Kapitel 001

Der Uhrmacher

Der Uhrmacher

Der Tempel war still.

Nicht die Stille einer verlassenen Ruine.

Nicht die Stille eines leeren Hauses.

Es war die Stille eines Ortes, der geduldig wartete.

Dann kam der Wanderer, und die Stille trat beiseite.

Er ging einen schmalen Gang entlang, vorbei an unzähligen Türen — manche aus hellem Holz, manche aus schwarzem Stein, andere so alt, als hätten sie schon vor den Sternen dort gestanden —, und keiner davon schenkte er auch nur einen Blick.

Denn er hatte den Tempel nicht wegen seiner Türen betreten.

Er suchte etwas, das er noch nie gefunden hatte: einen würdigen Gegner.

Seine Schritte hallten durch die endlosen Gänge.

Dann blieb er stehen.

Zwischen zwei Türen fiel warmes Licht auf den Boden.

Dort hatte noch nie zuvor Licht gebrannt.

Er trat näher, und zwischen den gewaltigen Steinwänden des Tempels stand ein kleines Haus, als hätte jemand es dort einfach vergessen.

Aus einem Fenster fiel warmes Licht.

Über der Tür hing ein hölzernes Schild.

Uhrmacher.

Der Wanderer betrachtete es lange. Dann öffnete er die Tür.

Ein leises Klingeln ertönte.

Und sofort hörte er etwas anderes.

Ticken.

Überall.

Hunderte von Uhren.

Grosse Uhren.

Kleine Uhren.

Taschenuhren.

Wanduhren.

Der ganze Laden schien zu atmen.

Hinter einem Tisch sass ein alter Mann.

Er trug eine kleine Brille und hielt eine silberne Taschenuhr in den Händen.

Er blickte nicht auf.

„Ihr seid spät.“

Der Wanderer liess die Tür hinter sich ins Schloss fallen, und mit einem Mal wirkten die hundert Uhren, das Ticken, der ganze atmende Laden kleiner, als hätte der Raum erst jetzt bemerkt, wer ihn betreten hatte.

„Ich bin nie zu spät.“

Er trat an den Tisch.

„Die anderen sind nur zu früh.“

Der alte Mann hob den Blick.

Er lächelte nicht.

Noch nicht.

Dann legte er die Taschenuhr auf den Tisch und schob sie langsam hinüber.

„Könnt Ihr diese Uhr reparieren?“

Der Wanderer nahm sie, ohne zu antworten, drehte sie einmal ins Licht, klappte den Deckel auf, sah die winzigen Zahnräder arbeiten — und schloss die Hand, ehe der alte Mann auch nur Luft holen konnte.

Knack.

Stille.

Er öffnete die Finger und liess die verbogenen Zahnräder auf den Tisch rieseln.

„Jetzt geht sie richtig.“

Lange Stille.

Diesmal war es der Uhrmacher, der sie brauchte.

Dann lächelte er.

Ein warmes Lächeln.

Als wäre genau das geschehen, womit er gerechnet hatte.

„Nein.“

Lange Stille.

„Aber Ihr habt Euch vorgestellt.“

Der Wanderer musterte ihn, und zum ersten Mal, seit er den Laden betreten hatte, dauerte es einen Moment länger, bis er sprach.

„Ich habe eine Uhr zerdrückt.“

„Ihr wolltet, dass ich es sehe.“

Der Wanderer zog einen Stuhl heran, setzte sich, ohne gefragt zu haben, und lehnte sich zurück, als gehörte der Laden längst ihm.

„Es erspart Erklärungen, wenn man gleich weiss, woran man ist.“

Der Uhrmacher nickte langsam.

„Und? Hat es geholfen?“

„Wobei?“

„Müsst Ihr jetzt weniger erklären?“

Der Wanderer sah ihn an, und einen Augenblick lang lag etwas in seinem Gesicht, das dort nicht hingehörte — dann war es wieder fort.

„Nein.“

„Schade.“

Der Uhrmacher legte die Reste der Uhr beiseite.

Dann sah er den Wanderer an.

„Ihr habt sehr starke Hände.“

„Ich weiss.“

„Und Ihr mögt es, Dinge zu zerbrechen.“

Der Wanderer drehte die eigene Hand im warmen Licht, als sähe er sie zum ersten Mal.

„Nur die Dinge, die es verdienen.“

„Und die anderen?“

Diesmal liess er sich Zeit — weil er wollte, nicht weil er musste.

„Die anderen zerbrechen von allein.“

Der Uhrmacher schwieg.

Zum ersten Mal.

Dann lächelte er wieder.

Ein wenig trauriger als zuvor.

„Aber nicht alles lässt sich mit Stärke reparieren.“

Der Wanderer erhob sich, und der Stuhl, der Tisch, der ganze kleine Laden schienen wieder ein Stück zu schrumpfen.

„Bis jetzt war Stärke immer genug.“

„Dann habt Ihr bisher ein ungewöhnlich einfaches Leben geführt.“

Der Wanderer sagte nichts.

Zum ersten Mal.

Der Uhrmacher schien es zu bemerken.

Denn er sprach sanfter.

„Und noch etwas.“
„Wenn Euch jemand auf Eurer Reise begleitet … schickt ihn nicht fort.“

Der Wanderer war schon an der Tür, die Hand am Griff, und sprach, ohne sich umzudrehen.

„Ich reise allein.“

„Das sagen sie alle.“

Der Wanderer hielt inne.

Dann öffnete er die Tür und trat hinaus, und das warme Licht des Ladens legte sich noch ein Stück weit vor ihm auf den Boden, als wollte es ihm folgen.


Draussen war der Tempel still.

Der Wanderer ging einige Schritte, dann blieb er stehen und drehte, ganz langsam, den Kopf — denn ihm entging nie etwas, am wenigsten das, was sich vor ihm zu verbergen suchte.

In einiger Entfernung, zwischen zwei Türen.

Sehr klein.

Zwei grosse Augen.

Eine kleine Fee.

Sie starrte ihn an.

Der Wanderer erwiderte den Blick.

Lange genug, dass sie erschrak.

Die kleine Fee verschwand hinter einer Tür.

Er sagte nichts.

Ein so kleines Wesen war keiner zweiten Betrachtung wert.

Dann ging er weiter.

Hinter ihm lugten zwei grosse Augen erneut vorsichtig um die Ecke.