Hause und sieh mich an.“

Der König sass hinter seinem Feldtisch, ein grosser, müder, kluger Mann mit Schulden und einem geschlagenen Heer, und er sah seine Tochter an, die in einem geborgten Männerhemd vor ihm stand und nicht das Geringste war.

Und dann rieb er sich mit beiden Händen übers Gesicht.

„Setz dich, Elin“, sagte er müde. „Bitte. Setz dich.“

Sie setzte sich.

Und der König zog ein leeres Blatt heran.

Sie brachen am nächsten Morgen auf, ohne Elin.

Sie blieb — es gab einen Vertrag zu schreiben und einen Vater, der sie zum ersten Mal seit dem Hirsch wieder ansah, und beides brauchte sie mehr, als sie sagte. Aber sie kam ans Tor, um sie zu verabschieden, in einem eigenen Hemd jetzt, sauber, und sie sah beinahe aus wie eine Prinzessin, bis sie den Mund aufmachte.

„Ich habe drei Pferde verbraucht“, sagte sie zu Liv. „Auf sechs Tagen. Das erste ist mir unter dem Sattel eingeschlafen. Ich wusste gar nicht, dass Pferde das können.“

„Sie können es nicht“, sagte Liv. „Du hast es umgebracht.“

„Vermutlich.“ Elin sah zu Boden. „Es war ein sehr schlechtes Pferd. Ich bin dennoch traurig darüber.“

Und Liv sah dieses Mädchen an — das nichts hatte, keinen Rang, kein Wesen, kein Licht, das sechs Tage durch drei Königreiche geritten war und einen Krieg verloren hatte, ehe er begann, und dabei glücklicher aussah als jeder Erwählte, den Liv kannte —

und irgendetwas in ihr, das seit Wochen hart und kalt und zu gewesen war, ging einen Spalt weit auf.

„Weisst du was“, sagte Liv. „Wenn du das nächste Mal ein Königreich retten willst —“

Sie sah hinüber zum Hof, wo ein blaues Pferd in der Morgensonne stand und den Kopf nach Norden hielt, ganz leicht, wie eine Nadel.

„— dann nimm meins. Es ist schneller als alles, was du je gesehen hast, und es schläft nicht ein, und es kommt zurück.“ Sie schluckte. „Und es sieht besser aus als deine drei zusammen.“

Elin sah sie an.

Und dann lachten die beiden Mädchen, die einmal die Strahlendsten in zwei Königreichen gewesen waren und jetzt gar nichts mehr waren, an einem Tor über einem Schlachtfeld, bis ihnen die Tränen kamen, und keine von ihnen wusste mehr genau, ob es vom Lachen war oder nicht, und es war auch nicht wichtig.

„Abgemacht“, sagte Elin.

Was keiner sieht · Kapitel 50

Der Bär

Im Spätherbst ritt Daan nach Norden.

Er sagte niemandem, warum. Agatha sah ihn an und fragte nicht, und Liv sah ihn an und fragte auch nicht, und Richard sagte, er solle Kuchen mitbringen, und das war das Letzte, was Daan hörte, bevor er durch das Tor ritt.

Er nahm ein gewöhnliches Pferd.

Es hätte ein blaues sein können. Liv hatte es angeboten, ganz beiläufig, als sei es nichts — und es war nichts geworden, das war das Merkwürdige an diesem Herbst: Es war überall Licht, und niemand starrte mehr. Ein leuchtender Fuchs schlief neben dem Ofen in der Küche. Ein Wesen ohne Namen sass drei Wochen lang auf dem Dach der Bibliothek und ging dann wieder.

Aber Daan nahm ein gewöhnliches Pferd, und er brauchte sieben Tage, und er war jeden einzelnen davon froh darüber.

Der Norden war kalt.

Der erste Schnee lag schon, dünn und grau, und das Land war weit und leer, und am fünften Abend sah er wieder etwas Leuchtendes über einen zugefrorenen See ziehen, sehr hoch, sehr weit weg.

Diesmal wusste er, was es war.

Er wusste immer noch nicht, wie es hiess.

Die Kate lag am Ende des Tales, klein und braun.

Aus dem Schornstein kam kein Rauch.

Daan stieg ab, hundert Schritte vor der Tür, und band das Pferd an, und er ging den Rest zu Fuss, und er wusste es schon, ehe er die Tür erreichte.

Sie stand offen.

Drinnen war es kalt und ordentlich. Jemand hatte aufgeräumt — die Decke war zusammengelegt, das Geschirr stand gespült auf dem Brett, und die Asche im Herd war lange kalt. Auf dem Tisch lag ein Löffel.

Daan stand in der Tür und atmete den Geruch, der noch da war. Rauch und nasser Hund.

Dann ging er wieder hinaus und um das Haus herum.

Sie hatten ihn hinter der Kate begraben, oben am Hang, wo man das ganze Tal überblickt. Jemand aus dem Dorf war heraufgekommen und hatte es getan, sauber und gründlich und ohne Aufhebens, und man hatte einen Stein aufgerichtet und keinen Namen hineingeschlagen, weil im Norden jeder wusste, wer dort lag.

Und auf dem Grab sass ein Bär.

Daan blieb stehen.

Er blieb ungefähr zwanzig Schritte entfernt stehen, im Schnee, und er rührte sich sehr lange nicht.

Der Bär war riesig.

Er war ungeheuerlich — ein Tier, das man auf Wappen malt, mit einem Fell wie eine Gewitterwolke, und er leuchtete. Er leuchtete satt und tief und golden, so wie ein Feuer leuchtet, an dem noch niemand gespart hat, und der Schnee um ihn herum war geschmolzen, und das Gras darunter war grün.

Er lag mit dem Kopf auf den Pfoten.

Und er sah in das Tal hinunter.

Daan stand im Schnee.

Er begriff es minutenlang nicht, und dann begriff er es doch, und er musste sich hinsetzen, weil ihn die Beine nicht mehr trugen.

Halvar war tot.

Er war gestorben, so wie er es angekündigt hatte, mit seinem Bären zusammen, an einem Tag, an dem es niemandem aufgefallen war. Und in dem Augenblick, in dem sein Herz stehen geblieben war, war die Bindung gerissen, und der Bär war heimgegangen, nach vierzehn — nein, nach fünfzig Jahren, endlich, in seine eigene Welt, in sein eigenes Licht.

Und er war ganz geworden.

Und dann war er wiedergekommen.

Er war zurückgekommen an einen Hang in einem kalten Tal am Ende der Welt, wo nichts war als ein Stein ohne Namen und ein toter alter Mann darunter, der ihn nicht mehr brauchte und nicht mehr rief und ihm nichts mehr geben konnte.

Er hatte gar nichts davon.

Es gab hier nichts mehr zu holen.

Und er war trotzdem gekommen.

Daan sass im Schnee und weinte.

Er weinte lange und ohne jede Würde, mit offenem Mund, wie er in seinem ganzen Leben nicht geweint hatte, nicht am schwarzen Teich und nicht auf dem Schlachtfeld und nicht an dem Tag, an dem Liv „Danke“ gesagt hatte.

Der Bär sah ihn an.

Er hob den Kopf und sah zu dem Jungen im Schnee hinüber, mit alten, dunklen, geduldigen Augen, und er machte keine Anstalten, aufzustehen, und er machte auch keine Anstalten, ihn zu verjagen.

Er lag einfach auf dem Grab und sah ihn an.

Nach einer Weile stand Daan auf und ging hinüber.

Er setzte sich neben ihn in das grüne, warme, ungehörige Gras, und es war das erste Mal seit sieben Tagen, dass ihm nicht kalt war.

„Er hat mir etwas erklärt“, sagte Daan.

Der Bär atmete.

„Er hat gesagt, es gibt genau einen richtigen Augenblick, und der fühlt sich nach überhaupt nichts an. Wie eine Hand, die aufgeht.“ Daan sah in das Tal hinunter. „Ich habe kein Wort davon verstanden. Ich war fünfzehn und ich dachte, ich weiss alles.“

Er zog die Knie an.

„Ich habe es trotzdem behalten. Und dann stand ich in einem schwarzen Wasser neben einem Mädchen, und ich wollte ihr zureden, und dann habe ich seine Stimme gehört, und ich habe den Mund wieder zugemacht.“

Er wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht.

„Sie hat es geschafft. Sie hat losgelassen. Und ihr Pferd ist zurückgekommen.“

Der Bär rührte sich nicht.

„Ein Mann hat seinen Falken gehen lassen“, sagte Daan. „Nach vierzehn Jahren. Er konnte nicht mehr fliegen, der Falke. Er ist ins Wasser gewatet.“ Er atmete. „Und drei Tage später kam er über die Bäume, und er war silbern, und er flog, und hinter ihm war der ganze Himmel voll.“

Er sah den Bären an.

„Ihr seid alle gekommen.“

Der Wind ging über den Hang.

„Er hat es nicht mehr erlebt“, sagte Daan leise. „Er hat es nicht gewusst. Er hätte dich gehen lassen können und weiterleben, und dann hättest du ihn im Frühjahr besuchen können, und er hätte dir Suppe gemacht und über Schafe geredet, und —“

Seine Stimme brach.

„Er hat es nicht gewusst. Es war noch nicht erfunden.“

Und der Bär, der fünfzig Jahre lang neben einem alten Mann hergegangen war und dessen Welt sich nicht ein einziges Mal um Verträge und Zeremonien und Königreiche geschert hatte, drehte den grossen, schweren Kopf und legte ihn Daan auf das Knie.

Und blieb so.

Sie sassen bis zum Abend.

Darauf stand Daan auf, klopfte sich den Schnee von der Hose und ging zu seinem gewöhnlichen Pferd hinunter.

An der Kate drehte er sich noch einmal um.

Oben am Hang, auf einem namenlosen Stein in einem kalten Tal am Ende der Welt, lag ein goldener Bär und sah in das Tal hinunter, und um ihn herum war das Gras grün.

Er war nicht gekommen, weil ihn jemand gerufen hatte.

Er war nicht gekommen, weil er etwas schuldete.

Er war gekommen, weil er ihn geliebt hatte.

Und Daan sass auf und ritt nach Süden und wusste zum ersten Mal mit vollkommener Sicherheit, dass sie wiederkommen würden. Immer. Jedes Jahr. Für alle Zeit.

Nicht wegen eines Vertrags.

Deswegen.

Was keiner sieht · Kapitel 51

Kein Kreis

Der Obermagier starb im Februar.

In den letzten Wochen sass ein Vogel mit vier Flügeln auf seiner Fensterbank. Niemand wusste, woher er kam oder was er wollte; er war damals mit den anderen über das Feld gekommen, aus keinem Grund ausser dem einen — weil ein silberner Falke gerufen hatte und weil man kommt, wenn ein Freund ruft. Er sass da, jeden Tag. Und der alte Mann sah ihn an.

Er hatte sechzig Jahre lang gerechnet.

In diesen letzten Wochen rechnete er nichts mehr. Er schaute nur noch. Auf einen Vogel mit vier Flügeln, für den es in keinem seiner Bücher ein Wort gab.

„Ich habe es nicht gesehen“, sagte er einmal.

„Was?“

„Das alles.“ Er hob die Hand, ein paar Zentimeter, und liess sie wieder sinken. „Sechzig Jahre. Ich habe gerechnet, ob es aufgeht. Ich habe nie gefragt, ob es schön ist.“

Er starb im Schlaf, auf seinem Karren, den sie irgendwann in das Turmzimmer geschoben und nie wieder herausgeholt hatten. Agatha sass bei ihm. Der Vogel sass auf der Fensterbank.

Das Letzte, was er sagte, sagte er nicht zu ihr.

Er sagte es zu dem Vogel, ganz leise, ohne die Augen zu öffnen:

„Danke.“

Der Vogel blieb noch drei Tage. Dann war er fort und kam nie wieder.

Sie fanden in seinem Nachlass sieben Umschläge mit Papier.

Es waren die herausgeschnittenen Seiten.

Er hatte sie sechsundvierzig Jahre lang aufbewahrt.

Agatha las sie an einem Abend im März und sagte danach kein Wort darüber, und im April liess sie sie in die Bände zurückbinden, sauber, mit dünnem Leinen, und stellte die sieben Bücher wieder ins Regal.

Sie stellte sie nicht nach hinten.

Die Auswahl war Ende April.

Und es war kein Fest.

Das war das Erste, was Daan auffiel, als er auf die Lichtung kam: Es gab keine Fahnen. Es gab keine Trompeten und keine Stufen und keinen Obersten Magier in einem sauberen Umhang.

Es gab einen Waldrand und ungefähr vierhundert Kinder.

Sie kamen aus vier Königreichen. Sie sprachen drei Sprachen. Ein paar von ihnen waren zu Fuss gekommen, wochenlang, mit einem Bündel auf dem Rücken, weil ihre Eltern kein Pferd hatten. Es waren Bauernkinder und Königskinder und ein Junge, der zwei Wochen lang auf einem Kohlenkahn gefahren war, und niemand hatte sie angemeldet, und niemand hatte sie gezählt.

Aus dem Westen waren sie mit den Kornfuhrwerken gekommen, weil im Westen alles mit den Kornfuhrwerken kommt. Aus dem Osten hatte man sie geschickt, in Begleitung eines Mannes, der eine Liste führte. Aus dem Süden kamen sie mit Reitern, die nicht abstiegen.

Und es gab keinen Kreis.

Daan stand auf einem umgedrehten Karren und sah auf sie hinunter, und ihm war so schlecht, dass er kaum stehen konnte.

„Sag es ihnen“, hatte Agatha am Morgen gesagt.

„Warum ich?“

„Weil ich es einmal nicht gesagt habe“, hatte Agatha geantwortet. „Und weil du es einmal nicht gesagt hast. Und weil von uns beiden du derjenige bist, der noch sechzig Jahre Zeit hat, es besser zu machen.“

Also sagte Daan es ihnen.

Er sagte es ganz.

Er stand auf einem Karren am Rand eines Waldes und erzählte vierhundert Kindern die Wahrheit, in einfachen Worten, ohne Polster, so wie er es gelernt hatte.

Er sagte ihnen, dass der Wald eine Wand ist.

Er sagte ihnen, dass die Wesen von drüben kommen, aus einer Welt, die tausend Jahre lang ausgeblutet worden ist, weil Leute wie sie hier standen und jubelten.

Er sagte ihnen, dass eine Bindung eine Naht ist. Dass am nächsten Frühling jeder, der gewählt wurde, an ein schwarzes Wasser gehen und die Hand öffnen wird, und dass er dabei alles verlieren wird, was ihn besonders macht.

Er sagte ihnen, dass es wehtut.

„Es hört nicht auf wehzutun“, sagte er. „Falls euch jemand etwas anderes erzählt, ist er ein Lügner.“

Und dann sagte er ihnen, dass sie vielleicht wiederkommen.

Vielleicht.

„Ich kann euch nicht versprechen, dass eures wiederkommt“, sagte er. „Ich kann euch überhaupt nichts versprechen. Ich weiss nur, dass sie es tun, wenn man sie fragt — und dass sie es nicht tun, wenn man sie hält.“

Er sah auf vierhundert Gesichter hinunter.

„Wer das nicht will, geht jetzt nach Hause. Es ist keine Schande. Es sagt euch keiner etwas nach, und es steht nirgends aufgeschrieben.“

Er trat vom Karren.

Achtzig Kinder gingen nach Hause.

Sie gingen einzeln und in Gruppen, und ein paar von ihnen weinten, und Richard stand am Weg und gab jedem von ihnen die Hand, weil er darauf bestanden hatte, dass jemand ihnen die Hand gibt.

Die anderen gingen in den Wald.

Daan sass auf dem Karren und wartete, und neben ihm sass Liv, und irgendwann kam Levin und setzte sich ins Gras, und keiner von ihnen sagte viel.

„Wie viele, glaubst du?“, sagte Liv.

„Keine Ahnung.“

„Rate.“

„Vierzig?“

Es wurden hundertneun.

Hundertneun Kinder kamen aus dem Wald, und neben ihnen gingen hundertneun leuchtende Wesen, und der Himmel über der Lichtung war voll, und es war so hell, dass niemand die Sonne bemerkte, als sie unterging.

Und die Kinder leuchteten mit. Jedes in der Farbe dessen, was neben ihm ging.

Für ein paar Monate würde diese Lichtung der hellste Ort der Welt sein.

Vierundzwanzig davon waren aus Elins Reich.

Es war nicht das grösste Jahr, das je verzeichnet worden war.

Es war das grösste um das Vierfache.

Und die zweihundert Kinder, die nicht gewählt worden waren, standen am Rand.

Sie standen dort, wo Daan drei Jahre lang gestanden hatte, in einem grösseren, stilleren Ring, und sahen zu, und lernten, das Gesicht ruhig zu halten.

Daan sah sie an.

Und dann rutschte er vom Karren und ging zu ihnen hinüber.

Er ging mitten hinein, in die zweihundert, unter die Enttäuschten, und ein Mädchen mit einem Kohlenstaubgesicht sah zu ihm auf, und er erkannte den Blick sofort, weil er ihn tausendmal im Wasser gesehen hatte.

Ich habe es gewusst. Es war klar. Mich wählt keiner.

„Wie heisst du?“, sagte Daan.

„Ruth.“

„Ruth.“ Er setzte sich neben sie ins Gras, mitten zwischen zweihundert Kinder, die nichts geworden waren. „Ich erzähle dir etwas, und du musst mir nicht glauben.“

Er zeigte auf seine Schulter.

Da sass, klein und schwarz und vollkommen unscheinbar, ein Käfer.

„Vor einem Jahr“, sagte Daan, „stand ich genau da, wo du stehst.“

Und dann sass er den ganzen Abend im Gras zwischen den Übersehenen und erzählte ihnen von einem Glühwürmchen und einer Direktorin und einer sehr grossen Frechheit, und irgendwann lachten sie, und die zweihundert, die nichts geworden waren, gingen an diesem Abend als Letzte nach Hause.

Spät in der Nacht, als das Feuer heruntergebrannt war, sass Daan mit Liv am Waldrand.

Die neuen Erwählten schliefen. Ihre Wesen leuchteten zwischen den Bäumen wie ein zweiter, tieferer Sternenhimmel.

„In einem Jahr“, sagte Liv, „müssen sie alle da durch.“

„Ja.“

„Hundertneun Kinder an einem schwarzen Wasser.“

„Ja.“

Liv zog die Knie an.

„Wir müssen dabei sein“, sagte sie. „Alle drei. Jedes Jahr. Wir müssen daneben stehen und nichts sagen.“

„Ich weiss.“

Sie schwiegen eine Weile.

„Daan.“

„Hm.“

„Ich habe dir nie verziehen“, sagte Liv.

Er sah nicht auf.

„Ich weiss.“

„Und ich werde es wahrscheinlich auch nie tun. Nicht ganz.“ Sie sah ins Feuer. „Neun Wochen, Daan. Du hast mir neun Wochen gestohlen, und ich hätte sie gebraucht, und ich kriege sie nicht wieder.“

„Ich weiss.“

„Gut.“

Und Daan sass da und sah in die Glut und dachte an eine Lichtung voller zertretenem Laub, und an ein blaues Pferd, das über diese Lichtung ging, an Liv vorbei, zu ihm — und an einen Wimpernschlag auf ihrem Gesicht, der weniger als eine Sekunde gedauert hatte.

Er hätte fragen können.

Sind es wirklich die neun Wochen, Liv?

Er fragte nicht.

Er würde nie fragen. Nicht heute Abend, nicht in einem Jahr, nicht in vierzig. Es gibt Dinge, die man einem Menschen lassen muss, weil sie ihm sonst nichts mehr lassen.

Und Liv sass neben ihm und sagte auch nichts, und wahrscheinlich wusste sie genau, woran er dachte, denn sie war nie dumm gewesen, keinen einzigen Tag.

Und dann, nach einer sehr langen Zeit, lehnte sie sich zur Seite, bis ihre Schulter an seiner lag, und blieb so.

„Aber ich bin trotzdem hier“, sagte sie.

Und Daan, der sein Leben lang Dinge gesehen hatte, die andere nicht sahen, sass am Rand eines Waldes voller Licht, neben einem Mädchen, das ihm nicht verzieh und trotzdem geblieben war, und begriff, dass das das Beste war, was ein Mensch bekommen kann.

Was keiner sieht · Kapitel 52

Der Junge, der sieht

Im Sommer ging er noch einmal allein zum Teich.

Er ging nicht, weil etwas passiert war. Es war nichts passiert. Das war das Ungewohnte an diesem Sommer: Es passierte nichts. Richard stritt sich mit einem Bäcker in Ellenbrück über Kuchen und verlor. Liv lernte reiten — richtig reiten, auf einem gewöhnlichen Pferd, und fluchte dabei wie ein Fuhrmann. Agatha unterrichtete wieder, und sie war noch strenger als früher, und die Kinder liebten sie dafür auf eine Art, die Daan nicht verstand.

Levin baute eine Hütte.

Er baute sie am Waldrand, in der Nähe der Schule, mit seinen eigenen Händen, und er baute sie schlecht, weil er vierzehn Jahre lang nichts gelernt hatte ausser Töten und Warten. Er war ein sehniger, gewöhnlicher Mann mit einem Bogen, den er nicht mehr spannen konnte, und er brauchte den ganzen Sommer für ein Dach.

An manchen Abenden kam ein silberner Falke und setzte sich auf den First und sah ihm zu.

Er blieb nie lange.

Er kam immer wieder.

Der schwarze Teich lag zwischen den alten Bäumen, und die Sterne einer anderen Welt lagen darin, und sie zitterten nicht.

Daan setzte sich ans Ufer.

Er hob den Käfer von seiner Schulter und liess ihn auf seine Handfläche krabbeln, und dann sassen sie beide da und sahen aufs Wasser, so wie sie es vor einem Jahr getan hatten, als Daan geschrien und geweint hatte und nichts begriff.

„Also“, sagte er.

Der Käfer sass da.

„Hundertneun Kinder gehen im Frühjahr an dieses Wasser“, sagte Daan. „Und sie werden es tun, und die meisten von ihnen werden zusammenbrechen, und ich werde daneben stehen und nichts sagen und mir vorkommen wie ein Ungeheuer.“

Er drehte die Hand ein wenig, damit der Käfer nicht herunterfiel.

„Und irgendwann in den nächsten sechzig Jahren“, sagte er, „wirst du auch nach Hause wollen.“

Der Käfer rührte sich nicht.

Er rührte sich nie. Er hatte sich in einem ganzen Jahr nicht ein einziges Mal nach Norden gedreht, und Daan hatte aufgehört, darauf zu warten, so wie man aufhört, auf einen Brief zu warten, von dem man weiss, dass er nicht kommt.

„Ich habe nicht mehr vor, dich zu fragen“, sagte Daan. „Das ist es, was ich dir sagen wollte. Ich habe ein Jahr lang gewartet, dass du dich umdrehst, und ich habe es aufgegeben. Wenn du gehen willst, geh. Meine Hand ist offen, sie war es immer, du sitzt einfach nicht auf.“

Er sah aufs schwarze Wasser.

„Und wenn du bleibst, dann bleibst du eben.“

Der Käfer krabbelte über seinen Daumen und blieb dort sitzen.

„Ja“, sagte Daan. „Dachte ich mir.“

Er setzte ihn zurück auf seine Schulter, dorthin, wo er hingehörte, und wo er in zehn Jahren immer noch sitzen würde, und in zwanzig, und in vierzig, und wo er eines Tages in einem sehr hohen Alter einfach nicht mehr sitzen würde, und Daan würde es merken, und es würde ihm das Herz brechen, und er würde weiterleben.

Das war in Ordnung.

Das war vollkommen in Ordnung.

Dann beugte er sich über das Wasser.

Und die Welt wurde still.

Er sah den anderen Himmel, und darunter das Land, und den Wald, der derselbe Wald war — dieselben Bäume, dieselbe Krümmung des Hügels im Süden, alles so vertraut, dass es weh tat.

Und es war nicht mehr dunkel.

Nicht hell. Es war nicht hell, nicht annähernd, es war eine Welt, die tausend Jahre lang ausgeblutet worden war, und tausend Jahre bekommt man nicht in einem Sommer zurück.

Aber zwischen den Bäumen hing etwas.

Ein Schimmer. Ein Anflug von Goldstaub, dünn wie Atem auf Glas. Und weit hinten, am Rand des Landes, bewegten sich Lichter — nicht sechs. Nicht sieben.

Viele.

Sie zogen durch die Dämmerung, langsam, in alle Richtungen, und Daan konnte sie nicht zählen, und er versuchte es gar nicht erst.

Und dann spürte er es.

Es kam nicht durch die Ohren. Es kam durch die Brust, wie beim ersten Mal — ein Ziehen, warm und tief und namenlos, das an der dünnen Stelle entlangtastete, dorthin, wo er sass.

Es fand ihn.

Und Daan hielt still.

Er hielt ganz still, mit den Händen im Gras, und er lief nicht weg, und er machte die Augen nicht zu, weil er der Junge war, der sah, und weil er beschlossen hatte, dass er nie wieder wegsehen würde, egal, was ihn ansah.

Und es war nicht wütend.

Es war auch nicht mehr froh.

Vor einem Jahr hatte es ihn für ein heimkehrendes Kind gehalten. Es hatte an der Wand entlanggetastet und ihn gefunden und sich gefreut, weil es glaubte, endlich sei eines der Seinen zurückgekommen.

Jetzt nicht mehr.

Jetzt wusste es, wer er war.

Es kannte ihn — es kannte seinen Geruch, seine Hände, das kleine schwarze Ding auf seiner Schulter, um das drüben niemand weinte —, und es tastete ihn ab, ruhig und sehr gründlich, so wie jemand ein Gesicht abtastet, an das er sich erinnern will.

Und Daan spürte, ganz deutlich, dass etwas in dieser dunklen, langsam wiedererwachenden Welt zufrieden war.

Und noch etwas.

Etwas, das er nicht benennen konnte und das ihm die Haare am Arm aufstellte, und er sass am Ufer und suchte ein Wort dafür, und das einzige, das er fand, war ein sehr einfaches.

Neugier.

Dann liess es ihn los.

Die Welt kam zurück, warm und laut, und es war Sommer, und über dem Teich standen Mücken in der Abendsonne, und irgendwo im Wald rief jemand nach seinem Hund.

Daan sass noch eine Weile am Wasser.

Dann stand er auf, klopfte sich das Gras von der Hose und ging nach Hause, dorthin, wo eine strenge Frau unterrichtete und ein magerer Mann ein schiefes Dach baute und ein Mädchen fluchend reiten lernte und sein bester Freund vermutlich gerade Kuchen stahl.

Und hinter ihm, unter dem schwarzen Wasser, wurde eine Welt langsam wieder hell.

Und sie hatte gerade zum ersten Mal seit tausend Jahren jemanden gesehen, den sie kennen wollte.